Statistik Höchststand bei Verdachtsfällen von Kindeswohlgefährdung

In Sachsen-Anhalt sind im vergangenen Jahr so viele Verdachtsfälle auf Kindeswohlgefährdung gemeldet worden wie noch nie. Viele Fälle bestätigten sich nicht. Experten vermuten dennoch eine hohe Dunkelziffer bei Gewalttaten gegen Kinder. Das Problem macht auch ein Film des MDR deutlich, der am Mittwoch gezeigt wird.

Die Silhouette eines Kindes an der Hand eines Erwachsenen
Auch wenn 2019 in Sachsen-Anhalt so viele Verdachtsfälle auf Kindswohlgefährdung gemeldet wurden wie noch nie, die wenigsten bestätigen sich laut Statistik. Bildrechte: imago images/photothek

Die Jugendämter in Sachsen-Anhalt haben 2019 so viele Verfahren wegen des Verdachts der Kindeswohlgefährdung eingeleitet, wie noch nie. Das wird durch die neuesten Zahlen des Statistischen Landesamtes deutlich.

Demnach gab es in Sachsen-Anhalt im Jahr 2019 insgesamt 3.549 Verfahren zur "Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls". Die Hälfte aller gefährdeten Kinder und Jugendlichen (1.801) waren zu Beginn des Verfahrens jünger als 7 Jahre. Die meisten Fälle wurden aus der Landeshauptstadt Magdeburg gemeldet (527). Damit sind die Zahlen so hoch wie noch nie zuvor. Im Vergleich zu 2018 gab es einen Anstieg von rund 10 Prozent.

Bei der Bewertung der Verfahren durch die Jugendämter wurden bei 523 Fällen (14,7 Prozent) eine akute und bei 406 Fällen (11,4 Prozent ) eine latente Kindeswohlgefährdung festgestellt. Bei knapp Dreiviertel der Fälle bestätigte sich der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nicht (2.620). Dennoch bestand bei 38,8 Prozent ein Hilfe- bzw. Unterstützungsbedarf (1.376). Das entsprach einem Zuwachs von 210 Fällen zum Vorjahr.

Verdachtsfälle werden oft anonym gemeldet

Viele Meldungen kamen bei den Jugendämtern anonym an. Jede zehnte Meldung kam von Bekannten oder Verwandten.

2019 sind in Sachsen-Anhalt laut der polizeilichen Kriminalstatistik 1.506 Kinder Opfer von Körperverletzung geworden. Das sind durchschnittlich vier Kinder jeden Tag.

BGB § 1631 Absatz 2

Im Bürgerlichen Gesetzbuch ist Folgendes festgelegt: "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig."

Subtile Formen von Gewalt

Die Behörden gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, was Gewalt gegen Kinder angeht. So gibt es laut einem Leitfaden zur Früherkennung von Gewalt gegen Kinder auch Fälle, bei denen Kinder der Gewalt nicht direkt ausgesetzt sind, aber dennoch darunter leiden – etwa wenn sie nicht ernst genommen werden, sie mitbekommen, wie unter den Eltern Gewalt ausgeübt wird, oder sie selbst Gewalt erfahren, die von Erwachsenen nicht als solche angesehen wird.

Ein Beispiel dafür ist der "Klaps auf den Po". Laut einer Umfrage von MDR SACHSEN-ANHALT wird diese Praxis immer noch ausgeübt und in manchen Haushalten nicht als Gewalt eingestuft. Insgesamt sind 40 Prozent der Befragten der Meinung, dass der "Klaps auf den Po" eine verbreitete Erziehungsmethode ist. Vor allem bei den Befragten, die älter als 65 Jahre sind, gab es eine klare Zustimmung. Aufgefallen ist auch, dass die Zustimmung bei Männern größer ist als bei Frauen. In Haushalten mit Kindern haben rund 50 Prozent den "Klaps auf den Po" abgelehnt.

Andrea Wegner vom Kinderschutzbund empfiehlt, Kinder immer ernst zu nehmen. Gefahrensituationen könnten dann schneller erkannt werden und Erwachsene angemessen reagieren. Bei Verdachtsfällen von häuslicher Gewalt gebe es im Zweifelsfall Hilfe von Experten.

Hier gibt es Hilfe:

  • Kinder- und Jugendtelefon: 116 111
  • Elterntelefon: 0800 111 0550

Quelle: MDR/vö/jw

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt - Die Story | 19. August 2020 | 20:45 Uhr

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