Zukunft mit Corona Mit welchen Fragen wir in den Sommerurlaub fahren sollten

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Die Pandemie stellt vieles in unserer Gesellschaft auf die Probe und zeigt, was gut und was schlecht funktioniert. Zusammen mit den Möglichkeiten digitaler Technologien kann viel Gutes entstehen. Aber um unsere Zukunft wirklich in der Hand zu haben, müssen wir uns trauen, auf entscheidende Fragen Antworten zu finden. MDR SACHSEN ANHALT Podcaster Marcel Roth sagt, welche Fragen das sein können. Ein Kommentar.

Es waren sehr unterschiedliche Sachsen-Anhalter und Sachsen-Anhalterinnen, mit denen wir in den vergangenen Monaten im Podcast "digital Leben" gesprochen haben: Die Bildungsexpertin Ines Bieler, Personalberaterin Sibylle Heinemann und Kindergarten-Chefin Claudia Rondio, Start-Up-Gründerin Stefanie Oeft-Geffahrt, Systemadministrator Raik Pechfelder, Student Hannes Norbert Göring, Vater Tobias Thiel, Bildungsminister Marco Tullner, Schülerrat Kenny-Lee Richter, Schulleiterin Elke Noah, Schul-IT-Leiterin Martina Müller und Open-Source-Fan Frederik Kramer.

Was alle aber eint: Sie sind überzeugt, dass die Pandemie mehr Chancen als Risiken birgt.

Dabei kann die Zukunft auch düster gezeichnet werden: Weltweit hat die Pandemie den Höhepunkt noch nicht überschritten, das birgt Risiken. Arbeitsmarktexperten glauben, dass im Herbst viele Firmen Pleite gehen und noch mehr Menschen ihre Arbeit verlieren werden. Umweltschützer befürchten, dass die Industrie nach der Pandemie ihren Wachstumskurs auf Kosten der Ökologie wieder aufnehmen wird. Psychologen haben Sorge, dass bei jungen und alten Menschen seelische Verletzungen bleiben.

Diese Risiken müssen wir ernst nehmen, aber neben ihnen lässt sich eine bessere, modernere Welt entdecken – jedenfalls wenn wir uns jetzt Zeit nehmen, wichtige Fragen zu beantworten.

Wie soll Schule funktionieren?

Neulich habe ich im Podcast vorgeschlagen: Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler sollen einfach mal 14 Tage lang ohne Noten-, Klausur oder Lern-Druck diskutieren, wie sie sich ganz praktisch das zukünftige Lernen vorstellen. Denn klar ist doch, dass sie auf drei Szenarien vorbereitet sein müssen: den normalen Unterricht, das ausschließliche Lernen zu Hause und ein Wechsel aus Schulbesuch und Zuhause-Lernen. Auf ein solches Wechsel-Modell setzt nach einem Bericht des Tagesspiegels nur ein einziges Bundesland: Bremen.

Aber sollte das nicht Standard sein: Auf alle Eventualitäten vorbereitet sein? So können ganz nebenbei auch Schüler von Zuhause aus Lernen, die zum Beispiel wegen einer anderen Infektion nicht zur Schule können oder die Verpasstes nachholen müssen. Neben der technischen Ausstattung und der Internetversorgung: Was spricht eigentlich grundsätzlich dagegen, solche Distanz-Lern-Angebote vorzuhalten?

Wie soll Arbeit gehen?

Sollte nicht auch jedes Büro, jede Werkstatt, jeder Supermarkt, jedes Altenheim, jedes Krankenhaus auf ein Worst-Case-Szenario vorbereitet sein? Wie kann welche Büro-Arbeit von Zuhause aus erledigt werden? Wie lässt sich eine Fabrik so organisieren, dass trotzdem produziert werden kann? Daran haben in den vergangenen Monaten viele Unternehmen gearbeitet. Und ich denke, viele haben gemerkt, dass sich Arbeit auch anders organisieren lässt. Also: An jedem Arbeitsplatz sollte darüber gesprochen werden, wie wir arbeiten wollen.

Solche Fragen berühren eine elementare Beziehung: Die zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Denn ein Vorgesetzter oder eine Vorgesetzte muss seinen und ihren Angestellten vertrauen, er oder sie muss das zulassen. Und die Beschäftigten müssen eigenverantwortlich und selbständig arbeiten wollen, können und dürfen.

Arbeit lässt sich anders organisieren

Dass sich Arbeit auch ganz anders organisieren lässt, hat der #wirvsvirus-Hackathon gezeigt. Dabei haben zehntausende Menschen ein März-Wochenende lang neue Ideen gegen das Coronavirus entwickelt. Ganz ohne Chef, mit unterschiedlichen Erfahrungen und über ganz Deutschland verteilt haben sich Teams selbständig gefunden. Daraus sind neue Geschäftsideen entstanden oder werden weiter ausgebaut.  

Diese Art der Zusammenarbeit wird seit Jahrzehnten schon praktiziert: In den unendliche vielen Open-Source-Communitys, in denen Menschen auf der ganzen Welt an unendlich vielen Software-Projekten arbeiten. Ohne Open-Source-Software würde unsere heutige Welt nicht funktionieren: Sie steckt im Smartphone-Betriebssystemen von Android und Apple, die Flugsicherung nutzt Open-Source-Software und in jeder Cloud-Technologie steckt Open Source. Lässt sich also Arbeit also so entwickeln, dass Menschen Spaß daran haben und auch Geld damit verdienen können?

In welcher Welt wollen wir leben?

Bestes und bekanntestes Beispiel für Open Source ist die Corona-Warn-App. Sie arbeitet dezentral und datenschutzkonform. Aber wofür sich die Bundesregierung mittlerweile feiern lässt – dafür musste heftigst diskutiert werden, weil Politiker und sicher auch einige Epidemiologen gern einen anderen Ansatz verfolgt hätten. Aber was sagt das? Dass Datenschutz, moderne Technologie und demokratische Mitbestimmung auch unter enormen Zeitdruck funktionieren.

Wir sollten also jederzeit auf solche Fragen vorbereitet sein wie: Wie geht das auch datenschutzkonform? Wie geht das auch Open Source? Wie geht das transparent? Wie geht es so, dass wir Politik, Staat und Wirtschaft vertrauen können? Wie können wir die Demokratie stärken? Wie darauf vertrauen, dass Regierung, Parlament, Justiz, Polizei und Medien ihr Bestes geben? Vielleicht mit einem Bürgerrat wie in Frankreich, bei dem zufällig ausgeloste Bürger überraschend radikale Beschlüsse gefasst haben?

Digitalisierung ist kein Wort der Zukunft

Ein Vorschlag von mir schon einmal: Lassen Sie uns das Wort "Digitalisierung" streichen. In unserem Podcast "digital Leben" stellen wir es seit Anfang des Jahres unter Strafe – jeder, der es ausspricht, muss einen kleinen Geldbetrag zahlen. Und warum? Weil uns das Wort keine Zukunft zeigt, sondern alles im Ungefähren lässt und niemanden zum Handelnden erklärt. Aber "Digitalisierung" kommt nicht einfach über uns – wir müssen moderne Technologien und wie sie sich auswirken, ständig und an jeder Stelle hinterfragen und ihren Nutzen neu verhandeln. Warum heben wir uns das Wort nicht für die Historiker des 22. Jahrhunderts auf?

Und was nun?

Was all diese Fragen zeigen: Wir müssen uns und unseren Kindern eine Verunsicherungsfähigkeit antrainieren. Niemand kennt die Zukunft, niemand weiß, welche Konsequenzen eine Entscheidung hat. Aber wir dürfen deswegen keine Angst vor der Zukunft haben und davor, Fragen zu stellen – auch mit dem Wissen, dass es zunächst keine Antwort gibt. Wir müssen solche Fragen artikulieren, aber wir dürfen nicht nur gegen etwas sein, auch wenn es oft einfacher und bequemer ist, auf einen Vorschlag zu reagieren, als selbst einen zu machen.

Und wissen Sie was: Fragen Sie auch Ihre Kinder, wie sie sich die Zukunft vorstellen! Zeigen Sie ihnen, dass wir Erwachsene oft nur so tun, als würden wir die Welt wirklich verstehen und beeinflussen.

Was Sie aber jetzt im Sommerurlaub auf keinen Fall vergessen dürfen: baden oder wandern zu gehen, ein Eis zu essen oder einfach nur auf der Liege im Garten zu faulenzen und sich zu erholen. Schönes Fragen und schöne Ferien!

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. Juli 2020 | 16:00 Uhr

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