Politischer Gefangener 1.000 Tage im Stasi-Gefängnis Magdeburg: Ein ehemaliger Häftling berichtet

Dankmar Isleib verbrachte als politischer Häftling drei Jahre im Stasi-Gefängnis in Magdeburg. Ohne Grund musste er 15 Monate in einer Einzelzelle verbringen. Dann teilte er eine Zelle ohne Fester mit 19 weiteren Häftlingen. Jetzt spricht und schreibt er über diese Zeit, um ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen.

Dankmar Isleib musste drei Jahre im Gefängnis verbringen. Und das, weil er einem Freund sein Auto geliehen hatte. Die Stasi warf ihm daraufhin verschiedene Verbrechen vor, unter anderem Republikflucht, staatsfeindliche Hetze und Spionage. Isleib verbrachte mehr als ein Drittel seiner Haftzeit, 15 Monate, in Einzelhaft. Er war damals im ehemaligen Stasi-Gefängnis am Moritzhof in Magdeburg untergebracht.

Einzelhaft und 200 Verhöre

Der Zellentrakt im früheren Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit, aufgenommen am 19.03.2014 in Magdeburg
In diesem Gebäude war Dankmar Isleib vor 46 Jahren eingesperrt. Bildrechte: dpa

Isleib erzählt, dass er während seiner Phase in Einzelhaft rund 200 Mal verhört wurde. Sein erstes Verhör dauerte 47 Stunden. Während der Verhöre sei er oft unter Druck gesetzt worden, berichtet er. "Manchmal sagten sie, ich soll mal raus aus dem Fenster schauen. Da sei gerade meine Mutter. Oder sie behaupteten, dass sie meine Freundin eingesperrt haben. Die Verhöre waren mal morgens, mal mitten in der Nacht. Teilweise war es nur eine halbe Stunde, aber oft hat es auch bis zu 30 Stunden ohne Unterbrechung gedauert", erzählt Isleib.

In dieser Zeit hatte er weder Besuch noch eine Beschäftigung. Nicht einmal Bücher waren erlaubt. Er war in einer Zelle ohne Fenster untergebracht. Isleib erzählt: "Um die Kontrolle nicht zu verlieren, habe ich mich auf meine Gedanken konzentriert. Die waren an sich mein Lebensinhalt. Dadurch habe ich Kraft zum Überleben erhalten."

Die Haft ändert alles

Sein Leben hatte sich durch die Festnahme plötzlich perspektivlos verändert. Vor seiner Haft arbeitete er als Technologe in Wernigerode. Außerdem war er Schlagzeuger und Sänger in der Band "Paradox". Als er 1974 verhaftet wurde, war er 32 Jahre alt. Er saß in Haft, ohne zu wissen, warum oder wie lange.

Isleib beschreibt, dass seine Zelle mit der Zeit seinem Zuhause wurde. Doch dann wurde er in eine größere Zelle verlegt. Auch da war er alleine. "Das war eine Überforderung. Ich war schockiert und bin die ersten Tage damit überhaupt nicht klargekommen", beschreibt er.

20 Männer in einer Zelle ohne Fenster

Es wurde aber noch schlimmer. Nach seiner Zeit in Einzelhaft wurde er nach Cottbus verlegt. Dort musste er sich eine Zelle mit 19 weiteren politischen Häftlingen teilen. Dazu sagt Isleib: "Das war eine sehr komplizierte Zeit. Die Zelle hatte keine Fenster. Es gab acht Hocker, eine Toilette, zwei Waschbecken. Und das für 20 Männer. Es hat nur gestunken. Diesen Geruch kann sich keiner vorstellen".

Nach den Beschreibungen von Isleib gab es in der Zelle fünf vierstöckige Bettreihen. Ganz oben sei man so nah an der Decke gewesen, dass man sich zum Umdrehen immer raus aus dem Bett hängen musste, erzählt Isleib. Unter den Häftlingen in seiner Zelle seien zwei Stasi-Spitzel gewesen, um die Häftlinge auszuhorchen. Zum Alltag habe auch gehört, dass die Zelle von Offizieren immer wieder verwüstet wurde.

Keine Ärzte, keine Medikamente

Isleib hat in der Zeit im Gefängnis mehrere Zähne verloren und hat eine Nierenbecken-Entzündung bekommen. Die wurde nicht behandelt. Es gab für die Häftlinge keinen Arzt und auch keine Medikamente. Somit musste er monatelang leiden. Er habe von dieser Zeit einen bleibenden Nierenschaden, sagt er.

Freigekauft: neues Leben im Westen

Nach drei Jahren in Haft wurde er freigekauft und kam in ein Auslieferungslager nach Chemnitz. Dort wurde er von zwei Anwälten, einer aus dem Osten und der andere aus dem Westen, bis an die innerdeutsche Grenze gebracht. Unterwegs habe man ihn noch gewarnt, ja nicht weiterzuerzählen, was er alles erlebt habe. Isleib erzählt: "Dann ging es ab in den Westen. An der westlichen Grenze kam das deutsche Rote Kreuz und hat uns ein Butterbrot und eine Banane gebracht."

Danach änderte sich sein ganzes Leben noch einmal abrupt. Doch dieses Mal ins Positive: "Ich bin eigentlich Musiker gewesen. Dachte aber, als alter Rockmusiker kann ich nichts mehr machen." Deshalb wurde er Musikredakteur bei der Jugendzeitschrift "Bravo". Nach ein paar Jahren wurde er Chefredakteur und gründete seine eigene Agentur. Inzwischen schreibt er Bücher zu verschiedenen Themen. In seinem Buch "Das Sprechen der Wände: Tausend Tage Stasi-Albtraum" beschreibt er die Zeit im Gefängnis.

Nach dem Terror, was er damals durchgemacht hat, ist es Isleib wichtig, dass er heute ein Zeichen gegen das Vergessen setzt.

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Ralf Wolfensteller im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen.
Ralf Wolfensteller im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Bildrechte: MDR/NDR/Tobias Hartmann
Gunther Junkert mit Video
Gunther Junkert Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR/vö

Dieses Thema im Programm: MDR um 4 | 13. August 2020 | 16:00 Uhr

9 Kommentare

Rotti vor 37 Wochen

Die Stasi war Schild und Schwert der SED.
Stasi Gefängnisse waren nur der Kontrolle der Stasi unterstellt.
Mein Vater hat zu Volksaufstand 1953 den Stasiknast in Berlin mit gestürmt.
Die Zustände dort waren wie zu Hitlers Zeiten, berichtete er.

Dynamo vor 37 Wochen

Was ich verwerflich finde, die Personen, die viele unschuldige Leute ins Gefängnis brachten, hatten keinerlei Probleme, auch nicht nach der Wiedervereinigung, bekamen ihren Platz in den Parlamenten. Sie erzählten maximal, wie schwer es für sie war, Fuß zu fassen. "Diener zweier Herren"
17.08.2020, 13:58

Rotti vor 37 Wochen

Die Nachfolger der Täter von einst sitzen nun in fast allen Parlamenten. Die Opfer von einst werden nach und nach vergessen! So darf das nicht enden, meine ich.

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