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Globale MangelwirtschaftPapierkrise trifft auch Sachsen-Anhalt

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 28. November 2021, 11:45 Uhr

In den ersten Monaten der Pandemie kam es in Deutschland zu Engpässen. Allerdings nicht wie anderswo auf den Intensivstationen, sondern in den Supermärkten – zum Beispiel beim Toilettenpapier. So mancher dürfte wohl jetzt von den seinerzeit angelegten Vorräten zehren. Doch der Papiermangel hat inzwischen andere Dimensionen erreicht. Auch in Sachsen-Anhalt müssen sich Firmen umstellen.

Wer einkaufen geht, der bekommt natürlich weiterhin einen Kassenzettel und auch die Strafzettel wegen Falschparkens sind nicht knapp. An Papiertüten beim Bäcker herrscht auch kein Mangel und auch die Versorgung mit Toilettenpapier ist gesichert.

Allerdings werden auf Zettel oder Hygienepapier keine Bücher gedruckt. Und bei den Büchern, da sieht es mit dem Papier schon deutlich schwieriger aus. Das weiß der Oschersleber Verleger Harry Ziehten aus eigener Erfahrung: "Wir haben im Moment die Situation, dass ich meiner Druckerei sagen muss, wie viele Bücher in welcher Auflage ich im nächsten halben Jahr herausbringen will. Und der Drucker sagt mir dann, ob er genügend Papier bekommt." 

Mangelwirtschaft hat Tradition

Diese Art der Mangelwirtschaft ist für Ostdeutsche nicht unbekannt, denn Papier war in der DDR so knapp, dass es zugeteilt wurde. Daran kann sich auch Manfred Cuno gut erinnern, der schon zu DDR-Zeiten eine kleine Druckerei in Calbe (Saale) betrieb: "Damals brauchte man für alles eine Druckgenehmigung. Aber es gab ein zweites Zahlungsmittel. Viele Kunden von mir waren Konservenhersteller aus der Region. Wir haben also Paletten mit Konserven zu den Papierfabriken gekarrt und dann kam der Lkw voller Papier wieder zurück. Das wird uns jetzt hoffentlich erspart bleiben."

Auch in der GCC-Druckerei in Calbe (Saale) wird das Papier knapp. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Lagerhaltung wieder wichtig

Zumal Konservenfabriken nicht mehr als Kunden beim GCC, dem Grafischen Centrum in Calbe, gelistet sind. Aus dem Elf-Mann-Handwerksbetrieb von einst ist inzwischen ein mittelständisches Unternehmen geworden – mit 170 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von rund zwanzig Millionen Euro.

Damit die Druckmaschinen laufen, braucht es Aufträge und Papier. An Aufträgen mangelt es nicht, am Papier hingegen schon, so dass nun etwas um sich greift, was in der deutschen Industrie seit Jahrzehnten unbekannt war, nämlich die klassische Lagerhaltung: "Bislang hatten wir im Durchschnitt Material für eine halbe Million Euro bevorratet. Denn unsere Lieferanten konnten innerhalb von ein oder zwei Wochen immer liefern. Jetzt haben wir Lieferzeiten von bis zu einem halben Jahr. Also haben wir aufgestockt. Inzwischen stehen Paletten im Carport, genauso wie in den Einfahrten, abgedeckt unter Plastikfolie. Wir haben jetzt Papier für anderthalb Millionen Euro stehen, das reicht etwa für zwei Monate."

In Calbe (Saale) wird Papier auf Vorrat gelagert, um die Aufträge abarbeiten zu können. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Papier-Kosten nicht kalkulierbar

Rund 7.000 Tonnen Papier werden pro Jahr in Calbe bedruckt, damit gehört GCC eher zu den größeren Druckereien, denn die Branche ist sehr mittelständisch geprägt. Insgesamt gibt es rund 6.000 Druckereien in Deutschland und mit den 170 Beschäftigten gehört das Grafische Centrum Cuno zu den Top 30. Und auch nur deshalb kann Manfred Cuno es sich leisten, Papier in größeren Mengen auf Vorrat zu kaufen.

Viele kleine Druckereien werden in nächster Zeit aufgeben müssen, auch weil das Papier sich verteuert, so Manfred Cuno: "Es gab immer mal Preisschwankungen, aber das war kalkulierbar. Das kann heute kein Mensch mehr. Ich kann keinem Kunden sagen, was ein Produkt in einem Jahr kostet, weil wir nicht wissen, wie teuer das Material ist. Alleine in diesem Jahr von Januar bis Dezember hatten wir eine Materialpreissteigerung zu verkraften von immerhin 30 Prozent."

#MDRklärt Darum werden Bücher und Zeitungen teurer

Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel
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Diese Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 28. November 2021 | 12:00 Uhr

Quelle: MDR (Uli Wittstock, Fabian Frenzel)
Bildrechte: MDR/Max Schörm

Gründe für den Papiermangel sind vielfältig

Cuno bezieht sein Papier aus Europa, vor allem aus Norwegen, Finnland und Schweden, aber auch aus Frankreich oder Italien. Der Papierpreis steigt aber nicht erst, seit die Meldungen über Corona die globalen Handelswege beeinträchtigen, denn lange Zeit gab es ein Überangebot an Papier. Doch nachdem einige Fabriken geschlossen wurden und die Nachfrage stieg, kommt es nun zu Engpässen, zusätzlich befeuert durch die Corona-Verwerfungen.

So ist es sicherlich kein Zufall, dass in Sandersdorf-Brehna das Unternehmen Progroup eine riesige Papierfabrik in Betrieb genommen hat. Die Progroup produziert dort Wellpappe und kann, auch wegen des wachsenden online-Handels, nicht über mangelnde Nachfrage klagen.

Kinderbücher wurden lange Zeit in China produziert, doch das ist vorbei. [...] Da war zum Teil Tropenholz in der Papiermasse nachweisbar und auch die Farben waren toxisch. Da haben die Verlage ganz klar gesagt: Kinderbücher kann man dort nicht produzieren, weil es einfach ethisch und gesundheitlich bedenklich ist.

Manfred Cuno | Druckereibesitzer

Kinderbücher als neues Standbein in Calbe (Saale)

Schnell auf Veränderungen des Marktes reagieren, das ist unter den Bedingungen internationaler Warenströme eine wichtige Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg. So wurde Manfred Cuno zunächst groß mit Katalogen für die Autoindustrie. Er druckte für alle namhaften Hersteller in Deutschland. Doch mit der Digitalisierung endete die Ära der aufwändig gedruckten Firmenpräsentationen, denn das Netz bietet nun direktere Marketingzugänge.

Manfred Cuno hat seine Druckerei auf Kinderbücher spezialisiert. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Inzwischen hat sich GCC zu Deutschlands größtem Kinderbuchproduzenten entwickelt. Vor zehn Jahren habe es einen Richtungswechsel in der deutschen Verlagsbranche gegeben, so Manfred Cuno: "Kinderbücher wurden lange Zeit in China produziert, doch das ist vorbei. Vor allem weil man dort keinerlei Umweltaspekte berücksichtigt hat. Da war zum Teil Tropenholz in der Papiermasse nachweisbar und auch die Farben waren toxisch. Da haben die Verlage ganz klar gesagt: Kinderbücher kann man dort nicht produzieren, weil es einfach ethisch und gesundheitlich bedenklich ist."

Lockangebote aus Asien

Auch der Kleinverleger Harry Ziethen aus Oschersleben kennt solche Angebote aus Fernost: "Gerade vor Buchmessen klingelt es hier ständig. Druckereien aus China, Indien oder Pakistan sind sehr günstig, selbst mit Transportkosten. Die Bücher werden nach Hannover geflogen, dann mit einer Taxe zu mir gebracht und das ist immer noch billiger, als würde ich hier drucken."

Eine Zeitlang ließ Ziethen in Prag seine Bücher herstellen, ist nun aber zu einer Druckerei nach Halberstadt gewechselt, aus gutem Grund: "Ich habe es schon erlebt, dass ein Drucker mich angerufen hat, weil ihm beim Entwurf, etwas aufgefallen war, was sich dann als Fehler herausstellte. In Pakistan wäre das einfach so durchgelaufen."

Derzeit scheint es so, als habe Corona den Blick für die Schattenseiten der Globalisierung geschärft. Allerdings stellt sich die Frage, ob sich dahinter tatsächlich ein langfristiger Bewusstseinswandel verbirgt, denn die Rendite hat ja als wirtschaftliche Kennziffer nicht ausgedient.

Für Manfred Cuno geht es dabei auch um Grundsätzliches: "Natürlich kann man in Litauen Bücher zehn Prozent billiger produzieren als in Deutschland. Aber wie nachhaltig ist das? Wenn ich Lkws mit Papier nach Litauen schicke und die fertigen Produkte wieder herhole, damit dann die Schulbücher in Berlin oder Sachsen-Anhalt verteilt werden? Es liegt also auch bei uns selbst. Müssen wir also zum Essen Wasser aus Frankreich trinken? Und man könnte die Liste beliebig fortsetzen."

Die Preisschraube beim Papier dreht sich

Allerdings ist Deutschland im Vergleich zu Asien ein Hochlohnland. Wer hier produziert, hat folglich auch eine andere Kostenstruktur. Dass Bücher in nächster Zeit teurer werden, gilt als ziemlich sicher und zudem haben bereits Zeitungen die Preise erhöht, auch wegen des Papierpreises. Die Globalisierung, so könnte man in Abwandlung eines berühmten Spruches formulieren, frisst ihre Kinder.

Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den AutorGeboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie.

Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR. Er schreibt regelmäßig Kolumnen und Kommentare.

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MDR (Fabian Frenzel)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT | 28. November 2021 | 12:00 Uhr

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