Universität Magdeburg Tanz-Rollator ermöglicht mehr gesellschaftliche Teilhabe

Ein Team der Universität Magdeburg hat einen Tanz-Rollator entwickelt, der Menschen mit Bewegungseinschränkungen wieder mehr gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. 2022 soll er in Serie produziert werden.

Sportgruppe
Der Tanz-Rollator ist natürlich auch beim Sport ohne Tanz einsetzbar. Bildrechte: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Bewegungswissenschaftlerin Anita Hökelmann hat mit ihrem Team an der Universität Magdeburg einen speziellen Rollator entwickelt. Mit ihm sollen Menschen mit Bewegungseinschränkung nicht einfach beim Laufen unterstützt werden, er soll auch das Tanzen ermöglichen. Im Wohnpark "Albert Schweitzer" in Magdeburg wurde er unter anderem in der Entwicklungsphase bei Tanzkursen schon ausgiebig getestet. 2022 geht er in Serienproduktion, eine Magdeburger Firma wird ihn herstellen.

Es ist wichtig, Kontakte und Interaktionen zu haben mit anderen Menschen und der Rollator kann dafür sehr hilfreich sein.

Dr. Anita Hökelmann, Bewegungswissenschaftlerin, Universität Magdeburg

Training für Körper und Geist

Diverse Studien belegen: Wer sich regelmäßig bewegt, altert später gesünder. Tanzen sorgt nicht nur für eine Auslastung der Muskeln, es fördert auch die Koordination, Gleichgewicht und die Beweglichkeit. Sich in einer Gruppe zusammen zur Musik zu bewegen, tut auch der Psyche gut und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. "Es ist wichtig, Kontakte und Interaktionen zu haben mit anderen Menschen und der Rollator kann dafür sehr hilfreich sein", sagt Dr. Anita Hökelmann.

Neben körperlichem Training werden auch kognitive Fähigkeiten wie Orientierung- und Gedächtnisleistung gefördert. Die Vielseitigkeit von Tanz kommt vor allem älteren Menschen zugute, denn die Bewegungen lassen sich immer den eigenen Möglichkeiten anpassen. Aber auch Menschen die gerade in Rehabilitation sind, können vom Tanzen profitieren. "Tanzen ist generell sehr interessant, weil dabei ständig Kognition, Koordination und Kondition benötigt wird. Durch die Bewegung werden die Herz-Kreislauf-Funktion und die Atmungstätigkeit erhöht und man muss ständig denken, weil man sich an die Abfolge der Tanzschritte erinnern muss", so die Bewegungswissenschaftlerin.

Durch die Bewegung werden die Herz-Kreislauf-Funktion und die Atmungstätigkeit erhöht und man muss ständig denken, weil man sich an die Abfolge der Tanzschritte erinnern muss.

Dr. Anita Hökelmann, Bewegungswissenschaftlerin, Universität Magdeburg

Standfestigkeit und Bewegungsfreiheit: So funktioniert der Tanz-Rollator

Die Benutzerinnen und Benutzer stellen sich in die Mitte eines Stahlrahmens und werden durch Feststellbremsen, Armstützen und eine individuell anpassbare Hüftarretierung unterstützt. So kann man sich selbst bei sehr eingeschränkter körperlicher Stabilität sicher und frei bewegen. Das Ziel ist, den Nutzenden Bewegungsfreiheit zurück zu bringen und einzelne Muskelgruppen zu stärken – bei regelmäßigem Training werden Muskeln des oberen Rückens, des Rumpfes und der Beine gestärkt.

Bei der Entwicklung des Tanz-Rollators war vor allem die Benutzerfreundlichkeit eine Herausforderung – die Benutzerinnen und Benutzer sollen schließlich einen bequemen Stand haben und das Gerät soll intuitiv benutzbar sein. Und das ist der Erfinderin auch gelungen.

Anita Hökelmann
Bewegungswissenschaftlerin Anita Hökelmann hat mit ihrem Team an der Universität Magdeburg den Tanz-Rollator entwickelt. Bildrechte: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Prototyp 2018 im MDR-Erfindermagazin "Einfach genial" vorgestellt

Am ersten Modell hat Anita Hökelmann mit ihrem Team fünf Jahre lang gearbeitet. 2018 wurde der Tanz-Rollator dann im MDR-Erfindermagazin "Einfach genial" vorgestellt, welches gerade seinen 25. Geburtstag feiert. Die Resonanz war groß und inspirierte auch das Team bei der weiteren Arbeit. "Ich denke schon, dass die Sendung dazu beigetragen hat, dass wir einige Zuschriften aus wirklich allen Bereichen Deutschlands bekommen haben. Auch viele Privatpersonen haben uns gefragt: 'Wo kann ich den Rollator kaufen?'", erinnert sich Dr. Anita Hökelmann.

Inzwischen hat sich das Design komplett geändert. So ist der Rollator mittlerweile platzsparender, hat größere Rollen und sogar eine Sitzfunktion, damit man sich zwischen den anstrengenden Tanzstunden auch ausruhen kann. Auch verfügt er nun über eine steuerbare Anzeige, die durch aufleuchtende Pfeile anzeigt, die die Richtung der nächsten Übungsschritte vorgibt.

Tanz-Rollator – die Köpfe hinter der Idee Natürlich gehört zu einer erfolgreichen Erfindung ein gutes Team. Den serienreifen Tanz-Rollator hat Anita Hökelmann nicht alleine entwickelt, sondern zusammen mit Martin Wiesner, Marcel Partie und Paul Blaschke von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Ideen-Award für Tanz-Rollator und schon ein neues Projekt

Der Tanz-Rollator wurde bereits in der Entwicklungsphase prämiert: 2019 gewann das Team um Anita Hökelmann den ersten Preis des Bestform Awards, eines Ideenwettbewerbs des Landes Sachsen-Anhalt. Mithilfe eines Projektes des Bundesministeriums für Bildung und Forschung soll als nächstes ein sogenannter ICT-Rollator entstehen. ICT steht für Informations- und Kommunikationstechnologie.

Personengruppe in Turnhalle. Zwei Personen mit einem "Tanzrollator"
Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Prof. Dr. Armin Willingmann bei einer Präsentation des Tanz-Rollators. Bildrechte: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Neuer Rollator soll Gesundheitsdaten beim Training erfassen

Das neue Modell soll Körperwerte und auch die Bewegungseinheiten messen und aufzeichnen. "Wir arbeiten dafür mit einer Fakultät für Informatik in Sfax, Tunesien zusammen – dort hat man auch sehr viel Erfahrung in der Nutzung von ICT-Komponenten. Es kommen Sportwissenschaftler, Informatiker und Ingenieure zusammen. So vereinen wir drei Bereiche, die den Rollator gemeinsam entwickeln", erklärt Dr. Anita Hökelmann.

Erfasst werden soll zum Beispiel, wie lange sich mit dem Rollator bewegt wurde, welcher Weg zurückgelegt wurde und auch wie die Herzfrequenz bei den Trainingseinheiten aussah. Außerdem soll er mit Trainingsprogrammen gefüttert werden können. Akustisch sollen die dann jeden Schritt ansagen. So wären für ein Training nicht einmal mehr eine Gruppe oder eine Anleitung nötig.

Es kommen Sportwissenschaftler, Informatiker und Ingenieure zusammen. So vereinen wir drei Bereiche, die den Rollator gemeinsam entwickeln.

Dr. Anita Hökelmann, Bewegungswissenschaftlerin, Universität Magdeburg

Quelle: Einfach genial

25 Jahre "Einfach genial"

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Einfach genial | 31. August 2021 | 19:50 Uhr

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