Sachsen-Anhalter im Ausland Was ein Deutschlehrer aus Schönebeck an einer Schule in Armenien erlebt

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Früher hat Holger Schmidt in Schönebeck Deutsch unterrichtet. Heute macht er das in Armenien. Unter seinen Schülern sind viele aus Deutschland abgeschobene Jugendliche. Und die kämpfen in dem fremden Land mit ihren ganz eigenen Problemen. Der 17-jährige Narek zum Beispiel: Er hat zuvor in Halle gelebt und ist dort zur Schule gegangen.

Bildschirmfoto aus einer Videokonferenz eines kurzhaarigen Mannes
Bildrechte: Holger Schmidt

Neue Gesichter in der Klasse. Kinder, die mitunter still sind, weil sie kaum die Sprache sprechen. Anmeldungen mitten im Schuljahr, Knall auf Fall. Neue Schüler, die sich erst zurechtfinden müssen, in einem fremden Land, im Schulstoff, mit ihren Mitschülern. Beim Ankommen hilft ein Deutschlehrer aus Schönebeck. Allerdings nicht hier – sondern in Armenien. In seinem Unterricht an einer Schule in Jerewan sitzen auch Kinder, die lange in Deutschland gelebt haben. Bis ihre Familien ausgereist sind oder abgeschoben wurden. In ihr Herkunftsland in Armenien.

Holger Schmidt unterrichtet in Armenien

Armenischen Schülern die deutsche Sprache näher zu bringen, das ist der Job von Holger Schmidt. Seit sechs Jahren lebt und arbeitet er an einer Schule in der armenischen Hauptstadt Jerewan und unterrichtet Deutsch. In seinen Klassen sitzen immer wieder auch Kinder und Jugendliche, die schon ziemlich gut Deutsch können, einfach weil sie lange in Deutschland gelebt haben.

"Ich weiß nicht durch wen, aber diese Kinder werden an unsere Schule weitergeleitet", sagt er. Und so unterrichtet er auch die 15-jährige Vergine. Sechs Jahre hat sie in Deutschland gelebt. Dann wurde sie mit ihrer Familie abgeschoben. Zurück nach Armenien: "Wir haben alle geweint. Und dann sind wir halt am ersten Tag zu meinem Onkel gefahren. Er hat uns vom Flughafen abgeholt."

Weißhaariger Mann mit Mundschutz macht Selfie mit Schulklasse im Hintergrund
Holger Schmidt und seine Klasse Bildrechte: Holger Schmidt

Zwei aus Sachsen-Anhalt in Jerewan

Wie das Ankommen funktioniert, darüber sprechen wir mit Vergine in einem Videochat. Holger Schmidt hat den Termin vermittelt. Wir wollen nicht über die rechtliche Situation in Deutschland sprechen, über Asylverfahren oder die Gesetzeslage. Sondern darüber, wie es ist, nach Jahren in Deutschland in einem fremden Land aufzuwachsen, Anschluss zu finden im Alltag.

Die Schule, an der Holger Schmidt Kinder auf das Deutsche Sprachdiplom vorbereitet, besucht seit kurzem auch der 17-jährige Narek. Er hat mit seiner Familie in Halle gelebt. Ist dort zur Schule gegangen. Und jetzt haben sich quasi zwei aus Sachsen-Anhalt in Jerewan getroffen. Ein Lehrer, der eine neue berufliche Herausforderung im Ausland gesucht hat, und ein Schüler, über dessen Leben andere entschieden haben.

"Wir geben schon Rat", sagt Holger Schmidt. Letztendlich müssten sich die Familien aber alleine durchschlagen. Narek sei aus Syrien nach Deutschland gekommen, sagt er. Weil seine Familie aber armenische Vorfahren habe, hätten ihn die Behörden nach Armenien abgeschoben, in ein fremdes Land.

Überprüfen lassen sich die Angaben im Detail nicht

An seine Ankunft in Armenien kann sich Narek gut erinnern. "Mein Onkel hat uns geholfen, vom Ausland aus. Damit haben wir eine Wohnung bezogen", sagt er. Das soziale Netz in Armenien, das sei die Familie.

Mann mit kurzen Haaren und buntem Hemd macht ein Selfie
Bildrechte: Holger Schmidt

Du bist relativ schnell drin, wenn du Verwandte und Bekannte hast, die dir helfen, auch wenn sie nicht viel haben.

Holger Schmidt, Lehrer in Armenien

Manche Familien hätten gar keine Bezugspersonen, keine Angehörigen. Sie müssten dann zusehen. Integrationsangebote wie in Deutschland kennt Holger Schmidt in Armenien nicht.

Schwierigkeiten im Unterricht

Für die Jugendlichen beginnt dann irgendwann der Schulalltag. Der Unterricht. Vergine sagt, sie habe ihre Mitschüler verstanden. Die Buchstaben aber habe sie nicht schreiben können. In Armenien steht außerdem auch Russisch auf dem Lehrplan. "Das fehlt", sagt sie.

Ihr Deutschlehrer ist Holger Schmidt. Vergine sei die Älteste in der Gruppe. "Aber sie hat sich da sehr gut integriert, auch weil sie vom Typ her sehr offen ist."

Lehrer zwischen den Kulturen

Der Schulalltag ist anders als in Deutschland. Die Schulgebäude sehen anders aus, sagt die 15-jährige Vergine. "In manchen Klassenräumen hängt nur eine Lampe." – "Eine Birne und keine Lampe", ergänzt der Deutschlehrer. "Er versteht mich", sagt die Schülerin. Er habe Deutschland gesehen – und Armenien.

Gefühlt kämen seit ein, zwei Jahren mehr Schüler, die in Deutschland gelebt haben. Dafür gebe es unterschiedliche Gründe. "Es gibt einige, die kommen freiwillig", so Schmidt, andere würden abgeschoben. Allerdings: Seine armenischen Schüler aus Deutschland, die kommen an. Mit der Zeit, beobachtet Holger Schmidt.

Auch die Persönlichkeit spielt eine Rolle

Es gibt diese sympathischen, offenen. Und es gebe natürlich auch diejeningen, die sagen: "Ich bin aus Deutschland und ich bin besser als alle anderen. Und ich habe schon Dinge gesehen, die ihr noch nie gesehen habt." Man empfängt sie, sagt er.

Gastfreundschaft gehört zur Kultur in Armenien. Gastfreundschaft und Offenheit. Das ist die eine Seite. Die andere: Fragen werden sehr schnell sehr persönlich. Dass fremde Menschen nach dem Gehalt fragen, nach Familienverhältnissen, das sei nicht ungewöhnlich, sagt Holger Schmidt. "Also persönliche Fragen, die in Deutschland eher Verschlusssache sind. Die werden hemmungslos gestellt." Daran hat er sich aber gewöhnt.

Ankommen kann nur, wer die Sprache spricht

Sich einleben, ankommen, das müssen auch die Jugendlichen. Ganz wichtig dafür ist die Sprache. Der 17-jährige Narek spricht sie kaum.

Wenn ich zur Schule gehe, verstehe ich eigentlich fast gar nichts.

Narek, 17 Jahre, nach Armenien abgeschoben

Natürlich müsse man dafür Sorge tragen, dass die Schüler auch Armenisch lernen, sagt Holger Schmidt. Narek habe man für die Prüfung anmelden können, damit er zumindest das Deutsche Sprachdiplom absolvieren kann. Aber ansonsten fühle er sich wahrscheinlich doch eher wie ein Fremdkörper, sagt Holger Schmidt.

Neue Pläne für die Zukunft

Eigentlich wollte der 17-Jährige etwas in Richtung Biologie studieren. "Jetzt weiß ich nicht." Anschluss hat er noch nicht gefunden. Seine Tage verbringe er mit YouTube und Netflix. Er sei zwar da, aber er sei fremd in einem für ihn auch völlig fremden Land, sagt Holger Schmidt.

In Deutschland wollte Vergine Medizin studieren. Ihr aktueller Berufswunsch: IT- Managerin. Und sie will später zurück nach Deutschland. Am besten mit einem Arbeitsvertrag. "Wie es halt klappt", sagt sie.

Allerdings: Ihre Deutschkenntnisse, die können den Schülern auch in Armenien helfen. Es gibt sogar einen speziellen Abschluss: das Deutsche Sprachdiplom. Und Holger Schmidt, der Lehrer aus Schönebeck, bereitet sie darauf vor.

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über den Autor Tom Gräbe arbeitet seit 2014 für MDR SACHSEN-ANHALT – als Reporter für den Salzlandkreis und ist daher sehr viel von Aschersleben, Staßfurt, Egeln bis zur Stadt Seeland unterwegs. Aufgewachsen ist er in Aschersleben. Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Seen um Plötzky, der Harz und die ruhigen Ecken im Ascherslebener Stadtpark.

MDR SACHSEN-ANHALT/Tom Gräbe, Jana Müller

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 05. Mai 2021 | 17:40 Uhr

4 Kommentare

mattotaupa vor 5 Wochen

"es gibt auch hier in unserem Land mehr als genug Schüler die nicht "klar kommen"" bestreitet niemand aber ist nicht gegenstand des artikels und hat damit auch null zu tun. "die ernsthaft Hilfe bräuchten und um deren Zukunft ich mir ebenfalls Sorgen mache!" sorgen machen allein hilft niemandem.

Gerd Mueller vor 5 Wochen

wie wird frau lehrer*in in Armenien - vor Wochen las ich das Lehrer*innen gesucht und sogar pensionierte reaktiviert werden sollen und Sachsen-Anhalt schickt sie nach Armenien

zu Daniel aus Schönebeck: "die nicht klar kommen", gibt es überall und haben mit Schoenebecker Lehrer unterrichtet in Armenien, nichts zu tun

DanielSBK vor 5 Wochen

Entschuldigung Herr Schmidt und Chapeau für Ihren Einsatz - aber es gibt auch hier in unserem Land mehr als genug Schüler die nicht "klar kommen" und die ernsthaft Hilfe bräuchten und um deren Zukunft ich mir ebenfalls Sorgen mache!

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