Sonntag Neuer Rathauschef nach 28 Jahren – Aschersleben wählt neuen Oberbürgermeister

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

In Aschersleben wird am Sonntag ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Es wird definitiv einen neuen Oberbürgermeister geben, denn Amtsinhaber Andreas Michelmann tritt nach vier Amtszeiten, also 28 Jahren im Rathaus, nicht noch einmal an. Um seine Nachfolge bewerben sich fünf Kandidaten. So läuft der Wahlkampf.

Marktplatz in der Innenstadt von Aschersleben
In Aschersleben wird am Sonntag ein neuer Oberbürgermeister gewählt. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Die Innenstadt von Aschersleben ist rappelvoll an diesem Vormittag im Mai. Donnerstags ist Markttag. An den Laternen in der fast komplett sanierten Innenstadt hängen Wahlplakate. Ein Wechsel im Rathaus steht an, der erste Wechsel seit 28 Jahren. Denn der amtierende Oberbürgermeister Andreas Michelmann tritt nach vier Amtsperioden nicht noch einmal an.

In Aschersleben ist viel passiert in den vergangenen Jahren. In den Nullerjahren hat die Stadt aktiv auf die Bevölkerungsabwanderung reagiert – mit dem Abriss von Plattenbauten am Stadtrand. Die Innenstadt wurde aufgewertet – auch durch die Landesgartenschau 2010. Parkanlagen ziehen sich durch die Stadt, vom Bahnhof bis zum Flüsschen Eine.

Oberbürgermeisterwahl in Aschersleben 22.561 Wahlberechtigte sind in der Stadt Aschersleben und ihren elf Ortsteilen am Sonntag zur Oberbürgermeisterwahl aufgerufen. Sie können in insgesamt 24 Wahlbezirken wählen, wenn sie nicht schon per Brief abgestimmt haben.

Mitentscheidend für die Oberbürgermeisterwahl dürfte die Wahlbeteiligung sein. Falls keiner der fünf Kandidaten im ersten Wahlgang mehr als 50 Prozent der Wählerstimmen holt, geht es in zwei Wochen in die Stichwahl. Spätestens dann steht fest, wer der neue Oberbürgermeister von Aschersleben wird.

Sanierungs-Stau bei Straßen und Radwegen

Industrie-Ansiedlungen, eine funktionierende Innenstadt mit vergleichsweise vielen Einkaufsmöglichkeiten und zahlreiche Kulturveranstaltungen - in den vergangenen Jahren hat Aschersleben Schulden abgebaut. Doch große Projekte wie Gartenschau und Stadt-Umbau liegen auch schon wieder lange zurück.

Es gibt Baustellen: Sanierungs-Stau an Radwegen zum Beispiel. Auf den Dörfern warten Anwohner darauf, dass Straßen saniert werden. Brücken in der Kernstadt und ihren Ortsteilen. Die Stadt muss langfristig planen und vorausschauend kalkulieren.

Fünf Bewerber um OB-Amt

Das sind Aufgaben, die anstehen. Um den frei werdenden Chefsessel im Rathaus bewerben sich fünf Kandidaten. Ein Bewerber der SPD und vier parteilose Einzelbewerber: der jetzige Orts-Bürgermeister aus dem Ortsteil Wilsleben, der langjährige Vorsitzende der hiesigen Kaufmannsgilde, ein Zahntechniker und ein ehemaliger Angestellter der Stadtverwaltung.

Besonders intensiv wird hier in Aschersleben im Wahlkampf über den Einzelhandel in der Innenstadt, Radwege zu den Ortsteilen oder die Modernisierung der Stadtverwaltung diskutiert. Die Aschersleber selbst haben genaue Vorstellungen, was der neue Oberbürgermeister anpacken sollte. Die letzte heiße Phase des Wahlkampfes läuft.

Steffen Amme (parteilos)

Steffen Amme, der Kandidat der "Wählerinitiative Die Aschersleber Bürger" hat seinen Stand auf dem Markt aufgebaut. Der jetzige Orts-Bürgermeister von Wilsleben ist auch Geschäftsführer der Initiative, der auch der jetzige Oberbürgermeister Andreas Michelmann angehört.

Dieser Tage ist sein Terminkalender gut gefüllt. Die Entscheidung, zur Wahl anzutreten, sei ein längerer Prozess gewesen, sagt er. Seit 2014 sitzt Steffen Amme im Stadtrat. Er engagiert sich in Vereinen. Ganz oben auf seiner Prioritätenliste stünde der Rad-Verkehr.

Das heißt für mich: Wir müssen vorhandene Radwege ausschildern, Radwege instand halten, aber auch neue Rad-Verbindungen schaffen.

Steffen Amme (parteilos) OB-Kandidat

Damit meint er unter anderem: Radwege aus den Dörfern in die Kernstadt, für Anwohner und Touristen. Ein großes aktuelles Thema wäre die Energieversorgung.

Da ist es für mich ganz wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger im Winter eine warme Wohnung haben, aber auch, dass unsere Industrie weiter produzieren kann. Das ist ganz wichtig, und dafür setze ich mich ein.

Steffen Amme (parteilos) OB-Kandidat

In Sachen Stadtentwicklung sei ein Verkehrs-, Park- und Mobilitätskonzept generelles Thema.

Für mich ist aber wichtig abzuwarten, bis die Umgehungsstraße fertig ist. Dann sehen wir auch wirklich, was an fließenden Verkehr aus der Innenstadt herausfließt. Und dann müssen wir uns über diese Thematik Gedanken machen.

Steffen Amme (parteilos) OB-Kandidat

Das letzte Stück der Ortsumfahrung wird nach jahrelanger Diskussion gerade gebaut. Wichtig für Konzepte und Überlegungen sei auch der Neubau des Amtsgerichts, der in der Innenstadt entstehen soll.

Peter Breitwieser (parteilos)

Peter Breitwieser nimmt sich in seiner Mittagspause Zeit für ein Gespräch. Dabei hat er Zettel und darauf Notizen. Eine ganze Kladde hat der Zahntechniker mitgebracht. Am Abend will er sich noch bei einem Sportverein vorstellen. So viele Termine habe er zurzeit eigentlich nicht, sagt er. Sein Wahlprogramm habe er allein geschrieben.

Als er hörte, dass Ascherslebens OB Michelmann nicht noch einmal kandidieren wird, sei in ihm der Gedanke gewachsen, vielleicht sein Nachfolger zu werden.

Denn ich hatte viele Ideen im Kopf, was man so alles unternehmen könnte, um meine Heimat noch viel schöner und lebenswerter zu machen.

Peter Breitwieser (parteilos) OB-Kandidat

Starkmachen wolle er sich für die Ansiedlung und Erweiterungen von Gewerbe, gut bezahlte Jobs, ein schöneres Stadtbild, Bänke mit Rückenlehnen in der Stadt, vielleicht ein großes Schachspiel hier im Park auf der Herrenbreite, Radwege und Angebote für Camping-Touristen. Peter Breitwieser hat viele ganz praktische Ideen.

Da gibt es so kleine Dinge, die mit wenig Aufwand erreicht werden können.

Peter Breitwieser (parteilos) OB-Kandidat

Der Zahntechniker ist neu in der Lokalpolitik. Er hätte schon viel früher an Stadtrats-Sitzungen teilnehmen müssen, um Einblick zu bekommen, sagt er. Jetzt in der Öffentlichkeit zu stehen, sei eine neue Erfahrung:

Ja, es ist relativ ungewohnt für mich, weil ich schon seit 30 Jahren in meinem kleinen Kämmerlein sitze und Zahnspangen biege. Und es ist schon sehr ungewohnt.

Peter Breitwieser (parteilos) OB-Kandidat

Torsten Graßmann (parteilos)

Eine große Umhängetasche hat Torsten Graßmann dabei. Er will Wahl-Flyer in Briefkästen stecken. Dieser Tage hat er Urlaub. Auch, um in Aschersleben sein zu können. In der Stadt ist er geboren und aufgewachsen. Momentan arbeitet er in einem Büro als Landschaftsarchitekt in Augsburg.

Vorher hat Graßmann im Aschersleber Rathaus gearbeitet. Dort habe er auf Missstände aufmerksam gemacht. Hingewiesen hätte er unter anderem auf fehlerhafte Verkehrsschilder in der Stadt.

Ich sage, das muss eine bessere neue Option geben für die Stadt, dass man da wirklich auch mal die Probleme anpackt, statt sie zu verschweigen.

Torsten Graßmann (parteilos) OB-Kandidat

Sein Thema sind vor allem die Abläufe und die Arbeit der Stadtverwaltung. Die Arbeit im Rathaus müsse digitaler werden. Er habe festgestellt, dass viele Angebote noch gar nicht im Internet stünden. Andere Städte wären da weit voraus. Selbst ein Leerstands-Kataster für Gebäude gebe es nicht, sagt er. Außerdem wären Bereiche in der Innenstadt und an anderen Stellen falsch beschildert. Und ansprechbar wolle er sein:

Die Leute würden mitkriegen, dass der Oberbürgermeister auch mal wieder rauskommt. Ich glaube, es fehlt in den Ortschaften, dass jemand da ist, also die Verwaltungsspitze und zuhört.

Torsten Graßmann (parteilos) OB-Kandidat

Ganz dringend beschleunigen wolle er auch die Bauleitungs-Planungen.

Wir haben ein paar Wohngebiete, die wir jetzt ausweisen wollen, an Stellen, wo noch gar nicht klar ist, wie es denn gemacht wird.

Torsten Graßmann (parteilos) OB-Kandidat

Er will die Verwaltung voranbringen. Im Wahlkampf komme ihm zu kurz, dass der Oberbürgermeister Hauptverwaltungs-Beamter ist, und eigentlich erst mal den Laden so schmeißen müsse, dass das Personal effektiv eingesetzt sei, sagt er.

Martin Lampadius (parteilos)

Martin Lampadius baut am Donnerstagmorgen mit Helfern seinen Wahl-Stand am Holzmarkt auf. Die Innenstadt mit ihren kleinen Einkaufsstraßen ist vertrautes Terrain. Die Aschersleber dürften ihn vor allem wegen seines Ehrenamts als Vorsitzender der Kaufmannsgilde kennen.

Den Ausschlag für die Entscheidung, sich für das Amt des Oberbürgermeisters zu bewerben, hätten Erfahrungen mit der Stadtverwaltung gegeben:

Die haben sehr viel damit zu tun, dass sie in den letzten sieben Jahren immer mehr Ärgernisse aufgeploppt sind, wo ehrenamtliches Engagement meinerseits, aber auch aus dem Freundes- und auch Bekanntenkreis nicht den Widerhall im Rathaus gefunden haben, dass man oft als störend, als Ärgernis wahrgenommen wurde und nicht als Bereicherung der Stadt.

Martin Lampadius (parteilos) OB-Kandidat

Dann hätte es zwei Möglichkeiten gegeben: sich zurückzuziehen oder eben die Kandidatur. Aschersleben solle wieder wachsen, sagt er. Dazu brauche es den richtigen Wohnraum, Baugrundstücke für junge Familien auf den Dörfern. Die müsse Aschersleben ausweisen, in der Kernstadt und in den Ortsteilen.

Wichtig ist Lampadius mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen auch das Thema Energiesicherheit. In der Stadt gebe es ein gut ausgebautes Fernwärmenetz. Um Aschersleben stünden viele Windräder. Allerdings:

Mit dem großen Nachteil, dass man uns nicht die Möglichkeit gegeben hat, in der Vergangenheit dann davon auch zu partizipieren. […] Und das möchte ich ändern durch Bürgerbeteiligung, durch Investitionen, die von uns getätigt werden.

Martin Lampadius (parteilos) OB-Kandidat

Radwege-Ausbau, die Entwicklung in der Innenstadt, Dienstleistungen der Stadt. Das sind auch Themen seines Wahlkampfes:

Das Klima unter den Kandidaten ist gut bei aller Unterschiedlichkeit und Biografien, die natürlich klar sind und auch Herangehensweisen.

Martin Lampadius (parteilos) OB-Kandidat

Carsten Reuß (SPD)

Carsten Reuß ist der einzige Oberbürgermeisterkandidat, der für eine Partei antritt: die SPD. Im vergangenen Jahr wollte er Landrat in Mansfeld-Südharz werden. Er arbeitet als Gruppenleiter bei der Landesbank Hessen Thüringen. Auch er bewirbt sich um das Amt des Oberbürgermeisters.

Eingeladen hat Reuß zu einem Termin in Freckleben. Zu Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und beim Wünsche-Wagen des Arbeiter-Samariter-Bundes todkranken Menschen letzte Reisen oder Ausflüge ermöglichen.

Das Thema Ehrenamt ist ein ganz, ganz wichtiges Thema.

Carsten Reuß (SPD) OB-Kandidat

Kommunikation sei ihm wichtig, sagt er. Regelmäßiger Austausch mit Feuerwehren, Vereinen. Ortsbürgermeistern. Dadurch entstünden die Themen. Die Stadt habe sich gut entwickelt. Gerade im Vergleich zu anderen Städten, stellt er fest.

Allerdings: Baustellen sieht er im Bildungsbereich, bei der Kultur und im Freizeitbereich. Die zwei Pandemie-Jahre hätten Narben hinterlassen. Konkret heiße das auch: Vereine müssten unterstützt werden. Carsten Reuß spricht dabei auch von den Dörfern, die zu Aschersleben gehören. Austausch, Kommunikation, Netzwerke: Das ist sein Thema.

Zu Aschersleben habe er eine größere Verbindung, als man es auf den ersten Blick vermuten möge, sagt er noch. Ein Großteil seines Familien- und Freundeskreises sei hier. In die Kommunalpolitik sei er gegangen, weil:

Wir schlichtweg die Möglichkeit haben, die unsere Zukunft in die Zukunft unserer Kinder mitzubestimmen.

Carsten Reuß (SPD) OB-Kandidat

Eine Sache ist dem SPD-Kandidaten im Wahlkampf aufgefallen:

Am deutlichsten spürbar ist tatsächlich, dass, wenn ich in Aschersleben und in den Ortsteilen unserer Stadt unterwegs bin, ich diese klassische Meckerkultur schlichtweg nicht vorfinde.

Carsten Reuß (SPD) OB-Kandidat

Die Ascherslebener würden gern offen über Probleme sprechen. Und im Regelfall auch immer gleich über einen Lösungsansatz.

MDR (Tom Gräbe, Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. Mai 2022 | 06:00 Uhr

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