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Jugendstil PerleKurhaus Bernburg wird saniert: Lifting für eine Diva

20. Juni 2024, 19:27 Uhr

Das altehrwürdige Kurhaus wird saniert und ist deshalb ab dem Ende der Sommerspielzeit für längere Zeit geschlossen. In dem Jugendstil-Gebäude haben Generationen gelacht, getagt, getanzt und Musik gehört. Ein Blick in die Historie des Hauses und auf die Bauarbeiten.

Noch ein Selfie, schauen, ob die Frisur sitzt, das Kleid zurechtzupfen oder den Hemdkragen richten. Vor dem riesigen Spiegel im Treppenhaus auf dem Weg in den Saal bleiben die Besucher stehen. "Das ist ein ganz wichtiges Utensil", sagt Garderobiere Sabine Hentscher. Sie hat von ihrem Arbeitsplatz aus den Spiegel gut im Blick.

Kurhaus Bernburg: Ort für große Tage

"Die gucken sich alle in diesen Spiegel." Das prächtige Kurhaus ist ein Ort für große Tage. Und da kann auch mal etwas liegen bleiben hier an der Garderobe, stellt sie lachend fest und zückt einen Gehstock mit einem Totenkopf als Knauf. Offenbar ein Karnevals-Utensil.

Am großen Spiegel im Kurhaus kommt buchstäblich niemand vorbei. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

"Ich weiß nicht, was das für ein Freak vielleicht war, der den mitbrachte, keine Ahnung." Jedenfalls hat der Besitzer den Stock offensichtlich vergessen. "Also so schlecht kann es ihm nicht gegangen sein", fügt sie schmunzelnd hinzu.

Hinter den Kulissen – Anekdoten und Erinnerungen

Wenn die weit über 100 Jahre alten Mauern des Kurhauses hier in Bernburg sprechen könnten, sie hätten viel zu erzählen. Auch von Künstlern, die hier aufgetreten sind. Veranstaltungstechniker Ingo Wollny kennt viele Anekdoten – wie die eines Kabarettisten.

"Er wollte einen runden Tisch in die Garderobe gestellt haben", sagt er. Einen Tisch mit einer Tischdecke. "Das haben wir gemacht. Dann haben wir mitbekommen, dass er das Bild von seiner verstorbenen Frau darauf gestellt hat. Mit einem Glas Wein hat er mit ihr auf die Veranstaltung angestoßen."

Im Fahrstuhl des Kurhauses stecken geblieben ist übrigens fast mal der chinesische Staatszirkus, erzählt man sich. "Wir haben hier diesen Bühnenaufzug, den haben sie vollgepackt", sagt Ingo Wollny. Dabei hätten die Zirkusmitarbeiter die Tür zugestellt. "Wir hatten das im Vorfeld kommuniziert. Da mussten sie drüber klettern, aber es waren Artisten."

Das sind die geplanten Bauarbeiten

Doch das Kurhaus ist in die Jahre gekommen. Der Putz bröckelt. Die Treppenhäuser neben der Bühne sind zum Beispiel ein Museum für notdürftige Ausbesserungsarbeiten aus unterschiedlichen Epochen. Geländer aus der Kaiserzeit, DDR-Fußbodenbelag, Nachwende-Schallschutz, Gipskarton. Generationen haben hier nicht nur gefeiert – sondern auch mit wenig Geld irgendwie ein bisschen herumsaniert.

Die Stadt will den Sanierungsstau beseitigen und investieren. Etwa elf Millionen Euro sollen in das Kurhaus fließen.

Das sind die geplanten Baumaßnahmen im Detail:

  • Umsetzung des kompletten Brandschutzkonzeptes
  • Versetzung des Regieplatzes vom Zuschauerraum auf der Empore, links neben der Bühne, auf die Rückseite des großen Saales (gegenüber der Bühne) für eine optimale Sichtlinie zur Bühne
  • Optimierung bzw. teilweise Erneuerung der veralteten Bühnentechnik, insbesondere der Bühnenbeleuchtung und Tontechnik (Audio-/Videotechnik)
  • Wiedernutzbarmachung der Empore für Zuschauer
  • Wiedernutzbarmachung des Balkons über dem Haupteingang
  • Umgestaltung des Foyer- und Garderobenbereiches nach historischem Vorbild
  • Herstellung eines hofseitigen Personaleinganges mit arbeitsstättengerechten Umkleide- und WC-Räumen für Frauen und Männer
  • Anbau eines modernen zweigeschossigen Erweiterungsneubaus im Hof mit Aufzug, Lager- und Stellflächen für Kühlzellen, Catering- und Barbereich, WC-Anlagen
  • Schaffung eines direkten Personalzuganges zur Cateringküche und Ausbau der Vorbereitungsküche für die von einem Caterer/ einer Fremdfirma angelieferten Speisen im Anbau
  • Diverse Bauarbeiten, wie Dachdecker- und Dachklempnerarbeiten, Fassadensanierung, Heizungs-, Sanitär-, Lüftungs- sowie Elektroinstallationsarbeiten, Außenanlagenertüchtigung, u.a.

Das Kurhaus als kultureller Anker der Stadt

Das Wahrzeichen der Talstadt von Bernburg soll wieder ertüchtigt werden, stellt Matthias Hecker vom Veranstaltungsmanagement der Bernburger Theater- und Veranstaltungs GmbH mit Blick in den Saal fest.

"Das Hauptaugenmerk liegt wirklich in der Ertüchtigung des Brandschutzes, der technischen Erweiterung und der Verbesserung der Arbeitswege und der Arbeitsgewerke des Kurhauses."

Viele Epochen haben dem Kurhaus ihren Stempel aufgedrückt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es geht um Licht, Technik – aber auch um frisch abgeschliffene Fußböden und sanierte Wände. Das hat der Saal offensichtlich auch nötig. Die Bauarbeiten werden viele Monate dauern.

Von Jugendweihen bis zu wilden Partys – Erinnerungen an große Momente

Aber im Vergleich zur langen Geschichte des Hauses ist das nur ein Wimpernschlag – hier sind Erinnerungen geschrieben worden – von Generationen.

"Im Kurhaus hatte ich 1964 Jugendweihe", sagt eine Besucherin, deren Enkelin gerade ihren Abschlussball feiert. Wilde Partys gab es hier, sagt ein anderer Gast. Die Besucher erzählen von der Jugend-Disko, vom Karneval, von Konzerten, Lesungen.

Was bleibt, ist die wohlige Vorfreude beim Blick in den Spiegel. "Wenn ich zum Beispiel die Treppe hochgehe und ich gucke in den großen Spiegel, das ist immer schön", sagt einer der Besucher.

"Jeder guckt da rein, also von jung bis alt", sagt die Garderobiere. Bald wird es erst mal ruhig im Kurhaus. Statt Musik gibt es höchstens Baulärm. Aber danach ist auch der Veranstaltungssaal wieder so schick wie die Gäste, die hier vor dem Spiegel stehen.

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MDR (Tom Gräbe, Daniel Salpius)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. Juni 2024 | 19:00 Uhr

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