Nachlass eines Lehrers Warum sich Schüler aus Aschersleben mit einem Messer aus Kamerun beschäftigen

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Gefäße und Dolche aus ehemaligen afrikanischen Kolonien oder eine Art Rassel: Im Ascherslebener Museum gibt es Exponate, deren Herkunft unklar ist. Einige hat vermutlich ein Lehrer vor langer Zeit nach Aschersleben gebracht. Schüler des Gymnasiums Stephaneum haben die Kunstgegenstände untersucht.

Eine Gruppe Schülerinnen und Schüler stehen vor Bildern in einer Ausstellung.
Schülerinnen und Schüler aus Aschersleben haben Exponate aus der Kolonialzeit untersucht. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

  • Ein ehemaliger Lehrer aus Aschersleben hat Ende des 19. Jahrhunderts einige Kunstgegenstände aus Kamerun mitgebracht.
  • Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Stephaneum haben diese Exponate nun untersucht und stellen ihre Ergebnisse in einer Ausstellung vor.
  • Dabei haben sie sich intensiv mit der deutschen Kolonialgeschichte befasst.

Ein geflochtener Korb mit großem Bauch, eine Kelle und ein Messer liegen in einer Vitrine des Kulturzentrums Bestehornhaus in Aschersleben. Sie stammen wahrscheinlich aus dem heutigen Kamerun oder aus Togo. An den Wänden der Ausstellungsräume hängen Tafeln mit Texten und Bildern. Die Schüler des Gymnasiums Stephaneum haben die Exponate untersucht und ihre Forschungsergebnisse in einer Ausstellung zusammengefasst.

Wir haben die Gegenstände zum Beispiel gewogen, abgemessen. Wir haben geguckt, wo sie herkamen. Dann haben wir auch noch recherchiert, wem die vielleicht gehört haben könnten.

Schülerin des Gymnasiums Stephaneum in Aschersleben
Verschiedene antike Ausstellungsstücke, darunter ein Messer, in einer Glasvitrine. 2 min
Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 26.10.2021 16:15Uhr 02:29 min

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Lehrer hat Exponate aus Afrika mitgebracht

Bei den Exponaten handelt es sie sozusagen um den Nachlass eines Lehrers. Wilhelm Lederbogen ist seinerzeit viel herumgekommen, Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, bevor er Schulrektor wurde. Damals hat Lehrer Lederbogen an einer Schule in Kamerun gearbeitet. Offenbar hat er mitgebracht, was die Menschen dort herstellten. Und diese Sammlung steht seit vielen Jahren im Ascherslebener Museum. Höchstwahrscheinlich hat er die Gegenstände dem Museum schlussendlich geschenkt. "Aber das ist noch nicht erforscht", sagt Museumsleiterin Luisa Töpel.

Ein altes Proträt-Foto neben einer Texttafel
Für die Ausstellung haben sich die Schüler mit dem Leben von Lehrer Lederbogen beschäftigt. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Die Biografie des Lehrers haben die Schüler zusammengefasst: 1870 wurde Wilhelm Lederbogen in Hohendodeleben geboren. Von 1896 bis 1901 hat er an einer Regierungsschule in der Stadt Duala in Kamerun gearbeitet, ab 1902 als Lehrer in Aschersleben. Tätig war er wohl auch für das städtische Museum. Dort gibt es zwar Karteikarten zu den kunstvoll gearbeiteten Messern, Dolchen und Gefäßen. Woher sie aber genau stammen, steht nicht in den Archiven.

Schüler suchen nach Antworten

Heute, mehr als 100 Jahre nach dem Ende der Kolonialzeit stellen sich dem Museum viele Fragen: "Welchen Unrechtskontext gibt es da vielleicht? Wo müssten unter Umständen Objekte auch an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden? Und in dieser besonderen Verantwortung ist man einfach."

Die Schüler haben mit ihren Nachforschungen dazu beigetragen, Antworten zu finden. Unterstützt und begleitet wurden sie dabei von Oikos – eine Welt, einem Verein für Entwicklungszusammenarbeit, sowie vom Museumsverband Sachsen-Anhalt haben die sie gemeinsam mit dem Museum die Stücke genau untersucht und auch professionell fotografiert. Denn für solche Museumsstücke gibt es Datenbanken.

Aufarbeitung der Kolonialgeschichte

Die Erfassung hilft letztlich, ein dunkles Kapitel unserer Geschichte aufzuarbeiten. Die Schüler haben sich während des Projektes intensiv mit der Kolonialgeschichte befasst. "Man hat sich gar keine Gedanken gemacht, ob das nicht vielleicht sogar falsch ist, das wir die haben. Und deshalb denke ich schon, dass es in dem Sinne unser unser Verständnis dafür gestärkt hat", sagt ein Schülerin.

Das sieht ja ein wirklich sehr großer Zeitraum zwischen damals und heute. Ich finde das das heute eine andere Gewichtung hat. Und wir sollten wirklich uns expliziter mit diesem Thema auseinandersetzen.

Schüler des Gymnasiums Stephaneum in Aschersleben

Mehr als 300 Exponate aus anderen Teilen der Welt

Etwa 350 Exponate mit außereuropäischem Kontext, die also nicht aus Europa stammen, hat wohl allein das Aschersleber Museum im Depot. Die Afrika-Sammlung umfasst etwa 100 Stücke. Mit der Erforschung der Herkunft von Kulturgütern und Kunstwerken befasst sich beim Museumsverband die Koordinierungsstelle Provenienzforschung.

Wir haben in mehreren Museen koloniale Bestände. Es ist nicht ausgeschlossen, dass in dem einen oder anderen Depot noch etwas schlummert, was man noch gar nicht erkannt hat. Da ist noch einiges zu tun.

Dr. Annette Müller-Spreitz Koordinierungsstelle Provenienzforschung

Auch wenn im Depot des Aschersleber Museums keine spektakulären Funde liegen dürften, ist die Frage nach der Herkunft trotzdem wichtig. "Der Perspektivwechsel ermöglicht uns ein neues Aufeinanderzugehen, dass wir uns mit der Kultur auseinander setzen", sagt die Leiterin der Koordinierungsstelle, Annette Müller-Spreitz.

Museum will sich historischer Verantwortung stellen

Der Museumsverband will gemeinsam mit mehreren Museen einen ersten Check zum kolonialen Erbe angehen. Bei den Gegenständen des Aschersleber Museums könnte es sich aber schlicht um Andenken handeln, die einfach auf Märkten erworben worden, sagt Museumsleiterin Töpel: "Trotzdem stellen wir uns ja der Verantwortung und wollen das einfach herausfinden, um wirklich schlussendlich auch Klarheit dann zu haben."

Dass seine Sammlung einmal Bildungszwecken dient, hätte Wilhelm Lederbogen bestimmt gefreut. Nicht gedacht hätte er aber sicherlich, dass ausgerechnet die Schüler untersuchen, unter welchen Umständen sie ins Museum gelangt ist.

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Drei Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind 2018 in einer Vitrine ausgestellt.
Drei Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt. Bildrechte: dpa

MDR/Tom Gräbe, Fabienne von der Eltz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Oktober 2021 | 17:30 Uhr

2 Kommentare

Kelte vom Oechsenberg vor 4 Wochen

Nur mal so als Frage. Der Urgroßvater meiner Ehefrau war seinerseits mit der "SMS Leipzig" im Chinesischen Meer stationiert. Von den dortigen Landgängen im chinesischen Kaiserreich brachte er einige Dinge mit. Leider haben wir keinen Kaufbeleg. Somit ist es uns auch nicht möglich diese Sachen als Raubkunst einzustufen. Bin ich jetzt moralisch verpflichtet, diese Sachen dem chinesischen Volke zurückzugeben?

Maria A. vor 4 Wochen

Man liest häufig davon, dass sich nicht nur darüber Gedanken gemacht wird, sondern sogar viele Menschen, zumeist gut Gebildete in höheren Gehaltsklassen, sich ausschließlich damit beschäftigen, koloniale Zeiten zu analysieren, um gleichzeitig Recherchen über "Raubkunst" anzustellen. Vielleicht sollten die Museen Europas alle afrikanischen Ausstellungsstücke zurück geben. Nicht nur wegen weniger Ausgaben. Damit endlich innerer Frieden einkehren kann in die Herzen derer, die sich genötigt sehen, ehemaliges Unrecht gut zu machen. Dabei wollte man früher ansässiger Bevölkerung, die keine oder kaum Gelegenheit hatte, ins Ausland zu reisen, das Kulturgut fremder Völker in solchen Ausstellungen näher bringen. Heutzutage kann aber jeder Interessierte sich in den Medien sowas anschauen oder afrikanische Länder besuchen. Es kommt noch dazu, dass mittlerweile in ganz Europa Afrikaner leben. Von denen viele in Organisationen und Vereinen engagiert sind, um über ihre Traditionen zu berichten.

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