Sport für Menschen mit Behinderung Wie Blinde Bogenschießen trainieren und beim FCM mitfiebern

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Bogenschießen und Fußballgucken für Blinde: Das klingt paradox, ist aber mit ein bisschen Hilfe kein Problem. Zielen mit Pfeil und Bogen kann man seit kurzem in Wanzleben, die Blindenreportage beim FCM gibt es schon seit Jahren. Das Interesse an solchen Sportangeboten wächst.

Frank Brehmer zeigt in Wanzleben, wie Bogenschießen für Blinde funktioniert
Frank Brehmer will Blinden in Sachsen-Anhalt das Bogenschießen ermöglichen. In Wanzleben kann jetzt schon geübt werden. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

  • Sportbeauftragter Frank Brehmer will das Bogenschießen für Blinde in ganz Sachsen-Anhalt etablieren.
  • Das Besondere an dieser Behindertensportart ist, dass man gemeinsam mit Sehenden trainiert.
  • Bei Fußballspielen des FCM können Blinde durch eine spezielle Reportage mittendrin sein, die im Stadion über Kopfhörer und im Internet in einem Livestream zu hören ist.

Wer als Unbedarfter zum ersten Mal einen Bogen spannt, kommt kaum dazu, sich auf die Zielscheibe zu konzentrieren. Den linken Arm durchgestreckt halten, die Sehne ans Kinn ziehen, bloß nicht die Hüfte drehen. Dazu dieses fiese Ziehen im rechten Oberarm. Da kann ein Treffer ins Fangnetz getrost als Erfolg gewertet werden.

Bei Frank Brehmer hingegen wirkt jede kleine Bewegung kontrolliert. Fast wie in Zeitlupe legt er einen Pfeil ein, hebt die Arme, spannt seinen Bogen – und schießt ihn 15 Meter weit in Richtung Zielscheibe. Treffer in den äußeren Ring. Nun übt er zwar schon seit ein paar Monaten. Trotzdem sind seine Treffer etwas Besonderes. Denn Frank Brehmer ist blind.

Bogenschießen für Blinde: Das klingt paradox, funktioniert aber mit Hilfsmitteln und einem Unterstützer erstaunlich gut. Bei der Schützengilde Wanzleben in der Börde kann man das seit kurzem ausprobieren. Frank Brehmer schießt nicht nur gern selbst mit Pfeil und Bogen. Er will die Behindertensportart im ganzen Land etablieren. Dazu kurbelt er im Namen des Vereins Barriereloses Umfeld die Zusammenarbeit mit mehreren Schützenvereinen im Land an. Brehmer kennt sich mit solchen Dingen aus, denn er ist zugleich Landessportbeauftrager beim Blinden- und Sehbehindertenverband Sachsen-Anhalt (BSVSA), der auch zu den Projektpartnern gehört.

Die Vorbereitung dauert locker eine halbe Stunde

Vom Bogenschießen angefixt hat ihn ein Workshop in Berlin, wo es das Angebot für Blinde und Sehbehinderte schon seit Jahren gibt. Selbst er als alter Hase im Behindertensport konnte sich vorher kaum vorstellen, wie man ohne Augenlicht die Zielscheibe treffen soll. "Bei anderen Blindensportarten helfen einem akustische Signale", erklärt er. "Aber die gibt es hier nicht."

Die Lösung liegt in einer Apparatur, die wie ein Gerüst bei der Orientierung hilft: Mit den Füßen tritt der blinde Sportler in ein Gestell, und mit dem linken Handrücken drückt er gegen einen Metallstift, der auf einem Stativ befestigt ist. Außerdem braucht jeder einen Helfer, Supporter genannt. Der richtet die Apparatur exakt auf die Zielscheibe aus. Frank Brehmers Supporter ist ein Kumpel mit viel Geduld. Und das ist auch gut so, erzählt der Hobby-Schütze. Denn das ständige Nachjustieren, bevor das eigentliche Training beginnen kann, dauert locker eine halbe Stunde. "Und wenn man so ein Nervenbündel ist wie ich …"

Das brauchen Blinde zum Bogenschießen

Ein optisches Visier hilft Frank Brehmer beim Bogenschießen für Blinde.
Auf einem Stativ ist ein kleiner Metallstift angebracht. Den berührt der Bogenschütze mit einer bestimmten Stelle am Handrücken des Armes, der den Bogen hält. Das Ganze heißt optisches Visier. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen
Ein optisches Visier hilft Frank Brehmer beim Bogenschießen für Blinde.
Auf einem Stativ ist ein kleiner Metallstift angebracht. Den berührt der Bogenschütze mit einer bestimmten Stelle am Handrücken des Armes, der den Bogen hält. Das Ganze heißt optisches Visier. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen
Ein Fußgestell hilft Frank Brehmer beim Bogenschießen für Blinde.
Die Füße stehen in einem Gestell, und zwar in 90 Grad zur Zielscheibe. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen
Supporter Chris Vehlgurt hilft Frank Brehmer beim Bogenschießen für Blinde
Jeder blinde Bogenschütze braucht auch einen Supporter, der die Apparatur auf die Zielscheibe ausrichtet. Dazu kann er das gesamte Konstrukt verschieben und einzelne Schrauben verstellen. Bildrechte: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen
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Angebote auch in Magdeburg und Quedlinburg geplant

Bei der Schützengilde Wanzleben hilft den blinden Sportlern zusätzlich ein Betreuer. Der sorgt bei Trainings für die Sicherheit, gibt Tipps, wie man besser zielt und hat sogar das Fußgestell selbst gebaut – das aus dem Internet war ihm nicht stabil genug.

Neben Frank Brehmer trainieren in dem Bördeort aktuell neun Blinde und Sehbehinderte. Der Sportbeauftragte arbeitet parallel schon an der nächsten Kooperation, und zwar mit dem Polizeisportverein Magdeburg. Danach steht ein Verein in Quedlinburg auf dem Plan; und auch in Stendal gibt es schon Blinde, die mit Pfeil und Bogen schießen möchten. Finanziell gefördert wird das Ganze von der Aktion Mensch.

Das Angebot spricht sich immer mehr herum. Frank Brehmer bekommt in den letzten Wochen immer häufiger Anrufe von Leuten, die das mit dem Bogenschießen mal ausprobieren möchten. Er glaubt, das liegt auch daran, dass diese Behindertensportart eine besondere ist. Denn im Gegensatz zum Beispiel zu Torball – eine Abwandlung von Handball – bleiben Blinde hier nicht unter sich. "Wir trainieren zusammen mit Sehenden, wir treten sogar bei denselben Kreis- und Landesmeisterschaften an", erklärt Brehmer. In unterschiedlichen Kategorien, versteht sich. "Uns ist es wichtig, dass wir am Leben teilhaben und Sachen mit Sehenden zusammen machen", sagt er.

Auch diese Sportarten gibt's für Blinde in Sachsen-Anhalt

Torball: Dieser Mannschaftssport ähnelt dem Handball. Ziel ist es, den Ball ins gegnerische Tor zu werfen. Dabei muss jede Mannschaft in der eigenen Hälfte bleiben. Der Ball hat im Inneren ein Glöckchen. Angeboten wird Torball in Magdeburg und Halle.
Tischball: Das ist so ähnlich wie Tischtennis. Allerdings muss man den Ball unter dem "Netz" (hier eine feste Scheibe) durchschlagen und das gegnerische Tor treffen. Durch eine Seitenbande rollt der rasselnde Ball nicht vom Tisch. Tischball gibt es in Bitterfeld, Halle, Quedlinburg, Stendal und Magdeburg.
Kegeln: Gekegelt wird auf einer Standardkegelbahn. Die Blinden tasten das Aufsetzbrett für die Kugeln vorher ab, es dient zur Orientierung. Ansonsten braucht man vor allem Übung. Blinde kegeln in der Regel aus dem Stand mit beiden Händen. Angeboten wird Kegeln in Magdeburg.
Mehr Infos gibt es auf der Internetseite des BSVSA.

Über Funkkopfhörer bei jedem Pass des FCM dabei

Stephen Leuschner, Engin Haupt und Torsten Kühlhorn (v.l.) sind ehrenamtliche Blindenreporter für den FCM.
Blindenreporter im Stadion: Torsten Kühlhorn (rechts) mit seinen Ehrenamts-Kollegen Stephen Leuschner (links) und Engin Haupt. Bildrechte: 1. FC Magdeburg

Als Blinde mittendrin sein in der Welt der Sehenden: Darum geht es auch bei der Blindenreportage des 1. FC Magdeburg. Torsten Kühlhorn gehört zu denen, die das möglich machen. Bei jedem Heimspiel, also alle zwei Wochen, sitzt er auf der Pressetribühne am Mikrofon. Was er dort erzählt, wird über Funkkopfhörer an blinde Fans im Stadion übertragen. Seit Beginn der Corona-Pandemie, als keine Zuschauer erlaubt waren, sind die Blindenreporter außerdem per Livestream im Internet zu hören.

Wenn Torsten Kühlhorn über sein Ehrenamt redet, wirkt es manchmal, als habe er nur fünf Minuten Zeit, um alles Wichtige loszuwerden. Das hat er wohl aus dem Stadion, denn ein Blindenreporter muss viel mehr erzählen als ein normaler Kommentator im Fernsehen. "Wir erklären das ganze Spiel lang, wo sich der Ball befindet und wer gerade dran ist", sagt er. Selbst dann, wenn ein Team den Ball in der eigenen Abwehr zigmal hin- und herkickt. Und weil bei einem Tor oft alles so schnell geht, wird hinterher immer nochmal genau erklärt, wie es dazu kam.

Wir müssen den Blinden im Kopf vermitteln, was da unten passiert.

Torsten Kühlhorn, Blindenreporter

Außerdem muss ein Blindenreporter alles vermitteln, was um den Ball herum passiert: Welches Handzeichen gibt der Schiri dem Linienrichter? Wieso pfeift Block U? Steht die Sonne mal wieder so tief, dass sie die Spieler blendet? Torsten Kühlhorn fasst das alles so zusammen: "Wir müssen den Blinden im Kopf vermitteln, was da unten passiert."

Kommentare und Einschätzungen wie im Fernsehen geben er und seine Kollegen fast nie ab. "Dazu kommen wir gar nicht", sagt der Hobby-Reporter. Wenn aber doch mal gerade nichts passiert, muss man spontan draufloserzählen. "Stellen Sie sich vor, Sie sitzen vorm Radio und hören nichts", erklärt Kühlhorn. Also hat er immer Spielerfakten parat. Trefferquote, Verletzungen, Befindlichkeiten.

Ein Versicherungsmakler, ein Lokführer und zwei Journalisten

"Das Reportieren ist schon mega anstrengend", sagt Kühlhorn. Deshalb wechseln sich die Ehrenamtler auch alle 15 Minuten ab. Drei Freiwillige kommen pro Spiel zum Einsatz, vier gehören insgesamt zum Team. Neben Kühlhorn, von Beruf Versicherungsmakler, sind das ein Lokführer und zwei Journalistik-Absolventen der Hochschule Magdeburg-Stendal. Denn das Angebot ist vor sieben Jahren aus einem Studierendenprojekt heraus entstanden.

Kühlhorn macht die Blindenreportagen beim FCM inzwischen seit sechs Jahren. Er legt sogar seine Urlaube in die Spielpausen. Wieso? "Weil alle ein Recht auf die tolle Atmosphäre im Stadion haben", sagt er: "Die Nutzer sagen mir immer, für sie ist das Spiel das Highlight der Woche. In der Gemeinschaft zu sein, mitgenommen zu werden in den Alltag: Das ist für sie eine tolle Sache."

Neuer Rekord beim Aufsstiegsspiel

Beim Aufstiegsspiel des FCM gegen Zwickau im April haben die Blindenreporter einen neuen Zuhörerrekord geknackt: 99 Zugriffe hatte der Stream, dazu kamen vier Nutzer im Stadion. Sonst sind es 20 bis 30 Zuhörer im Internet plus zwei, drei Fans im Stadion.

"Ich glaube, es gibt noch viel mehr Blinde, die gern ins Stadion kommen würden", sagt Torsten Kühlhorn. Das merke man zum Beispiel am Behindertentag, den der FCM jedes Jahr veranstaltet. "Da sind unsere 20 Kopfhörer immer ganz schnell weg." Der Hobby-Reporter ist sich sicher, dass das nicht nur am freien Eintritt liegt. "Das Problem ist: Man muss erstmal eine Begleitperson finden." Denn durch die lauten Menschenmassen können sich Blinde im Stadion nicht so einfach allein orientieren.

Da ist es dann wieder wie beim Bogenschießen: Hilfsmittel können Blinden vieles ermöglichen. Aber damit sie die auch nutzen können, braucht es immer Freiwillige, die ihnen helfen.

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MDR (Elisa Sowieja-Stoffregen)

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 06. Juni 2022 | 19:00 Uhr

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