Ein Jahr Corona-Pandemie Interview mit Lungenärztin: "Das ist nicht vorhersehbar"

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

"Das läuft nicht so wie bei einer normalen Lungenentzündung", sagt Claudia Schmidt. Sie ist Ärztin am Ameos-Klinikum in Bernburg und beschreibt, wie sich der Arbeitsalltag mit der Corona-Pandemie verändert hat. Eine Pandemie dieses Ausmaßes, eine neue Krankheit, ein Alltag im Ausnahmezustand und das seit über einem Jahr.

Vor einem Jahr hat sich das Leben für uns alle umgekrempelt. Im März 2020 wurden die ersten Corona-Fälle in Sachsen-Anhalt bekannt. Mehr als 65.000 Menschen wurden seitdem positiv getestet, mehr als 300 Corona-Fälle haben die Ärzte allein im Krankenhaus in Bernburg behandelt. Wie sieht er aus, der Alltag im Ausnahmezustand, der seit einem Jahr anhält? Darüber sprach Tom Gräbe mit einer Ärztin am Ameos-Klinikum Bernburg.

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Schmidt, als Ende des Jahres 2019 die ersten Meldungen über eine bislang unbekannte Krankheit in den Nachrichten auftauchten — Wuhan, Ischgl, Bergamo… schließlich Bernburg. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Dipl.-Med. Claudia Schmidt, Fachärztin für Innere Medizin / Lungen- und Bronchialheilkunde: "Die Chef- und Oberärzte haben sich getroffen. Gemeinsam haben wir überlegt, was wir tun. Die Räume wurden begangen. Es wurde geschaut, was wir an Beatmungsmöglichkeiten haben. Und wir haben überlegt, wenn es in unsere Richtung geht, in welchem Bereich der Klinik wir diese Patienten eingliedern. Wichtig war, auch wenn es erstmal lapidar erscheint, dass wir mit den Schwestern und mit uns, die wir nicht alle im OP tätig sind, geübt haben: Wie kittelt man sich ein. Wie setzt man Masken auf und nimmt man ein Paar Handschuhe oder zwei Paar Handschuhe? Solche grundlegenden Dinge wurden durchgeführt, damit wir auch eine gewisse Sicherheit für uns aufbauen konnten."

Sich auf so eine Situation, auf so einen Ernstfall vorzubereiten, wie war das für Sie?

"Es war tatsächlich surreal. Ich bin ja schon eine gewisse Zeit in der Medizin unterwegs. Ich hätte nie erwartet, dass uns hier in unserem Raum eine Pandemie dieser Art und Weise erreicht. Ja, und wenn wir so rekapitulieren, dann kann man ja sagen, dass wir in Deutschland im Frühjahr des vergangenen Jahres wirklich Glück hatten. Da haben wir alle mit großem Entsetzen nach Italien geschaut und auch nach Österreich. Aber bei uns und gerade in Sachsen-Anhalt war es sehr still."

Seinerzeit wusste man ja weniger über Covid-19 als wir heute wissen. Haben Sie sich damals Gedanken gemacht, die Krankheit mit nach Hause zu nehmen?

Auf zwei Monitoren sind am Klinikum Stuttgart Computertomographieaufnahmen der Lunge eines Covid-19-Patienten zu sehen.
Das Coronavirus hinterlässt deutliche Spuren. Bildrechte: dpa

"Das schon. Und dann muss ich sagen: Als der erste Patient kam und dieser uns bewies, in welch kurzer Zeit ein stabiler Mensch in eine dramatische, lebensbedrohliche, beatmungspflichtige Situation kommt, da war man schon schwer beeindruckt. Er hat uns tatsächlich gezeigt, wie schwer diese Erkrankung läuft. Und ich möchte noch mal erwähnen, dass ich ja neben der Inneren Medizin die Lungenheilkunde vorhalte. Diese Bilder, die waren dramatisch. Wir haben weiße Lungen gesehen, die andere Erkrankungen in dieser Kürze der Zeit nicht aufbauen. Da war die Sorge groß, dass wir diese Erkrankung weitergeben an Mitarbeiter beziehungsweise auch an die Familien. Man hat neu gedacht."

Die Fallzahlen, die blieben erst niedrig. Es kamen wenige Patienten ins Krankenhaus. Wie lange blieb das so?

"Wir hatten vereinzelt beatmungspflichtige Patienten, aber das war alles gut beherrschbar, also von der Anzahl her. Es war tatsächlich so, dass wir das als Haus sehr gut stemmen konnten. Auch die Mitarbeiter konnten gut damit umgehen. Bis dann die zweite Welle kam. Es war die Masse. Die Erkrankung ist die gleiche. Die Erkrankung ist erstaunlich, weil eigentlich jeder seinen eigenen Verlauf hat. Das läuft nicht so wie bei einer normalen Lungenentzündung: Es geht Ihnen schlecht, sie werden behandelt, sie werden gesund. So verläuft Corona nicht. Die Patienten sind in der Regel über eine gewisse Zeit, eine Woche etwa, sehr stabil. Und plötzlich kippen sie — oder auch nicht. Und das ist nicht vorhersehbar. Und ich muss auch sagen: Dass es nur die Alten betrifft, das stimmt auch nicht. Wir hatten 50 bis 60-Jährige, sonst gesunde Patienten, die tatsächlich schwer an Corona erkrankt sind."

Wie war das für Sie und Ihre Kollegen?

"Man ist sicherlich sehr oft sehr betroffen gewesen. Wir haben ja in der zweiten Welle viele Patienten verloren. Auch, wenn man diesen Beruf lange macht, ist das eine Belastung für die Seele. Die Pfleger, die Pflegerinnen, die Schwestern, die muss ich hervorheben, weil die so ein hohes Maß an Leistungen gebracht haben. Die Ärzte gehen rein, wenn es den Patienten schlecht geht. Die machen die Medizin-Pläne. Die Pfleger, die Schwestern kümmern sich um das Soziale. Dieses: Ich-wasche-dich und Ich-reiche-Dir-zu, das ist ganz wichtig in so einer schweren Zeit für einen Patienten. Und davor ziehe ich meinen Hut. Wir alle, aber besonders die Schwestern mussten mit den zum Teil dramatischen Verläufen umgehen. Wir sagen den Patienten, dass wir uns voll umfänglich um sie kümmern und dass wir alles tun werden, damit sie gesund werden."

Was hat das mit Ihnen gemacht?

"Das macht das Leben noch wichtiger. Und das macht eine gewisse Trauer, weil natürlich jeder von uns weiß, dass die Sterbebegleitung von solch schwer kranken Patienten in solchen Zeiten viel schwieriger ist. Also der Moment, an dem wir sonst alle Angehörigen rangeholt haben und gesagt haben: Setzt euch dazu. Das war nicht möglich. Das heißt, wir haben nur einen Angehörigen ohne Körperkontakt und so weiter reingelassen. Ja, das musste man auch lernen. Und man schätzt viele Dinge viel mehr."

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Wie schauen Sie in die Zukunft?

"Also ich persönlich denke, dass wir mit Covid leben müssen wie mit der Grippe. Eine Pandemie sagte man früher, dauert mindestens zwei Jahre. Und letztendlich ist es wichtig, dass die Menschen diese Erkrankung verstehen. Wir alle sehen draußen manchmal Dinge, die uns mit dem Kopf schütteln lassen. Auf der anderen Seite halte ich es für ganz wichtig, dass das normale Leben irgendwie wieder aufgebaut wird. Dass die Kinder, wie es jetzt begonnen wurde, in Sachsen-Anhalt in die Schule gehen können. Aber es wird immer Einschränkungen geben."

Dieses Arbeiten auf Abstand, dieses Arbeiten unter Pandemie-Bedingungen, Alltag im Ausnahmezustand. Wie geht es Ihnen damit?

"Es ist die Masse der Erkrankung, die uns tief erschüttert hat. Aber letztendlich mussten wir natürlich in der Medizin immer mit solchen Situationen in kleineren Gruppen umgehen. Es gab immer Infektionskrankheiten, es gab die Tuberkulose. Ich denke einfach, dass man noch sorgfältiger schaut, dass man andere und sich schützt im klinischen Bereich, aber auch draußen. Damit vielleicht auch das eigene Umfeld eine gewisse Vorbildwirkung aufbaut. Das sind zum Teil grundsätzliche Dinge: Händewaschen, wenn ich huste, Abstand halten. Aber ich weiß, dass wir stark sind, dass wir in der Lage sind, unseren Patienten auch Hoffnung zu geben. Und ich gehe fest davon aus, dass es uns nicht so erwischt, dass wir so krank werden, dass wir unsere Leistungen nicht erbringen können. Davon träume ich."

Die Fragen stellte Tom Gräbe.

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Tom Gräbe Tom Gräbe arbeitet seit 2014 für MDR SACHSEN-ANHALT – als Reporter für den Salzlandkreis und ist daher sehr viel von Aschersleben, Staßfurt, Egeln bis zur Stadt Seeland unterwegs. Aufgewachsen ist er in Aschersleben. Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Seen um Plötzky, der Harz und die ruhigen Ecken im Ascherslebener Stadtpark.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 10. März 2021 | 14:45 Uhr

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