Corona-Pandemie Der Alltag eines Bestatters: Ein Tag im langen, schwarzen Mantel

Alisa Sonntag
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Wolfgang Ruland leitet seit knapp 20 Jahren ein Bestattungsunternehmen. Gerade hat er so viel zu tun, dass er bis zu vierzehn Stunden am Tag arbeiten muss. Wir haben ihn in seinem Arbeitsalltag zwischen Krematorium und Friedhof begleitet.

Ein Mann mit dunkler Kleidung sitzt in einem Büro und schaut in die Kamera 1 min
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MDR FERNSEHEN Mi 03.02.2021 20:03Uhr 01:01 min

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Wenn eine Drehbuchautorin sich einen Bestatter ausdenken müsste, wahrscheinlich wäre er in etwa wie Wolfgang Ruland. Schwarze Haare, schwarze Kleidung und mit so viel nüchternem Ernst, wie er in einen einzigen Menschen passen kann.

Der 65-Jährige ist seit 1990 im Geschäft mit der Trauer. Angefangen hat er mit Trauerreden, seit 2003 ist er Geschäftsführer in einem Bestattungsunternehmen und seit 2008 sogenannter Obermeister – also so etwas wie Vorsitzender – der Bestatterinnung in Sachsen-Anhalt. Gleichzeitig ist Ruland einer der Geschäftsführer des Krematoriums in Schönebeck an der Elbe. Bei der Entstehung des Krematoriums haben sich mehrere Bestattende aus der Region zusammengetan – "um langfristig einen vernünftigen Preis bieten zu können, von Bestattern für Bestatter", erklärt Wolfgang Ruland. An diesem Mittwochvormittag sitzt er im hellen Büro des Krematoriums und bespricht sich mit einer Mitarbeiterin. Vor ihm liegen, akkurat parallel zueinander, zwei schwarz eingebundene Kalender und sein Handy.

Zwölf Stunden Arbeit am Tag sind keine Seltenheit

Termine genau abzusprechen ist für ihn gerade noch wichtiger als sonst. Denn viel Zeit hat Wolfgang Ruland momentan nicht. Im Januar hatte sein Bestattungshaus etwa doppelt so viel zu tun wie normalerweise zu der Jahreszeit. Mit dem Stirnrunzeln, das nur selten sein Gesicht verlässt, erzählt er, dass an manchen Tagen sechs oder sieben Trauerfeiern organisiert werden müssten. Das sei nur mit Überstunden zu schaffen. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiteten aktuell ein oder zwei Stunden mehr am Tag. Die eigenen Stunden zähle er nicht: "Zwölf oder vierzehn Stunden am Tag werden es schon sein."

Ein Mann sitzt vor mehreren Computerbildschirmen, dahinter sieht man durch ein Fenster einen großen Raum mit Särgen
Computer übernehmen einen großen Teil der Arbeit im Krematorium in Schönebeck. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag

Im Kühlraum des Krematoriums wartet eine lange Reihe an Särgen darauf, kremiert zu werden. 24 Bestatter aus Sachsen-Anhalt lassen ihre Verstorbenen in Schönebeck einäschern. Wenn Angehörige möchten, können sie im Abschiedsraum im Krematorium auch dabei sein. Etwa eine Stunde dauert der Vorgang. Einen großen Teil der Arbeit machen Computer, die sicherstellen, dass bei der Verbrennung alles funktioniert und nichts vertauscht wird. Im Überwachungsraum sitzt hinter einem Sichtfenster ein Mitarbeiter von Ruland und kümmert sich um alles.

Respekt ist eine Frage der Einstellung

Wer jeden Tag Särge in den Ofen schiebt, Menschen einäschert, jetzt noch mehr als sonst – kann derjenige den Respekt vor den Verstorbenen eigentlich noch im Blick behalten? Ja, sagt Wolfgang Ruland. Alle in seinem Betrieb machten ihre Arbeit sehr sorgfältig und seien bemüht, die Würde jedes einzelnen Verstorbenen zu wahren. Das aktuelle Mehr an Arbeit ändere daran nichts: "Das ändert nichts am Prozess, die Einäscherung dauert genauso lange wie vor Corona. Ob man den Verstorbenen mit Respekt begegnet, ist viel mehr eine Frage der Einstellung."

Da klingelt sein Handy. Er wirft einen kurzen Blick auf das Display und nimmt den Anruf an, sein nüchterner Tonfall plötzlich herzlich. Offenbar ist ein privater Bekannter am anderen Ende der Leitung. Ruland lacht kurz, bedankt sich und sagt, eigentlich habe feiern wollen, aber das sei ja nun nicht möglich gewesen. Gestern hatte er Geburtstag und ist 65 Jahre alt geworden. Das Leben nimmt seinen Lauf, auch wenn man täglich mit Verstorbenen zu tun hat.

Entspannung gegen den Schmerz

Im Krematorium sitzt der Tod immer mit am Tisch. Wie schafft Ruland es, dass seine Arbeit ihn nicht zu sehr mitnimmt? Ihm helfe Entspannung, sagt er: "Ich spiele Trompete und Klavier, lese gern und gehe auf Konzerte. Man muss versuchen, die schönen Seiten des Lebens genauso an sich ranzulassen wie die weniger schönen." Als Bestatter sehe er Tod und Sterben neutraler als andere Menschen. Manchmal sei die Arbeit aber trotzdem schmerzhaft: "Besonders, wenn jemand sehr jung oder plötzlich verstirbt oder man jemanden verliert, den man kennt. Das schmerzt auch einen Bestatter, das ist nicht anders als bei anderen. Dafür sind wir Menschen."

Eine Frau sitzt hinter einem Schreibtisch und lächelt in die Kamera
Michelle Schuhmacher, Mitarbeiterin im Krematorium, sagt: "Für mich ist das immer komisch, zu wissen, dass Menschen in den Särgen sind." Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag

Ruland selbst habe noch keine engeren Verwandten oder Freunde an Covid-19 verloren. Seine Mitarbeiterin, Michelle Schuhmacher, arbeitet als Sekretärin im Krematorium und ist bei dem Gespräch dabei. Ihre Großmutter sei im Krankenhaus gestorben. Laut Schuhmacher nicht an Covid-19, allerdings sei das Coronavirus bei ihr nachgewiesen worden. Die Großmutter sei allein gestorben, weil niemand zu Besuch kommen durfte. "Als sie hier eingeäschert wurde, war das dann schon ganz anders. Das geht einem nah." Nach einer kurzen Pause fügt Schuhmacher hinzu: "Aber für mich ist das immer komisch, zu wissen, dass Menschen in den Särgen sind."

Vom Schlimmsten ausgehen

Im Umgang mit Covid-Verstorbenen müssen Krematorien und Bestattende Einiges beachten. Nach den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts sollen Bestattende im Umgang mit Covid-19-Verstorbenen unter anderem Schutzkleidung tragen. "Die Meinungen dazu, wie lange das Virus ansteckend ist, sind sehr unterschiedlich. Also müssen wir erstmal vom Schlimmsten ausgehen, um die Sicherheit der Mitarbeiter nicht zu gefährden", sagt Wolfgang Ruland einerseits. Während unseres Treffens tragen allerdings weder er noch seine Mitarbeitenden im Krematorium eine Maske.

Von einer Aufbahrung rate er seinen Kundinnen und Kunden ab, wenn die verstorbene Person Corona-positiv war, sagt Ruland. Eine Erdbestattung sei jedoch durchaus möglich. Genau das ist es auch, was der Bestatter als Nächstes übernimmt. In einer Stunde soll er bei einer Bestattung in Bernburg, wo auch sein Bestattungsunternehmen seinen Sitz hat, eine Trauerrede halten.

Unterwegs zu einem Abschied

Zu einer Beerdigung kommt man nicht zu spät. Vor allem nicht, wenn man Bestatter ist. Und so steigt Ruland in sein standesgemäß schwarzes Auto und braust über die Autobahn davon. Die Strecke zwischen Schönebeck und Bernburg kennt er offensichtlich im Schlaf, denn er ist schnell unterwegs und es ist nicht leicht, ihm zu folgen. Im Radio läuft "I‘ll be missing you", das Puff Daddy im Gedenken an den Rapper Notorious BIG aufgenommen hat. Ein gutes Lied für einen Abschied.

Ein Mann steht neben einem Auto zieht einen schwarzen Mantel an
Zu Rulands Arbeitskleidung gehören ein schwarzer Schal und ein langer schwarzer Mantel. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag

Als Wolfgang Ruland aussteigt, legt er zuerst seine Bestatterkluft an. Es hat etwas von einem Ritual, als er seine gepolsterte Winterjacke auszieht und seinen schwarzen Schal abnimmt, um einen anderen Schal umzuwerfen und seine Arme in einen langen, schwarzen Mantel zu stecken – genau den gleichen, den auch seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Friedhof tragen. Rulands Bewegungen sind routiniert. Man sieht ihm an, dass er das schon unzählige Male gemacht hat.

Weltreise ja – Ruhestand nein

Der Bestatter läuft mit einer Sicherheit über den Friedhof, als wäre er zu Hause. Kein einziges Mal muss er überlegen, wie er zum entsprechenden Grab kommt. Unter der Woche organisiert Ruland Bestattungen, hält Trauerreden, kümmert sich um das Geschäftliche. An den Wochenenden hat er nicht frei, sondern schreibt die Reden. "Aber ich bezahle mich auch selbst gut für meine ganze Arbeit", scherzt er und lacht zum ersten Mal hörbar.

Ein Mann steht neben einem Sarg auf dem Friedhof
Als Trauerredner hat Ruland angefangen. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag

Vor der Pandemie sei er gern gereist. 2023 will er mit seiner Frau eine Weltreise machen: "1990 habe ich eine Lebensversicherung abgeschlossen und ich habe immer gesagt, wenn ich nicht vorher sterbe, machen wir von dem Geld mal eine Weltreise. Jetzt ist es bald soweit." Weltreise ja – Ruhestand nein. Der ist noch nicht geplant, sagt Ruland.

Gerade, als die Beerdigung los geht, beginnt es zu tröpfeln. Im Nieselregen kommt Wolfgang Ruland zu seinem Auto zurück, legt seine Bestatterkleidung wieder ab und schlüpft in die private Jacke, bevor er sich ins Bestattungsinstitut aufmacht.

Sein Sarg steht auch zum Verkauf

Im Bestattungsinstitut herrscht Hochbetrieb. In zwei verschiedenen Räumen sind gerade Kundinnen und Kunden zur Beratung da. In dem Raum, in dem das Unternehmen die zur Auswahl stehenden Särge und Urnen ausstellt, ist niemand. Es gibt verschiedenste Varianten: Särge aus hellem oder dunklem Holz, mit Verzierungen oder einfach gehalten, Urnen in allen Farben, mit Mustern oder Aufschriften.

Verschiedene Särge stehen in einem Raum, auf ihnen Preisschilder
Im Bestattungsinstitut gibt es Särge in verschiedenen Farben und Preisklassen zur Auswahl. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag

Für sich selbst wünscht sich Wolfgang Ruland eine Erdbestattung. Das sei in seiner Familie so Tradition, erzählt er. In einer Ecke des Ausstellungsraums steht der Sarg, den er sich dafür ausgesucht hat. Ein edles Stück, aus Nussholz, mit Verzierungen aus verschiedenen Furnieren – und einem entsprechenden Preis. Vielleicht bleibt der Sarg dort stehen, bis Ruland ihn braucht. Vielleicht wird er vorher verkauft. Ruland lässt es darauf ankommen. Den pinken Sarg, der eigentlich für seine Frau bestimmt war, hat ihm auch jemand abgekauft. Die Messe, auf der sie einen neuen aussuchen wollten, ist in diesem Jahr ausgefallen.

Alisa Sonntag
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Über die Autorin Neugierig ist Alisa Sonntag schon immer gewesen – mit Leidenschaft auch beruflich. Aktuell beendet sie ihre Master in Multimedia und Autorschaft in Halle. Dabei schreibt sie außer für den MDR SACHSEN-ANHALT unter anderem auch für Krautreporter, das Veto-Mag und den Freitag.

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2 Kommentare

Frank 1 vor 37 Wochen

@Critica: Ihr Beitrag ist in Teilen zynisch. Auch Bestatter gelangen ab einer bestimmten Arbeitsbelastung an physische und psychische Grenzen. Können oder wollen Sie das nicht verstehen?

Critica vor 37 Wochen

Die Klagen, die jetzt aus den Reihen der Bestatter kommen, sind mehr als merkwürdig. Als sie ihr privates Unternehmen gegründet haben, hatten sie den Wunsch, nicht nur die Verstorbenen würdig zu bestatten, sondern auch den Hinterbliebenen zur Seite zu stehen. Gut und richtig. Nebenbei kann man auch noch "gutes Geld" verdienen. Auch gut und richtig.
Zu solch einem Dienst gehört nunmal, dass es auch gehäuft zu Sterbefällen und somit Überstunden kommen kann.
Man muss zu Beginn seiner beruflichen Tätigkeit wissen, auf was man sich einlässt.
Wäre der Bestatter Zeitungsausträger geworden, hätte er ständig einen überschaubaren Arbeitstag. Gestorben wird aber nicht nach Plan, ist nun mal so.
Die Pandemie beschert den Bestattern auch zusätzliche Einnahmen.

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