Onlinesucht in Corona-Zeiten Warum manche Jugendliche nach dem Lockdown nicht zurück ins Leben finden

Elisa Sowieja-Stoffregen
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Jugendliche verbringen mehr Zeit an Smartphone und Computer als vor der Corona-Pandemie. Für manche hat das Folgen: Jugendpsychiater berichten, dass sich Patienten etwa mit sozialer Angst stärker ins Internet zurückziehen und so mehr leiden. Grundsätzlich sehen Experten in der intensiven Onlinenutzung zu Corona-Zeiten aber auch Chancen.

Manchmal können die Eltern eines Patienten ihr Kind nicht einmal aus dem Zimmer locken. Dann kommen sie allein zur Therapie. "Diese jungen Menschen schaffen es nicht, sich dem Leben zu stellen", berichtet Jugendpsychiaterin Dr. Annegret Brauer. Damit meint sie Jugendliche, die schon vor der Corona-Krise in Behandlung waren. Die mit sozialer Angst kämpfen, mit Autismus, Depressionen. Vielen von ihnen, sagt die Hallenserin, geht es in letzter Zeit deutlich schlechter. Sie haben sich zunehmend ins Internet zurückgezogen. Brauer spricht nicht nur aus eigener Beobachtung. Sie ist Vorsitzende des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Sachsen-Anhalt.

Ein Drittel mehr Zeit für Onlinespiele als vor der Pandemie

Angestoßen haben das Problem die coronabedingten Lockdowns, in denen Jugendliche sehr viel Zeit am Computer verbrachten. Auch langfristig ist dadurch die Nutzung von Onlinemedien gestiegen. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit und der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf lagen noch ein Jahr nach dem Corona-Aubruch die Nutzungszeiten bei Onlinespielen und Sozialen Medien über dem Niveau vor der Krise. Demnach verbrachten Jugendliche zuletzt unter der Woche 1,8 Stunden täglich mit Onlinespielen und 2,3 Stunden mit Sozialen Medien. Das ist ein Anstieg von knapp einem Drittel bei den Spielen und einem Fünftel bei Sozialen Medien.

Dr. Annegret Brauer
Dr. Annegret Brauer ist Vorsitzende des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: Dr. Annegret Brauer

Als die Schulen geschlossen waren, haben diese Jugendlichen monatelang geübt, dass sie sich nicht mit anderen beschäftigen müssen.

Dr. Annegret Brauer, Jugendpsychiaterin

Die Studie stellt auch eine Zunahme von Onlinesucht fest. Doch in Sachsen-Anhalt macht sich das in Zahlen bisher nicht bemerkbar. Weder der Verband der Kinder- und Jugendpsychiater, noch Magdeburger Beratungsstellen registrierten seit Pandemiebeginn einen entsprechend größeren Zulauf. Es fallen also bis jetzt nur dienenigen auf, die ohnehin schon in psychiatrischer Behandlung sind.

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Zwei Menschen halten Smartphones in der Hand.
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Collage aus Text und Piktogrammen.
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Weshalb es für sie so schwierig ist, nach den Lockdowns zurück ins Leben zu finden, erklärt Psychiaterin Brauer so: "Das Internet ist ein Schutzraum, in dem man nur selbst gewählte Gruppen treffen kann. Als die Schulen geschlossen waren, haben diese Jugendlichen monatelang geübt, dass sie sich mit anderen nicht beschäftigen müssen. Jetzt sollen sie in ihrer Klasse plötzlich wieder auf jedermann treffen." Der Expertin zufolge sind noch weitere Gruppen gefährdet, während der Pandemie im virtuellen Schutzraum hängenzubleiben: Förderschüler und junge Migranten. Auch ihnen würde es oft schwerfallen, sich den Herausforderungen des Alltags vor der Pandemie wieder zu stellen.

Expertin hält auch viele unbemerkte Fälle für möglich

Das Problem hat sich laut Brauers Einschätzung auch Monate nach dem jüngsten Lockdown nicht erledigt, da das soziale Leben noch nicht wieder ganz hochgefahren ist. "Es fehlen Eisbrecher", sagt sie und meint damit etwa Vereinsangebote. Deshalb hält sie es auch für möglich, dass so mancher Fall derzeit unentdeckt bleibt. Denn eine Sucht macht sich bemerkbar, wenn jemand vernachlässigt, was ihm wichtig ist. Doch wenn die Alternativen zum Chatten und Daddeln fehlen, weil der Chor nicht singt und das Fußballteam nicht kickt, ist das schlecht zu erkennen. Zudem, erklärt Brauer, gebe es durch all den Unterricht und die Arbeit von zu Hause aus inzwischen eine allgemeine Akzeptanz, lange am Computer zu sitzen.

Hier gibt es Hilfe

Suchtberatungszentrum II in Magdeburg:
Die Beratungsstelle der Awo und der Stadtmission in Magdeburg (Thiemstraße 12) bietet neben Einzelberatungen auch eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Kindern mit auffälligem Internetverhalten an. Die Angebote sind kostenlos. E-Mail: beratung@suchtberatungszentrum2-md.de, Telefon: (0391) 406 80 31

Servicestelle Kinder- und Jugendschutz in Magdeburg:
Die Beratungsstelle von fjp>media (Verband junger Medienmacher in Sachsen-Anhalt) bietet unter anderem Beratung für pädagogische Fachkräfte und Veranstaltungen zum Thema Onlinesucht an Schulen in Sachsen-Anhalt an. E-Mail: jugendschutz@fjp-media.de, Telefon: (0391) 503 76 40

Online-Anlaufstelle der DAK-Gesundheit:
Die DAK-Gesundheit bietet gemeinsam mit der Computersuchthilfe Hamburg eine Online-Anlaufstelle Mediensucht für Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern an. Auf www.computersuchthilfe.info gibt's Informationen rund um die Themen Online-, Gaming- und Social-Media-Sucht. Das kostenlose Angebot ist offen für Versicherte aller Krankenkassen.

Arzt- und Therapeutensuche der Kassenärztlichen Vereinigung:
Wenn Eltern ihr Kind einem Experten vorstellen möchten und auf der Suche nach einem Psychiater in Wohnortnähe sind: Auf der Website der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt gibt es eine Arzt- und Therapeutensuche.

Grundsätzlich sieht die Psychiaterin aber zugleich Chancen darin, dass Jugendliche während der Pandemie mehr im Netz unterwegs sind. "Schüler in Quarantäne können so zum Beispiel Kontakt zu ihren Freunden halten", sagt sie.

Internet kann bei der Indentitätsfindung in Pandemie-Zeiten helfen

Auch Beratungsstellen in Magdeburg erkennen viele Vorteile. Olaf Schütte von der Servicestelle Kinder- und Jugendschutz verweist auf neue Wege für den Unterricht, die sich durch die Pandemie etabliert haben, so wie die Lernplattform Moodle. Besonders hilfreich findet er das Internet für die Identitätsfindung. "Stellen Sie sich einen 14-Jährigen vor, der in einem Dorf mit schlechter Busanbindung wohnt und sich eher als Mädchen fühlt. Im Netz findet er schnell Gleichgesinnte, mit denen er sich austauschen kann. In seinem Dorf wäre das nicht so leicht, erst recht nicht zu Pandemie-Zeiten."

Philipp Händler vom Suchtberatungszentrum II beobachtet zudem einen Nutzen speziell in Onlinespielen: Dem Psychologen zufolge sind sie für viele Jugendliche wichtig, um in der realen Welt ihren Platz unter Gleichaltrigen zu behaupten. Denn im Klassenchat tauscht man sich nun mal nicht nur über Hausaufgaben aus. Manchmal geht's auch darum, wer gerade in der 3D-Landschaft von Minecraft eine Festung oder eine Farm gebaut hat.

Quelle: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. Dezember 2021 | 12:30 Uhr

2 Kommentare

Felix vor 7 Wochen

Kollateralschäden der politischen Entscheidungen - doch die Politik macht einfach weiter, koste es, was es wolle - ohne zu prüfen, ob das, was sie macht, überhaupt sinnvoll und zielführend ist. Unterstützt wird sie dabei von den Medien. "Wir werden uns mal viel zu verzeihen haben." Ja, und am besten stoppen wir hier mal, hören auf mit dem Wahnsinn, verzeihen uns und leben wieder unser normales Leben - statt es immer schlimmer zu machen.

ule vor 7 Wochen

Das Leben ist eine Abfolge von Ereignissen - es ist wie ein roter Faden, der niemals reissen sollte.
Gesellschaftliche und von außen her getriebene Veränderungen, Migration bis hin zur Transformation, wirken sich sehr wohl auf die Psyche der Jungen Leute aus. Jeder Mensch ist davon betroffen - der Eine in Freude und der Andere im Leid .
Und so verliert sich der "Rote Faden" im Gewirr der Einflüsse .
"Man ist nicht mehr Herr seiner eigenen Lage" - vielmehr wird man von nun an getrieben.
Das macht den Menschen Angst und treibt diesen wiederum in die Einsamkeit, mit der Absicht, diesem unüberschaubaren "Herdentrieb" zu entkommen.

Sicherlich ist es unangenehm, aber auch solche Entwicklungen sind handgemacht und könnten im Vorfeld bereits begegnet werden.

Wenn man aber erst Probleme schafft, um diese dann hinterher heilen zu wollen (zu können), dann ist diese Entwicklung zu hinterfragen - weniger jedoch unter dem Aspekt "Wer hat Schuld", sondern vielmehr - "Was ist die Zielsetzung".

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