Mehr Spaß im digitalen Alltag Magdeburger Unternehmen entwickelt künstliche Welten für Schule und Büro

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

So wie es aussieht, werden die Corona-Regeln noch eine Weile unseren Alltag bestimmen. Klassenzimmer und Büros bleiben immer wieder mal leer, wenn das Virus Menschen in Quarantäne schickt. Stattdessen trifft man sich digital. Das allerdings nervt so manchen. Ein Magdeburger Unternehmen hat nun ein Programm entwickelt, um sich angemessen in künstlichen Büros und Klassenzimmern zu treffen.

Digitaler Meetingraum
So sehen die virtuellen Konferenzräume von Stefan Haberkorn aus. Bildrechte: VISUALIMPRESSION GmbH

Hätte man im Mittelalter schon das Internet erfunden, so wäre die Hölle sicherlich nicht unter der Erde verortet worden, sondern im Netz. Und als Höllenqual für ganz schlimme Sünder wäre wohl eine Online-Konferenz bis zum jüngsten Gericht verhängt worden: Es knackt, es rauscht. Jemand brüllt: "Hört ihr mich?" Es knackt wieder. Die einsame Stimme ruft erneut. Dann brummt`s. Ein anderer scheint gerade erblindet zu sein. "Ich kann niemanden sehen" ruft er. Auf dem Bildschirm tauchen Köpfe plötzlich auf, frieren dann ein. Jemand ruft nach einem Administrator. "Jetzt hilft nur noch Beten", sagt der. Dann rauscht es wieder…

My home is my office. Das ist wohl eine der Corona-Langzeitfolgen, die uns über die Pandemie hinaus begleiten werden. Und dazu gehören die zahlreichen virtuellen Besprechungen, die nicht selten eine Abenteuerreise in die Untiefen des Netzes sind.

Technik eigentlich für Computerspiele gedacht

Der Magdeburger Unternehmer Stefan Haberkorn gehört zu jener Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist. Seit langem beschäftigt er sich mit künstlichen Welten, also der virtuellen Realität. Das sind programmierte Räume, durch die man sich bewegen kann. So richtig neu ist die Entwicklung natürlich nicht, sagt Stefan Haberkorn. Allerdings werde sie bislang vor allem von der Spiele-Industrie genutzt. "Das ist eine Technologie, die es schon seit fünf, sechs Jahren gibt. Man kann also direkt über eine Webseite in den dreidimensionalen Raum hineingehen. Relativ neu ist, dass man das quasi mit anderen zusammen machen kann. Den Raum können wir natürlich den jeweiligen Bedürfnissen anpassen."

Sowohl das Homeoffice wie auch das Homeschooling führen ja dazu, dass man die Menschen in ihrem natürlichen Habitat wahrnimmt, so wie Tiere im Zoo. Man sieht Poster und Plakate an den Wänden. Da steht mal ein Kleiderschrank offen oder manchmal schlurft ein Mitbewohnender im Hintergrund durchs Bild – mal zwei, mal vierbeinig.

Doch, trotz aller Abwechslung, bleibt das Ganze merkwürdig unpersönlich. Das ist auch die Erfahrung von Stefan Haberkorn: "Also wir haben dieses Produkt entwickelt, mit der Theorie im Hintergrund, dass es viel besser ist, sich räumlich zu unterhalten, als wenn man nur auf einen platten Bildschirm guckt. Das haben wir jetzt hinreichend getestet und es macht eben mehr Spaß." Allerdings sitzt man auch weiterhin vor einem Bildschirm, der allerdings wie ein Fenster den Blick in einen Raum öffnet. Und dort sitzt man mit anderen sogenannten Avataren, also digitalen Doppelgängern. Die erinnern an Spielfiguren aus Mensch ärgere dich nicht. Nur der Kopf ist real, denn er bildet das aktuelle Kamerabild ab.

Illusion eines realen Meetings

"Man begegnet sich zwar nur virtuell, aber man begegnet sich überhaupt und verliert sehr schnell dieses Gefühl, nur auf dem Bildschirm zu gucken, weil man sich eben räumlich trifft und sieht. Und es gibt unsere kleinen Avatare, die zeigen die Bilder von der Webkamera der anderen. Man vergisst dann eben doch ganz schnell die Vorstellung, dass man eigentlich nur telefoniert", so Haberkorn. Es geht also um eine Art Illusion, weswegen ja die Technologie auch für Computerspiele entwickelt wurde.

Stefan Haberkorn 1 min
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Neben der kommerziellen Nutzung durch Firmen, blickt Stefan Haberkorn vor allem aber auf den Bereich der Bildung. Denn nach dem Ende der Pandemie endet ja nicht automatisch die Digitalisierung im Bildungsbereich. Muss, zum Beispiel im ländlichen Raum, der Schulunterricht generell in der Schule stattfinden, oder könnte es nicht stattdessen auch wohnortnahe Unterrichtsräume geben, mit Fernunterrichtsangeboten übers Netz? Technisch sei das lösbar, so Stefan Haberkorn: "Man kann diesem Abgeschotteten, diesem Eingesperrtsein im Homeschooling durchaus etwas entgegensetzen und das bringt einen Mehrwert in die Bildung. Wir sind räumliche Lebewesen, wir denken räumlich, also wollen wir auch räumlich kommunizieren. Und wenn wir das nicht können, dann ist uns sehr viel genommen an Kommunikationsfähigkeit."

Software für Schulen programmiert

Bislang war es aber vor allem ein technisches Problem, denn die bisherige Software, für den Computerspielemarkt entwickelt, forderte eine hohe Rechenleistung. Mit solchen Rechenkapazitäten sind die Schulen auch heute noch nicht ausgestattet. Aber die Software ist eine andere, so Haberkorn: "Bisher wurde so etwas vor allem für den High-End-Bereich entwickelt. Jetzt aber geht es in eine andere Richtung. Wir programmieren so, dass auch Schulen es nutzen können. Jetzt ist also der richtige Zeitpunkt, um gemeinsam etwas auf den Weg zu bringen."

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Hinzu kommt, dass es in der virtuellen Welt so gut wie keine Einschränkungen gibt. Geographieunterricht mitten in der Wüste, der Deutschkurs mit Goethe auf dem Brocken oder Physikunterricht auf dem Mond – all dies ist vorstellbar. Für den K+S-Konzern mit dem Standort in Zielitz entwickelte Haberkorn eine virtuelle Lernsoftware für die Berufsausbildung. Besonders beliebt unter den jungen Leuten ist das virtuelle Fahren unter Tage, als Teil der Arbeitsschutzausbildung.

Zusammenarbeit mit Schulen nötig

Auch mit der dreisprachigen Grundschule in Magdeburg arbeitet Haberkorn inzwischen zusammen. Allerdings sieht er auch die Grenzen seines Engagements: "Einfach nur Technologie zur Verfügung zu stellen, reicht natürlich hinten und vorne nicht aus. Das ersetzt ja nicht die Inhalte. Jetzt müssten eigentlich Förderprogramme aufgelegt werden, die es ermöglichen, solche Inhalte zu produzieren und zwar mit den Schulen gemeinsam." Den Lehrermangel wird wohl auch der virtuelle Klassenraum nicht entschärfen können. Die Chance wäre aber, eine andere Form des Unterrichts zu ermöglichen.

Stilisierte Personen sitzen an Tischen mit PCs oder Tablets. Dazu der Schriftzug: "Was ist digitale Bildung?" 1 min
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Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie.

Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und Kommentare.

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2 Kommentare

pwsksk vor 2 Wochen

Gut beschrieben.
Danke für die letzten 8 Jahre, Frau Merkel. Wer diese Partei noch wählt, ist selbst dran Schuld.

eeee vor 3 Wochen

Bits und Bytes können das wirkliche Leben nie ersetzen

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