Interview mit Fabian Schrader Junger Mann aus Aschersleben produziert Podcast über queeres Leben auf dem Land

Podcasts gibt es mittlerweile wie das berühmte Sand am Meer. Dass es sich aber immer wieder lohnt, sie neu zu entdecken, beweist der in Aschersleben aufgewachsene Fabian Schrader mit seinem Podcast "Somewhere over the Hay Bale". Darin widmet er sich queeren Lebensrealiäten auf dem Land und erfüllt sich damit ein Herzensprojekt. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit ihm über sein Aufwachsen in Sachsen-Anhalt, seinen Podcast und die Idee dahinter gesprochen.

Fabian Schrader Podcast
Fabian Schrader freut sich auf weitere Folgen seines Podcasts "Somewhere Over The Hay Bale". Bildrechte: Fabian Wanisch

Noch immer werden Menschen, die etwa schwul, lesbisch, trans oder nicht-binär sind, mit sehr viel Ablehnung konfrontiert. Wie sich so ein queeres Leben im ländlichen Raum gestaltet, das findet Podcaster Fabian Schrader einmal monatlich in seinem Podcast heraus. Dazu trifft er verschiedene Menschen aus ländlichen Gebieten, die ihm ihre Geschichten anvertrauen. Geschichten, die Schrader, so sagt er, damals gebraucht hätte, um sich mit seiner Identität nicht alleine zu fühlen.

Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT verrät der 31-Jährige, welche Biografien ihn besonders berührt haben, was für ihn als homosexueller Mann damals schwierig war und warum sein Podcast keine Abrechnung mit Landmenschen ist.

MDR SACHSEN-ANHALT: Wie war es für Dich, auf dem Land aufzuwachsen?

Fabian Schrader: Ich hatte sehr viele gute Momente beim Großwerden, ein sehr gutes Elternhaus, in dem ich groß geworden bin und tolle Freundinnen und Freunde. Die Sache mit dem Queer-Sein und mir, da steht tatsächlich alles etwas außen vor. Ich habe mich da wirklich ganz lange nicht mit beschäftigt und das ist auch so der eine Grund, warum ich den Podcast mache. Ein Podcast ist ja auch immer günstiger als Therapie (lacht). Nein, es hat nichts Therapeutisches, sondern ich gehe immer in meine Biografie rein und versuche Dinge zu verstehen, die passiert sind.

Das Queer-Sein für mich zu entdecken war für mich damals relativ schwierig. Wenn ich so zurückblicke, ich glaube mit 14, 15, wusste ich das eigentlich schon. Aber mein inneres Coming Out – also das heißt, sich selbst einzugestehen, dass man zum Beispiel lesbisch, schwul, bisexuell oder trans ist, aber damit noch nicht nach außen zu gehen – das hatte ich so mit 18. Da war ich in Australien unterwegs. Mein Äußeres Coming-out habe ich dann eine 21 gestartet, also da ist noch mal ordentlich Zeit ins Land gegangen.

Was bedeutet eigentlich "queer"? Früher galt das Wort im Sinne der Übersetzung als "abweichend, abartig oder schräg" und wird seit den 90ern positiv umgedeutet und als Selbstbezeichnung genutzt oder etwa, wenn man von nicht-heterosexuellen und nicht-cisgeschlechtlichen Menschen spricht. Wichtig: Nicht alle Menschen aus der Community nutzen diesen Begriff für sich.

Fabian Schrader Podcast 3 min
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MDR FERNSEHEN Fr 06.08.2021 13:37Uhr 02:33 min

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Warum war das damals schwierig für Dich?

Was das so schwierig gemacht hat, war, keine konkrete queere Lebensrealität vor Ort zu haben. Es gab da sehr viele Momente von: Wenn ich jetzt queer bin, dann heißt das auch, dass ich einfach richtig krass einsam bin. Im Nachhinein betrachtet stimmt das natürlich nicht, da waren immer queere Leute vor Ort – die waren halt bloß nicht sichtbar. Auch bei uns an der Schule gab es Menschen, die sich im Nachhinein als queer herausestellt haben.

Aber was mir damals gefehlt hat, waren tatsächlich konkrete Lebensrealitäten, an denen ich mich orientieren konnte. Ich kannte Queer-Sein nur aus dem Fernsehen. Das warne dann meistens irgendwie so die Klassiker, Dirk Bach, Hella von Sinnen, Hape Kerkeling. Für mich kam dann noch die Komponente hinzu, dass das immer westdeutsche Leute waren und von Aschersleben halt einfach extrem weit weg. Ich habe dann immer gedacht: Das gibt es nur woanders und nicht hier bei uns.

Gab es denn auch geoutete Menschen vor Ort?

Ich weiß noch, dass einmal ein schwules Paar zu uns ins Dorf gezogen ist. Die waren das Thema Nummer Eins in der Nachbarschaft. Das war vor allem negativ konnotiert. Das macht was, wenn du dann mal richtig Menschen vor Ort hast, die "out and proud" sind und das komplett negativ aufgeladen wird. Das nimmt den Raum, selber den Bezug zu diesen Leuten aufzubauen und sich abzugleichen und zu schauen: Könnte das auch meine Lebensrealität sein?

Deswegen habe ich immer gedacht: Das dürfen nur andere, aber ich darf das nicht sein.

Fabian Schrader

Was gefällt Dir denn heute noch an Aschersleben und der Region?

Ich mag sehr die Nähe zum Harz. Das ist wirklich sehr schön, so schnell im Mittelgebirge sein zu können. Als Kind und Jugendlicher habe ich das gar nicht so gemerkt, erst später, dass man da ja richtig gut wandern gehen kann. Ich mag an Aschersleben tatsächlich, dass sich die Stadt einfach sehr gemausert hat in der Zeit, in der ich da war. Die Stadt ist sehr grün geworden, es wurde sehr viel neu gemacht.

Dass es auch damals schon Freiräume und Möglichkeiten für Jugendliche gab, sich so einzubringen so lokal. Da muss ich die Mitteldeutsche Zeitung und die Lokalredaktion sehr lobend erwähnen. Dort gab es eine Jugendredaktion, in der ich jahrelang mitgemischt habe. Da konnten wir unsere eigenen Themen setzen. Das war aber auch bei mir an der Schule so. Damals haben wir gefragt: Wir machen Kultur-Kram, bekommen wir dafür eine Bühne? Und die Schule gesagt hat: Bekommt ihr, macht Euer Ding. Das war sehr wegweisend für mich.

Über Fabian Schrader Fabian Schrader ist in Magdeburg geboren und im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie nach Aschersleben gezogen und dort aufgewachsen, bis er 18 Jahre alt war. Heute lebt der 31-Jährige Theaterpädagoge und
Bildungsreferent in Berlin.

Wie kam Dir dann so viele Jahre später die Idee zum Podcast?

Die Idee kam mir eigentlich, weil ich in Berlin auf andere queere Landkinder gestoßen bin und wir darüber geredet haben, wie es damals für uns war. Die Antwort war immer: "Ja, war schwierig." Danach war die Diskussion vorbei. Ich habe gemerkt, dass mich das nicht so richtig zufrieden stellt, weil ich nicht daran glaube, dass das für alle Leute auf dem Land schwierig ist. Nicht alle queeren Leute finden ja auch in der Stadt die Freiheit, die sie gerne als Freiheit haben wollen. Einige finden sie eher auf dem Land mit einem ganz anderen Lebensgefühl.

Ich habe dann in Gesprächen mit anderen gemerkt: Meine Erfahrungen als Ostdeutscher und meine Erfahrung als queere Personen – da ist irgendwas, das ich nicht so ganz enttarnen kann. Das Thema brannte schon lange in mir und ich hab dann einen Workshop zum Podcast-Produzieren absolviert und mir gedacht, was ich mir oft im Leben denke: Ich mache das jetzt einfach mal.

Was motiviert Dich?

Hauptmotivation ist tatsächlich, queere Lebensrealitäten sichtbar beziehungsweise in dem Fall ja eher hörbar zu machen, um diesem Gefühl vorzubeugen von: Du bist die einzige Person im Landkreis. Denn ich würde da fast meine Hand ins Feuer legen: Das bist du nicht. Jenseits von berühmten Persönlichkeiten wollte ich zeigen: Du kannst auch trans und in der Freiwilligen Feuerwehr sein. Du kannst ein lesbisches Paar sein und dich superwohl in einer Kleinstadt fühlen, da eine Familie aufbauen. Du kannst auch in einer Kirchengemeinde dein Queer-Sein Leben. Du kannst auch als junger Bauer, der sich mit seiner Region total verwurzelt fühlt, zu einem coolen queeren Ich finden und da ein vollwertiges Leben führen.

Fabian Schrader 2 min
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MDR FERNSEHEN Fr 06.08.2021 13:37Uhr 02:08 min

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Ich glaube, diese vollwertige Leben, das ist ein wichtiger Punkt. Queere Leben werden diskriminiert und es ist alles nicht so einfach, aber: Queere Leben sind vollwertig. Das zu zeigen, dass queer sein und auf dem Land leben sich nicht ausschließt, das ist für mich ein großes Ding. Ich muss auch einfach sagen:

Ich bin meinen Interviews immer sehr emotional dran und weine da teilweise auch, weil ich merke: Das sind eigentlich die Stories, die ich damals gebraucht hätte.

Fabian Schrader

Sowohl zu sagen: Das ist cool, dass du auf dem Land lebst und queer bist – das geht. Aber auch zu hören, dass es Zeiten gab, in denen es super schwierig für Menschen war und ich merke: Ich mache diese Erfahrung nicht alleine, sondern da sind andere Menschen, die machen diese Erfahrung auch.

Keine Abrechnung

Ich will damit nicht mit dem Finger auf Leute zeigen und sagen: Das habt ihr richtig schlecht gemacht, sondern ich möchte ja verstehen, was passiert ist. Ich glaube tatsächlich, dass in Sachsen-Anhalt, so kurz nach der Wende, in den 90ern, Anfang der 2000er, andere Prozesse dringender waren. Wenn du in der Stadt lebst, in der die Arbeitslosenquote gefühlt zwischen 25 und 30 Prozent ist und alle irgendwie gucken, wie sie über die Runden kommen und sich dann sowieso noch mal aufstellen, weil die Erwerbsbiografien durcheinander gerüttelt werden, weil die Region starke Probleme mit Abwanderung hat. Es war auch eine ostdeutsche Region ist, wo queere Strukturen nicht so aufgebaut wurden, wie in Westdeutschland, das war damals ein strukturelles Defizit. Das klingt so hart, wenn ich das sage. Ich versuche das irgendwie immer auf den Modus zu bringen von "vielleicht wussten wir damals auch einfach nicht besser".

Es ist keine Abrechnung, und ich versuche auch mein Möglichstes, dass es nicht als eine Abrechnung verstanden wird. Es ist ein Draufgucken, Analysieren und Verstehen, um mit diesem Wissen vielleicht noch mal zu schauen, was anders gemacht werden kann. Abrechnung und Schuldzuweisungen glaube ich, bringt einfach nichts.

Fabian Schrader Podcast 2 min
Bildrechte: fabian schrader

MDR FERNSEHEN Fr 06.08.2021 13:37Uhr 01:31 min

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Könntest Du Dir denn vorstellen, irgendwann zurück aufs Land zu ziehen?

Ich würde das nicht alleine tun. Ich könnte mir prinzipiell vorstellen, mit queeren Freundinnen und Freunden als Gruppe zurück aufs Land zu gehen. Mir wäre es dann aber wichtig, mich nicht abgekapselt von diesem Ort zu sehen, sondern mich aktiv einzubringen. Nicht unbedingt nur politisch, sondern auch in einer dörflichen oder kleinstädtischen Gemeinde. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Ich glaube, das bräuchte schon irgendwie eine S-Bahn-Anbindung für mich.

Mehr Infos zum Podcast

Eine neue Episode (50-60 Minuten lang) von "Somewhere Over The Hay Bale" erscheint immer am 15. eines Monats auf allen gängigen Podcastplattformen, zum Beispiel hier.

Für den zweiten Teil des Schwerpunkts hat MDR SACHSEN-ANHALT eine Protagonistin aus "Somewhere Over The Hay Bale" getroffen, für die die Kirchengemeinde in Laucha im Burgenlandkreis ein bedeutsamer Ort ihres Coming Outs war. Die Geschichte erscheint am Donnerstag.

Die Fragen stellte Ann-Kathrin Canjé.

MDR/Ann-Kathrin Canjé

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. September 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 10 Wochen

Es handelt sich um einen Eigennamen. Auf Deutsch übersetzt bedeutet es etwa: Irgendwo über dem Heuballen. Der Titel ist angelehnt an den bekannten Songtitel "Somewhere over the Rainbow".

Steffen1978 vor 11 Wochen

dachte deutsch wäre Netiquette .... was soll: Somewhere Over The Hay Bale

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