Kommentar Der Tod von Torsten Lamprecht: Man erklärte es als "Nachwendewirren"

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Wenn man für den Zusammenbruch der DDR den Begriff der friedlichen Revolution bemüht, dann sollte man nicht vergessen, dass die folgenden Jahre alles andere als friedlich waren. Der Tod des Magdeburger Punks Torsten Lamprecht war Auftakt zu weiteren rechtsextremen Morden. Uli Wittstock war als Reporter bei den späteren Gerichtsverhandlungen dabei und blickt auf jene Zeit zurück, die inzwischen auch als "Baseballschlägerjahre" beschrieben werden.

Menschen bei einem Trauermarsch. 3 min
Hören Sie hier den damaligen Radio-Beitrag zum Prozessbeginn nach dem Überfall, bei dem Torsten Lamprecht getötet wurde. Auf dem Foto ist der Trauermarsch zum Gedenken an Lamprecht im Mai 1992 zu sehen. Bildrechte: dpa
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MDR SACHSEN-ANHALT So 15.05.2022 10:07Uhr 02:31 min

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Der Überfall auf die Magdeburger Elbterrassen 1992 hat eine Vorgeschichte: Denn die alternative Szene der Region hatte sich schon vor der Wende gespalten, in Punks und Skinheads. Zwischen beiden Szenen gab es Kontakte. Es gab Überläufer in beide Richtungen. Auch wenn schon recht früh deutlich war, dass Punks eher links orientiert waren, während sich die Skinheads schon zu DDR-Zeiten ganz klar rechtsradikal verorteten. Mit der Wende radikalisierten sich die Skinheads weiter und wurden in einigen Regionen zur bestimmenden Jugendkultur, in der Gewalt eine wichtige Rolle spielte.

In Magdeburg verging kaum ein Wochenende ohne Prügeleien, wobei es nicht nur um Ideologien ging, sondern auch um die Vorherrschaft in bestimmten Stadtteilen. Während das Plattenbauviertel Magdeburg-Nord ganz klar von Skinheads dominiert wurde, trafen sich die Punks im alternativen Jugendzentrum Knast am Moritzplatz. Es waren Arbeiterkinder, die da aufeinander einschlugen, während ihre Eltern damit beschäftigt waren, sich irgendwie in die neue Arbeitswelt hinüber zu retten.

Überfall war geplant

Offenbar hatte es sich in der rechten Szene herumgesprochen, dass rund 30 Punks an jenem 9. Mai 1992 einen Geburtstag in den Magdeburger "Elbterrassen" – einer Gaststätte im Stadtteil Cracau – feiern wollten. Der Überfall war nämlich sorgfältig vorbereitet. Zunächst wurden durch einen fingierten Telefonanruf mehrere Polizeieinheiten, darunter auch das Spezialeinsatzkommando, in einen weit entfernten Stadtteil gelockt. Dort sollten angeblich randalierende Jugendliche parkende Autos demolieren.

Vor Ort fanden die Beamten aber weder beschädigte Autos noch randalierende Jugendliche. Stattdessen stürmten zur selben Zeit rund 60 Skinheads die "Elbterrassen", und zwar von drei Seiten, sodass die überraschten Punks keine Möglichkeit hatten zu fliehen. Bewaffnet mit Baseballschlägern, Zaunlatten, Pflastersteinen und Leuchtpistolen fielen die Neonazis über die Geburtstagsgäste her. Fünf Opfer erlitten schwerste Kopfverletzungen. Einer von ihnen – Torsten Lamprecht – starb an den Folgen.

Umstrittene Rolle der Polizei

Doch die Polizei war nicht völlig abwesend. Immerhin sieben Polizisten beobachteten den Angriff, griffen aber nicht ein. Die Beamten hätten Angst gehabt, so entschuldigte der damalige Polizeichef Johann Lottmann die Zurückhaltung seiner Beamten. Natürlich sei sofort Verstärkung angefordert worden, aber die sei leider zu spät gekommen. Nach Angaben des Wirts der "Elbterrassen" war die Verstärkung erst eine halbe Stunde nach Verschwinden der Naziskins vor Ort. Später im Prozess zeigte sich, dass es die Polizisten wohl vor lauter Angst auch unterlassen hatten, die Nummernschilder der Tatfahrzeuge zu notieren.

Auch die übrige Ermittlungsarbeit blieb allenfalls Stückwerk. Trotz der eingerichteten Sonderkommission gelang es der Polizei nicht, denjenigen zu finden, der für die tödlichen Schläge gegen Torsten Lamprecht verantwortlich war. Entsprechend schwierig gestaltete sich die juristische Aufarbeitung. Viele der Zeugen waren bei dem Überfall so schwer verletzt worden, dass sie sich nur grob an den Tathergang erinnern konnten. Trotz mehrerer Gerichtsverfahren gelang es nicht, Planung und Ablauf des Überfalls zu klären.

An einem Mast mit Wegweisern zu Parks und Radfahr-Zielen hängt ein Straßenschild mit der Aufschrift "Torsten-Lamprecht-Weg"
Unweit des Tatorts hängt heute ein Straßenschild mit der Aufschrift "Torsten-Lamprecht-Weg". Bildrechte: MDR/Andre Plaul

Und obwohl es rund 60 Tatbeteiligte gab, wurden insgesamt nur 18 Anklagen erhoben, die jedoch überwiegend zur Ableistung von Sozialstunden führten. Mehrere Neonazis erhielten zwar Haftstrafen, aber größtenteils auf Bewährung. Nur ein 24-Jähriger aus Wolfsburg musste wegen Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung vier Jahre in Haft.

Versagen der Justiz

Dabei waren solche Attacken sehr viel mehr Alltag, als viele es seinerzeit wahrhaben wollten. Bereits im September 1991 hatte es in Magdeburg einen brutalen Skinhead-Überfall auf vier türkische Zuwanderer gegeben. Dabei wurde ein Opfer vermutlich mit Leuchtmunition beschossen und schwer verletzt. Anschließend verfolgten die Täter mit einem Fahrzeug die Fliehenden und versuchten, deren Kleinbus in die Elbe zu schieben. Schließlich flüchteten die Angreifer.

Die an dem Überfall Beteiligten wurden jedoch schnell gefasst und waren teilweise geständig. Sie seien zu dem Parkplatz gefahren, um Türken "fertigzumachen". Doch fast zwei Jahre schlummerte das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Magdeburg. Zeitweilig galten die Akten sogar als verschollen. Kein Einzelfall damals.

Stolperstart für den Rechtsstaat in Sachsen-Anhalt

Wiederholt gerieten Polizei und Justiz Sachsen-Anhalts in die Kritik, weil sie offenbar nicht sehr entschieden den Rechtsstaat gegen die Bedrohung von Rechts in Stellung brachten. Das hatte auch historische Gründe. Während in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens Personen mit DDR-Staatsnähe ausgetauscht wurden, wurden die Volkspolizisten der DDR bis auf sehr wenige Ausnahmen übernommen. Jene Polizisten, die noch am 7. Oktober 1989 in Magdeburg brutal auf Punks und andere Jugendliche einschlugen, waren auch in den folgenden Jahren im Dienst.

Die Uniform hatten sie zwar gewechselt, das DDR-Feindbild vom Punk dürften sie aber übernommen haben. In der Justiz waren zwar nun Richter und Staatsanwälte aus dem Westen tätig, die aber brachten ihre westdeutsche RAF-Erfahrung mit, waren also sensibel gegenüber linksextremistischen Gruppen. Dass stattdessen der rechte Rand das Problem war, wurde lange geleugnet. Das waren also ideale Brutbedingungen für das Erstarken rechtsextremer Strukturen.

Tödliche Spur der Gewalt

Mit dem Begriff "Wendewirren" verband sich ja die Hoffnung, dass die rechtsextreme Gewalt abebben würde, sobald sich die Verhältnisse wieder einigermaßen normalisieren würden. Dies allerdings erwies sich als Trugschluss, wie die folgenden Jahre zeigen sollten. Seit dem Tod von Torsten Lamprecht kamen zwölf weitere Menschen in Sachsen-Anhalt durch rechtsextreme und rassistische Gewalt ums Leben. Im Rückblick habe ich zunehmend Schwierigkeiten, für das Ende der DDR den Begriff einer friedlichen Revolution zu verwenden, weil er all jene Opfer ausgrenzt, die in Folge dieser Entwicklung ihre Gesundheit und im schlimmsten Fall ihr Leben verloren.

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie.

Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und Kommentare.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 11. Mai 2022 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

Der Matthias vor 5 Wochen

@ Erichs Rache

Den Kontext der Aussage und den vorhergehenden, entscheidenden Satz haben Sie allerdings bewusst unterschlagen: "Seit dem Tod von Torsten Lamprecht kamen zwölf weitere Menschen in Sachsen-Anhalt durch rechtsextreme und rassistische Gewalt ums Leben. Im Rückblick habe ich zunehmend Schwierigkeiten . . ."

Warum haben Sie diesen wichtigen Satz unterschlagen? Weil er Ihnen unangenehm war?

DermbacherIn vor 5 Wochen

Quatsch Anarchie, Anfang der Neunziger galt im Osten das Recht des Stärkeren, und es gab, wie im Übrigen heute auch, den Versuch "National befreite Zonen" zu schaffen, heute sind aber die Methoden subtiler geworden, Faschisten in Nadelstreifen sozusagen.

Erichs Rache vor 5 Wochen

"Im Rückblick habe ich zunehmend Schwierigkeiten, für das Ende der DDR den Begriff einer friedlichen Revolution zu verwenden, weil er all jene Opfer ausgrenzt, die in Folge dieser Entwicklung ihre Gesundheit und im schlimmsten Fall ihr Leben verloren."

Herr Wittstock, was sind denn das für seltsame Töne???
Andere sprechen von feindlicher Übernahme, von Ausverkauf, von Fremdherrschaft ...

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