Interview Impf-Ärztin: "Ich habe nicht gewusst, was auf mich zukommt"

Dr. Monika Mingramm ist die ärztliche Leiterin des Impfzentrums des Salzlandkreises in Staßfurt – obwohl sie längst im Ruhestand ist. Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT berichtet sie von anfänglicher Aufbruchsstimmung, schwierigen Gesprächen und großer Dankbarkeit. Reporter Tom Gräbe hat sie in der Impfstation Aschersleben getroffen, wo sie bis zum Schluss als Impf-Ärztin im Einsatz war.

Eine Frau mit Halstuch und runder, blauer Brille steht vor einem gelben Banner
Dr. Monika Mingramm hat am letzten Tag der Impfstation in Aschersleben Impfdosen verabreicht. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

MDR SACHSEN-ANHALT: Sie sind als ärztliche Leiterin ja von Anfang an dabei, im Impfzentrum, in Staßfurt. Was hat sie denn damals bewogen zu sagen: Ich mach das. Ich übernehme diese Aufgabe.

Dr. Monika Mingramm: Ich habe darauf gewartet, dass geimpft werden kann gegen das Coronavirus, weil ich immer noch der Meinung bin, dass wir keine andere Möglichkeit haben. Wir werden das Virus auch durch die Impfung nicht los. Aber wir können zumindest dafür sorgen, dass die Menschen nicht mehr reihenweise krank werden oder gar sterben. Und vielleicht kriegen wir dadurch ein bisschen unser Leben zurück. Der Oberbürgermeister von Aschersleben hat relativ zeitig daran gedacht, eine Stelle einzurichten, an der geimpft wird. Und in diese Überlegung war ich sozusagen involviert. Es kam dann aber so, dass man gesagt hat, es gibt nur ein Zentrum, und dieses Zentrum wird in Staßfurt sein. Für den Landkreis. Ich habe natürlich nicht gewusst, was auf mich zukommt. Auch, was die Stundenzahl täglich und die vielen Wochen anbelangt. Aber ich habe es gerne getan und aus vollster Überzeugung.

In eienr Turnhalle stehen mehrere Kabinen us weißen Wänden
Die Impfstation in Aschersleben hat bereits am letzten Augustwochenende geschlossen. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Hintergrund: Sachsen-Anhalts Impfzentren schließen In Sachsen-Anhalt sollen nach Angaben des Gesundheitsministeriums die Impfzentren – da von gibt es je eins in den Landkreisen beziehungsweise kreisfreien Städten – Ende September schließen. Ab Oktober werden die Corona-Schutzimpfungen den Angaben nach dann in der Regel über niedergelassene Ärzte vorgenommen. Ergänzend sollten weiter mobile Impfteams im Einsatz sein, die über die Landkreise und kreisfreien Städte koordiniert würden, hieß es weiter.

Seitdem sitzen Sie mit Menschen, in Impfkabinen, so wie wir jetzt. Was hat sich getan, auf der anderen Seite des Tisches? Seit Sie angefangen haben, zum Jahresanfang hoch betagte Senioren geimpft haben?

Es war im Januar ja fast ausschließlich die Altersgruppe 80. Und bei denen war sowas wie eine Aufbruchsstimmung spürbar. Aufregung, aber auch so etwas wie Hoffnung, nicht krank zu werden. Es haben sogar viele Impflinge gemeint: Sie gehen trotzdem nicht raus und schützen sich. Und sie kriegen so etwas wie eine Garantie, nicht an diesem Virus sterben zu müssen. Wir möchten unsere Enkel sehen – solche Fälle waren dabei. Also es war eine große Dankbarkeit, dass man geimpft werden kann.

Es dauerte aber nicht lange, dass sich das tatsächlich paarte mit dem Unmut derer, die laut Priorisierung noch nicht dran waren. Es war kein Impfstoff da. Und damit musste man priorisieren. Ja, und jetzt haben wir Impfstoff.

Richtig Fahrt haben wir eigentlich aufgenommen mit bis zu 500-600 Impfungen am Tag, als Astrazeneca zugelassen war. Das hat sich dann allerdings auch ganz schnell wieder gedreht. Und da muss man einfach sagen: Da wurde viel über die Medien kaputtgemacht. Da wurden Dinge publiziert, die der Nichtfachmann gar nicht mehr werten kann. Da war ein Lehrer um die 40, der hat Astra bekommen. Danach ist er in sein Auto gestiegen und hat gehört: Mit sofortiger Wirkung ist Astrazeneca für Menschen über 60. Das hat natürlich viel, viel Unsicherheit gebracht.

Packung mit AstraZeneca-Impfstoff-Fläschchen
Das Präparat von Astrazeneca geriet wegen sich ändernder Empfehlungen mehrfach in die Schlagzeilen. Bildrechte: dpa

Richtig Fahrt haben wir aufgenommen, als Astrazeneca zugelassen war. Das hat sich dann allerdings schnell wieder gedreht. Und da muss man einfach sagen: Da wurde viel über die Medien kaputtgemacht.

Und man hatte 2020, den Eindruck, es entsteht wieder ein bisschen Solidarität unter den Leuten. So ein bisschen Menschlichkeit. Ein Stück weit davon ist in der Impfkampagne verloren gegangen. Astra hatte dann ja eine Zulassung für Menschen über 60. Und wir haben gedacht, wir können es tatsächlich an die über 60-Jährigen verimpfen, um den dann noch raren anderen Impfstoff für die Jüngeren zu haben.

Das ist uns nicht gelungen, auch hier nicht – oder jedenfalls so gut wie nicht gelungen. Und wenn man dann gesagt hat: Sie sind alt, nehmen Sie das doch. Die Jungen sind doch auch mal dran. Und ich mag auch nicht aus meinem Herzen eine Mördergrube machen. Ich habe dann immer gesagt: Na ja, aber der Junge ist der Müllwerker, der holt ihren Müll ab oder sitzt an einer Kasse. Das waren die Berufsgruppen, die wir gerne schon viel früher geimpft hätten – die Stadtwerke, die Verkäufer, die Lehrer, die Erzieher. Jeden, der im normalen Leben dadurch gefährdet ist. Und dann war der Impfstoff da und plötzlich ging alles. Dann hat man zunächst den Eindruck gehabt, es haben viele darauf gewartet.

Ich war in der vergangenen Woche mehrmals an der Impfstation hier in Aschersleben. Mich hat gewundert: Ich habe relativ viele Senioren gesehen. Also Menschen, die ja schon vor Monaten ein Impfangebot bekommen hatten. Und auch junge Menschen, die gesagt haben: Ich habe Angst vor den Nebenwirkungen. Haben Sie das auch beobachtet?

Das ist einfach der Fluch des digitalen Zeitalters. Es sind so viel krude Gedanken unterwegs. Gestern hat ein älterer Herr zu mir gesagt: Wird dann meine DNA verändert? Das hätte er irgendwo gelesen. Alte Menschen kommen jetzt, die manchmal sagen: Unsere Kinder wollten das nicht. Aber jetzt ist es uns egal, weil wir ja dann nicht mehr zum Friseur gehen dürfen. Und dann müssen wir den Test bezahlen. Ich frage sie dann: Meinen Sie, Ihre Kinder hätten sie gepflegt, wenn Sie Corona gekriegt hätten?

Es sind so viel krude Gedanken unterwegs. Gestern hat ein älterer Herr zu mir gesagt: Wird dann meine DNA verändert?

Bei den Über-70-jährigen gibt's mal Krankheiten. Und die, die sagen: Wir gehen ja sowieso nicht raus. Oder sie hatten niemanden, der sie fährt. Aber es gibt tatsächlich Familien, in denen Meinungen aufeinanderprallen. Und manch einer hat dann einfach Angst, dass der Sohn oder der Enkel böse ist.

Ist jetzt eine gute Zeit, sich impfen zu lassen?

Es ist eine absolut gute Zeit, sich impfen zu lassen. Weil die Zahlen wieder ansteigen. Das heißt, die Gefahr, dass ich mich infiziere und krank werde, kommt langsam wieder. Und jetzt könnte ja jemand sagen: Ich kann ja positiv werden, wenn ich geimpft bin, das ist richtig. Aber ich habe einen ganz großen Schutz, nicht selbst zu erkranken, schwer zu erkranken. Die intensiv behandlungspflichtige Covid-Erkrankung bleibt mir sicherlich erspart. Und wenn ich eine abgeschlossene Impfung habe, bin ich auch weniger Überträger des Ganzen. Wenn wir dann nicht mehr krank werden und auch niemand mehr in Größenordnungen daran stirbt – dann sind wir doch einen Riesenschritt weiter auf dem Weg zu einem wieder normalen sozialen Leben auf der Welt.

Wir werden immer Menschen haben, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können. Das sind allerdings wirklich sehr wenige. Und wir werden natürlich immer jemanden haben, der, aus welcher Überzeugung auch immer, sich nicht impfen lässt.

Wie viele Aufklärungsgespräche vor der Impfung haben Sie schon geführt?

An manchen Tagen 400, an anderen nur 300. Ganz am Anfang waren es immer nur 50 oder 60.

Wird das auch mal langweilig? Oder benutzen Sie dann irgendwann nur noch die gleichen Worte?

Man wählt schon die gleichen Worte, weil man hat sich ja irgendwann mal – auch um nichts Wesentliches zu vergessen – so ein bisschen ein Gerüst aufgebaut. Das Thema ist trotzdem immer das Gleiche. Aber: Aufklärung ist wichtig.

In einem Kühlfach liegen mehrere Schachteln mit Corona-Impfstoff und Etiketten
Blick in den Kühlschrank der Impfstation in Aschersleben: Am letzten Tag wurden gerade mal 20 Dosen verimpft. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Ich hatte immer die längsten Gespräche mit denen, die die angekreuzt hatten: Kein Arztgespräch. Dann habe ich immer gesagt: Sie müssen aber trotzdem reinkommen. Ich muss meinen Stempel setzen und meine Unterschrift. Und dann hab ich nachgefragt. Also, der Gesprächsbedarf ist schon da. Am wenigsten Bedarf war bei den ganz alten Herrschaften. Da hat manch einer gesagt: Ärmel hoch und rein.

Und jetzt, in letzter Zeit ist es so: Ich sage es ungern, aber da sind auch ein bisschen unverschämte Menschen dabei. Menschen, die also meinen, sie wollen das nicht. Dann sage ich immer: Dann sind sie hier falsch. Und es heißt, ihnen bliebe nichts anderes übrig bei den Vorschriften. Und dann sage ich immer: Ich mache die Vorschriften nicht. Das merken wir jetzt zusehends. Man muss sich also so ein kleines bisschen verbal jetzt wehren. Die Leute sind in allen Medien unterwegs. Aber wissen Sie, wie lange das gedauert hat, bis die mitgekriegt haben, dass man in Staßfurt keinen Termin mehr braucht?

Sie sehen ja nun ganz viele Menschen, ganz doll komprimiert, jeden Tag. Was haben die vergangenen Monate mit Ihnen gemacht?

Also. Erstens muss ich sagen, dass ich ja eigentlich ab Januar 2020 im Ruhestand gewesen wäre, sonst hätte ich das ja sowieso nicht machen können. Ich habe mein ganzes Berufsleben über ausgesprochen gern in einem Team gearbeitet. Ich war ja Anästhesist, und der ist ja kein Einzelarbeiter. Ich habe am Anfang tatsächlich nicht gewusst, was mich erwartet. Aber, ich arbeite in einem tollen Team. Und tatsächlich hat das so ein bisschen meinen Horizont erweitert, es ist wirklich viel Menschenkontakt.

Sie kommen aber auch mit traurigen Lebensgeschichten zusammen. Wenn vor ihnen jemand sitzt und sagt: Mein Mann ist vor vier Wochen an Corona gestorben.

Aber es gibt auch viele schön Dinge. Die Dankbarkeit Vieler, dass wir diese Arbeit machen. Für mich war es eine Bereicherung, wenn es auch manchmal ein bisschen Stress war. Ich habe viele kluge, viele fleißige Menschen getroffen, die auch gesagt haben: Jawohl, wir machen das. Das war das Gute daran.

MDR/Tom Gräbe, André Plaul

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 30. August 2021 | 08:10 Uhr

5 Kommentare

Tacitus vor 6 Wochen

Zur Frage des älteren Herrn empfehle ich der Ärztin sich über den Nobelpreis 2006 an Mello und Fire zu informieren- stand sogar ausführlich in der Ärztezeitung. Dann könnte sie sich bei dem älteren Herrn entschuldigen.

Ignatz Wrobel vor 6 Wochen

MDR bitte gebt uns Beispiel für Bandwurmsätze mit bis zu 79 Wörtern und acht Mal so umfangreich wie früher.
Sorry das ich euch hier schreibe, für mich nicht nachvollziehbar bleiben Eure Kommentarfreischaltregeln.
Gänzlich unverständlich dagegen wenn Ihr pietätlos handelt und Euch mehrfach am minimal (<6 User) frequentiertem Palaver ergötzt.

Haller vor 6 Wochen

War das Geschäft ihres Lebens?

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