"BUILT TO WIN" – Doku über Baskets Wolmirstedt Hoffnung und Heimweh: Wie ein US-Basketballer in Wolmirstedt um seinen Traum kämpft

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Weil es nur wenige in die nordamerikanische Basketball-Profiliga NBA schaffen, suchen jedes Jahr hunderte US-Profis ihr Glück in Europa. Auch Jordan Talbert will aufsteigen, tausende Kilometer von seiner Familie entfernt. Eine Geschichte über Ehrgeiz und Einsamkeit.

Basketball in den unteren Ligen? Das bedeutet große und geplatzte Träume. Fernab des Scheinwerferlichts stellen sich die Profis der SBB Baskets Wolmirstedt dort dem Wettkampf des Lebens – und der Corona-Pandemie. MDR SACHSEN-ANHALT hat sie eine Saison lang begleitet.

Seine Schuhe schnürt Jordan Talbert direkt am Spielfeldrand. Die Kabinen verstauben ohnehin seit Monaten. Auf dem Parkett der "Halle der Freundschaft" in Wolmirstedt sollte eigentlich um einen Aufstieg gespielt werden. So war der Plan im Sommer 2020. Doch den durchkreuzte die Corona-Pandemie. Stillstand in der Basketball-Regionalliga, einer Amateurliga. Ungewissheit bei Jordan Talbert, dem US-Amerikaner bei den SBB Baskets Wolmirstedt.

Es ist der 23. Dezember 2020 und Talbert wirft ganz allein auf den Korb. "Ich brauche die Halle einfach, während ich hier in Deutschland bin", sagt er. "Das ist der einzige Weg, wie mein Kopf klar bleibt. Ansonsten würde ich durchdrehen, wenn ich den ganzen Tag nur zu Hause sitzen würde." Das Weihnachtsfest wird der 30-Jährige ohne seine Familie verbringen. Seine Lieben leben im US-Bundesstaat Arkansas. Den Großteil des Jahres von ihnen getrennt zu sein, das kennt Jordan Talbert bereits.

Weil es nur wenige in die nordamerikanische Profiliga NBA schaffen, suchen jedes Jahr hunderte US-Spieler ihr Glück in Europa. Talbert spielt bereits seine siebte Saison in Deutschland. Er weiß längst, dass es für den ganz großen Durchbruch nicht mehr reichen wird. Doch er gibt nicht auf, er kämpft für seinen Traum. Denn: "Dieses Leben", sagt er, "ist alles, was ich habe." Und: "Diese Saison ist wirklich die verrückteste aller Zeiten."

Nur ein US-Profi pro Team erlaubt

In Wolmirstedt, einer Kleinstadt mit knapp 12.000 Einwohner nahe Magdeburg, wollten sie im vergangenen Sommer hoch hinaus: Mit Hilfe eines finanzkräftigen Hauptsponsors, der Segment Behälter Bau GmbH, die Löschwassertanks herstellt, sollte der Aufstieg in die Pro B gelingen. Das ist die dritthöchste deutsche Spielklasse. Etwa 400.000 Euro gab der Klub für dieses Ziel aus. Die Verantwortlichen stellten eine Mannschaft aus erfahrenen Profis zusammen – für eine Liga, in der Basketball für die meisten deutschen Spieler noch nur ein Hobby ist.

Weil diese einheimischen Spieler gefördert werden sollen, darf jede Mannschaft in der Regionalliga nur einen US-Amerikaner im Kader haben. Das ist dann meistens der Mann, auf dem der größte Druck lastet. "Jedes Mal, wenn wir gegen ein Team spielen, von dem ich weiß, dass der Amerikaner 20 Punkte oder mehr machen muss, weiß ich auch: Wenn wir ihn stoppen, gewinnen wir das Spiel. Aber in Wolmirstedt reicht es nicht, wenn du mich stoppst. Du musst viel mehr Spieler stoppen", sagt Talbert. "Mir gefällt das. Das macht meinen Job einfacher."

Doch auch, wenn die Last bei den Baskets verteilt ist: Der Verein erwartet viel von Jordan Talbert – und er erwartet viel von sich selbst. Die Opfer, die er für seinen Traum vom Leben als Basketball-Profi seit Jahren bringt, müssen sich lohnen. Mit Rostock ist der 1,98-Meter-Mann einst von der Pro B in die zweitklassige Pro A aufgestiegen. Nun will er mit Wolmirstedt nach oben. In einer kleinen Stadt auf dem flachen Land, in der für ihn vieles fremd ist und er sich oft einsam fühlt.

Wo und wann ist "BUILT TO WIN" zu sehen?

Die ersten vier Folgen der Dokumentation erscheinen auf dem Youtube-Kanal der Sportschau – und zwar immer freitags am:

  • 14. Mai
  • 21. Mai
  • 28. Mai
  • 4. Juni


Je nachdem, ob die Baskets Ende Juni noch um den Aufstieg spielen müssen, erscheint am 2. Juli womöglich eine fünfte Abschlussfolge.

Ausschnitte laufen in den kommenden Wochen jeden Samstag um 19 Uhr bei MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE. Eine 30-minütige Version der Doku ist außerdem am 10. Juni um 22.40 Uhr im MDR-Fernsehen und im Anschluss in der ARD-Mediathek zu sehen.

Jordan Talbert, der etwas andere US-Profi

"Er ist seit eineinhalb Jahren nicht mehr zu Hause in den USA gewesen. Das ist etwas, was ich noch nie von einem amerikanischen Spieler gehört habe", sagt Eiko Potthast, Cheftrainer von Wolmirstedt. "Den kompletten Sommer über ist er geblieben, um an seinem Spiel zu arbeiten. Dann hatten wir einen Lockdown, wir durften nicht spielen. Und er ist trotzdem geblieben, weil er gesagt hat, dass man sich in der Corona-Pandemie eben so verhält und er kein Risiko eingehen wollte."

Jordan Talbert, da sind sie sich bei den Baskets einig, "ist ganz ein feiner Mensch", wie Fanbetreuer Ricky Hoffmeister sagt. Das sei nicht bei allen US-Amerikanern so gewesen, die in den vergangenen Jahren für Wolmirstedt gespielt haben: "Viele habe ich leider so kennengelernt, dass sie dachten, sie sind jemand Besonderes, jemand Besseres", sagt Hoffmeister, aber: "Jordan ist einer, der hat sich integriert. Er ist ein aufrichtiger und zuvorkommender Mensch. Ich mag ihn dolle, wirklich sehr."

Vom US-College in die Provinz

Nach sieben Jahren als Profi in Deutschland weiß Jordan Talbert, wie das Geschäft funktioniert. Doch für diejenigen, die mit Anfang 20 direkt vom US-College in untere europäische Ligen kommen, ist die erste Zeit "overseas", wie die US-Amerikaner sagen, oft ein Schock. Viele träumen von der großen Basketballwelt – und landeten dann in der Provinz, manche einquartiert im Plattenbau so wie Talbert.

Doku über Baskets Wolmirstedt Die Protagonisten von "BUILT TO WIN"

Jordan Talbert, Protagonist der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Jordan Talbert ist der US-Amerikaner im Team. Tausende Kilometer von seiner Familie entfernt lebt der 30-Jährige seinen Traum von der Karriere als Basketball-Profi – und erzählt in der Dokumentation von seiner bewegten Vergangenheit. Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
Jordan Talbert, Protagonist der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Jordan Talbert ist der US-Amerikaner im Team. Tausende Kilometer von seiner Familie entfernt lebt der 30-Jährige seinen Traum von der Karriere als Basketball-Profi – und erzählt in der Dokumentation von seiner bewegten Vergangenheit. Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
Protagonist der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Felix Neumann galt in der Jugend als eines der größten Talente ganz Deutschlands. Für den großen Durchbruch reichte es zwar nicht. "Ich liebe das Leben einfach zu sehr", sagt der heute 30-Jährige. In Wolmirstedt ist Neumann trotzdem der Publikumsliebling. In der Doku zeigt er jedoch auch seine ernste Seite. Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
Eiko Potthast, Protagonist der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Eiko Potthast ist der Cheftrainer des Teams. Der 30-Jährige ist jünger als so mancher Spieler und verschafft sich trotzdem Respekt. Kann Potthast den Klub zum Aufstieg führen und damit auch seine Karriere ankurbeln? Als junger deutscher Trainer hat man es im deutschen Basketball schließlich nicht leicht. Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
Joe Hart, Protagonist der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Joe Hart will den internationalen Durchbruch schaffen. Dafür lebte der Engländer bislang ein Vagabundenleben. Diese Spielzeit ist die erste seiner Laufbahn, in der Hart für denselben Verein wie in der Vorsaison aufläuft. Doch dann muss er eine schwere Verletzung hinnehmen. Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
Ricky Hoffmeister, Protagonisten der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Ricky Hoffmeister ist Fan der SBB Baskets. Er hilft außerdem bei den Heimspielen. Wenn die Spieler ein Problem haben, rufen sie ihn an. Hoffmeister sagt: "Basketball in Wolmirstedt ist mein Leben. Das ist alles für mich." Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
Philipp Lieser, Protagonist der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Philipp Lieser ist der Kapitän der SBB Baskets Wolmirstedt. Er soll das Team auch in schweren Zeiten zusammenhalten – was in der Corona-Pandemie wohl eine so große Herausforderung ist wie nie zuvor. Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
Dominick von Waaden, Protagonist der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Dominick von Waaden ist der Youngster im Team. Er steht noch am Anfang seiner Karriere und will in die Fußstapfen seines Vaters treten – denn der war jahrelang Bundesligaprofi. Davon ist von Waaden noch weit entfernt. Doch: "Ich will es unbedingt schaffen", sagt er. Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
Dirk Uhlemann, Protagonist der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Dirk Uhlemann ist einer der Macher im Hintergrund. Er arbeitet als Geschäftsführer beim Hauptsponsor SBB (Segment-Behälter-Bau GmbH) und ist Vorstandsvorsitzender bei den Baskets. Und er hat mit dafür gesorgt, dass der Verein ein Budget zur Verfügung hat, von dem andere Regionalligisten nur träumen können. Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
Deji Adekunle, Protagonist der Dokumentation "BUILT TO WIN" über die Baskets Wolmirstedt
Deji Adekunle ist zu Saisonbeginn noch verletzt. Denn der Profi aus England brachte in der vergangenen Saison ein großes Opfer für die Baskets: Er spielte mit einem gerissenen Kreuzband. Nun hat der Klub trotzdem Ersatz für ihn verpflichtet. Erhält Adekunle nach seiner Genesung noch eine Chance?

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Mai 2021 | 19 Uhr

Quelle: MDR/Daniel George
Bildrechte: MDR/Hartmut Bösener
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In den USA werden Sportler an den Universitäten wie Stars gefeiert. Zehntausende Menschen besuchen die Partien. Doch ist die Zeit am College vorbei, schaffen nur wenige den Sprung in die NBA. 60 Spieler werden pro Jahr ausgewählt. Für die anderen bleibt oft nur der Weg ins Ausland. Denn anders lässt sich für sie mit dem Basketball kaum Geld verdienen, ein Vereinssystem wie in Europa gibt es in den USA nicht.

Eine warme Mahlzeit pro Tag, eine Wohnung und ein Auto bekommt Jordan Talbert von den Baskets Wolmirstedt gestellt. Viele Amerikaner spielen in der Regionalliga für ein paar hundert Euro im Monat. In Wolmirstedt werden etwas bessere Gehälter bezahlt. Reich wird aber auch dort kein Spieler.

Doch Talbert sagt, er sei zufrieden – und hat das große Ganze im Blick: "Ich versuche, hier auch für andere Spieler aus den USA, die nach mir kommen, den Weg zu ebnen. Es gibt hier nicht viele Menschen, die aussehen wie ich. Also will ich sichergehen, dass die Leute einen guten Eindruck von mir haben."

"Ich bin kein typischer Nachbar für die anderen Hausbewohner"

Ob er sich in Wolmirstedt heimisch fühlt? "Ich bin kein typischer Nachbar für die anderen Hausbewohner. Auf der anderen Seite des Ganges wohnt eine Familie mit einem kleinen Mädchen. Sie hat sich am Anfang immer erschrocken, wenn sie mich gesehen hat, aber mittlerweile redet sie mit mir", sagt Jordan Talbert. "Also ja, ich fühle mich hier wohl, aber heimisch würde ich nicht sagen. Ich habe nur ein Zuhause: Little Rock in Arkansas, wo meine Familie lebt."

Doch seine Familie ist tausende Kilometer weit entfernt. Und seine Ersatzfamilie, seine Mannschaft, die meisten seiner Mitspieler, hat Jordan Talbert seit Monaten nicht gesehen. Die Saison in der Regionalliga wurde Anfang November vergangenen Jahres unterbrochen. Fünf Siege aus fünf Spielen hatte Wolmirstedt bis dahin geholt. Talbert war Leistungsträger. Dann kam der Lockdown – und die Einsamkeit.

Fern von der Familie in der Corona-Pandemie

"Jordan hat eine Menge Erfahrung damit, wie es ist, in Deutschland zu sein. Aber niemand hat Erfahrung damit, wie es ist, in Deutschland zu sein, am anderen Ende der Welt, mitten in einer Pandemie", sagt Teamkapitän Philipp Lieser. Und Chefcoach Eiko Potthast sagt: "Klar, heutzutage gibt es Messenger, über die er mit seiner Familie in Kontakt bleiben kann. Aber im Endeffekt, wenn er abends das Licht ausmacht, ist er alleine – und das ist schon eine besondere Situation."

Vor allem seine Mutter fehlt Jordan Talbert sehr. "Meine Mama ist meine beste Freundin. Wenn ich einen schlechten Tag habe, rufe ich sie an", sagt er. "Und dann denke ich darüber nach, warum ich das alles mache, warum ich so hart arbeite: wegen ihr."

Für einen Moment herrscht Stille. "Eines Tages", sagt Jordan Talbert, "will ich sie herbringen und ihr Europa zeigen. Ich will ihr zeigen, dass ich mir hier einen kleinen Namen gemacht habe, dass ich etwas geleistet habe, während ich hier war." Dass all die Opfer, die er für seinen großen Traum gebracht hat, nicht umsonst waren.

Warum "BUILT TO WIN"?

Basketball stammt aus Nordamerika. Die "Amtssprache" ist Englisch – auch in der Regionalliga, weshalb sich die Macher der Doku für einen englischen Titel entschieden haben. "BUILT TO WIN" bedeutet frei übersetzt so viel wie: zusammengestellt, um zu gewinnen. Und das trifft auf das Wolmirstedter Team 2020/2021 perfekt zu.

Die Macher der Dokumentation

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über Daniel George Hallo! Ich bin Daniel George und arbeite seit 2017 für MDR SACHSEN-ANHALT. Worüber ich besonders gerne berichte? Basketball. Was ich besonders mag? Gute Geschichten. "BUILT TO WIN" vereint beides – und war für mich deshalb ein Herzensprojekt.

Über Max Schörm Hallo! Ich bin Max Schörm und arbeite seit 2017 für MDR SACHSEN-ANHALT. Dort bin ich vor allem für Erklär-Videos zuständig – und nun für die technische Produktion dieses Films. "BUILT TO WIN" haben wir zu großen Teilen mit nur einem Handy und einer Spiegelreflexkamera gedreht.

Mehr zum Thema

Linus Wascher, während eines Interviews. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sa 15.05.2021 19:52Uhr 02:20 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/video-518688.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

MDR/Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. Mai 2021 | 19:00 Uhr

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