Gastbeitrag Modern arbeiten heißt Digitalisierung menschlich gestalten

Michael Ney
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Die Corona-Pandemie hat das Thema Digitale Arbeit in den letzten zehn Monaten in einer Intensität nach vorne katapultiert, wie es vorher kaum zu erwarten war. MDR-SACHSEN-ANHALT-Gastautor Michael Ney vom "Zukunftszentrum Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt" schreibt, worauf es ankommt, wenn wir die Zukunft der Arbeit gestalten wollen.

Homeoffice
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Nach einer Erhebung der Beratungsagentur "Etventure" war 2019 das erste Jahr, in dem die Investitionen in digitale Innovationen zurückgingen. Dabei sahen 76 Prozent der befragten Unternehmen das fehlende Digital-Know-How als größtes Hemmnis und 45 Prozent die fehlende Kompetenz der Unternehmen in der nutzerzentrierten Gestaltung der Prozesse des digitalen Wandels. Das macht deutlich: Digitalisierung ist kein rein technischer Prozess – Digitalisierung ohne den Menschen funktioniert nicht.

Was ist der Faktor "Mensch" in der Digitalisierung oder im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz (KI)? Grundsätzlich kann man in zwei Richtungen denken, die Ängste und Hoffnungen widerspiegeln. Auf der einen Seite können digitale Anwendungen dazu genutzt werden, den Menschen und seine Arbeitskraft zu ersetzen. Auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit, dass eben diese digitalen Innovationen den Menschen in seiner Arbeit entlasten und die Arbeit menschlicher gestalten.

Die Frage ist also letztlich, wie wir die Digitalisierung gestalten. Als Zukunftszentrum unterstützen wir klein- und mittelständische Unternehmen dabei, ihren digitalen Wandel menschenzentriert zu gestalten.

Die Podcast-Macher von "digital Leben" Marcel Roth und Stephan Schulz sprechen mit Sigrid Salzer und Michael Ney (Screenshot). 67 min
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Große Chancen für Sachsen-Anhalt

Das sind vier Beispiele, wie Digitalisierung wirken kann, wenn sie entsprechend strategisch entwickelt und ausgerichtet wird:

  1. Digitale Arbeit kann durch die Entstehung von Co-Working-Spaces im ländlichen Raum der Entvölkerung entgegenwirken.
  2. Die Verlagerung von Verwaltungsroutinen in digitale Anwendungen in der Pflege kann den Fachkräften Raum schaffen, mehr Zeit mit den Klienten und Klientinnen zu verbringen. Das ist ein wichtiger Faktor für die Fachkräfte in der Pflegebranche, deren persönlicher Fokus auf der Beziehungsarbeit liegt.
  3. Vernetzter digitaler Handel über Plattformen kann Ressourcen bündeln, die einzelne Produzenten vielleicht nicht allein finanzieren können. Am Ende steht für alle Beteiligten ein erweiterter Absatzmarkt und der Zugang zu neuen Kundengruppen.
  4. Die Vereinbarkeit von Arbeit, Privatleben, Familie wird durch zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten leichter. Zumindest dort, wo Mitarbeitende befähigt werden, ein solches Modell umzusetzen. 

Michael Ney
Michael Ney arbeitet beim "Zukunftszentrums Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt". Bildrechte: MDR/ESF Rückenwind

Dafür ist es allerdings notwendig, die Mitarbeitenden in diese Veränderungsprozesse einzubeziehen. Im "Design Thinking" gibt es den Ansatz, alle Personen in einen Veränderungsprozess einzubeziehen, die die Veränderung betrifft und die eine Expertise dazu haben. Das Ergebnis ist ebenso simpel wie effizient: Die Akzeptanz des Wandels durch die Mitarbeitenden wird erhöht und durch die Einbindung der Kompetenz der Praktiker und Praktikerinnen sinkt die Fehlerquote.

Der Mensch gehört in den Mittelpunkt des digitalen Wandels  

Der Mensch muss im Mittelpunkt des digitalen Wandels stehen. Das gilt besonders für die Einführung Künstlicher Intelligenz (KI) in die betrieblichen Abläufe. Das hat zum einen mit dem Mythos um KI zu tun, der zum Beispiel von Bildern geprägt ist, die wir schon seit Jahrzehnten aus Film und Fernsehen kennen. Da gibt es den Androiden auf der Enterprise, der logisch perfekt agiert, über quasi unendliches Wissen verfügt, aber zur Vervollkommnung nach Menschlichkeit strebt. Aber da gibt es auch den RoboCop oder die KI, die in Minority Report Verbrechen vorhersagt und menschliche Rechtsprechung überflüssig macht.

Allerdings ist der tatsächliche Entwicklungsstand dieser sogenannten starken KI noch weit davon entfernt, wirklich effizient zu funktionieren. Die schwache KI in unseren Mobilgeräten, in der Online-Werbung etc. wirkt dagegen schon nahezu alltäglich. Künstliche Intelligenz wirft wiederum Fragen auf, wenn sie im Arbeitsprozess integriert auf den Menschen trifft:

  • Schränkt KI den Handlungs- und Entscheidungsspielraum der Menschen im Arbeitsprozess ein?
  • Wer hat in kritischen Situationen eigentlich das letzte Wort, die "perfekte Logik" der KI oder die Erfahrung und Intuition der menschlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen?

Digitaler Wandel und KI sind keine Selbstläufer

Die Gestaltung digitaler Arbeit, sei es im Homeoffice oder im vernetzten Büro, braucht digitale Kompetenzen und die Fähigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das Soziale in der digitalisierten Welt umzusetzen. Auch digitale Arbeit kommt nicht – vielleicht sogar noch weniger als die Arbeit bisher – ohne soziale Resonanzräume aus. Auch hier entstehen Fragen:

  • Wie können, begleitend zur technischen Einführung digitaler Anwendungen, die sozialen Aspekte berücksichtigt werden?
  • Welche Methoden braucht es, um co-kreative, partizipative Prozesse so zu gestalten, dass von der Geschäftsführung über Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Betriebsräte und Betriebsrätinnen bis hin zu Auszubildenden möglichst alle beteiligt werden?
  • Wie können Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der digitalen Arbeit befähigt werden, sich vor Arbeitsentgrenzung zu schützen und rund um die Uhr verfügbar zu sein?
  • Welchen Mindset-Wandel braucht es, um Vertrauensarbeit zu gestalten, die sich am Ergebnis und nicht an der Anwesenheit orientiert?

Das sind Fragen der Gegenwart, die für den digitalen Wandel wesentlich sind, um Digitalisierung menschlich zu gestalten. Es wird davon abhängen, wie Unternehmen diese Fragen beantworten und wie die Zukunft der Arbeit in Sachsen-Anhalt, unterstützt durch Künstliche Intelligenz, aussehen wird.

Michael Ney
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Über den Autor Michael E.W. Ney ist Sozialökonom und befasst sich seit seiner Diplomarbeit Ende der 1990er Jahre mit Fragen der sozialen Gestaltung von Arbeit. Am "Forschungsinstitut Betriebliche Bildung" ist er als Projektkoordinator für den Standort Magdeburg verantwortlich und in der Projektleitung des von Sachsen-Anhalts Sozialministerium und dem Europäischen Sozialfonds geförderten Projekts "Zukunftszentrums Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt". https://www.zukunftszentrum-sachsen-anhalt.de/ Im Rahmen des Zukunftszentrums entwickelt er mit seinem Team Beratungs- und Weiterbildungsangebote zur menschenzentrierten digitalen Arbeit und KI für klein- und mittelständische Unternehmen in Sachsen-Anhalt. Er vertritt das Zukunftszentrum in der Arbeitsgruppe "Digitalisierung der Arbeitswelt" des Ministeriums für Arbeit, Soziales und Integration vertritt er das Zukunftszentrum.

Er hat in den vergangenen fünf Jahren im Themenfeld Digitalisierung und Wohlfahrt in der Projektentwicklung und Beratung gearbeitet und ist als Lehrbeauftragter für Beratung und Supervision an der Hochschule Magdeburg/Stendal tätig.

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