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Jutta Böttcher arbeitet ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin in Aschersleben. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Ehrenamtliches EngagementWie eine Notfallseelsorgerin aus Aschersleben Menschen hilft

von Tom Gräbe, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 19. März 2022, 18:02 Uhr

Tod, traumatische Erlebnisse und emotionale Belastung: Jutta Böttcher aus Aschersleben ist direkt für Menschen da, die Schicksalsschläge erlitten haben. Denn sie ist ehrenamtliche Notfallseelsorgerin. Gerade in der aktuellen Zeit hat sie einiges zu tun – ein Besuch bei ihr vor Ort.

Sie leisten Menschen Beistand, denen gerade Traumatisches widerfahren ist. Sie fangen Angehörige emotional auf, wenn Menschen plötzlich verstorben sind. Notfallseelsorger unterstützen Polizei und Rettungskräfte bei ihrer Arbeit – im Ehrenamt. Jutta Böttcher aus Aschersleben ist eine dieser Freiwilligen.

MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Böttcher, Sie leiten eines der 22 Teams, das – angedockt an Hilfsorganisationen oder kirchliche Einrichtungen – Menschen unmittelbar nach Schicksalsschlägen begleitet. Wer ruft Sie zum Einsatz?

Jutta Böttcher: Die Alarmierung erfolgt über die Rettungsleitstelle nach Anforderung durch Polizei und Rettungsdienst. Wir betreuen Angehörige nach Tod im häuslichen Bereich, nach Suizid oder nach Unfällen. Wir begleiten die Polizei beim Überbringen von Todesnachrichten und kümmern uns um die Betroffenen. Darüber hinaus übernehmen wir die Betreuung von Betroffenen, Zeugen und Ersthelfern nach Unfällen und Straftaten. Auch bei Großschadenlagen, wie zum Beispiel der Erdrutsch in Nachterstedt, sind unsere Notfallseelsorger im Einsatz und helfen vor Ort. Sind Schüler durch ein traumtisierendes Ereignis betroffen, unterstützen wir auch an Schulen und bieten auch hier Gespräche an.

Wenn Sie Bereitschaftsdienst haben und ihr Telefon klingelt: Wissen Sie vorher, was Sie erwartet?

Nein, ich weiß nie, was mich erwartet, weil jeder Mensch ganz individuell ist und jeder Mensch sehr unterschiedlich auf solche traumatischen Situationen reagiert.

Falls Sie persönlich Hilfe benötigen, können Sie hier anrufen – die Telefonnummern finden Sie im Post (klicken Sie sich einfach durch):

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In ihren Einsätzen treffen Sie Fremde, die in Ausnahmesituationen sind. Wie gehen Sie auf die Menschen zu?

Wir lassen den Betroffenen den nötigen Raum, den sie brauchen, um das Geschehene zu realisieren. Dazu nutzen wir helfende Gespräche, geben den Betroffenen Zuwendung. Wir schauen, was ihnen in der Ausnahmesituation gut tut und wie vorhandene Ressourcen genutzt werden können, um die Handlungsfähigkeit der Betroffenen wieder herzustellen. Zum Beispiel ermutigen wir sie, sich von dem Verstorbenen zu verabschieden oder selber engste Angehörige vom Tod zu informieren. Wir nehmen die Ängste und Sorgen der Betroffenen ernst. Wir versuchen gemeinsam mit ihnen ein Netzwerk zu schaffen, das sie auffängt.

Sie bleiben also, wenn die Rettungskräfte wieder zusammenpacken. Wie lange dauert so ein Einsatz für Sie?

Wir sind ja auch nur in dieser Akutphase im Einsatz. Das Ereignis ist passiert. Und wenn diese Handlungsfähigkeit wieder eingesetzt hat, dann gehen wir eigentlich raus. Für uns ist es wirklich nur diese Akutphase dieser Betreuung. Wir machen auch keine Nachbetreuung. Dafür gibt es andere Leute, die darauf auch anders geschult sind.

Das ist eine anspruchsvolle, eine sensible Arbeit und sicherlich auch sehr fordern. Warum machen Sie das? Warum engagieren Sie sich?

Ich habe mich schon als Kind und als Jugendliche ehrenamtlich engagiert. Als meine Kinder klein waren, musste Familie und Beruf unter einen Hut gebracht werden. Da blieb für das Ehrenamt keine Zeit. Als die Kinder ihre eigenen Wege gegangen sind, wollte ich die gewonnene Zeit wieder sinnvoll nutzen. Nach einem Artikel in der Zeitung habe ich mich um eine Ausbildung beworben und bin seit 15 Jahren Notfallseelsorgerin.

Wussten Sie damals, worauf Sie sich einlassen? Was alles dahinter steckt?

Naja. Diese theoretische Ausbildung ist schon sehr intensiv gewesen. Es ist ja nicht nur dieses Fachwissen, was man bekommt, sondern man lernt auch unheimlich viel über sich selber. Das halte ich für eine ganz wichtige Sache. Wie geht man selber mit dem Thema Tod und Sterben um? Was macht das mit mir persönlich? Und welche Möglichkeiten habe ich auch, diese Distanz zu wahren, die ich brauche, um nicht selber an so einem Einsatz zu zerbrechen?

Gibt es da Alarmsignale?

Ja, die gibt es. Und wer sich gut kennt, der merkt das auch. In den regelmäßigen Supervisionen werden die Einsätze ausgewertet, wird geschaut, was hat der Einsatz mit dem Notfallseelsorger gemacht. Gibt es noch etwas, was ihn belastet oder sind nach dem Einsatz Fragen aufgetaucht, auf die er noch eine Antwort braucht? In meiner Verantwortung als Teamleiterin rufe ich innerhalb von 24 Stunden nach einem Einsatz meine Teammitglieder an und erfahre so, wie der Einsatz war und ob er den Einsatz ohne Probleme beenden konnte.

Was hat die Arbeit als Notfallseelsorgerin mit Ihnen gemacht?

Ich finde es immer schön, wenn man hinterher die Dankbarkeit der Menschen erlebt. Auf eine Art ist das auch eine Wertschätzung seines eigenen Lebens. Auf der einen Seite zu helfen, aber auch so selber Wertschätzung zu erfahren, das finde ich immer schön. Wenn ich höre: Es war schön, dass Sie da waren.

Treffen Sie die Menschen, die Sie begleitet haben auch später wieder?

Nein, also für uns ist dieser Einsatz dann wirklich beendet, sonst kommt man auch manchmal nicht raus. Es gibt Leute, die sieht man dann noch mal, aber ich spreche sie auch nicht an.

Die Fragen stellte Tom Gräbe.

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MDR (Tom Gräbe, Johanna Daher)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. März 2022 | 12:00 Uhr

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