Zurück in die Heimat Was drei Familien zur Rückkehr nach Sachsen-Anhalt bewegt hat

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Bei manchen ist es die Kinderbetreuung, bei anderen die Liebe zur Heimat: Drei Familien erklären, warum es sie nach langer Zeit in der Ferne zurück nach Sachsen-Anhalt gezogen hat. Seit Jahren ist das Interesse, in die Heimat zurückzukehren, hierzulande groß.

Christian und Danielle Psoch und ihre Kinder Fritz, Jack und Virginia.
Christian Psoch ist mit seiner Frau Danielle und den Kindern Fritz, Jack und Virginia zurück nach Sachsen-Anhalt gezogen. gezogen. Bildrechte: Christian Psoch

Hühnerfrikassee, Rouladen, Nudeln mit Tomatensoße: Steffen Meier und seine kleine Familie hatten seit Juli jedes Wochenende Hausmannskost von Mama oder Schwiegermama auf dem Tisch. "Seit wir nach Magdeburg gezogen sind, haben wir, glaube ich, an keinem Samstag selbst gekocht", erzählt der 35-Jährige und lacht. Er und seine Freundin Susanne Müller genießen es, nach Jahren in der Ferne zurück in der Heimat zu sein.

Dabei geht es ihnen natürlich nicht in erster Linie ums Essen. Der Hauptgrund, aus dem sie zurückgezogen sind, ist Sohn Moritz.

Als die Kitas geschlossen waren, konnte mein Schwager seine Tochter zu den Großeltern bringen. Das haben wir uns auch gewünscht.

Steffen Meier, Rückkehrer aus Magdeburg

Fünf Jahre lang hatte Steffen Meier, geboren im Börde-Dorf Langenweddingen, als Bauleiter im Ausland gearbeitet: Kolumbien, Kanada, Saudi Arabien, Guinea. Als der heute zweijährige Moritz zur Welt kam, ließen er und seine Freundin – sie stammt aus Magdeburg – sich in Leipzig nieder.

Sie liebäugelte schon damals damit, zurück nach Magdeburg zu ziehen. Er haderte noch. Die Corona-Pandemie gab dann den Ausschlag. "Als die Kitas geschlossen waren, hatten wir keine Notbetreuung", erinnert sich Steffen Meier. Wochenlang gaben er und seine Freundin sich die Klinke in die Hand, um abwechselnd zu arbeiten und auf Moritz aufzupassen. "Mein Schwager in Magdeburg hatte es leichter, er konnte seine Tochter zu den Großeltern bringen. Diese Möglichkeit haben wir uns auch gewünscht."

Jeder Siebte zieht zurück

Wer seine Heimat verlässt, kehrt oft wieder zurück. In Sachsen-Anhalt war es zuletzt jeder Siebte, hat eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vor fünf Jahren errechnet. Der Großteil der Rückkehrer (59 Prozent) war jünger als 35 Jahre.

Das Interesse an der Rückkehr ist auch heute noch groß. So verzeichnet das Welcome Center Sachsen-Anhalt, das Zuzugs-Interessierte bei ihrer Suche nach Job, Wohnung und Kita unterstützt, seit 2015 eine stabil hohe Nachfrage. Wie die Beratungsstelle MDR SACHSEN-ANHALT berichtet, melden sich dort jährlich mehr als 100 Interessierte. Der Großteil stammt ursprünglich aus Sachsen-Anhalt. Unter ihnen sind viele Familien; besonders gefragte Wohnorte sind Magdeburg und das Umland.

Nicht nur Steffen Meier und seine Freundin haben etwas davon, dass ihre Eltern jetzt immer in der Nähe sind: "Für Moritz ist es zum Beispiel schön, dass meine Mutter und mein Vater auf einem Dorf wohnen", erzählt Steffen Meier. "Da ist man schnell mal auf der Pferdeweide oder guckt sich Trecker an."

Zurück in den Salzlandkreis für die Liebe

Während die Entscheidung für die Heimat bei Familie Meier eher eine pragmatische war, zog Christin Henschel ihr Herz zurück. Nach der Schule war sie nach Nordrhein-Westfalen gegangen, weil es ihr in Barby (Salzlandkreis) zu eng war. Eltern und Oma fehlten ihr aber von Anfang an, erinnert sich die 35-Jährige. "Nach jedem Heimatbesuch saß ich auf dem Rückweg heulend im Auto." Trotzdem baute sich die Krankenschwester in Lippstadt ein Leben auf. Bald hatte sie Mann, Haus, Freundeskreis und sogar einen Nebenjob als Radiomoderatorin.

Irgendwann kam aber die Scheidung. Und einige Zeit später Hendrik Henschel, den sie auf einer Motorradtour kennenlernte. Er war ein Dorf weiter aufgewachsen und geblieben. Seit einem Jahr wohnt Christin Henschel nun mit ihrem Mann in Calbe. In ein paar Wochen ziehen die beiden in das Haus, das sie auf dem Grundstück ihrer Schwiegereltern gebaut haben. Statt im Pflegeheim arbeitet sie jetzt in der Metallbaufirma ihres Mannes.

Die Entscheidung, zurück in den Salzlandkreis zu ziehen, traf Christin Henschel auch, weil sie in Nordrhein-Westfalen den Stellenwert der Familie vermisste, den sie von zu Hause kannte: "Ich hatte das Gefühl, Familie spielt dort keine große Rolle. Wenn bei uns jemand ein Problem hat, dann regeln wir das – selbst dann, wenn man zu demjenigen gerade keinen Kontakt hat."

Ich hatte das Gefühl, Familie spielt in Lippstadt keine große Rolle.

Christin Henschel, Rückkehrerin aus Calbe

Außerdem habe sie nicht vorstellen können, in Lippstadt später einmal Kinder großzuziehen, sagt sie. Damit meint Christin Henschel die raren Kitaplätze, aber auch die fehlende Prägung der Großeltern. "Mein Mann und ich hatten eine tolle Kindheit. Von den Werten und der Lebenserfahrung unserer Eltern sollen später auch unsere Kinder profitieren."

Rückkehr aus Heimatverbundenheit

Jedes Mal, wenn ich unter dieser Brücke mit dem FCM-Graffiti durchgefahren bin, bekam ich Gänsehaut.

Christian Psoch

An Christian Psochs Rückkehr aus den Niederlanden hat großen Anteil die Autobahnbrücke bei Bornstedt in der Börde. "Dort gibt es ein Graffiti: 1. FC Magdeburg", erklärt er. "In all den Jahren bekam ich immer, wenn ich unter dieser Brücke durchgefahren bin, Gänsehaut."

Dabei ist er nicht einmal Fußball-Fan. "Aber ich habe eine große Heimatverbundenheit. Und für mich steht dieser Club für die Region hier." Vor drei Jahren zog der gebürtige Magdeburger nach Niederdodeleben und brachte seine Frau Danielle, eine Amerikanerin, und die drei Kinder Fritz (14), Jack (10) und Virginia (6) mit.

Seine Frau hat den studierten Wasserwirtschaftler kennengelernt, als er Doktorand in Alaska war. Schon am ersten Abend sagte er ihr, dass er irgendwann zurück nach Europa wolle. Sachsen-Anhalt erwähnte er da lieber noch nicht gleich.

Die beiden gingen zunächst nach Colorado und dann nach Den Haag. Doch auch nach zehn Jahren in den Niederlanden hätten sie sich nicht richtig integriert gefühlt, berichtet der heute 50-Jährige. Es war Zeit für Deutschland.

Viel Platz, Natur, Lebensqualität

Danielle Psoch wäre eigentlich lieber in eine Großstadt gezogen, allein wegen der Jobchancen. Inzwischen fühlt sie sich in der Börde aber wohl. Die 43-Jährige hat eine Stelle als Projektmanagerin für die Finanzierung von Forschungsprojekten gefunden, versteht sich blendend mit ihren Schwiegereltern. Und sie hat etwas, das in den Niederlanden purer Luxus gewesen wäre: Platz. Die Psochs wohnen auf einem ehemaligen Bauernhof mit Hühnern und Schafen. Für sie bedeutet Eier einsammeln und Kartoffeln ausbuddeln Lebensqualität.

Dass Christian Psoch endlich wieder zu Hause ist, zeigte ihm ein Erlebnis kurz nach dem Umzug: Es war Oktober, er war in der Abenddämmerung mit dem Rad auf dem Heimweg von der Arbeit. "Als ich über die Autobahnbrücke fuhr, sah ich zwei Jungs übers Feld laufen, auf einen Kastanienbaum zu. Da dachte ich: Die sind ungefähr so alt wie deine Jungs. Dann sah ich: Das sind deine Jungs. In dem Moment hatte ich die Erkenntnis: Dass deine Kinder so über die Felder streuseln können, genau das wolltest du."

Quelle: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

2 Kommentare

Rotti vor 7 Wochen

Ich habe mich wegen einer Arbeit nach Sachsen-Anhalt begeben. Und ich bin geblieben. Hier habe ich eine neue Liebe gefunden. Die Menschen sind bodenständig und nicht, wie der / das @Axelot behauptet rechtspoulistisch verseucht.
Da sich die Menschen Dinge von zwei Seiten betrachten, sind sie weniger anfällig für grüne und sozialistische Importe.
In diesen Zeiten CDU mit 37 Prozent zu wählen, das spricht für gute Verhältnisse im Land.

Axelot vor 7 Wochen

Was soll eines solche rührselige Homestory im Heile-Welt-Modus ? Zehntausende haben vor und nach 1990 das Land verlassen und sich woanders neu eingerichtet und sind damit wohl auch zufrieden. Das Land ist demographisch völlig negativ und irreversibel verortet, woran auch eine Handvoll Rückkehrer*innen kaum etwas ändern wird. Hinzu kommt die seit Jahren fortschreitende rechtspopulistische Verseuchung, die die Attraktivität des Standortes massiv verschlechtert. Und eine Kultur des Willkommens kann ich hier beim Willen auch nur in Ansätzen erkennen.

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