Binden und Tampons auf einer Handfläche
Über die kostenfreie Bereitstellung von Menstruationsartikeln an städtischen Schulen wird derzeit im Stadtrat von Magdeburg diskutiert (Symbolbild). Bildrechte: MDR/Leonard Schubert

Debatte im Stadtrat Vorstoß für kostenlose Menstruationsartikel an Magdeburger Schulen und Freizeiteinrichtungen

24. April 2021, 15:25 Uhr

Während in Schottland kostenlose Hygieneartikel längst Standard sind, bleiben sie in Deutschland die Ausnahme. In Magdeburg könnte sich das nun ändern. Nur wenige Tage nach der deutschlandweiten Debatte um pinkfarbene Hygienehandschuhe für Frauen bringt ein Antrag der Linken im Magdeburger Stadtrat Bewegung ins Thema.

Kostenlose Menstruationsartikel auf Toiletten, genau so selbstverständlich wie Toilettenpapier? Was in ganz Schottland oder an der Hochschule Merseburg schon eingeführt wurde, ist in den meisten Teilen Deutschlands noch absolute Ausnahme. In Magdeburg könnte sich das bald ändern – zumindest, wenn es nach den Linken im Stadtrat geht. Sie fordern, dass Menstruationsartikel an Magdeburger Schulen und Einrichtungen für Jugendliche kostenlos zur Verfügung gestellt werden sollen. Bezahlen soll das Ganze die Stadt, die allerdings wegen der Corona-Pandemie finanzielle Sorgen hat.

Nadja Lösch, Fraktionsvorsitzende der Magdeburger Linken, erklärte, der Antrag verfolge zwei Ziele: "Zum einen ist das eine finanzielle Sache. Denn Menschen, die ihre Periode haben, die müssen jeden Monat gewisse Artikel dafür kaufen und haben gewisse Unkosten und wir finden, dass Menstruationsartikel so etwas ist wie auch Toilettenpapier, das kostenlos in Einrichtungen zur Verfügung stehen sollte." Zum anderen gehe es aber auch darum, dass Thema "Periode" zu enttabuisieren und zu einer Normalisierung beizutragen. Dazu sei zwar viel Arbeit nötig, aber den Antrag halte man für einen ersten Schritt.

"Längst überfällig" finden Magdeburgerinnen den Antrag

Dort, wo die Forderung zum Tragen kommen würde, begrüßt man das Vorhaben ausdrücklich. Der Antrag sei absolut sinnvoll und eigentlich längst überfällig, meint Kerstin Koine vom Jugend- und Sozialzentrum "Mutter Teresa". Schließlich gehe es um Hygieneartikel und diese würden eben gebraucht. Ähnlich äußert sich Michelle Gehne, die im ersten Semester soziale Arbeit studiert und die Schule erst vor Kurzem verlassen hat. "Ich finde es ehrlich gesagt schwachsinning, dass es darüber eine Debatte geben muss", sagt sie.

Die Hälfte der Weltbevölkerung hat Menstruationen. Wieso denkt man erst jetzt darüber nach, ob es sinnvoll wäre, kostenfreie Produkte zugänglich zu machen?

Michelle Gehne, Studentin

Gina Mundkowski vom Landesschülerrat Sachsen-Anhalt findet den Antrag ebenfalls sinnvoll. Zusätzlich wünscht sie sich eine bessere Aufklärung an den Schulen, damit "die Jungs lernen, es als normal anzusehen und es nicht abwerten". Dazu sei das Vorhaben ein wichtiger Schritt.

Zustimmung von Schulen und Sozialarbeitern

Die Magdeburger Schulen zeigen sich grundsätzlich offen für die Vorschläge. Am Hegel-Gymnasium hat man sogar schon positive Erfahrungen sammeln können. Das berichtet jedenfalls die stellvertretende Schulleiterin Ulrike Keune. Dort hätten sich Schülerinnen und Schüler erst vor Kurzem aus Eigeninitiative für kostenfreie Menstruationsartikel eingesetzt und Spenden gesammelt. Eine Testphase sei positiv gelaufen, entgegen der Befürchtungen seien keine Artikel in den Toiletten oder im Müll gelandet oder gestohlen worden. Jetzt werde über eine Dauerlösung beraten. Den Schülerinnen sei es auch darum gegangen, für das Thema zu sensibilisieren und für mehr Aufklärung zu sorgen, erzählt Keune.

Dass kostenfreie Menstruationsartikel zur Aufklärung beitragen können, glaubt auch Martin Hinz von der Netzwerkstelle "Schulerfolg" Magdeburg. Wenn das kostenfreier Standard an Schulen werde, dann werde "Menstruation zum Thema, was kein Thema mehr ist", meint er.

Schulsozialarbeiterin Diana Altenburg findet, dass es im Sinne der Schulgemeinschaft ein guter Schritt sei, wenn auf diese Weise an alle gedacht werde.

Wer schonmal an der Schule war und nicht genug Menstruationsartikel dabei hatte, der wollte doch einfach nur nach Hause gehen.

Diana Altenburg, Schulsozialarbeiterin

Ohnehin werde die Auswirkung von Menstruation im Schulalltag oft unterschätzt, trotz steigender Rücksichtnahme. Kostenfreie, zugängliche Produkte würden auch ein Gefühl der Sicherheit vermitteln.

Stadtrat ist uneins

Die Ansichten im Stadtrat sind geteilt. Grüne und SPD begrüßen den Antrag der Linken und hoffen, dass er zu einer Normalisierung des Themas "Menstruation" beitragen kann. Die SPD möchte zur Verstärkung dieses Effekts in einem Modellprojekt Schülerinnen und Schüler in die Planungen für die praktische Umsetzung mit einbeziehen. Die Grünen sagten: "Fakt ist, dass nur ein dauerhafter normaler Umgang mit solchen Produkten die Tabuisierung abbauen kann und das ist auch absolut notwendig."

Schild "Sitzung - bitte nicht stören" an Tür zu Sitzungssaal
Im Stadtrat in Magdeburg ist man geteilter Ansicht über das Thema. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Sören Thümler

Während sich die Gartenpartei eher neutral hält, bezeichnete die Fraktion FDP/Tierschutzpartei den Antrag als "nicht zielführend". In einem Statement hieß es, individuell genutzte Artikel sollten auch individuell bezahlt werden. Ihr Vorschlag ist es, im Bedarfsfall Automaten für Menstruationsartikel aufzustellen. An eine Enttabuisierung der Menstruation durch kostenfreie Produkte glaube man nicht.

Am kritischsten äußerte sich die AfD. Der stellvertretende Vorsitzende der AfD-Stadtratsfraktion, Oliver Kirchner, hält den Antrag "schlichtweg für einen weiteren Auswuchs linker Identitätspolitik". Er sieht außerdem Probleme wegen der angespannten Haushaltslage und vermutet, dass die Menstruationsprodukte gestohlen werden würden, sollten sie kostenlos ausliegen. Die CDU-Fraktion hat sich zum Antrag nicht geäußert. Derzeit wird der Antrag in den Ausschüssen beraten, bis die Stadträte abschließend entscheiden.

MDR/ Leonard Schubert

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 27. April 2021 | 09:30 Uhr

11 Kommentare

Denkschnecke am 26.04.2021

Ja, und diese Generationen (wie mein Vater) sind auch mit dem Rad 15 km zur Schule gefahren, da gab's keinen Nahverkehr, schon gar nicht umsonst. Wenn SIe schon Parallelen ziehn, dann bitte auch konsequent.

Anni22 am 26.04.2021

@ Denkschnecke Wie haben das nur frühere Generationen (Krieg usw.) geschafft?! Woher stammt die Mentalität, dass der "Staat" für alles aufkommen muss ?

Denkschnecke am 25.04.2021

Was für ein absurder Vergleich. Hätte Ihr Nickname einen männlichen Autor nahegelegt, hätte ich Ihnen den Bedarfsunterschied zwischen einem Tampon und einer Rasur vorsichtig erklärt.

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