Trotz Corona Ansturm auf Frauenhäuser bleibt aus – gerade das ist Grund zur Sorge

Simon Köppl
Bildrechte: Katja Hermes

Zu Beginn der Corona-Pandemie wurde mit einem Anstieg der häuslichen Gewalt gerechnet. In der Belegung der Frauenhäuser spiegelt sich das nicht wider. Trotzdem haben es Betroffene gerade besonders schwer. Das zeigt der Besuch eines Frauenhauses in Bernburg.

Eine Frau sitzt in einem Frauenhaus auf einem Bett.
Eine Frau sitzt auf einem Bett in einem Frauenhaus. (Symbolbild) Bildrechte: pda

Ein etwa zwölf Quadratmeter großer Raum in einem Bernburger Altbau, zwei Einzelbetten, Fernseher, ein Tisch, an der Wand hängt ein schwarz-weißes Katzenbild. Das ist eines der Zimmer des Bernburger Frauen- und Kinderschutzhauses. Hier lebt gerade eine 41-jährige Frau mit ihrem sieben Jahre alten Sohn. Seit Oktober haben sie hier Schutz vor Mann und Vater gefunden.

Dass ich mich hier umgucken darf, ist nicht selbstverständlich: Eigentlich sind Männer hier nicht erlaubt. Vier Frauen und sechs Kinder suchen in der Einrichtung Schutz. Trotzdem ist der befürchtete Ansturm durch Corona ausgeblieben. Für Einrichtungsleiterin Stephanie Wagner kein Grund zur Erleichterung: "Wir können ja nur von den Anfragen sprechen, die uns hier erreichen. Die sind nicht mehr oder weniger geworden. Wir gehen aber von einer großen Dunkelziffer aus."

Ein Viertel der Plätze in den Einrichtungen sind frei

Das bestätigt auch das zuständige Ministerium für Gleichstellung und Justiz. In Sachsen-Anhalt gibt es 19 Frauenhäuser mit insgesamt 117 Plätzen. Die konkreten Belegungszahlen der vergangenen Monate dürfen nicht veröffentlicht werden. Dabei melden die Einrichtungen sie wöchentlich dem Ministerium. Auch um im Notfall zusätzliche Pensionen oder Hotelzimmer anzumieten, sollte es eine starke Nachfrage oder Quarantäne in den Einrichtungen erfordern. Auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT heißt es: "In der Periode von Oktober 2020 bis Januar 2021 sind durchschnittlich 31 Plätze von den insgesamt 117 Plätzen wöchentlich noch frei und es sind derzeit landesweit noch keine Kapazitätsengpässe zu verzeichnen. Die durchschnittliche Auslastung für diesen Zeitraum liegt danach bei ca. 70-75 Prozent." Ende 2020 gingen die Belegungszahlen sogar noch stärker zurück.

Dass Sachsen-Anhalt damit eher eine Ausnahme ist, zeigt eine aktuelle Recherche des Netzwerks CORRECTIV. Demnach waren besonders in Hessen und Nordrhein-Westfalen die Plätze knapp.

Eine Frau im Porträt.
Anke Weinreich Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stärkere Nachfragen nach telefonischer Beratung

In Sachsen-Anhalt werden die Frauenhaus-Plätze in den Städten stärker nachgefragt als auf dem Land. Das bestätigt auch Anke Weinreich. Sie arbeitet vereinsübergreifend als Koordinatorin für Häusliche Gewalt und Stalking. "In den Städten ist auch die Möglichkeit sich wegzuschleichen größer als im ländlichen Raum", so Weinreich. Dass die Frauenhäuser noch Plätze haben, bedeute nicht, dass die Gewalt in Familien abgenommen habe. "Wir sehen bei den telefonischen Beratungen erhöhte Bedarfe, nur spiegelt sich das in den Belegungen nicht wider. Wir gehen davon aus, dass es einen Wiederholungszyklus gibt in den Familien, in denen Gewalt eine Rolle spielt. Die ist auch nicht weniger geworden in dieser angespannten Zeit."

Einerseits sind die Menschen derzeit angespannter, aber es ist für Betroffene gerade auch schwieriger, aus den Haushalten zu fliehen. Die Partner sind zu Hause und es gibt weniger Gründe, das Haus zu verlassen. Dazu kommt die Angst vor einer möglichen Corona-Ansteckung in der Gemeinschaftsunterkunft. Auch in Bernburg gibt es eine gemeinsame Küche und geteilte Spielzimmer, Abstandhalten ist da schwierig. Inzwischen soll auch in Frauenhäusern regelmäßig auf das Coronavirus getestet werden. Sie haben hier Schnelltests beantragt, fünf Stück hat ihnen die Verwaltung bezahlt. Die bleiben reserviert für Neuankömmlinge. 

Eine Frau im Porträt.
Stephanie Wagner Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Betroffene haben Probleme, eine eigene Wohnung zu finden

Eigentlich ist das Frauenschutzhaus eine Bleibe auf Zeit. Aber Einrichtungsleiterin Stephanie Wagner erklärt, dass die Frauen durch den Lockdown auch länger da blieben. Denn jetzt ist es schwieriger, eine geeignete Wohnung zu finden.

Auch Kontakte zu Behörden oder Rechtsanwältinnen seien durch den Lockdown erschwert. "Dann ist ein Problem, der persönliche Kontakt mit dem Makler, oder die Wohnungsbesichtigung. Und wenn es dann zu einer Wohnung kommen würde, da gibt es Anspruch auf eine Erstausstattung, aber die Möbelhäuser haben zu. Das ist auch noch mal komplizierter", sagt Stephanie Wagner. Sie versucht, einfach noch intensiver zu beraten und zu betreuen. Um den Schutzsuchenden auch in dieser unsicheren Zeit die Hoffnung auf eine sichere, selbstbestimmte Zukunft zu geben.

Simon Köppl
Bildrechte: Katja Hermes

Über den Autor Simon Köppl stammt aus Sachsen, aber da ist es ja nach Sachsen-Anhalt nicht weit. Er hat Soziologie und Kommunikationswissenschaften in Dresden und Leipzig studiert. Nach seinem Studium hat er beim MDR in Leipzig ein Volontariat gemacht. Dabei hat er seinen Abschlussfilm über einen Grafikdesigner aus Dessau-Rosslau gedreht und ist dem Bundesland treu geblieben. Für MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet er regelmäßig als Reporter an Themen aus Politik, Kultur und Gesellschaft.

Als sächsisches Elbkind freut er sich, dass die Elbe auch durch Magdeburg fließt. Die hat er gut im Blick beim regelmäßigen Joggen durch den Stadtpark. Ansonsten mag er die Weite der Altmark und den Käsekuchen aus Quedlinburg.

MDR/Simon Köppl, Oliver Leiste

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. Februar 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Simon Koeppl vor 7 Wochen

In dem Artikel habe ich hoffentlich klar gemacht, dass, obwohl die häusliche Gewalt steigt (mehr Anrufe bei Hilfetelefon-Angeboten) sich das nicht in einer gestiegenen Belegung der Häuser wiederspiegelt, d.h. Betroffene schwieriger aus Beziehungen mit Gewalt entkommen können. Das ist Grund zur Sorge. Arbeit für Frauenberatungsstellen gibt es leider genug.

Critica vor 7 Wochen

"Ansturm bleibt aus, das sei ein Grund zur Sorge..." Wie das, wie soll man es denn "richtig" machen, damit es passt?
Ich glaube, dass die Coronazeit auch Menschen zusammenwachsen lässt, auch in Familien. Wenn die Frauenhaus"besitzerinnen" "arbeitslos" zu werden drohen, es gibt genügend Menschen, die ein Dach über dem Kopf brauchen. Also. Wo ist das Problem?

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