Solidarität und Nachbarschaftshilfe Magdeburger stützen Menschen in Quarantäne: So läuft "Moritz hilft!"

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Unter dem Motto "Moritz hilft!" hat sich in Magdeburg ein Nachbarschaftsbündnis gebildet, um den 500 Menschen zu helfen, die in der Neuen Neustadt in Quarantäne festsitzen. Teile der Betroffenen beklagten Stigmatisierung, mangelnde Informationen und unzureichende Versorgung. Das Nachbarschaftsbündnis will das nicht hinnehmen. Am Mittwoch wurden erste Spenden verteilt. Ein Einblick.

Eine Gruppe von Helfer:innen steht und kniet im Innenraum eines Innenhofes und präsentiert fröhlich Kisten mit Spenden.
Das Team von "Moritz hilft" freut sich über zahlreiche Spenden, die am Mittwoch abgegeben wurden. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Nachdem im Magdeburger Stadtteil Neue Neustadt 16 Hausaufgänge kollektiv unter Quarantäne gestellt wurden, hatten viele der 500 Betroffenen mangelnde Information und Versorgung beklagt. Die Zustände wirkten teilweise unkoordiniert. Erst nach vier Tagen hatte es erste Hilfslieferungen der Stadt gegeben, die die Grundversorgung der Menschen sichern sollen.

Das Problem: Viele wichtige Versorgungsgüter, wie etwa (Hygiene)artikel für Kleinkinder wie Windeln oder Milchpulver sind in der Grundversorgung nicht enthalten. Ebenfalls fehlt es vielen Familien, die derzeit auf engem Raum in heißen Wohungen leben müssen, an Ablenkung und Beschäftigungsmöglichkeiten.

Initiative in wenigen Stunden gegründet

Einige Magdeburgerinnen und Magdeburger wollten das nicht einfach hinnehmen. In nur 12 Stunden stampften sie die Nachbarschaftshilfe "Moritz hilft!" aus dem Boden, mit der sie für die Betroffenen Spenden sammeln und verteilen, die über die Grundversorgung hinausgehen.

Wir wollen hier eigentlich alles zu sammeln, was den Menschen das Leben in Quarantäne irgendwie erträglicher macht!

Sandy Gärtner Mitiniatorin von "Moritz hilft!"

Zahlreiche Spenden kamen zusammen

Sandy Gärtner, Mitinitatorin von "Moritz hilft!", zeigte sich sichtlich gerührt, als am Mittwoch kurz nach Sammelstart die ersten Spenden einliefen. "Ich freue mich so unglaublich, dass so viele Menschen hier hilfsbereit sind", sagt sie. Auch ein Magdeburger, der zuvor gespendet hatte, äußerte sich berührt: "Es tut einfach gut zu sehen, dass in dieser Stadt eben nicht nur gemeckert wird, sondern die Menschen einfach selbst anpacken und einander unterstützen. Davor habe ich großen Respekt."

Zahlreiche Helferinnen und Helfer nahmen am Mittwoch Spenden entgegen, die sie mit selbstangefertigten Listen bedarfsgerecht auf 16 Pappkartons verteilten – für jeden Hauseingang eine. Auch eine Dolmetscherin hatte das Bündnis organisiert, um besser mit den oft rumänisch-stämmigen Bewohnern der Häuser kommunizieren zu können und zu fragen, was sie besonders dringend brauchten.

Dankbar für die Hilfe

Die Bewohner zeigten sich sichtlich erstaunt und erfreut darüber, dass plötzlich ein kleiner Hilfskonvoi von Nachbarn und Fremden vor ihre Häuser trat, um ihnen die Hilfspakete zu überreichen. "Vielen, vielen Dank!" ruft ein Mann von seinem Balkon herunter, als das Paket kontaktlos an der Haustür übergeben wird. "Ob es vielleicht die Möglichkeit gäbe, noch Windeln in Größe fünf zu bekommen", schiebt er dann mit Blick auf seine Tochter beinahe entschuldigend nach. Und Mülltüten habe er auch keine mehr.

Die Symbolkraft ist wichtig

Sandy Gärtner ist sich bewusst, dass die Initiative nicht genug sammelt, um alle dringenden Wünsche erfüllen zu können. "Die Grundversorgung ist Aufgabe der Stadt. Das können wir gar nicht leisten. Aber wir wollen den Menschen eine Freude machen, und jedes kleine bisschen, das ankommt, das hilft auch!"

Sie hofft, dass die Aktion Strahlkraft haben wird, die über die Coronazeit hinaus bestehen bleibt.

Es hat lange gedauert, durch verschiedene Stadtteilaktionen hier Vertrauen und eine Gemeinschaft aufzubauen. Dabei geht es einfach auch um Respekt.

Sandy Gärtner

Einige Bewohner hatten sich auf Grund ihrer Herkunft stigmaitisiert und feindlich behandelt gefühlt. Sandy Gärtner wünscht sich, dass die Hilfsaktion ein positives Gegengewicht ist, mit dem Magdeburg zeigen kann: Wir halten zusammen.

Spenden weiterhin möglich

Die Initiative will auch weiterhin Spenden sammeln. Am 24., 25. und 26. Juni können Interessierte ihre Spenden zwischen 16:00 und 17:00 Uhr im Kinder- und Jugendhaus "Knast" am Moritzplatz abgeben. Auch Helferinnen und Helfer, die bereit sind, beim Sammeln und Verteilen zu helfen, sind herzlich willkommen.

Besonders dringend benötigt werden laut Initiatoren Milchpulver und Windeln in verschiedenen Größen. Zudem sind Gegenstände zur Beschäftigung wie Gesellschaftsspiele, Malutensilien, Bastelmaterial, Kleinkinderspielzeug und ähnliches gerne gesehen. Auch Säfte, Kondensmilch und Kaffee, abgepackte Süßigkeiten und Kekse, frisches Obst und Gemüse und Konserven werden gesammelt.

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Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Leonard Schubert arbeitet seit Februar 2020 in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Interessensschwerpunkte sind Politik, Umwelt und Gesellschaft. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er beim Charles Coleman Verlag, für das Outdoormagazin Walden und beim ZDF.

Nebenher arbeitet er an seinem Masterabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Über den Umweg Leipzig kam der gebürtige Kölner 2016 nach Magdeburg, wo er besonders gern im Stadtpark unterwegs ist. In seiner Freizeit steht er mit großer Leidenschaft auf den Poetryslambühnen Sachsen-Anhalts oder sitzt mit einem Eisbärbier am Lagerfeuer, irgendwo in Skandinavien.

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Künftig sollen Hilfsorganisationen den Bewohnern die Maßnahmen erklären und verständlich machen. Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Quelle: MDR/ls

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 25. Juni 2020 | 09:30 Uhr

1 Kommentar

Wenzel am 26.06.2020

Gut gemacht, Moritz!

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