Interview zum Kindertag Grundschülerin aus Aschersleben: "Kinder haben meistens mehr Ahnung, als Erwachsene denken"

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Mehr Spielplätze in der Stadt und ein Rauchstopp für Eltern: Luise und Julie von der Freien Montessori-Grundschule in Aschersleben fallen so einige Themen ein, bei denen sie gern mitbestimmen würden. Zum Kindertag erklären sie, warum sie öfter angehört werden möchten, wie viel sie von Erwachsenen aufschnappen und welche Entscheidungen sie lieber den Großen überlassen.

Luise Karin Hübner (links) und Julie Marie Blankenburg gehen in die vierte Klasse der Freien Montessori-Grundschule Aschersleben.
Zum Kindertag sprechen die Viertklässlerinnen Luise Karin Hübner (links) und Julie Marie Blankenburg von der Freien Montessori-Grundschule Aschersleben über das Thema Mitbestimmung. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

Zum Kindertag haben bei MDR SACHSEN-ANHALT zwei Mädchen das Wort. Luise Karin Hübner und Julie Marie Blankenburg gehen in die vierte Klasse der Freien Montessori-Grundschule in Aschersleben. Im Interview reden sie über das Thema Mitbestimmung: Wo würden sie gern mehr mitreden? Wie könnte das aussehen? Was sollen die Erwachsenen lieber allein entscheiden?

MDR SACHSEN-ANHALT: Als Erwachsener vergisst man ja total viele Dinge aus der Kindheit. Ich habe zum Beispiel keine Ahnung, ab wann ich selbst entscheiden durfte, was ich anziehe. Wer hat denn heute früh eure Klamotten rausgesucht?

Julie: Das war hauptsächlich Mama. Aber zum Glück darf ich immer mal mitentscheiden.

Luise: Also ich suche mir meine Sachen immer selbst raus. Meine Mutter hat da nicht viel zu sagen. Sie sagt mir nur, wie kalt oder wie warm es wird.

Und wo dürft ihr noch mitentscheiden?

Julie: Ich darf zum Beispiel manchmal mitbestimmen, was es zu essen gibt.

Luise: Ich darf auch mitentscheiden, wohin wir in den Urlaub fahren. Und in der Schule haben wir in unserem Raum immer mal Tiere; da dürfen wir mitbestimmen, welche das sein sollen. Wir sammeln dann Ideen und stimmen ab. Dieses Jahr haben wir Schmetterlinge und Stabheuschrecken.

Findet ihr mitbestimmen manchmal auch schwierig?

Luise: Ja, das ist sehr schwierig, vor allem, wenn man in der Klasse etwas bestimmt. Jeder hat eine andere Meinung. Und manchmal kommt es auch wirklich zu Konflikten. Aber die werden dann schnell geregelt. Also Mitbestimmen ist einfach alleine, aber schwierig in einer Gruppe.

In der Corona-Krise hätte ich mir gewünscht, dass man uns gefagt hätte, ob wir zur Schule gehen wollen.

Luise Karin Hübner, Grundschülerin

Bei vielen Sachen entscheiden die Erwachsenen ja allein. Wo hättet ihr denn in letzter Zeit gern mitbestimmt?

Luise: Also ich hätte gern mitbestimmt bei der Corona-Krise. Die Corona-Regeln haben mir nicht so gut gefallen. Ich hätte mir gewünscht, dass man uns gefragt hätte, ob wir zur Schule gehen wollen. Mir ist es zu Hause sehr schwer gefallen, zu lernen, weil man sich da einfach so fühlt als wären Ferien.

Julie: Ich hätte wirklich gern mitbestimmt bei der Oberbürgermeister-Wahl. Ich weiß, es ist für Erwachsene. Aber: Kinder sind auch Menschen und haben ein Recht, mitzubestimmen. Erwachsene sind zwar größer und etwas älter, haben mehr Weisheit. Aber Kinder haben noch viel vor sich.

Luise: Man könnte ja auch Kinder nicht wählen lassen, aber fragen, was sie denn gern an der Stadt verändert haben wollen. Zum Beispiel mehr Spielplätze, vielleicht ein Freibad oder Wanderwege, mehr Grün.

Zettel mit Wünschen für den Bürgermeister

Und wie genau könnte das aussehen, dass ihr der Stadt eure Meinung sagt?

Julie: Ich würde gern haben, dass der Oberbürgermeister mal sagt: "Wir eröffnen einen kleinen Stand und dann gibt's dort Zettel. Die Kinder schreiben was auf die Zettel. Das sehe ich mir an, und dann verbessere ich das in der Stadt oder schreibe Briefe zurück, warum das nicht geht."

Wo würdet ihr denn noch gern mitreden?

Luise: Ich weiß, dass viele Menschen rauchen, die auch Kinder haben. Und deren Kinder wollen auch eine Zukunft für ihre Eltern haben. Aber meistens hört man nicht auf sie. Wenn Kinder sich das wünschen, dann sollten Eltern damit auch aufhören.

Eure Eltern schauen wahrscheinlich immer mal Nachrichten oder lesen Zeitung. Wie viel bekommt eigentlich ihr davon mit?

Julie: Ich finde manchmal etwas in den Zeitungen, was mich interessiert. Da kann man sich schon informieren. Aber für Kinder liefert man keine extra Zeitung – leider. Ich würde mir wünschen, dass es eine Kinderzeitung gäbe, in der alle schweren Begriffe auch mal erklärt sind.

Und dann sollten die Erwachsenen auch etwas offener sein. Sie verraten uns manchmal nicht, was wir gern wissen möchten.

Julie Marie Blankenburg, Grundschülerin

Gibt es denn Themen aus den Nachrichten, bei denen ihr hellhörig werdet und sagt: Darüber möchte ich mehr wissen?

Luise: Ich interessiere mich nicht so für Politik: Wer ist jetzt Bürgermeister? Wer ist Ministerpräsident? Aber ich interessiere mich für das, was in anderen Ländern los ist, für andere Kulturen. Über den Krieg in der Ukraine wollen ja viele Mädchen gar nichts wissen, weil es einfach grausam ist. Aber ich möchte dann doch mehr wissen. Ich möchte einfach wissen, was da los ist. Dieser Krieg könnte ja auch zu uns kommen, nach Deutschland.

Julie: Man sollte nicht nur die halbe Wahrheit kennen, man sollte sich weiter informieren. Und dann sollten die Erwachsenen auch etwas offener sein. Die Erwachsenen verraten uns manchmal nicht, was wir gern wissen möchten.

Kinder spielen in der Schule Flüchtlinge im Krieg

Redet ihr in den Pausen oft über den Krieg in der Ukraine?

Luise: Ich merke hauptsächlich, dass kleinere Mädchen spielen, sie wären Flüchtlinge im Krieg. Sowas find ich dann schon traurig. Ich hab auch schon mal aufgeschnappt, dass dann ein Mädchen gesagt hat: "Das ist nicht witzig, das ist da wirklich so. Die haben da ganz viel Angst." Und dann haben die anderen gesagt: "WIr spielen es ja nur." Das heißt dann, dass sie es falsch verstanden haben.

Julie: Da muss ich Luise Recht geben. Manchmal verstehen es Kinder einfach anders und spielen dann Krieg. Das ist so herzzerbrechend. Wenn man bedenkt, dass es mal wirklich so sein könnte: Das wäre wirklich schrecklich.

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Was gerade in der Ukraine geschieht, beschäftigt uns nicht nur, es entsetzt und verstört uns. Unser Kinder spüren das und die Nachrichten über diesen Krieg verunsichern auch sie. Wir sprechen mit einer Kinderpsychologin.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 11.03.2022 07:10Uhr 02:21 min

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Vergessen wir mal die schlimmen Nachrichten. Was sind denn sonst Themen, über die ihr mit Freunden in der Schule redet?

Julie: Legenden. Ich habe schon ein paar Legenden gehört. Und darüber unterhalte ich mich wirklich gern mit anderen. Ich erzähle zum Beispiel oft die Legende, wie der Adler die Sonne gerettet hat.

Luise: Meine Freunde sind alle verschieden. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, mit der rede ich über Verschwörungstheorien, mit einer anderen über Filme oder auch über Noten.

Das wissen die Erwachsenen nicht: Dass wir Kinder schon viel aufschnappen, was sie erzählen und das weitererzählen.

Luise Karin Hübner

Da sind viele Erwachsenen-Themen dabei. Glaubt ihr, ihr seid eine Ausnahme oder interessieren sich viele Kinder für solche Sachen?

Luise Karin Hübner (links) und Julie Marie Blankenburg gehen in die vierte Klasse der Freien Montessori-Grundschule Aschersleben.
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Luise: In meinem Freundeskreis interessieren sich ganz viele dafür. Weil Geschichte eine spannende Sache ist. Das kommt alles aus unserer Welt. Und man sollte über seine Welt schon viel wissen. Die meisten Kinder interessiert es wirklich, wenn man so etwas anspricht, und die meisten Kinder wissen ganz viel darüber, was die Erwachsenen reden. Das wissen die Erwachsenen nicht: Dass wir Kinder schon viel aufschnappen, was sie erzählen und das weitererzählen.

Findet ihr, dass Kinder bei manchen Erwachsenen-Themen auch mitbestimmen sollten? Beim Klimaschutz zum Beispiel wollen ja gerade viele Kinder und Jugendliche etwas verändern.

Luise: Ja. Kinder haben meistens mehr Ahnung, als Erwachsene denken. In der Schule habe ich auch gerade mit ein paar Freunden ein Klima-Projekt unter dem Namen "Die Erde ist kein Mülleimer".

Und bei welchen Themen sollten die Erwachsenen lieber allein entscheiden?

Luise: Bei der Ministerpräsidenten-Wahl. Das ist was ganz Wichtiges. Da sollten Kinder meiner Meinung nach nicht mitbestimmen, weil sie das dann vielleicht nur nach dem Aussehen machen. "Der sieht hässlich aus, der hat keine Ahnung", sagt man vielleicht und wählt den dann nicht – obwohl der das Beste für Deutschland wäre. Sowas Wichtiges ist dann doch mehr etwas für die Erwachsenen, die sich mehr damit beschäftigen, die Flyer kriegen und sich die ganz genau durchlesen.

Erwachsene schätzen Kinder manchmal falsch ein – vor allem, weil sie auch vergessen, wie ihre Kindheit war.

Luise Karin Hübner

Erwachsene sagen ja bei manchen Themen oft: Darüber sollte man mit Kindern gar nicht erst diskutieren, weil sie sich zu wenig auskennen. Wie findet ihr das?

Luise: Ich verstehe, wenn Erwachsene sagen: "Da sollst du nicht mitreden." Aber wenn man zuhört und ein paar Worte aufschnappt und dann nur ein ganz kleines bisschen mitreden will und dann angemeckert wird, fühle ich mich schon schlecht. Weil: Eigentlich weiß ich ja was darüber, aber hab das vielleicht nur in den falschen Satz gefasst. Erwachsene schätzen Kinder manchmal falsch ein – vor allem, weil sie auch vergessen, wie ihre Kindheit war.

Es geht euch also gar nicht so sehr ums Entscheiden. Ihr wollt vor allem, das man mit euch über eure Meinung spricht.

Julie: Ja, so ist es einfach. Unsere Meinung ist uns sehr wichtig.

Irgendwann habt ihr ja vielleicht selbst Kinder. Was dürfen die denn später mal mitbestimmen, was eure Eltern heute ohne euch entscheiden?

Julie: Ich denke immer: Mama ist viel zu vorsichtig mit mir. Sie hat immer Angst, wenn ich über die Straße gehe. Aber wenn man mal darüber nachdenkt: Was würde ich denn machen, wenn ich ein Kind hätte? Stimmt. Ich würde es auch erstmal nicht allein den Schulweg gehen lassen – viel zu gefährlich.

MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT | 01. Juni 2022 | 09:00 Uhr

12 Kommentare

Reuter4774 vor 16 Wochen

Was ist der Unterschied zum Senioren-/ oder Flüchtlingsbeirat? Die äußern auch nur die Anliegen und kümmern sich auch nicht um die Finanzierung. Gibt es noch Erwachsene die wissen wie Politik auf verschiedenen Ebenen geht? Die nicht nur Kinder Niedersachen können? Armseliges Ego!

Reuter4774 vor 16 Wochen

Hilflos ( wie immer korrekt der Name)
Keine eigenen Vorstellungen, nur mal mit dumm rum meckern. Die Kinder haben konkrete Vorstellungen den " Erwachsenen " fällt nur ein auf die ominöse " Politik" zu schimpfen die sie selbst mit gewählt haben. Engagement fällt Leuten wie Ihnen erst recht nicht ein, machen sollen das die Anderen.

Kritiker vor 16 Wochen

@hilflos: Bleibt wenigstens die Hoffnung, dass diese ahnungslosen Politiker im Rahmen von Geldern bald mal aussterben. Kinder sind die Zukunft und die Hoffnung das diese Kinder als Erwachsene am Ende (in der Zukunft) mehr Ahnung von Geld, seinen Wert & entsprechende Verwendungen usw. haben sollten als die heutige(n) Politiker*innen!

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