Engpässe erwartet "Beruf immer unattraktiver": Verband sieht große Probleme wegen fehlender Lkw-Fahrer

Annette Schneider-Solis
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Schon seit Jahren wird über die miesen Arbeitsbedingungen von Berufskraftfahrern gesprochen. Wirklich gebessert hat sich die Situation aber nicht. Im Gegenteil. Lkw-Fahrer wie Hans-Jürgen Hund aus Sachsen-Anhalt machen ihren Job aus Leidenschaft – nicht zuletzt Corona hat die Bedingungen aber noch einmal verschärft. Mancher Spediteur sieht schon einen Mangel wie in Großbritannien auf die Branche zukommen.

Ein Lkw fährt über eine Raststätte, auf der bereits viele Lkw parken.
Lkw-Fahrer sind in Sachsen-Anhalt derzeit Mangelware. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Hans-Jürgen Hund ist Lkw-Fahrer aus Leidenschaft. Schon sein Vater war ein Kapitän der Landstraße, und den Diesel hat er quasi im Blut. Seit 30 Jahren steuert er seinen Truck über deutsche Straßen, ist die ganze Woche unterwegs, lebt im Lkw. Nur am Wochenende ist er zuhause.

Doch bei aller Leidenschaft – das Leben auf der Landstraße wird immer härter. "Durch Corona kann man kaum noch eine Raststätte betreten, geschweige sich reinsetzen. Das Essen packt man ein, und man kann sich kaum noch mit den Kollegen unterhalten. Oft bleibt nur der Parkplatz", erzählt der Endfünfziger. Viele Rastplätze verlangen Parkplatzgebühren, für Dusche und Toilette fallen ebenfalls Kosten an. Mit 20 Euro pro Übernachtung muss der Trucker rechnen. "Das macht den Beruf immer unattraktiver", resümiert der Berufskraftfahrer.

Sein Chef Hans-Dieter Otto kennt diese Probleme und hat Probleme, Nachwuchs zu finden. Ein großer Teil seiner Fahrer ist im Alter 50 Plus. So wie generell in Deutschland. Laut Bundesamt für Güterverkehr (BAG) gab es Ende 2018 rund 574.000 sozialversicherungspflichtig beschäftige Berufskraftfahrer. Jeder Dritte ist über 55. Schon jetzt fehlen je nach Schätzung 60.000 bis 80.000 Fahrer. Etwa 30.000 scheiden jedes Jahr aus, nur um die 17.000 rücken nach.

Mangel an Fahrern: Spedition hat ihre Flotte schon ausgedünnt

Auch in der Spedition von Hans-Dieter Otto macht sich der Trend bemerkbar. Seine Firmengruppe hat die Flotte schon von 53 auf 45 abgespeckt. Das Durchschnittsalter seiner Fahrer liegt bei 52. Wie viele von seinen Azubis bleiben werden, weiß er nicht. Unter seinen Lehrlingen sind ein Asylbewerber aus dem Irak, einer aus Afghanistan. Hans-Dieter Otto lobt ihre Leistungsbereitschaft und hofft, dass sie bleiben.

Die sind aber zwölf Wochen und mehr am Stück unterwegs. Das müssen Sie sich vorstellen: zwölf Wochen wohnen sie im Lkw!

Hans-Dieter Otto, Spediteur über die Arbeitsbedingungen mancher Lkw-Fahrer

Otto ist Vizepräsident des Landesverbands des Verkehrsgewerbes und macht auch Politik im Bundesverband. Der Spediteur kennt die Probleme, mit denen die Fahrer zu kämpfen haben, auch durch den Druck aus dem Ausland. Eine Mitschuld gibt er den Verbraucherinnen und Verbrauchern. "Wir bestellen unsere Waren im Internet und müssen sie am nächsten Tag haben", beschreibt er das Problem. "Dafür sitzen auf den litauischen Lkws kirgisische Fahrer. Die sind aber zwölf Wochen und mehr am Stück unterwegs. Das müssen Sie sich vorstellen: zwölf Wochen wohnen sie im Lkw!"

#MDRklärt Wirtschaft: Es mangelt in Mitteldeutschland an ...

Es fehlt an Rohstoffen – und das im Prinzip weltweit. Dass auch wirtschaftlich global alles zusammenhängt, zeigt die Coronapandemie. #MDRklärt beschreibt, woran es fehlt und aus welchen genauen Gründen.

Es mangelt an ...
Bildrechte: MDR/dpa
Es mangelt an ...
Bildrechte: MDR/dpa
… Holz, durch ... … den Bauboom in Corona-Zeiten. Dadurch steigt die Nachfrage im In- und Ausland. Viele große Sägewerke exportieren derzeit massiv. Hauptabnehmer sind China und die USA. Dort wird mehr gezahlt als in Deutschland - sogar für minderwertiges Fichtenholz, heißt es auf tagesschau.de. Der Markt macht den Preis. Bis vor kurzem hat ein Festmeter Fichte etwa 30 Euro gekostet. Jetzt sind es fast 90 Euro.
Bildrechte: MDR/dpa
… Stahl, Aluminium, Kupfer, Kunststoff, wegen … … der Corona-Pandemie. Rohstofflieferant*innen haben die Produktionen nach unten anpassen müssen. Nun ist die weltweite Nachfrage unerwartet schnell angesprungen. Die Rohstoffe können nicht schnell genug produziert und geliefert werden, heißt es beim Deutscher Industrie- und Handelskammertag. Weitere Gründe sind fehlende Frachtkapazitäten, Handelskonflikte, und die Suez-Kanal-Blockade.
Bildrechte: MDR/IMAGO
… Mikro-Chips, aufgrund … … der Corona-Pandemie. Hier ist die Nachfrage nach Unterhaltungselektronik stark gestiegen. Die Hersteller*innen haben daher viele Computerchips aufgekauft. Auch ein Handelskonflikt zwischen den USA und China, wo die meisten Chips produziert werden, hat viele Firmen veranlasst, Mikrochips auf Vorrat zu kaufen. Das hat den Markt durcheinandergebracht, heißt es auf mdr.de.
Bildrechte: MDR/IMAGO
… Fahrrädern, weil … … Menschen wegen der Ansteckungsgefahr mehr mit dem Rad fahren, statt mit dem öffentlichen Nahverkehr. Das Rad bietet die Möglichkeit, Sport zu treiben. So investieren mehr Menschen in E-Bikes. Auch hier kommen wegen der hohen Nachfrage Hersteller*innen mit der Produktion nicht hinterher. Das gilt auch für Ersatzteile, wenn es um Fahrradinspektionen geht.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein weiterer Grund für den Rohstoffmangel: Grundbaustein für die globale Wirtschaft sind See-Container. Die sind derzeit Mangelware. Normalerweise kostet ein See-Container pro Tag rund 1.600 Dollar, zur Zeit liegen die Preise bei etwa 10.000 Dollar. Da überlegt sich so mancher Hersteller in Fernost, ob er die Ware lieber noch ein paar Tage lagern lässt, bis die Fracht günstiger wird. Dann staut sich eine Menge auf, heißt es auf mdr.de.
Bildrechte: MDR/IMAGO
… LKW-Fahrern, durch … … unattraktive Arbeitsverhältnisse und lange Fahrzeiten. Viele Rastplätze verlangen Parkplatzgebühren, für Dusche und Toilette fallen ebenfalls Kosten an. Mit 20 Euro pro Übernachtung muss der Trucker rechnen. Auch wollen weniger Menschen den Beruf Kraftfahr*in ausüben: Laut Bundesamt für Güterverkehr (BAG) fehlen je nach Schätzung 60.000 bis 80.000 Fahrer*innen. 30.000 scheiden jedes Jahr aus, nur 17.000 rücken nach.
Bildrechte: MDR/imago/Future Image
Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
MDR/Maximilian Fürstenberg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE am 15. Oktober 2021 | 19:00 Uhr
Bildrechte: MDR/Max Schörm
Alle (8) Bilder anzeigen

Moderne Sklavenhalterei?

Für Otto ist das moderne Sklavenhalterei, die auch die deutschen Firmen unter Druck setzt. Die Zeiten, wo polnische Fahrer deutsche Lkw über die Straßen gelenkt haben, sind vorbei. Inzwischen, weiß Andreas Pawel zu berichten, zahlen polnische Speditionen im Grenzgebiet bessere Löhne als deutsche, so dass deutsche Fahrer für polnische Spediteure fahren. Pawel hat eine Fahrschule in Halberstadt und bildet Berufskraftfahrer aus. Die meisten wollen sich beruflich neu orientieren und machen eine Umschulung. Den Bedarf der Speditionen kann er nicht annähernd decken.

"Die Speditionen kommen zu mir und fragen, ob ich Fahrer für sie habe. Sie könnten sofort anfangen. Oder sie rekrutieren im Bekanntenkreis und schicken sie zu mir", so der Fahrschulinhaber. Auch seine Schulbank drücken immer öfter Menschen aus dem Ausland. Ihre Leistungsbereitschaft ist groß, die meisten schaffen die Prüfung mit Bravour. Doch nicht alle, die einen Lkw-Führerschein machen, wollen in den Fernverkehr. Das Problem spitzt sich also zu. Wegen des demografischen Wandels, wegen des Fachkräftemangels in allen Branchen, wegen der Arbeitsbedingungen.

Den Verkehr auf die Schiene zu verlagern, darin sieht Hans-Dieter Otto keine Lösung. "Dann muss auf- und abgeladen werden. Da braucht man noch mehr Personal", rechnet er vor.

Otto war bereits zu DDR-Zeiten im Speditionsgewerbe. "Damals hatte jeder Landkreis seine Molkerei, seine Bäckerei, seine Brauerei", zählt er auf. "Da bin ich um 2 zur Molkerei gefahren und war eine halbe Stunde später wieder zu Hause. Hasseröder braut jeden Tag 100 Lkw Bier", nennt er ein Beispiel aus seinem Landkreis. "So viel können Sie dort gar nicht trinken, das wird dann an die Ostsee oder sonst wohin gefahren. Das schaffen Sie aber nicht an einem Tag, da ist der Fahrer zwei Tage unterwegs."

Otto sieht auch auf Deutschland Engpässe wie derzeit in Großbritannien zurollen. "Davor warnen wir als Verband schon seit zehn Jahren", prophezeit er. Daran hingen auch Arbeitsplätze in allen anderen Bereichen. "Der Brauer kriegt erst sein Geld, wenn das Bier auch beim Kunden ist. Und das könnte in Zukunft schwierig werden."

MDR/Annette Schneider-Solis, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

Altmagdeburger vor 5 Wochen

Wie hat das plus die DDR geschafft mit ihre wenige LKWs. und es gibt ein Land in Europa das in Schiene sogar Vorbild ist, das ist die Schweiz. Bitte keine billige Ausreden. wo ein Wille ist, findet sich auch ein Weg. Selbst verständlich, muß auch die Politik darin ihre Hausaufgaben machen. Wie war das, runter mit den CO2, dies gelingt aber nicht, mit den LKWs die heute und morgen noch fahren. Wie viel Diesel braucht eine Diesellok die 30 LKWs von A nach B fahren kann und wie viel Diesel brauchen 30 LKWs? Schon mal nach gedacht? In der Schweiz tut man das. Und Verspätung der Eisenbahn gut erwähnt, Stau auf der Autobahn keine Seltenheit, geschweige Fahrruhezeiten ein halten, kostet keine Verspätung. Nein gibt es nicht bei den Spediteuren, da wird so lange gefahren ohne Fahrerwechsel bis man am Ziel ist, kostet was es will. Jetzt kommt gleich der Spruch, bei uns nicht, dies zieht aber die Autobahnpolizei ganz anders, da gibt es gravierende schwarze Schafe drunter.

Matthi vor 5 Wochen

Autonomes fahren funktioniert noch nicht fehlerfrei sieht man bei Tesla. Solange die Systeme nicht 100% sicher sind was noch Jahre dauern wird kann man keinen 40 Tonnen LKW ohne Fahrer fahren lassen, es ist ein Unterschied bei einem Unfall ob eine Tonne PKW oder 40 Tonnen einschlagen.

Matthi vor 6 Wochen

Die Bahn ist zu teuer unflexibel und vielmals unpünktlich. Man darf auch nicht vergessen das viele Bahnstrecken stillgelegt wurden also keine Anbindung zu Firmen.

Mehr aus Sachsen-Anhalt