Salzlandkreis 28 Jahre im Amt – Ascherslebens Oberbürgermeister geht

11. Juli 2022, 13:18 Uhr

In Aschersleben gibt es einen Wechsel im Rathaus – zum ersten Mal seit 28 Jahren. Mit Andreas Michelmann geht einer der dienstältesten Oberbürgermeister in den Ruhestand. Seit 1994 war er im Amt. Der Versuch eines Ascherslebers, eine Bilanz zu ziehen.

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Undichte Wasserleitungen, graue, marode Häuser, Arbeitslosigkeit – und ein "Jung-Siegfried mit 34 Jahren, großer Klappe und tollen Plänen" ist der Neue im Bürgermeisterstuhl. So fasst Andreas Michelmann in seiner Abschiedsrede selbst die Zeit seines Amtsantritts als Oberbürgermeister von Aschersleben zusammen. 1994 war das. Eine Zeit der Umbrüche. Die Jahre nach der Wende. Die sind heute lange vorbei. Und der selbst ernannte Jung-Siegfried von damals, heute einer der dienstältesten Rathaus-Chefs weit und breit, hat vier Amtsperioden als Oberbürgermeister durchgearbeitet. 28 Jahre. Und die sind nun vorbei.

Aschersleben setzt auf Bildung

In Aschersleben ist viel passiert in diesen 28 Jahren. Die Stadt hat auf Bildung gesetzt. Von der Kita bis zum Abitur können Eltern entscheiden – zwischen staatlichen Schulen und Schulen in freier Trägerschaft. In einer Zeit, in der Schulen, Kitas, Kinderkrippen eher geschlossen wurden, hat Aschersleben die Weichen für eine Bildungslandschaft gesetzt, die Familien Wahlmöglichkeiten schafft.

Familien ziehen dorthin, wo es gute Entwicklungschancen für Kinder gibt, so die Überlegung im Rathaus und im Stadtrat. Und Bildung spielt dabei schließlich eine wichtige Rolle. Wettbewerb zwischen den Schulen ist gewollt. Die Schuleinzugsbereiche hat die Stadt schon vor vielen Jahren aufgehoben. Das war in den 2000er Jahren.

Viele Probleme in den Griff bekommen

Gegen den Trend arbeiten, das war häufig Thema in der 28-jährigen Amtszeit von Andreas Michelmann. Bevölkerungsrückgang, Leerstand, Sanierungsstau in der Innenstadt, verwilderte Parks und eine graue Ortsdurchfahrt mit vielen leeren Fensterhöhlen und einer wuchtigen Industriebrache mitten in der Stadt. Das waren Probleme, die Aschersleben in den Griff bekommen hat. Und zwar durch gleich ein ganzes Paket an Projekten.

Und daher hatten wir diese Idee, die damals manche in Aschersleben ziemlich verrückt fanden, nämlich die Gartenschau mitten in die Stadt zu bringen, nicht auf irgendeiner Fläche am Stadtrand, mitten in die Stadt.

Andreas Michelmann

Die 2000er Jahre waren Jahre des Aufbruchs, in der mutmaßlich ältesten Stadt Sachsen-Anhalts. Aschersleben wurde Landesgartenschau-Stadt. Vom Bahnhof bis in den Süden ziehen sich heute sanierte, offene Parkflächen wie ein grünes Band durch den Ort. Gleichzeitig hat Aschersleben rigoros Stadtumbau betrieben: Stadtrand-Häuser abgerissen. Zu Gunsten der Innenstadt. Den Umgang mit dem Bevölkerungsrückgang zu gestalten, das war das Ziel der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2010. Aschersleben war einer der Orte, an denen kreative Lösungen im Städtebau Teil der lokalpolitischen Strategie geworden waren. Die Industrieruine einer Verpackungsfabrik wurde umgestaltet zu einem modernen Bildungscampus, an dem heute unter anderem zwei Grundschulen und eine Gemeinschaftssschule arbeiten.

Aschersleber wurden selbstbewusster

"Das waren letztlich Investitionen von rund 40 Millionen Euro in zwei Jahren, von denen circa die Hälfte gefördert und die andere über Kredit aus dem städtischen Haushalt kam. Mit diesem Doppelschlag, den uns die eigene Bevölkerung so nie zugetraut hatte", sagt Andreas Michelmann rückblickend.

Und diese Umbrüche, die haben tatsächlich etwas gemacht. Auch, wenn erst Landesgartenschaubesucher und Architekten und Planer und Touristen kommen mussten, um festzustellen: "Hier ist es irgendwie doch ganz schön." Je weiter die Projekte zur Stadtsanierung voran gingen, desto mehr schien auch das Selbstbewusstsein der Aschersleber zu steigen.

Und die schicken Parks, die bleiben. Wie auch ein anderes Projekt aus der Zeit von Oberbürgermeister Andreas Michelmann. Allerdings eines, von dem auch der scheidende Oberbürgermeister sagt, es sei das umstrittenste gewesen. Der Bau des Sport- und Freizeitzentrums "Ballhaus" mit Schwimmbad, Arena, Beachvolleyballfeld. Der Bau eines "Spaßbades" war seinerzeit, kurz nach der Jahrtausendwende, ein Wahlversprechen, das er halten wollte. Allerdings: Die Investoren gingen nach kurzer Zeit pleite. Seitdem zahlt die Stadt viel Geld für das Ballhaus. Dass damals das alte, historische Stadtbad abgerissen wurde, dürfte so mancher Aschersleber nicht vergessen haben. Viel gelernt habe man damals, sagt Andreas Michelmann heute.

Radwege und Brücken teils marode

Der Doppelschlag; die Landesgartenschau im Stadtumbau, das alles hatte seinen Preis. Der Schuldenstand war 2013 auf 80 Millionen Euro angewachsen. Inzwischen sei der Schuldenberg um 30 Millionen Euro geschrumpft, stellt Andreas Michelmann in seiner Abschiedsrede fest. Und er mahnt, den Sparkurs vereinbarungsgemäß beizubehalten. Dass das Geld nicht locker sitzt in Aschersleben, auch das zeigt sich inzwischen im Stadtbild. Radwege, Brücken – es gibt Baustellen für die Zukunft.

Und dann ist da noch die Leidenschaft des langjährigen Oberbürgermeisters. Die für Handball: Seit einigen Jahren ist Andreas Michelmann Präsident des Deutschen Handballbundes. Ein Ehrenamt, das Zeit braucht. Zu viel Zeit, so lautete damals die Kritik. Seit kurzem ist Andreas Michelmann auch in olympischer Mission unterwegs. Als Sprecher der Spitzenverbände. "Und dann ist da natürlich noch die ganz große Idee, sich für Olympia in Deutschland einzusetzen", sagt er. Die Entwicklung des Frauenhandballs ist auch so ein Vorhaben. Auch nach seiner Amtszeit als Oberbürgermeister stehen für Andreas Michelmann Projekte an.

Es ist ruhiger geworden in der Stadt

Die Zeit der ganz großen Würfe hier in Aschersleben, die ist auch schon wieder einige Jahre her. Dieser Eindruck hat sich hier in den vergangenen Jahren aufgedrängt. Es ist scheint ruhiger geworden zu sein.

"Wenn Du so lange im Prozess bist, hast du natürlich auf der einen Seite die Chance, Fehler zu machen, sie auch wieder auszugleichen, auch daraus zu lernen." Zu unterscheiden, was wichtig ist, was weniger wichtig, dafür sei die lange Amtszeit gut gewesen, sagt Andreas Michelmann noch.

Eine sanierte Innenstadt, Gewerbeansiedlungen, ausgebaute Parks, eine diverse Bildungslandschaft stehen in der Bilanz. Außerdem ist das Wasserleitungsnetz saniert, marode Häuser gibt es nur noch wenige. Und die Wunden, die der Verlust tausender Industriearbeitsplätze in den 90ern hinterlassen hat, sind lange vernarbt.

Im Aschersleber Rathaus geht nicht nur einer dienstältesten Oberbürgermeister, sondern auch ein Lokalpolitiker, der bekannt dafür war, Dinge beim Namen zu nennen.

Aber ich finde klare Worte besser als dieses permanente Rumgeeiere und Rumgeschwurbele. Und letzten Endes ist es der Stadt gut bekommen. Und wenn man hin und wieder überzogen hat, was passiert sein soll, gibt es ja immer noch die Möglichkeit, sich auch mal wieder zu entschuldigen.

Andreas Michelmann

Michelmann bleibt noch im Kreistag

Die Amtskette hat Andreas Michelmann nun an seinen Nachfolger Steffen Amme übergeben. In der Sonderstadtratssitzung vergangenen Donnerstag sprach einer der Stadträte davon, dass so ein Oberbürgermeister mitverantwortlich ist, in einer Stadt, vom überfüllten Papierkorb bis zur Millioneninvestition. Und ab jetzt ist dieser Job hier in Aschersleben nach 28 Jahren erstmals neu besetzt.

Aus der städtischen Politik will sich Michelmann in Zukunft heraushalten. Im Kreistag sitzt er bis 2024.

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über den Autor Tom Gräbe ist in Aschersleben geboren und aufgewachsen. Er arbeitet seit 2014 für MDR SACHSEN-ANHALT als Reporter für den Salzlandkreis und ist daher sehr viel von Aschersleben und Staßfurt über Egeln bis zur Stadt Seeland unterwegs. Er produziert Hörfunkbeiträge, schreibt Texte für die Online-Redaktion und ist ab und zu auch für das Regionalmagazin MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE mit der Kamera unterwegs.

Aufgewachsen ist Zum Hörfunk gekommen ist er als Teenager. Nach einem Praktikum bei einem Freien Radio hat er viele Jahre im Vorharz gefunkt. Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Seen um Plötzky, der Harz und die ruhigen Ecken im Ascherslebener Stadtpark.

MDR (Tom Gräbe, Kalina Bunk)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. Juli 2022 | 09:30 Uhr

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