Critical-Mass-Bewegung Zusammen gegen den Fahrradfrust

Radfahrer, die sich über Autofahrer aufregen und Autofahrer, die sich über Radfahrer ärgern – so sieht es in vielen Städten aus, auch in Sachsen-Anhalt. In Magdeburg treffen sich Radfahrer regelmäßig zur Critical Mass, einer Art Flashmob. Scheinbar spontan fahren sie im Pulk durch die Straßen und fordern so einen radfahrerfreudlichen Straßenverkehr. Zwei Teilnehmerinnen erzählen, warum sie regelmäßig dabei sind – obwohl es Stress mit Autofahrern gibt.

"Ich hatte schon Erfahrungen, die nicht jeder so gut wegsteckt. Wo man am liebsten weinen möchte, weil man fast überfahren wird, weil man dermaßen beschimpft, angeschrien und angehupt wird – das ist einfach ein unschönes Gefühl." Wenn Madeleine Linke in Magdeburg mit dem Fahrrad unterwegs ist, hat sie an manchen Tagen ganz schön viel Adrenalin im Blut. Schon mehrfach wäre sie beinahe mit einem Auto zusammengekracht. Linke spricht von "Nahtod-Erfahrungen", die sie ziemlich frustrieren.

Doch nicht jede ihrer Radfahrten verläuft so. Jeden letzten Freitag im Monat steht in Magdeburg die Critical Mass (= kritische Masse) an, eine Art Fahrrad-Flashmob. Madeleine Linke ist regelmäßig dabei. Gemeinsam mit dutzenden anderen Radfahrern ist sie dann auf der Straße unterwegs und will auf die Tücken des Radverkehrs in der Landeshauptstadt aufmerksam machen. "Es geht darum, zu zeigen, wie viel Fläche normalerweise die Autos einnehmen", beschreibt die 26-Jährige. Genau diese Fläche nehmen bei der Critical Mass nämlich die Radfahrer ein. Die Teilnehmer radeln nebeneinander auf den Straßen durch die Stadt, die Tour dauert zwei bis drei Stunden und wird in der Regel nicht von der Polizei begleitet – zumindest ist das von beiden Seiten vorab nie geplant.

Critical Mass – weltweiter radelnder Protest

Die Critical Mass gibt es schon seit Jahren weltweit, die erste Aktion fand 1992 in San Francisco statt. Heutzutage sind zum Teil tausende Teilnehmer dabei. In Budapest waren es 2013 einmal sogar gut 100.000.

Die Radbegeisterten treffen sich monatlich, um gemeinsam durch die Stadt zu fahren und damit eine radfahrergerechte Verkehrsführung zu fordern. Einen Verantwortlichen für die Critical Mass gibt es offiziell nicht, zudem handelt es sich nicht um eine angemeldete Demonstration.

In Sachsen-Anhalt gibt es die Critical Mass neben Magdeburg auch in Halle und Dessau.

StVO erlaubt Gruppen-Fahrt auf der Straße

Möglich macht das Paragraph 27 der Straßenverkehrsordnung. Sind mehr als 15 Radfahrer zusammen unterwegs, gelten sie als "geschlossener Verband" und dürfen zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren. Die gesamte Fahrradgruppe kann zudem über eine rote Ampel fahren, wenn die erste Person vorn noch bei Grün gefahren ist. In der Rechtsverordnung heißt es außerdem, dass ein geschlossener Verband für andere Verkehrsteilnehmer deutlich als solcher erkennbar sein muss. Und: "Geschlossene Verbände müssen, wenn ihre Länge dies erfordert, in angemessenen Abständen Zwischenräume für den übrigen Verkehr frei lassen."

Einen Veranstalter hat die Critical Mass offiziell nicht. Die Teilnehmer organisieren sich über das Internet, hier wird auch der Startpunkt der Route bekannt gegeben. In einer Facebook-Veranstaltung heißt es: "Die Critical Mass Magdeburg ist keine Demonstration und will auch nicht als solche gesehen werden. Verzichtet also auf das Mitbringen von Transparenten und andere Dinge mit Democharakter."

Autofahrer zum Teil genervt

Dass – je nach Jahreszeit – 50 bis 200 Radfahrer im Pulk die Straßen nutzen, sorgt bei Beobachtern für unterschiedliche Reaktionen, erzählt Franziska Körner, die ebenfalls seit einigen Jahren regelmäßig bei der Critical Mass dabei ist. Es gebe diejenigen, die positiv reagieren und sich freuen – meist andere Radfahrer oder Fußgänger. "Die klingeln dann oder rufen irgendwas." Es gebe aber auch Autofahrer, die sich "sehr stark gestört fühlen und durchaus manchmal sehr aggressiv reagieren."

Einen Unfall hat die Uni-Mitarbeiterin noch nicht erlebt. Zum Teil würden Radfahrer aber von den Autofahrern ausgebremst. "Das häufigste, das passiert, ist, dass man im Trupp auf der rechten Fahrspur fährt und dass Autos dann nicht langsam hinterherfahren wollen, sondern auf der linken Spur überholen." Bei vielen Teilnehmern sei das dann natürlich eine sehr lange Überholstrecke.

Ich habe schon oft Situationen gehabt, wo ich gedacht habe: Wenn jetzt noch ein Auto auf der Gegenfahrbahn gekommen wäre, dann hätte es wirklich gefährlich werden können.

Franziska Körner, Critical-Mass-Teilnehmerin

So bewertet der ADAC den Radfahr-Protest

Aus Sicht des ADAC ist die Situation für Radfahrer in Magdeburg bereits deutlich verbessert worden. Das teilte der ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt MDR SACHSEN-ANHALT mit. Die Stadt könne "seit vielen Jahren auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Verbänden zurückblicken, bei der die Belange aller Verkehrsteilnehmer Berücksichtigung finden. Im Fokus stehe dabei die Sicherheit für alle Verkehrsteilnehmer.

Die Critical-Mass-Bewegung versuche schon seit mehreren Jahren, auf Probleme im Radverkehr hinzuweisen und die Verkehrsteilnehmer zu sensibilisieren. Der ADAC meint, das Anliegen der Teilnehmer sollte sein, die Verkehrsteilnehmer nicht gegeneinander auszuspielen. "Ansonsten führen die Aktionen eher zu mehr Ärger und weniger Verständnis für andere Teilnehmer im Straßenverkehr. Aus unserer Sicht sollten die positiven Aspekte vorangestellt werden und überlegt werden, wie ein sicheres Miteinander auf den Straßen aussehen kann."

Der ADAC rät jedem, der im Straßenverkehr unterwegs ist, sich in die Lage der anderen Verkehrsteilnehmer zu versetzen, die Umgebung aufmerksam zu beobachten und nicht immer auf das eigene Recht zu beharren.

Madeleine Linke beschreibt das Verhalten der Autofahrer ähnlich. Es werde sehr stark beschleunigt, gehupt, aus dem Fenster gepöbelt. Was für beide Magdeburgerinnen bei der Critical Mass aber überwiegt, ist das Gemeinschaftsgefühl. Als Gruppe fühle man sich geschützter – und werde stärker wahrgenommen.

Das sagt die Magdeburger Polizei zur Critical Mass

Da es sich bei den Critical-Mass-Fahrten nicht um angemeldete Demonstrationen handelt, werden sie nicht von vornherein von der Magdeburger Polizei begleitet. Das teilte ein Sprecher der Polizei MDR SACHSEN-ANHALT auf Anfrage mit.

Vereinzelt würden die Polizisten aber Kontakt zu den Radfahrern suchen, "um aufzuklären, ob es sich nicht doch um eine Demonstration handeln könnte, die einen polizeilichen Einsatz notwendig machen würde." Der Sprecher erklärte weiter, die Radfahrgruppe zu begleiten sei nicht möglich, da sie kein bestimmtes Ziel ansteuere und keiner festgelegten Route folge. Zudem schreite die Polizei erst ein, wenn Straftaten begangen werden. Halten sich die Radfahrer an die Verkehrsregeln und gefährden niemanden, wird demnach auch nicht eingeschritten.

Bislang seien dem Polizeirevier Magdeburg keine Verkehrsgefährdungen durch die "Critical Mass" bekannt geworden. "Abgesehen von temporären Verkehrsbehinderungen durch den Fahrradkorso, ist die Critical Mass bislang polizeilich nicht negativ in Erscheinung getreten."

Aber wie kann das Radfahren auch im Alltag besser werden? Franziska Körner denkt da direkt an Kopenhagen. Die dänische Stadt ist für viele quasi ein Fahrrad-Paradies. Die Radwege seien breiter und oft durch Barrieren von der Straße abgegrenzt, beschreibt die 29-Jährige. Im Kopenhagener Straßenverkehr seien zudem alle gleichberechtigt – und der Verkehr nicht nur danach ausgerichtet, dass vor allem Autofahrer gut durch die Stadt kommen.

Cykelslangen Kopenhagen
Cykelslangen, die "Fahrradschlange": Auf dieser Kopenhagener Brücke haben Radfahrer Platz, außerdem ist der Belag besonders rutschfest (Archivbild). Bildrechte: Stadt Kopenhagen/Ursula Bach

Initiative macht sich für Radverkehr stark

Damit die Interessen von Radfahrern auch in Magdeburg mehr ins Gespräch kommen, engagieren sich Franziska Körner und Madeleine Linke auch bei der Radkultur. Die Initiative, die im Rahmen der Kulturhauptstadt-Bewerbung von der Stadt finanziell gefördert wird, setzt sich für einen sicheren Radverkehr ein. Im März waren die Mitglieder beispielsweise mit Poolnudeln auf dem Gepäckträger unterwegs, um auf den eigentlich geltenden Überholabstand aufmerksam zu machen. Vergangene Woche zeigten sie mit einer weiteren Aktion, wie ein Radweg besser sichtbar gemacht werden kann. Außerdem informiert die Initiative zum Beispiel bei Facebook und Instagram über weitere Radfahr-Themen.

Mit Autofahrern ins Gespräch kommen

Für die Zukunft sind noch weitere Aktionen geplant – und auch Podiumsdiskussionen, bei denen die Radinitiative mit Autofahrern ins Gespräch kommen möchte. "Wir sind als Magdeburger schnell am Meckern. Aber wir wollten nicht nur meckern, sondern auch mal was machen", meint Madeleine Linke – die auch politisch etwas verändern will und deswegen als Grünen-Kandidatin für den Magdeburger Stadtrat kandidiert. Sie sieht das Radfahren als großen Teil der Magdeburger Kulturlandschaft. Viele Themen würden dadurch verbunden: "Die Menschen, die Fahrrad fahren, sind sehr divers – aber mit dem Fahrrad finden sie wieder zusammen. Das finde ich total spannend und ist für mich auch das, was eine Kulturhauptstadt ja auch irgendwie ausmacht." 

"Es geht um gleichberechtigten Verkehr"

Das Radfahren vereint auch für Franziska Körner gleich mehrere Themen, die ihr wichtig sind. Sie will sich für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen und fährt deswegen viel Rad. Ganz ohne Auto geht es allerdings nicht immer. Körner und ihre Mitstreiterin besitzen beide selbst zwar keins – wenn sie mal etwas Großes transportieren müssen, setzen sie sich ausnahmsweise schon mal hinters Steuer.

Es geht uns nicht darum, dass in der Stadt nur noch Fahrrad gefahren wird. Es geht uns um einen gleichberechtigten Verkehr. Und gleichberechtigt ist man dann, wenn man sich sicher fühlt und wenn man sich traut, mit dem Fahrrad zu fahren.

Franziska Körner, Critical-Mass-Teilnehmerin

Auf ein etwas besseres Sicherheitsgefühl hoffen die beiden dann wieder am Monatsende – wenn die nächste Critical Mass ansteht.

Über die Autorin Kalina Bunk arbeitet seit 2015 für MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online- und in der Hörfunkredaktion. Sie schreibt für mdrsachsenanhalt.de, verfasst und spricht die Nachrichten im Radio und ist als Reporterin im Land unterwegs. Aufgewachsen ist sie in Bremen. Dort und in Madrid studierte sie Kulturwissenschaft und Germanistik. Danach war sie für mehrere private Radiosender in Bremen und Berlin tätig. An der Arbeit als Redakteurin fasziniert sie, dass jeder Arbeitstag anders aussieht und dass man täglich etwas Neues dazu lernt.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. April 2019 | 12:30 Uhr

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