Karneval in Corona-Zeiten "Dann machen wir's halt online": Wie ein Karnevalsverein eine Session im Internet plant

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Laute Musik im Waschkeller, statt im großen Festsaal. Durch Corona muss man kreativ werden – auch zum Karneval. Den wollen sich viele Vereine nicht nehmen lassen und planen die fünfte Jahreszeit nun Online. Redakteur Tom Gräbe hat sich das Spektakel in der Gemeinde Hoym im Salzlandkreis angeschaut.

Thomas Gebbert in seiner Waschküche.
Thomas Gebbert, Mitglied des Karnevalsclubs Hoym, steht in seinem improvisierten Tonstudio im Waschkeller. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Kussfreiheit, schunkeln, volle Säle, lange, bunte Nächte. Das wird es in der Corona-Pandemie wohl nicht geben. Und närrisches Feiern auf Straßen und Plätzen zum Beginn der neuen Session fällt aus. Karneval und Corona – das geht nicht zusammen. Corona und Kreativität aber schon. Viele Vereine wollen jeckische Botschafen über das Internet verbreiten. Im Salzlandkreis plant der Hoymer Carneval Club (HCC) an einer Online-Session. Unser Autor Tom Gräbe hat nicht schlecht gestaunt über Videos aus dem Waschkeller.

Musik aus der Waschküche

Thomas Gebbert in seinem Waschkeller.
Jede Woche stellt sich ein Jeck aus Hoym auf der Facebook-Seite des Vereins vor – diesmal Thomas Gebbert. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Wasserboiler, Waschmaschine, Trockner. Dazwischen stehen Schlagzeug, Mikrofon, Keyboard. Der Raum im Keller des Hauses von Familie Gebbert ist eine Waschküche mit integriertem Tonstudio. Wie es dort unten aussieht, kann man auf Facebook anschauen. Thomas Gebbert steht in einem bunt gepunkteten Anzug nebst passender Krawatte fröhlich tanzend im Untergeschoss und singt ein Stimmungslied über seinen Karnevalsverein. Selbst komponiert, geschrieben und eingesungen.

"Was nicht passt, wird passend gemacht", lautet eine Textzeile. Das Video ist Teil der Rubrik "Mitglieder-Mittwoch". Jede Woche stellt sich ein Jeck aus Hoym auf der Facebook-Seite des Vereins vor. "Meine Frau hat gesagt, du bist jetzt langsam mal dran", sagt Thomas Gebbert. "Du kannst doch mal was dichten oder rappen". Wenn, dann mach ich es richtig, hat sich der Musiker gesagt. So entstand der Clip.

Seit ein paar Wochen steht das Video im Netz. 1.600 Aufrufe hat der Clip bislang. Andere Videos sind noch erfolgreicher. Ein Clip zu Halloween zum Beispiel. Die Jecken aus Hoym tanzen hier in Grusel-Kostümen zu Michael Jacksons "Thriller".

Corona-Einschränkungen machen erfinderisch

Die Jecken beim HCC sind kreativ. Ein ganzes Social-Media-Team kümmert sich um den Online-Auftritt des Vereins bei Facebook und Instagram. Gefilmt und fotografiert haben die Narren ihre Auftritte schon länger. Auch den Mitglieder-Mittwoch gibt es schon eine Weile.

Ein junger Mann eines Karnevallvereins tanzt vor einer Kamera "Thriller" von Michael Kackson.
Schon zu Halloween wurden die Menschen in Hoym kreativ und nahmen Videos zu Musik auf. Bildrechte: MDR/HCC Hoym

Die Corona-Situation aber, die vielen Einschränkungen, machen erfinderisch. "Dann schneiden wir das zusammen und dann hauen wir das raus", sagt Mandy Odenahl. Sie steht nicht auf der Bühne, sondern hinter der Kamera. "Bevor wir alle traurig Zuhause sitzen, machen wir's halt online", sagt sie.

Als klar wurde: Karneval wird dieses Jahr anders, haben sie sich zusammen gesetzt, Drehpläne geschrieben, Ideen gesammelt. "Damit immer etwas vom HCC im Internet zu sehen ist." Und die Ideen sprudeln. Das Material sammelt sich auf dem Karnevals-Computer bei Mandy Odehnal. "Das geht 'Zack-Zack-Zack' und wenn was nicht läuft, dann kriegt man auch mal ein böses 'Du-Du'", sagt Vereinspräsident René Herm.

Die Jecken hatten eine ganze Online-Session geplant: Drehtermine standen. Die Tanzgruppen wollten sich im Saal treffen, mit Publikum und Kamera. Dann kam der November und der zweite Lockdown. Die Kontaktbeschränkungen dürften so einige Pläne umgeworfen haben. Die Jecken haben umgeplant. Es gibt Ideen für einen Weihnachtskalender. Auf Facebook lief ein Countdown bis zum Sessionsbeginn.

Trotzdem kein Ersatz für "echten Karneval"

Rene Herm mit einer Karnevalsmütze in Gelb.
René Herm ist Vorsitzender des HCC in Hoym. Für ihn ist die kreative Lösung allerdings kein voller Ersatz. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

"Im Moment sind die Filme im Netz eine Alternative", sagt René Herm. Ein Ersatz für den Karneval im Saal, mit Schunkeln, Büttenreden, Tanz und Gesang sind die Online-Clips für ihn aber nicht. Dazu kommt: Die Narren sind zwar Gute-Laune-Profis, aber eben keine Filmprofis.

Doch genau das macht den Reiz der Videos aus. Die Karnevalisten vom HCC tanzen, singen und verbreiten ihre Botschafen im Netz – letztlich für Freunde, Nachbarn, ihr Publikum, das sonst im Saal sitzt.

Schließlich haben sie schon seit Monaten geprobt und trainiert. Als die Entscheidung kam, den Saalkarneval abzusagen, waren Tänze einstudiert – warum also nicht einfach Teile des Programms, das es sowieso schon gibt, zeigen. Im Netz, wenn schon nicht bei einer Sitzung des Elferrats. "Das ist wie ein Blitzableiter", erklärt Karnevalspräsident Herm.

Rathausschlüssel gehört auch diesem Jahr den Narren

Und die Resonanz auf die Videos ist groß im kleinen Städtchen Hoym. Die Narren werden angesprochen. Der halbe Ort dürfte jetzt wissen, wie es im Waschkeller von Familie Gebbert aussieht.

Auf den Sessionsbeginn hat das Online-Team des HCC lange hingearbeitet. Denn: Der Rathausschlüssel, der gehört zum Beginn der 5. Jahreszeit in Narrenhände. Das ist keine Frage. Die Schlüsselübergabe ist ein Online-Event. Eines zum Nachklicken.

Zwar lässt es sich im Netz nicht so schön schunkeln, dafür gibt's dann Klicks, statt Kamelle.

Tom Gräbe
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Über den Autor Tom Gräbe arbeitet seit 2014 für MDR SACHSEN-ANHALT - als Reporter für den Salzlandkreis und ist daher sehr viel von Aschersleben, Staßfurt, Egeln bis zur Stadt Seeland unterwegs. Er produziert Hörfunkbeiträge, schreibt Texte für die Online-Redaktion und ist ab und zu auch für das Regionalmagazin MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE mit der Kamera unterwegs. Aufgewachsen ist er in Aschersleben. Zum Hörfunk gekommen ist er als Teenager. Nach einem Praktikum bei einem Freien Radio hat er viele Jahre im Vorharz gefunkt. Zu seinen Lieblingsorten in Sachsen-Anhalt gehören die Seen um Plötzky, der Harz und die ruhigen Ecken im Ascherslebener Stadtpark.

Quelle: MDR/mf

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 11. November 2020 | 13:40 Uhr

1 Kommentar

wwdd am 12.11.2020

Ich trinke mein Bier mit Freunden zum Glück noch offline. Und meine Jacke knöpfe ich mir noch nicht hinten zu.

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