Corona-Ausbruch im Pflegeheim "Sonst geht man nicht von Zimmer zu Zimmer und schaut, wer noch atmet"

Alisa Sonntag
Bildrechte: MDR/Martin Paul

In Sabine Köslings Pflegeheim in Aschersleben sind sechs der 26 Bewohnerinnen und Bewohner im Kontext von Covid-19 gestorben – darunter auch ihre Schwiegermutter. Die Heimleiterin erzählt von der harten Zeit, von der Sorge um ihr Team und um die Bewohnerinnen und Bewohner und vom Druck der Verantwortung.

Ganz ohne Gefühle geht es nicht, wenn Sabine Kösling erzählt, wie sie die vergangenen Wochen in ihrem Pflegeheim in Aschersleben erlebt hat. Die letzte Zeit war schwer für die 53-jährige Heimleiterin. Denn es war nicht nur ein großer Teil ihres Teams mit dem Coronavirus infiziert, unter anderem sie selbst. Sechs der 26 Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims sind gestorben – darunter Köslings Schwiegermutter.

Kösling hat das Pflege-Unternehmen seit 1997 gemeinsam mit einer Kollegin aufgebaut. Anstrengend, sagt sie, sei die Situation schon lange gewesen, bevor die erste Heimbewohnerin mit Covid-19 in der zweiten Corona-Welle gestorben ist. Durch die erste Infektionswelle im Frühjahr 2020 sei das Haus ganz gut gekommen, im Sommer hätte dann vieles draußen stattgefunden. Schwieriger sei es geworden, als es wieder kälter wurde.

Der erste Corona-Fall

Mitte November gab es es den ersten Corona-Fall unter den Heimbewohnerinnen und -bewohnern, erinnert sich Kösling, die selbst gelernte Krankenschwester ist. "Das war eine Bewohnerin, die an Demenz erkrankt ist, aber noch total mobil und aktiv war. Wenn Sie die Einrichtung betreten, die kommt Ihnen immer entgegen und begrüßt Sie und umarmt Sie." Deswegen sei ihr auch bewusst gewesen, dass es nicht bei einem Fall bleiben werde. "Ich habe mich sehr erschrocken", sagt Kösling.

Den Angehörigen, denen Kösling telefonisch von dem Corona-Fall in der Einrichtung erzählte, sei es ähnlich gegangen: "Manche haben am Telefon geweint", erzählt Kösling. Im Heim herrschten mit Bekanntwerden der ersten Covid-19-Erkrankung strenge Schutzmaßnahmen. Die Bewohnerinnen und Bewohner mussten auf ihren Zimmern bleiben, das Personal durfte die Zimmer nur noch mit Schutzkleidung betreten – bestehend aus Schutzanzug, Handschuhen und einem Gesichtsvisier. "Zum Händehalten ist das einfach nicht schön", sagt Sabine Kösling.

Meine eigene Schwiegermutter hat gerufen 'Sabine, bist du's?' als ich in ihr Zimmer gekommen bin. Das tat mir leid.

Sabine Kösling, Pflegeheimleiterin

Trotz aller Vorsicht und Schutzmaßnahmen – das Infektionsgeschehen in dem Pflegeheim nahm seinen Lauf. "In so einer Einrichtung kann man das nicht aufhalten", sagt Kösling. Irgendwann seien elf oder zwölf der 26 Bewohnerinnen Corona-positiv gewesen und genauso viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Kolleginnen sind an der Belastungsgrenze

Zu dem Zeitpunkt war die Besetzung in dem Pflegeheim an ihrer Grenze. Es habe an allen Ecken gebrannt. Immer zu den Schichtwechseln hätten die Kolleginnen und Kollegen Corona-Schnelltests gemacht. Kösling erinnert sich: "Das Klingeln des Telefons hat mich zu dem Zeitpunkt richtig nervös gemacht. Es kann ja immer sein, dass jemand positiv ist. Und dann habe ich ein Problem, denn wer macht dann die Nachtschicht?"

Sie habe großen Respekt vor ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Einige von ihnen hätten zu Hause Menschen gehabt, die der Risikogruppe angehörten. Trotzdem seien jeden Tag alle zur Arbeit gekommen, die nicht infiziert waren. Eine Kollegin habe sogar ihr chronisch krankes Kind zu den Großeltern gegeben, während sie im Dienst war. Für die Angestellten in der Pflege sei die Pandemie ein ständiger Tanz auf dem Vulkan und bedeute auch viel private Einschränkungen.

Gleichzeitig hat sich Sabine Kösling große Sorgen um ihre Angestellten gemacht, besonders um die älteren von ihnen. Eine Kollegin im mittleren Alter sei für längere Zeit im Krankenhaus gewesen und habe Sauerstoff gebraucht.

Für mich war das immer ein Gefühl von Verantwortung und, ja, auch Mitschuld. Unter normalen Bedingungen wären diese Menschen in ihrem Beruf nicht krank geworden.

Sabine Kösling, Pflegeheimleiterin

Der erste Todesfall

Auch die Situation der erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner hatte sich in wenigen Tagen deutlich verschlechtert. "Das war wie in einem Lazarett", erzählt Sabine Kösling. "Alle lagen da, wollten nichts essen, nichts trinken, fühlten sich schlapp, waren kaputt." In der Zeit habe es im Pflegeheim nur Suppe zu essen gegeben, weil viele Bewohnerinnen aufgrund ihrer Covid-Erkrankung nichts anderes essen konnten. Es herrschte Ausnahmezustand.

Nach dem ersten Corona-Fall verging nur eine einzige Woche, bis die erste Heimbewohnerin starb. Sie war schwer pflegebedürftig, erzählt Kösling – und in keinem guten gesundheitlichen Zustand. Nach ihr seien jedoch auch anderen Bewohnerinnen und Bewohner gestorben. Solche, bei denen die Heimleiterin davon ausgegangen war, dass sie sich noch ein paar schöne Jahre machen können. "Es gab kein Schema, wer daran gestorben ist. Es sind nicht nur die Alten, nicht nur die Kranken gestorben", sagt Kösling, Hilflosigkeit in der Stimme. Die erste Corona-positive Bewohnerin, die an Demenz erkrankt ist und so gern alle umarmt – sie hat überlebt. Aber vier der 26 Bewohnerinnen und Bewohner sind direkt während ihrer Covid-Erkrankung gestorben. Zwei weitere, so schätzt Kösling das ein, an den Folgen der Infektion.

Sterben gehört dazu – aber nicht so

Dass in einem Pflegeheim Menschen sterben, ist nicht neu. Für Kösling gehört es zu ihrem Beruf dazu. Aber nicht so, wie es während der Infektionswelle im Pflegeheim passiert ist. Es seien definitiv mehr Menschen gestorben als sonst im Winter, sagt sie. Wie viele Bewohnerinnen und Bewohner in der kalten Jahreszeit sterben, sei zwar nicht jedes Jahr gleich. Es hänge vom Gesundheitszustand der alten Menschen ab. Wenn viele Menschen mit schweren Pflegegraden dabei seien, komme es schon vor, dass man über den Winter drei verliere. Trotzdem sagt Kösling: "Es ist anders. Sonst ist es nicht so, dass man von Zimmer zu Zimmer geht und schaut, wer noch atmet."

Unter normalen Umständen seien die Trauerfälle auch leichter zu bewältigen. In der Morgenrunde, die stattfindet, wenn nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner isoliert in ihren Zimmern sitzen, bespricht das Pflegepersonal die Todesfälle mit den Menschen im Pflegeheim. Außerdem gehe auch meist eine Kollegin oder ein Kollege, die oder der die verstorbene Person besonders nahestand, mit auf die Beerdigung. "Es gibt schon immer eine Art Trauer", erzählt Sabine Kösling. "Ich lasse das an mich heran."

Wenn ein Mensch stirbt, der sein Leben gelebt hat, muss man davor keine Angst haben. Das gehört dazu.

Sabine Kösling, Pflegeheimleiterin

Entscheidung gegen den persönlichen Abschied

Normalerweise verarbeite sie ihre Trauer oft mit Arbeit, sagt die Heimleiterin. Damit, für die Angehörigen da zu sein. Aktuell sei es schwerer, mit dem Tod umzugehen. Das gelte auch für das Personal im Pflegeheim, das nicht mehr mit auf Beerdigungen gehen kann und weniger Möglichkeiten hat, die Hinterbliebenen zu unterstützen.

Es gilt aber auch für die Angehörigen selbst. Wenn klar gewesen sei, dass einer der Erkrankten im Sterben gelegen habe, habe das Team alles gegeben, um den Angehörigen einen Besuch zum Abschied möglich zu machen, sagt Kösling. Einige hätten das Angebot dennoch nicht angenommen: "Viele waren selbst Risikopatienten oder hatten Risikopatienten zu Hause und mussten deswegen ihre Entscheidung gut abwägen. Ich verstehe das."

Abschied von der Schwiegermutter

Wie schwer es in der aktuellen Situation ist, den Tod einer geliebten Person zu verarbeiten, weiß Kösling auch aus eigener Erfahrung. Ihre Schwiegermutter war eine der Heimbewohnerinnen, die an den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung gestorben ist. Für Kösling hat das die ohnehin harte Zeit noch schwerer gemacht. Sowohl im Sterbe- als auch im Trauerprozess gab es dabei viele Einschränkungen.

"Ich hatte den Luxus, nachdem ich selbst mit meiner Erkrankung durch war, konnte ich ohne Handschuhe und ohne Maske an ihrem Bett sitzen und ihre Hand halten. Mein Mann ist aber chronisch krank. Er hat mit Handschuhen ihre Hände gehalten. Allerdings hatte ich die ganze Zeit dabei ein komisches Gefühl und habe immer wieder gelüftet."

"Man trauert mehr mit sich allein"

Auch zur Beerdigung seien einige der eingeladenen Gäste aus Sorge vor der Infektionsgefahr nicht gekommen: "Meine Schwiegermutter war 93. Sie hatte schon noch einige Kontakte – aber viele davon haben sich nicht zur Beerdigung getraut, so dass wir weniger als zehn Mann waren." Kösling verstehe die Entscheidung, nicht zu kommen:

Das ist eben genau das, was man in dieser Pandemie immer wieder abwägen muss: Wie viel Nähe man zu welchem Risiko zulässt.

Sabine Kösling, Pflegeheimleiterin

Trotzdem spüre sie, dass ihr Trauerprozess momentan anders ablaufe als sonst: "Man trauert mehr mit sich allein. Ich bin generell viel emotionaler. Wenn wir abends fernsehen, kann es sein, dass ich dabei anfange zu weinen. Und dazu müssen wir nicht mal einen traurigen Film schauen, da reicht auch eine Nachrichtensendung."

Weihnachtsfest mit leeren Plätzen

Ihren Kolleginnen und Kollegen gehe es teilweise ähnlich. Das Weihnachtsfest im Pflegeheim sei sehr emotional abgelaufen. Weil sowohl aus dem Team als auch unter den Bewohnerinnen und Bewohnern viele das Coronavirus gerade überstanden hatte, sei ein einigermaßen normales Weihnachten möglich gewesen. Dazu gehören traditionell Geschenke für alle – und viele Weihnachtslieder.

Es sei schön gewesen, endlich einmal wieder zusammenzusitzen, erzählt Kösling. Auch, wenn einige Plätze leer geblieben seien. Es sei sogar eine Heimbewohnerin dabei gewesen, deren Partner kurz zuvor verstorben war.

Als dann später alle versorgt waren, haben wir Kollegen uns darüber unterhalten, wie froh wir sind, dass wir alle da sind. Und dass die harte Zeit uns sehr zusammmengeschweißt hat.

Sabine Kösling, Pflegeheimleiterin

Die Situation bleibt angespannt

Wenn Gruppentreffen wieder wirklich möglich sind, will Sabine Kösling mit ihrem Team zusammenkommen und darüber sprechen, was sie alle in den vergangenen Monaten erlebt haben. Darüber, wie sie mit den Erfahrungen umgehen können. Auf die ganze Gesellschaft komme damit noch eine große Aufgabe zu, vermutet sie: "Wir haben da ein richtiges Bewältigungsszenario vor uns. Das wird in vielen Bereichen so sein, dass wir klären müssen, wie gehen wir danach mit unseren Gefühlen, mit dem Erlebten um."

Noch dauert es aber, bis an diesen Schritt zu denken ist. Momentan ist die Lage in der Altenpflege nach wie vor sehr angespannt. Zu Sabine Köslings Unternehmen gehört nicht nur der Pflegeheim, sondern auch eine Tagespflege und ein ambulanter Pflegedienst. Bei letzterem kann jeder Tag der erste einer dramatischen Infektionskette sein. "Wenn es nochmal passiert, wird es nicht wieder so schlimm werden", sagt Kösling. "Aber wir wollen das nicht. Wir stehen hier noch vollkommen unter Anspannung. Wir wollen nicht, dass jetzt alles wieder aufmacht."

Alisa Sonntag
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Über die Autorin Neugierig ist Alisa Sonntag schon immer gewesen – mit Leidenschaft auch beruflich. Aktuell beendet sie ihre Master in Multimedia und Autorschaft in Halle. Dabei schreibt sie außer für den MDR SACHSEN-ANHALT unter anderem auch für Krautreporter, das Veto-Mag und den Freitag.

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