Klimaforschung So könnte Klimaschutz den Temperaturanstieg in Sachsen-Anhalt mildern

Durch den voranschreitenden Klimawandel nehmen Wetterextreme auch in Sachsen-Anhalt zu. Ein Forschungsprojekt aus Hamburg zeigt aber, dass die Temperaturen in den Landkreisen weniger ansteigen könnten, wenn durch viel Klimaschutz weniger Treibhausgase emittiert würden.

Auf dem Foto sind zwei eingefärbte Karten von Sachsen-Anhalt zu sehen. Die eine verdeutlicht den Anstieg der Temperaturen, die andere den Anstieg der Niederschläge. Im Hintergrund ist die Sonne über einen Maisfeld zu sehen. Das Maisfeld wirkt vertrocknet.
Bildrechte: MDR/Martin Reißmann Collage: David Muschenich

Das Erdklima ändert sich schneller als bisher angenommen, warnt der Weltklimarat in seinem jüngsten Forschungsbericht. Laut den wissenschaftlichen Simulationen könnte die Erde schon 2030 einen mittleren Temperaturanstieg von 1,5 Grad erreichen – Tendenz weiter steigend. Dabei war das Ziel des Pariser Klimaabkommens, den Anstieg auf diesen Wert zu beschränken. Bis zum Ende des Jahrhunderts soll die Temperatur nun zumindest um nicht mehr als zwei Grad steigen. Ob das gelingt, hängt von den Treibhausgasen ab, die in die Atmosphäre emittiert werden. Und die, da sind sich die Forschenden einig, hängen wiederum vom Menschen ab.

"Es gibt nach unseren Untersuchungen nicht einen einzigen Landkreis, bei dem alles beim Alten bliebe", stellt Diana Rechid nüchtern fest. Sie leitet die Abteilung für regionale Klimamodellierung des Klima-Service Centers in Deutschland (Gerics). Gemeinsam mit ihrem Team hat sie einen Klimaausblick für alle 401 Landkreise in Deutschland erstellt.

Der Ausblick informiert darüber, wie Temperaturen, Hitzetage oder Frosttage sich bis zur Mitte und zum Ende des Jahrhunderts verändern. Es wird in ganz Deutschland schwüler und in vielen Nächten tropisch. Aber der Ausblick zeigt noch mehr: "Durch die Daten kann man sehen, welche Klimaänderungen sich mit Klimaschutz vermeiden lassen – und worauf wir uns, auch mit viel Klimaschutz, einstellen müssen", erklärt Rechid.

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Klimaausblick für 401 Landkreise in Deutschland

Die Grundlage der Untersuchung bilden 85 Klimamodelle, die in den vergangenen zehn Jahren verschiedene Forschungszentren in Europa entwickelten. Die beschriebenen Veränderungen beziehen sich auf die durchschnittlichen Werte des Zeitraums von 1971 bis 2000. Weil Rechid und ihr Team die 85 Berechnungen in ihrer Untersuchung zusammenfassten, konnten sie eine Spannbreite errechnen, in der sich die Klimaentwicklung wahrscheinlich bewegt.

Zum Beispiel im Burgenlandkreis: Zwischen 1971 und 2000 lag die Temperatur bei durchschnittlich 9 Grad im Jahr. Mit viel Klimaschutz läge der Anstieg der Durchschnittstemperatur bis zur Mitte des Jahrhunderts zwischen 0,3 und 2,2 Grad. Ohne Klimaschutz läge der Anstieg hingegen bei mindestens 1,3 Grad und maximal 3,1 Grad. Im Winter soll es noch wärmer werden, ergeben die Simulationen. Zwischen 1980 und 2015 hat sich die durchschnittliche Temperatur in 30 Jahren um etwa 0,8 Grad Celsius erhöht.

Die folgenden Grafiken bilden immer den Median ab. Also den Wert in der Mitte, über und unter dem sich 50 Prozent aller Simulationen befinden. Wenn Sie auf die Landkreise klicken, zeigt Ihnen ein Pop-up-Fenster zudem den kleinsten und größten Wert aus den Berechnungen.

Datenquelle: Climate Service Center Germany (Gerics)

Die visualisierten Daten für jeden einzelnen Kreis stammen aus den Berichten des Deutschen Climate Service Centers, kurz Gerics. Sie können diese einzeln herunterladen, indem Sie auf die Karte klicken: Gerics. Das Gerics wurde 2009 von der Bundesregierung gegründet. Seit Juni 2014 ist es eine selbstständige wissenschaftliche Organisationseinheit des Helmholtz-Zentrums Geesthacht in der Metropolregion Hamburg.

Die Daten für die vergangenen Jahre, den Referenzzeitraum, stammen vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

Leichte Unterschiede bei den Durchschnittstemperaturen können für die Agrarwirtschaft viel bedeuten. In diesem Jahr beklagten die Bauern in Sachsen-Anhalt wieder eine enttäuschende Ernte, die der Bauernverband auf die heißen Temperaturen Mitte Juni zurückführt. Manche Bauern verändern bereits ihre Anbautechnik und orientieren sich dabei an heißen Ländern wie Israel. Doch wie die Klimaänderungen genau aussehen, lässt sich auch mit einzelnen Klimamodellen schwer sagen.

Leichter Temperaturanstieg hat bereits Folgen

Jedes der Modelle nimmt bestimmte Parameter als Basis und hat entsprechende Stärken oder Schwächen. Diana Rechid verdeutlicht: "Unsicherheit lässt sich dabei nie vollständig ausräumen." Ihr ist es daher wichtig zu betonen: Es handelt sich nicht um Vorhersagen, sondern um mögliche Entwicklungen, Projektionen genannt. Die Projektionen bilden ab, wie sich das Klima unter bestimmten Annahmen verändern könnte. Aber durch die 85 Simulationen lässt sich diese Unsicherheit berücksichtigen und so zumindest planen.

Das bedeuten die Emissions-Szenarien

Die drei unterschiedlichen Klimaschutz-Stufen entsprechen den "RCP-Szenarien": RCP 2.6, RCP 4.5 und RCP 8.5. Sie sind in der Klimamodellierung weltweit üblich und treffen unterschiedliche Annahmen dazu, wie sich Bevölkerung, Wirtschaft oder Energienutzung entwickeln und wie viele Emissionen dann erwartbar sind.

Das Szenario RCP 2.6 gilt als optimistisch, es geht von den niedrigsten Emissionen aus und entspricht einer Entwicklung mit viel Klimaschutz. Weltweit würde der Klimaanstieg in diesem Szenario unter zwei Grad bleiben. Das Szenario RCP 8.5 gilt hingegen als pessimistisch, sagt eine sehr hohe Emissionsentwicklung voraus und würde weltweit einen Temperaturanstieg von etwa vier Grad bedeuten.

Diana Rechid erklärt jedoch, dass das RCP 8.5-Szenario ohne Klimaschutz aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich ist. Zum einen wurden bereits Klimaschutzmaßnahmen getroffen, zum anderen ist nicht klar, ob ein solches Emissionsniveau überhaupt bis zum Ende des Jahrhunderts gehalten werden könnte. Immerhin sind fossile Ressourcen begrenzt.

Tendenziell mehr Niederschlag

Bei allen Szenarien steigt die Durchschnittstemperatur jedoch und sie ist nicht das Einzige, was sich ändern dürfte: Die meisten Simulationen zeigen für die Szenarien ohne oder mit etwas Klimaschutz auch eine Zunahme des Niederschlags. Jedoch schwankt Niederschlag von Jahr zu Jahr sehr und lässt sich schwer projizieren – die Ergebnisse sind nicht "robust". Die Forschenden sprechen daher nur von einer Tendenz zur Zunahme. Unter der Annahme, dass viel Klimaschutz umgesetzt wird, sind hingegen keine Änderungen ersichtlich.

Der physikalische Grund: Je wärmer die Luft ist, desto mehr Wasser kann sie transportieren. Und mehr Niederschlag könnte Sachsen-Anhalt – das trockenste aller Bundesländer – gut gebrauchen.

Das Problem ist nur, wenn es wärmer wird, dann verdunstet das gefallene Wasser auch schneller. Pflanzen brauchen bei Hitze mehr Regen, um zu wachsen. Wie der Leiter des Deutschen Dürremonitors, Andreas Marx, zudem erklärt, fällt der meiste Niederschlag voraussichtlich im Winter. Die Sommer werden trotzdem trockener und die Agrarwirtschaft kann nicht vom Niederschlag profitieren. In Halle wird aber bereits untersucht, welche Pflanzen mit den neuen Klimabedingungen besser umgehen können.

Es regnet seltener, aber an wenigen Tagen mehr

Eine weitere Entwicklung im Klimaausblick lautet: Die Zahl der Starkregentage könnte steigen. Es regnet bereits jetzt insgesamt seltener, aber an wenigen Tagen dafür deutlich mehr. Der Schweizer Klimatologe Reto Knutti konnte bereits 2018 belegen, dass die Hälfte des Regen im Schnitt an zwölf Tagen im Jahr fällt. Zukünftig, in einem Szenario mit hoher Treibhausgasemission, könnten 70 Prozent des Niederschlags in den nassesten zwei Wochen niedergehen. Mit mehr Starkregen steigt auch die Gefahr von Überschwemmungen.

Im Klimaausblick könnte es zum Beispiel im Altmarkkreis dann so aussehen: Aktuell gibt es durchschnittlich 1,8 Tage im Jahr, an denen es stark regnet. In einem Szenario ohne Klimaschutz und mit hohen Emissionen könnte sich das bis zur Mitte des Jahrhunderts mit einem Anstieg um 1,6 weitere Tage fast verdoppeln. Mit viel Klimaschutz kommen im Schnitt höchstens 1,1 Tag hinzu.

Wenn es gut läuft, dann könnten es auch weniger Tage werden. Aber deutlich mehr als die Hälfte der 85 Simulationen kommen zu dem Ergebnis, dass die Starkregentage bis zur Mitte des Jahrhunderts steigen. Die Wissenschaftlerinnen des Gerics gehen darum von einem tendenziellen Anstieg aus.

Einen großen Unterschied könnte der Klimaschutz auch bei den Wintertagen machen. Zum Beispiel im Harz, wo ein schneeloser Winter schon jetzt das Leben der Menschen verändert hat. In den Jahren von 1971 bis 2000 gab es dort im Schnitt 91 Tage, an denen die Temperatur unter dem Gefrierpunkt lag.

In den simulierten Szenarien ohne Klimaschutz bewegt sich die Zahl der Wintertage zur Mitte des Jahrhunderts zwischen 43 Tagen im schlimmsten Fall und 70 Tagen im besten Fall. Mit viel Klimaschutz verschiebt sich das Intervall hingegen auf noch 49 Frosttage im schlimmsten Fall und immerhin 90 Tage im besten Fall.

Das weltweite Klima hat sich schon immer verändert. Aber aktuell lässt sich der Anstieg nicht anders erklären als mit den Treibhausgasen, die vom Menschen in die Atmosphäre geblasen werden. Die genauen Folgen sind noch nicht absehbar. Aktuell schwächt sich zum Beispiel der Golfstrom ab. Was das genau für das Klima in Europa bedeutet, muss noch erforscht werden.

In der folgenden Grafik können Sie sich 18 verschiedene Kategorien für Sachsen-Anhalt anzeigen lassen. Neben den Projektionen für die Mitte des 21. Jahrhunderts sind auch die Zahlen für das Ende des 21. Jahrhunderts verfügbar. Für mehr und genauere Informationen finden Sie hier.

Das bedeuten die Kategorien

Temperatur zeigt die Änderung der Jahresdurchschnittstemperatur in °C.
Sommertemperatur zeigt die Änderung der Durchschnittstemperatur in den Monaten von Juni bis August in °C.
Wintertemperatur zeigt die Änderung der Durchschnittstemperatur in den Monaten von Dezember bis Februar in °C.
Sommertage zeigt die Änderung der durchschnittlichen Anzahl an Tagen im Jahr, an denen Temperaturen von mehr als 25°C erreicht werden.
Heiße Tage zeigt die Änderung der durchschnittlichen Anzahl an Tagen im Jahr, an denen Temperaturen von mehr als 30°C erreicht werden.
Tropische Nächte zeigt die Änderung der durchschnittlichen Anzahl der Nächte im Jahr, an denen die Temperatur nicht unter 20°C sinkt.
Frosttage zeigt die Änderung der durchschnittlichen Anzahl an Tagen im Jahr, an denen Minusgrade erreicht werden.
Spätfrosttage zeigt die Änderung der durchschnittlichen Anzahl an Tagen in einem Jahr ab dem 1. April, an denen Minusgrade erreicht werden.
Eistage zeigt die Änderung der durchschnittlichen Anzahl an Tagen im Jahr, an denen die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt bleiben.
Tage über 5°C zeigt die Änderung der durchschnittlichen Anzahl an Tagen im Jahr, an denen die mittlere Temperatur über 5°C liegt.
Maximale Dauer von Hitzeperioden zeigt die Änderung der maximalen Anzahl an aufeinanderfolgenden Tagen, an denen Temperaturen von über 30°C erreicht werden. Niederschlag zeigt die Änderung der durchschnittlichen monatlichen Niederschlagsmenge in mm/m² pro Monat.
Sommerniederschlag zeigt die Änderung der durchschnittlichen monatlichen Niederschlagsmenge in den Monaten von Juni bis August in mm/m² pro Monat.
Winterniederschlag zeigt die Änderung der durchschnittlichen monatlichen Niederschlagsmenge in den Monaten von Dezember bis Februar in mm/m² pro Monat.
Trockentage zeigt die Änderung der durchschnittlichen Anzahl an Tagen im Jahr, an denen weniger als 1mm Niederschlag fällt.
Tage mit Niederschlag über 20mm/Tag zeigt die Änderung der durchschnittlichen Anzahl an Tagen im Jahr mit mindestens 20mm Niederschlag pro m².
Windgeschwindigkeit zeigt die Änderung der durchschnittlichen Windgeschwindigkeit im Jahr in m/s.

MDR/Joline Bark, David Muschenich

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 09. August 2021 | 19:30 Uhr

14 Kommentare

Eulenspiegel vor 9 Wochen

Hallo Tacitus
Ja wo sind den ihre „serösen Wissenschaftler“ die Belegen das dies Aussagen und Begründungen wenig mit seriöser Wissenschaft zu haben. Wie wäre das wenn sie zumindest mal einen einzigen benennen könnten. Oder wollen sie hier als Märchenerzähler eingestuft werden?

Tacitus vor 9 Wochen

@goffmann, mit 2% Anteil am weltweiten CO2 Ausstoß ist es schlichtweg bedeutungslos für den Klimawandel, was Deutschland macht; ebenso die EU. Allein der jährliche CO2 Anstieg von China ist größer als die Emmissionen von Deutschland.

Tacitus vor 9 Wochen

Die Aussagen und Begründungen haben wenig mit seriöser Wissenschaft zu tun, eher mit PR von gerics."Mit mehr Klimaschutz ist das so" - was soll das nun bedeuten?
Modellrechnungen hängen vom Modell und von den Eingangsdaten ab -
Das ist eher Lesen im Kaffeesatz.

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