Der längste Tag des Jahres Regen, Rave und rituelle Verse: Sommersonnenwende im Ringheiligtum Pömmelte

Stephan Schulz
Bildrechte: Anne Hasselbach

Ein schweres Gewitter mit Starkregen zieht am Morgen des 21. Juni 2021 über das Ringheiligtum Pömmelte in der Nähe von Schönebeck hinweg. Zuvor feiern Jugendliche in der Kreisgrabenanlage eine Party. Sie treffen sich zur Sommersonnenwende, dem längsten Tag des Jahres. An diesem Tag bleibt es fast 17 Stunden lang hell, bevor für gut sieben Stunden die Nacht einbricht.

Ringheiligtum Pömmelte in Zackmünde am 21. Juni 2021
Am 21. Juni 2021 vor fünf Jahren ist die Anlage in Pömmelte – gut 4.000 Jahre nach ihrer Entstehung – als rekonstruierte Stätte für Geschichtsinteressierte wiedereröffnet worden. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Die Sommersonnenwende wird in vielen Ländern traditionell mit rituellen Gesängen und Tänzen gefeiert. Im Ringheiligtum Pömmelte in Zackmünde bei Schönebeck im Salzlandkreis hingegen wummern die Beats. "Wir haben die ganze Nacht hindurch getanzt", sagt eine junge Frau, die mit ihrem Freund unter einer Regenplane steht. "Die Natur lässt alles los", sagt sie und hält dabei eine Hand in den strömenden Regen. "Wir haben auch losgelassen und in die Sommersonnenwende hinein getanzt."

Jetzt geht es ans Aufräumen. Junge Männer mit freien Oberkörpern schleppen Partytische und -bänke zu ihren Autos, aus denen Rave-Musik dröhnt. Wenig später wird es still an der prähistorischen Kreisgrabenanlage.

Auch im Süden Sachsen-Anhalts, in Goseck im Burgenlandkreis, gibt es eine steinzeitliche Kreisgrabenanlage. Wie hier die Sonnenwende begangen wurde, hören Sie im folgenden Beitrag.

4:52 Uhr: Eigentlich müsste die Sonne aufgehen

Es ist 4:52 Uhr, eigentlich müsste jetzt die Sonne aufgehen. Doch am Horizont stehen noch immer dunkle Regenwolken. Der Sonnenaufgang fällt gewissermaßen ins Wasser.

Künstler Andy Woody Weber im Ringheiligtum Pömmelte-Zackmünde am 21. Juni 2021
Künstler Andy Woody Weber aus Barby: "Dieser Ort ... hat etwas Magisches." Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Dennoch gesellen sich nun auch einige Erwachsene zu den Jugendlichen, darunter eine Schamanin aus Berlin, die extra zur Sonnenwende nach Pömmelte gekommen ist. Sie steht mit zwei Frauen vor Holzpfählen und murmelt rituelle Verse.

Einige Meter weiter lehnt Andy Woody Weber lässig an einem der Haupttore des Ringheiligtums. Er hat lange Zeit in Australien gelebt, seit einigen Jahren betreibt er ein Kunstatelier in Barby. "Das Gefühl, zum Sonnenaufgang im Ringheiligtum zu stehen, ist unbeschreiblich", sagt der Mann mit den auffälligen Tattoos. "Dieser Ort strahlt eine unglaublich positive Energie aus, er hat etwas Magisches."

Bronzezeitliche Siedlung am Rande der Kultstätte

Nicht umsonst nennen deutsche Archäologen die Kreisgrabenanlage auch das deutsche Stonehenge. Sie entstand etwa zur selben Zeit wie das weltberühmte Stonehenge, nur dass hier keine Steine beim Bau verwendet wurden, sondern Gruben, Wälle und Holzpfähle zu sehen sind, die mehrere Ringe bilden.

Am Rand der Kultstätte graben Archäologen seit Monaten eine bronzezeitliche Siedlung aus, die vermeintlich größte ihrer Art in Europa. Bei den Ausgrabungen wurden auch Schädel und Skelette entdeckt, die Verletzungen aufwiesen. Deswegen gehen Wissenschaftler inzwischen davon aus, dass im Ringheiligtum Pömmelte nicht nur böse Geister vertrieben wurden. Es ist gut möglich, dass auch Menschenopfer dargebracht wurden. Ob das vor vielen Tausend Jahren wirklich so war, das versuchen Archäologen gerade herauszufinden.

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Das Ringheiligtum Pömmelte aus der Vogelperspektive 2 min
Bildrechte: dpa

Sa 19.06.2021 11:41Uhr 02:27 min

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/video-528642.html

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Stephan Schulz
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Über den Autor Stephan Schulz, geboren 1972, wuchs in Burg bei Magdeburg auf. Er studierte Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaften und stellte fest, dass das Hörsaalwissen nicht weit führt, weil sich die Politik so selten an die Wissenschaft hält. Deswegen schreibt und spricht er so gern darüber.
Stephan Schulz ist seit 2001 festangestellter Redakteur bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Außerdem ist er einer der beiden Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

MDR/Stephan Schulz, Martin Paul

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 21. Juni 2021 | 08:10 Uhr

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