Tiere haben Besucher scheinbar vermisst Wie der Zoo Magdeburg durch Corona kommt und alte Krisen hinter sich lässt

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Der Zoo Magdeburg findet nach der Corona-Schließung langsam zur Normalität zurück. Die Besucherzahlen steigen wieder. Der neue Zoodirektor nutzt die Wiedereröffnung auch, um Probleme der vergangenen Monate aufzuarbeiten. Es hatte Streit zwischen dem ehemaligen Leiter und der Belegschaft gegeben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch.

Die Sonne scheint warm auf die Gehege im Zoo Magdeburg, in denen sich müde Kängurus, Löwen und Erdmännchen in der Sonne aalen. Einige Besucher schlendern über das Gelände. Ein friedlicher Anblick.

Noch vor wenigen Wochen schien ein solcher Zoo-Alltag in weiter Ferne zu liegen. Stattdessen herrschte Ausnahmezustand: Fünf Wochen musste der Zoo wegen Corona geschlossen bleiben, eine halbe Million Euro Einnahmen ging verloren. Die Mannschaft war darauf vorbereitet, zur Not im Zoo in Quarantäne zu gehen, um die Tiere zu versorgen. Und das alles in Zeiten, in denen es im Zoo ohnehin heftige Umbrüche gab.

Übernahme in Zeiten "unheilbar zerstörten Vertrauens"

Erst im März übernahm Dirk Wilke, bis dahin stellvertretender Geschäftsführer, als neuer Zoodirektor das Ruder. Er sollte den Zoo in ruhigere Fahrwasser führen. Zuvor war der langjährige Zoodirektor Kai Perret nach einem öffentlich ausgetragenen Streit mit der Zoobelegschaft entlassen worden. Große Teile der Angestellten waren vor das Rathaus gezogen und hatten seine Entlassung gefordert. Unter anderem steht der Vorwurf der Tierwohlgefährdung im Raum, die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Auch der Zootierarzt Nils Mensing musste gehen.

Oberbürgermeister Lutz Trümper, der im Aufsichtsrat des Zoos sitzt, sagte damals, das Verhältnis zwischen Zooleitung und Zoobelegschaft sei unheilbar zerstört. Wilke selbst äußert sich zu den Unruhen wie folgt:

Wir gehen davon aus, dass zum Ende diesen Jahres die Gerichte über die Themen befunden haben und dann hoffentlich 2021 unter diese Geschichte ein Schlussstrich gezogen werden kann.

Dirk Wilke, Zoodirektor im Zoo Magdeburg

Auf dem Weg, eine Mannschaft zu formen

Ein paar Monate nach seinem Amtsantritt wirkt es, als sei es Dirk Wilke tatsächlich gelungen, dem Zoo ein Stück Nomalität zurückzubringen – mitten im Ausnahmezustand. So sieht das jedenfalls die Pressesprecherin des Zoos, Regina Jembere. Speziell zum Corona-Ausbruch, direkt zu Anfang von Wilkes Dienstzeit, habe er gut agiert, findet sie. Jembere sagt: "Für uns war Herr Wilke ein Glücksfall, weil er so ein guter Krisenmanager ist. Sofort hat er die älteren Mitarbeiter an einen Tisch geholt, hat mit uns gemeinsam überlegt: Welche Vorbereitungen müssen wir treffen, was ist zu bestellen, welche Teams müssen wir bilden?"

Auch die Stimmung im Team hat sich laut Regina Jembere deutlich verbessert. Sie sagt, das Vertrauen zwischen Leitung und Belegschaft regeneriere sich. Dabei habe der Ausnahmezustand während Corona sogar geholfen, sagt sie:

Die Krisenzeit hat unser Team zusammengeschweißt.

Regina Jembere, Sprecherin des Zoos Magdeburg

"Viele sind über sich hinausgewachsen. Wir haben gespürt, dass wir uns aufeinander verlassen können und wir an einem Strang ziehen können", erzählt Jembere. Statt miteinander zu streiten, konzentrierten sich alle darauf, möglichst gut durch die Coronazeit zu kommen.

Corona-Maßnahmen: "Der Zoo ist sicher!"

Trotz der verbesserten Atmosphäre durchläuft der Zoo aufgrund der Corona-Krise herausfordernde Zeiten. Die Besuchszahlen seien ein schwieriges Thema, sagt Frau Jembere. Auch wenn diese sich wieder erholten: Eine halbe Millionen Euro Verlust, entstanden durch fünf Wochen Schließung, spiele man nicht einfach so wieder ein. Zudem hätten anfangs viele Menschen Angst gehabt, sich im Zoo anzustecken, und seien deshalb nicht gekommen. Es seien viele Maßnahmen und viel Öffentlichkeitsarbeit nötig gewesen, um wieder Besucher anzulocken und ein sicheres Zooerlebnis zu gewährleisten.

"Wir haben alle Voraussetzungen erfüllt, hier einen sicheren Besuch zu organisieren", sagt Zoodirektor Dirk Wilke. Er rechnet allein für August immerhin mit rund 40.000 Besuchern. Zu den Corona-Schutzmaßnahmen gehören beispielsweise ein neues Besucherleitsystem, kosten- und somit ticketfreie Parkplätze, zusätzliche Reinigungskräfte, Abstandhalter und Onlinetickets zum kontaktlosen Kauf. "Der Zoo ist sicher", sagt Wilke.

Diesen Eindruck teilen die Besucher, die an diesem sonnigen Vormittag durch die Anlagen spazieren. Man müsse sich eben an die Maßnahmen halten. Dann sei ein Zoobesuch überhaupt kein Problem, sagen sie. Sie freuen sich, endlich wieder ihre Lieblinsgtiere besuchen zu können.

Tiere haben Besucher vermisst

Tatsächlich scheinen die Menschen nicht die einzigen zu sein, die sich darüber freuen, dass der Zoo wieder geöffnet ist. Regina Jembere berichtet, für die Tiere sei es eine total ungewöhnliche Situation gewesen, als keine Besucher mehr kamen. Die Interaktionen hätten den Tieren gefehlt. Um dies auszugleichen, hätten die Tierpfleger vermehrt mit den Tieren gespielt.

Auch Zoodirektor Wilke sagt: "Die Tiere haben die Besucher vermisst. Wir haben das bei den Schimpansen sehr gut beobachten können. Die mussten sich auf einmal viel mehr mit sich selbst beschäftigen. Dann gibt es Futterneid, dann gibt es Spielzeugstreit, und um die Situation aufzuhellen, mussten neue Beschäftigungen entwickelt werden."

Blick in die Zukunft: Tierischer Nachwuchs und neues Personal

Wilke betont, er sei sehr zufrieden mit der Arbeit seines Teams, das großen Einsatz gezeigt habe. Trotzdem sei er froh, dass der Zoo jetzt wieder geöffnet sei und sich die Situation langsam normalisiere.

Er sagt, jetzt könne man sich wieder vermehrt den kommenden Projekten und Aufgaben widmen und schauen, was aus zoologischer Perspektive umgesetzt werden könne. Es gebe zum Beispiel viel Nachwuchs bei den Tieren und einige Anlagen sollen umgebaut und verbessert werden. Neues Personal soll eingestellt werden, neue Konzepte entwickelt. Mit Blick auf den Ausnahmezustand der letzten Monate wirkt das wie ein erstes Stück Normalität.

Leonard Schubert
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Leonard Schubert arbeitet seit Februar 2020 in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Interessensschwerpunkte sind Politik, Umwelt und Gesellschaft. Erste journalistische Erfahrungen sammelte er beim Charles Coleman Verlag, für das Outdoormagazin Walden und beim ZDF.

Nebenher arbeitet er an seinem Masterabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Über den Umweg Leipzig kam der gebürtige Kölner 2016 nach Magdeburg, wo er besonders gern im Stadtpark unterwegs ist. In seiner Freizeit steht er mit großer Leidenschaft auf den Poetryslambühnen Sachsen-Anhalts oder sitzt mit einem Eisbärbier am Lagerfeuer, irgendwo in Skandinavien.

Quelle: MDR/ls

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. August 2020 | 09:30 Uhr

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