Übernahme durch Bauer-Verlag MZ und Volksstimme rücken enger zusammen – das macht Sorge

Frank Rugullis
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Diese Nachricht wird die Medienlandschaft in Sachsen-Anhalt verändern: Mitteldeutsche Zeitung und Volksstimme haben mit Bauer künftig den selben Eigentümer. Lesern und Usern droht ein Einerlei in der Berichterstattung, Redakteuren der Verlust des Arbeitsplatzes.

Collage aus Volksstimme- und MZ-Logo
Sprechen die beiden großen Tageszeitungen in Sachsen-Anhalt bald mit einer Stimme? Es deutet vieles darauf hin. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer/dpa

Als 1989 die Menschen auf die Straße gingen und ihrem Unmut Luft machten, da stand die Forderung nach freien Medien und Pluralismus ganz oben auf der Liste. Bei den Montagsdemos in Halle und Magdeburg ging es auch darum, dass neben anderen Medien auch die beiden SED-Bezirkszeitungen "Freiheit" und "Volksstimme" endlich unabhängig berichten können. Redakteure beider Zeitungen reihten sich in die Demos ein.

Nach der Friedlichen Revolution wurden die beiden Zeitungen in fast schon politischen Entscheidungen verkauft. Aus der "Freiheit" wurde die "Mitteldeutsche Zeitung", Eigentümer wurde der Verleger Alfred Neven DuMont, dem ein enger Draht zum FDP-Urgestein und gebürtigem Hallenser Hans-Dietrich Genscher nachgesagt wurde. Die Volksstimme wurde von der Treuhand an die Bauer-Gruppe in Hamburg verkauft, die bis dahin keine Erfahrungen mit Tageszeitungen hatte.

Aufgeteilter Zeitungsmarkt in Sachsen-Anhalt

Im neuen Bundesland teilten sich beide Regionalzeitungen wie in der DDR weiter den Markt auf. Die Mitteldeutsche Zeitung erscheint im ehemaligen DDR-Bezirk Halle, die Magdeburger Volksstimme im ehemaligen Bezirk Magdeburg, also dem nördlichen Sachsen-Anhalt. Richtig Konkurrenz machten sich beide Zeitungen vor dem digitalen Zeitalter kaum.

Diese Teilung des Zeitungsmarktes in Sachsen-Anhalt unter den beiden Platzhirschen gehörte fast 30 Jahre zur Tagesordnung. Wer sich zum Beispiel für Landespolitik in Sachsen-Anhalt interessierte, der las jeden Morgen die Berichte und Kommentare beider Zeitungen, die unterschiedlichen Anmerkungen von Zeitungslegenden wie Hendrik Kranert, Hagen Eichler oder Michael Bock.

Zeitungen fehlt Zukunftskonzept

Mit den oft beschriebenen gravierenden Veränderungen durch die Digitalisierung veränderte sich auch das Konsumverhalten der Nutzerinnen und Nutzer in Sachsen-Anhalt. Immer weniger Menschen sind bereit, eine Zeitung zu kaufen. Mitteldeutsche Zeitung und Volksstimme gingen ins Internet, wirklich Geld verdienen sie dort bis heute nicht. Beide Blätter leben von ihren Abonnierenden, die aber monatlich weniger werden. Ein überzeugendes Zukunftskonzept suchen alle Regionalzeitungen, in Deutschland und ganz Europa.

Sorge und Unverständnis dominieren

Nun übernimmt Bauer also auch die Mitteldeutsche Zeitung. Dies hatte sich seit Monaten abgezeichnet, Gerüchte gab es schon länger. Wie werden sich wohl am Mittwoch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mitteldeutschen Zeitung in Halle gefühlt haben, als die Bauer-Verlagsspitze in Halle auf das Gelände kam? Die einst so stolze Mitteldeutsche Zeitung muss nun mit dem ungeliebten Nachbarn aus dem Norden zusammenarbeiten.

Auf der Mitarbeiterversammlung dominierten Sorge und Unverständnis und dies ist vollkommen berechtigt. Für Verwunderung bei den MZ-Beschäftigten sorgte auch, dass Heinrich und Yvonne Bauer zwar in Halle vor den Mitarbeitern auf dem Podium saßen, aber kein Wort an die versammelte Belegschaft richteten. 

In einem Schreiben der Redaktion an Bauer, das MDR SACHSEN-ANHALT vorliegt, wird der neue Eigentümer aufgerufen, die Standorte Halle und Magdeburg zu erhalten. "Wir sind davon überzeugt, dass unser Land Sachsen-Anhalt gerade auch angesichts der komplizierter gewordenen politischen Verhältnisse zwei eigenständige Vollredaktionen braucht", so die Redaktion. Die Mitarbeiter rufen in dem Schreiben den Verleger zu einem "konstruktiven und offenen Dialog" auf.

Künftige Struktur noch unklar

Auch wenn die genaue Struktur der beiden Zeitungen für die nächsten Jahre noch offen ist, macht die Übernahme nur Sinn, wenn Synergien geschaffen werden. Beide Zeitungen werden ein Digitalkonzept erarbeiten müssen, das millionenschwere Investitionen für beide Marken erfordert. Heute startete die MZ mit einer Bezahlschranke für bestimmte Artikel, geplant war dies aber unabhängig von der Bauer-Übernahme.

Beide Zeitungen sollen weiter erscheinen, werden aber sicher Inhalte gemeinsam produzieren müssen. Und das letzte Wort für beide Zeitungen hat künftig Bauer und niemand sonst. In Thüringen ist dies bereits Realität. Hier unterhält die Funke-Gruppe drei Zeitungen, die von einer Mantelredaktion beliefert werden. Plant Bauer solch ein Modell nun in Sachsen-Anhalt?

Schlecht für die Meinungsvielfalt

Für die Meinungsvielfalt ist die Medienkonzentration eine schlechte Entwicklung. Ergibt sie vielleicht unternehmerisch Sinn, führt sie für Nutzerinnen und Nutzer im schlimmsten Fall zu einem Einerlei in der Berichterstattung und in der Kommentierung von Themen. Mit der Bauer-Gruppe und dem MDR gibt es nur noch zwei größere relevante journalistische Anbieter, die sich mit Themen aus Sachsen-Anhalt beschäftigen. So haben sich die Demonstranten Pluralismus 1989 ganz sicher nicht vorgestellt.

Frank Rugullis
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Frank Rugullis arbeitet seit 1992 für den Mitteldeutschen Rundfunk, zunächst als Nachrichtenredakteur bei MDR SACHSEN-ANHALT in Magdeburg und MDR INFO in Halle. Seit 2012 ist er nur noch in Magdeburg tätig, entwickelte trimediale Projekte und neue Ideen für den Onlinebereich. Seit 2015 ist Rugullis Onlinechef, seit 2018 auch Mitglied im Digital Board des MDR. Seine Freizeit verbringt Rugullis am liebsten mit seiner Familie.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. Januar 2020 | 10:30 Uhr

8 Kommentare

MDR-Team am 17.01.2020

Welche Medien Sie damit konkret meinen, haben Sie nicht ausgeführt. Wir nehmen die Meinung und Hinweise von Usern/Hörern oder Zuschauern jedoch sehr ernst.

Burgfalke am 16.01.2020

Ja, die sind notwendig! Nur so besteht vielleicht die Möglichkeit auch kritisch über Fehlentwicklungen im Bundesland und in den Landkreisen zu berichten. Letzteres ist ohnehin schwierug wenn es nur eine Zeitung gibt. Zu schnell besteht dieGefahr von gegenseitigen "Abhängigkeiten" oder Interessenskonflikten! Parteipolitische Einflußnahmen sind dann trotz Pressefreiheit "erkennbar oder nicht auszuschließen".

Burgfalke am 16.01.2020

Der Bezug auf die Regionen ist grundsätzlich richtig. Um wirklich nahe an den Menschen zu sein, reicht es nicht bloß "Spaßsendungen" zu machen, sondern auch brisante Themen aufzugreifen, bestimmte unnötige Fehlentwicklungen zum Nachteil der Bürger aufzugreifen und sachlich zu hinterfragen. Selbst bei gesunden Menschenverstand wird man bestimmte Dinge nicht einfach hinnehmen.
Beispiel; Vor wenigen Jahren hatte ich die Gelegenheit mit einem Landrat u.a. über die Thematik "Adressen" zu sprechen. Er erklärte mir, daß auf einer Zusammenkunft ihm und zwei weiteren Landräten vom amtierenden Innenminister S-A vor den versammelten Landräten ausdrücklich untersagt wurde diese Thematik noch einmal anzusprechen. Landräte sind direkt von den Bürgern gewählte Vertreter und denen wird gezielt hier die Interessenvertretung verboten! Das wird von Medien einfach ignoriert. Entsprechende Hilfeersuchen werden von den Medien nicht beantwortet bzw. es besteht keinerlei Interesse. Das schon fast 10 Jahre!

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