Interview Altlasten-Experte zur Ehle-Sanierung: "Das sind enorme Kosten"

Tom Gräbe
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Um die Ehle von krebserregenden Chemikalien zu befreien, läuft derzeit die Konzeptentwicklung zur Sanierung. Michael Trump von der Landesanstalt für Altlastenfreistellung betreut das Projekt. Er erklärt, weshalb das Vorhaben so komplex ist und enorme Kosten entstehen.

Bagger an Fluss
Die Landesanstalt für Altlastenfreistellung beschäftigt sich derzeit mit der Entkrautung der Ehle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

  • Den Großteil der Sanierung der mit giftigen Chemikalien belasteten Ehle wird Michael Trump von der Landesanstalt für Altlasten zufolge die Entschlammung ausmachen.
  • Die Kosten für die sogenannte Minimalvariante werden derzeit auf circa 19 bis 22 Millionen Euro geschätzt.
  • Belastete Flussauen sind nach Einschätzung von Michael Trump ein europäisches Problem, das erst durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie wirklich bekannt wurde.

Im Januar wurden in der Ehle in Egeln (Salzlandkreis) krebserregende Chlorverbindungen entdeckt. Den kleinen Fluss zu sanieren, wird ein aufwändiges und langes Vorhaben. Wie das funktionieren kann, damit beschäftigt sich die Landesanstalt für Altlastenfreistellung. Michael Trump betreut das Projekt. Er spricht über den Stand der Planungen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Was macht man mit so einem Fluss?

Michael Trump: Darauf gibt es sicher keine einfache Antwort. Wir sind derzeit in der Konzeptentwicklung. Das ist ein sehr komplexer Sachverhalt. Die Ehle wurde zunächst in vier verschiedene Abschnitte eingeteilt. Wir stehen hier in der Flutmulde in der Ortslage Egeln, die spezielle Voraussetzungen hat. Auch, was den Hochwasserschutz betrifft. Dort wird es eine andere Lösung geben, als beispielsweise auf den anderen mehr landwirtschaftlich geprägten Abschnitten des Flusses, sodass wir unterschiedliche Maßnahmenkombinationen planen, die dann zu einem Gesamtkonzept zusammengefasst werden.

Michael Trump
Michael Trump betreut das Projekt Ehle-Sanierung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Welche Maßnahmen sind das?

Der große Teil ist sicherlich die Entschlammung. Das belastete Sediment, in dem sich der Großteil der Schadstoffe befindet, muss entfernt und entsorgt werden. Gleichzeitig kann man das in anderen Teilabschnitten allerdings kombinieren. Mit einer Umverlegung der Ehle beispielsweise. Dort ist auch das Ziel, vielleicht ökologische Maßnahmen mit zu integrieren. Dort können dann gegebenenfalls auch Teile belassen werden. Das wird noch geprüft. Aber wir haben auch in den angrenzenden Bereichen Belastungen, die gegebenenfalls eine Rekontamination der Ehle hervorrufen können, sodass wir auch die angrenzenden Ackerflächen betrachten müssen. Wir sprechen von ungefähr 15 Kilometern, von Westeregeln bis zur Mündung in die Bode.

Mit der Minimalvariante sind wir momentan bei circa 19 bis 22 Millionen Euro.

Michael Trump, Landesanstalt für Altlastenfreistellung

Wie aufwändig wird das alles?

Wenn wir die sogenannte Minimalvariante betrachten, die mit Blick auf die Wasserrahmenrichtlinie relevant wäre, sind wir momentan bei circa 19 bis 22 Millionen Euro. Einen Großteil davon, 60 bis 70 Prozent, stellen sicherlich Entsorgungskosten dar. Mit PCB und PCN haben wir persistent organische Schadstoffe. Die laufen teilweise unter gefährlichem Abfall, müssen in die Hochtemperaturverbrennung gebracht werden. Das sind enorme Kosten.

Baggerarbeiten an einer Wiese
Zurzeit wird die Ehle entkrautet – eine routinemäßige Unterhaltungsmaßnahme. Die Umstände sind allerdings besonders. Bildrechte: Tom Gräbe

Wie weit sind die Planungen fortgeschritten?

Wir sind momentan in der Grobvarianten-Entwicklung. Wir haben circa sieben bis acht Varianten durchgespielt. Dort kristallisieren sich zwei Vorzugsvarianten raus. Wir befinden uns derzeit mit dem Salzlandkreis in Abstimmung, wo die Reise hingehen soll. Ich würde sagen, Ende des Jahres sind wir dort einen Schritt weiter, sodass wir dann in die detailliertere Planung für die Vorzugsvariante gehen können. Wir haben einen enormen genehmigungsrechtlichen Aufwand vor uns, den wir bewältigen müssen. Wir haben viele Akteure, die an einen Tisch geholt werden müssen. Verschiedene Fachbereiche, die betroffen sind, verschiedene ordnungsrechtliche Verantwortungen. Wir vertreten die Meinung, dass man das Problem nur ganzheitlich betrachten kann, sodass wir auch links und rechts Flächen mit einbeziehen wollen. Wir wollen den Naturschutz mit einbeziehen. Diese ganzen verschiedenen Fachbereiche wollen wir bündeln zu einer großen Variante zum Umgang mit den Problemen an der Ehle.

Bis dato dachte man, mit einer Altlastensanierung sei die Problematik gelöst.

Michael Trump, Landesanstalt für Altlastenfreistellung

Sie arbeiten seit Jahren an Konzepten. Was war das Aufwändigste, bis jetzt?

Wir hatten diesen enormen Lerneffekt, dass das Problem gar nicht mehr die Altlasten selbst sein müssen. Die sogenannte Primärquelle gibt es teilweise gar nicht mehr. Das Problem liegt woanders. Im Gedächtnis des Flusses, im Sediment, in den angrenzenden Flächen. Und dort mussten wir erst mal hinkommen. Lernen, diesen Schritt zu gehen. Die Abgrenzung war das, was zunächst so lange gedauert hat. Man hat festgestellt: Wir haben eine Schadstoffbelastung. Aber bis wohin geht die? Wie weit vom Fluss entfernt? Sind Auen betroffen? Landwirtschaftliche Nutzflächen? Dort mussten Unmengen an Untersuchungen durchgeführt werden.

Ist die Ehle ein Spezialfall?

Ich würde sagen, dass das kein spezielles Egeln-Problem ist. Sicherlich, das mit dem PCB und der Belastung hier, das ist einzigartig. Aber die Problematik, dass wir belastete Flussauen haben oder belastete Wasserkörper, das ist sicherlich ein europäisches Problem, das durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie überhaupt erst wirklich bekannt wurde. Bis dato dachte man, mit einer Altlastensanierung sei die Problematik gelöst. Aber die Probleme sind größer.

PCB und PCN sind persistente organische Schadstoffe. Das heißt, schlecht abbaubar. Orophen und Xylamon waren damals die Handelsnamen. Diese Stoffe wurden genau zu diesem Zweck entwickelt: dass sie sich nicht leicht abbauen. Und genau diese Eigenschaft macht sich jetzt im Prinzip negativ bemerkbar. Sie können nicht abgebaut werden durch Mikroben in der Umwelt. Das heißt, sie sind über über ganz lange Zeiträume in der Natur vorhanden und haben dann zwar toxische Eigenschaften und sind krebserregend. Allerdings sind sie nicht akut toxisch. Aber sie reichern sich an, befinden sich dann in den Fettzellen und können dann über Jahrzehnte noch ihre zerstörerische Wirkung entfalten. Deshalb sind Maßnahmen unabdingbar, die wir derzeit vorbereiten.

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MDR/Tom Gräbe

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 19. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

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