Verkehr Menschen in Sachsen-Anhalt wollen weiter mit 9-Euro-Ticket fahren

Bis zum 31. August gilt das 9-Euro-Ticket noch in Zügen, Straßenbahnen und Bussen. Durch die Einführung des Tickets hatte sich die Zahl der Reisenden Angaben des Ministeriums für Infrastruktur und Digitales zufolge auf einige Strecken verdoppelt oder sogar verdreifacht. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Fahrgästen gesprochen und sie nach ihren Erfahrungen mit dem Sparticket gefragt.

Fahrgäste 9-Euro-Ticket Bilanz Sachsen-Anhalt
Drei Monate lang konnten Bahnreisende das 9-Euro-Ticket nutzen. Viele Menschen in Sachsen-Anhalt würden sich wünschen, dass es das Ticket weiter gibt. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

38 Millionen 9-Euro-Tickets wurden laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen bis Mitte August verkauft. Mit dem Ticket sollte auch ein Anreiz geschaffen werden, das Auto stehen zu lassen und den Öffentlichen Personennahverkehr zu nutzen. Einer, der sein Auto sogar verkauft hat, ist Bernhard Albrecht.

Am Bahnhof Aschersleben erzählt er im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT, dass er eigentlich davon ausgegangen ist, dass es das Ticket weitergeben würde. Nun will sich der Mann aus Herne, der gerade seien Sohn in Güsten besucht, im nächsten Jahr wieder ein Auto kaufen.

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Bernhard Albrecht hat wegen des 9-Euro-Tickets sogar sei Auto verkauft. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Zur Arbeit mit der Bahn

Auch Annedore Söchting hat ihr Auto stehen gelassen, um ihren Arbeitsweg mit der Bahn zu bestreiten. Auch wenn die Züge an manchen Tagen sehr voll gewesen seien, sei das Ticket eine gute Idee gewesen. "Manchmal ist es so voll, dass auch Leute, die dann mit Fahrrad kamen, draußen bleiben mussten", erzählt sie. Und deswegen sei sie auch mit einem Roller statt eines Fahrrades unterwegs.

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Annedore Söchting nimmt lieber den Roller, als das Fahrrad. Die Züge seien mitunter einfach zu voll und Radfahrenden könnten nicht mitgenommen werden. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Fahrradmitnahme als Problem

Das Problem mit der Fahrradmitnahme kennt auch Johannes Klages. "Eigentlich sollte man darauf achten, dass man Verbindungen wählt, die nicht so voll sind, damit genug Platz ist. Das Problem ist nur, dass das schwer vorher zu planen ist", erzählt er am Bahnhof in Halberstadt.

Trotz des Platzproblems sei das Ticket eine Bereicherung gewesen, "weil es Verkehr von der Straße genommen hat. Und es hat auch vielen Leuten gezeigt, dass wir in die Infrastruktur in der Eisenbahn investieren sollten".

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Für Radfahrer Johannes Klages war das 9-Euro-Ticket eine Bereicherung. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Ein Ticket fürs Reisen

Aber nicht nur für den Arbeitsweg haben die Menschen in Sachsen-Anhalt das 9-Euro-Ticket benutzt. Das Renterehepaar Fritsche erzählt am Bahnhof Wernigerode, dass sie das Ticket für Reisen nach Potsdam, Hannover, Weimar und Leipzig genutzt haben. "Am Mittwoch geht es vielleicht noch nach Magdeburg." Ohne das Ticket würden die Fritsches gar keine Bahn fahren, geben beide zu.

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Familie Fritsche hat das 9-Euro-Ticket zum Reisen genutzt. Bildrechte: MDR/Tom Gräbe

Weiterführung erwünscht

Eine Sache vereint alle Bahnreisenden an diesem Tag. Alle Befragten würden sich wünschen, dass das 9-Euro-Ticket weiterverkauft wird. Auch die Schweizerin Gabriel Stohler Mauch würde sich eine Fortsetzung wünschen. Die Schauspielerin ist mit dem Ticket im Harz unterwegs gewesen, um dort im Sommer zu arbeiten. "Ich bin gespannt, ob und wie das Ticket weiter bestehen soll. Und ich finde, man sollte die Leute ein bisschen unterstützen, dass sie den Zug häufiger benutzen."

Wie viele 9-Euro-Tickets wurden verkauft?

Bis Mitte August wurden nach Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen deutschlandweit rund 38 Millionen 9-Euro-Tickets verkauft. Hinzu kamen monatlich etwa zehn Millionen Abo-Kunden, deren Tickets aufgewertet wurden.

Eine ausführliche Bilanz zum 9-Euro-Ticket lesen Sie im folgenden Artikel.

Wie hat sich die Verkehrsnutzung mit dem 9-Euro-Ticket verändert?

Dem Statistischen Bundesamt zufolge lagen, basierend auf Mobilfunkdaten, die bundesweiten Bewegungen im Schienenverkehr im Juni 2022 rund 42 Prozent höher als im Juni 2019 – also noch vor der Corona-Zeit.

Zu den eigentlichen Verkehrsdaten gibt es mehrere Studien, die jedoch nur bedingt belastbar sind – und entsprechend zu Diskussionen führen. So wurden laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen rund ein Viertel der angetretenen Fahrten im ÖPNV zusätzlich unternommen, haben also beispielsweise keine Autofahrt ersetzt. Der tatsächliche Verlagerungseffekt von der Straße auf den öffentlichen Verkehr wird mit bis zu drei Prozent beziffert, beispielsweise von Verkehrsforschern der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

Was sagen Kritiker des 9-Euro-Tickets?

Kritiker bemängeln den Umstiegs-Effekt als zu gering. Zu den bekennenden Gegnern gehört Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP). Er kritisiert die vielen zusätzlichen Fahrten durch das Ticket, die begrenzten Kapazitäten auf den Strecken sowie das eingeschränkte Angebot auf dem Land. In einem Interview sprach er von einer "Gratismentalität" mit Blick auf das 9-Euro-Ticket. Für eine Fortführung stünden keinerlei Mittel im Haushalt zur Verfügung. Das 9-Euro-Ticket war Teil des ersten Entlastungspakets der Bundesregierung.

Für viele Verkehrsbetriebe ist das 9-Euro-Ticket eine finanzielle Belastung – dann, wenn sie auf andere Einnahmen durch Fahrscheine angewiesen sind. Für die Defizite in den Monaten Juni, Juli und August will der Bund 2,5 Milliarden Euro Ausgleich zahlen.

Was sagen Befürworter des 9-Euro-Tickets?

Hauptvorteil des 9-Euro-Tickets ist, neben dem Preis, die Gültigkeit über Länder- und Tarifgrenzen hinweg. Selbst wenn nur vier Prozent der Pendler vom Auto auf Bus und Bahn umgestiegen sind, macht das rechnerisch mehrere Millionen Fahrten aus. Dass nicht noch mehr Menschen das Auto haben stehen lassen, kann aus Sicht der Befürworter auch daran liegen, dass die Gültigkeit von vornherein auf drei Monate begrenzt war. Auch wenn es durch das 9-Euro-Ticket viele zusätzliche Fahrten im ÖPNV gab, dürfte die Umweltbilanz neutral ausfallen – denn Busse und Bahnen wären laut Fahrplan ohnehin gefahren. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach mit Blick auf das 9-Euro-Ticket von einem großen Erfolg. Auch der Großteil der MDRfragt-Gemeinschaft bewertet das Ticket positiv.

Was kommt nach dem 9-Euro-Ticket?

Eine mögliche Nachfolgelösung ist in Diskussion. Diese fordert unter anderem der Städte- und Gemeindebund. Im Gespräch sind beispielsweise ein 365-Euro-Jahresticket oder Monatskarten für 29 Euro in der Region sowie 69 Euro deutschlandweit.

Eine Einigung der Bundesländer zeichnet sich derzeit nicht ab, da der Nahverkehr für sie eine Frage des Geldes ist. Außerdem haben die Verkehrsbetriebe mit Kostensteigerungen zu kämpfen, vor allem für Energie. Am Freitag beraten die Verkehrsministerinnen und Verkehrsminister der Länder in einer Sonderkonferenz.

MDR (Tom Gräbe, Moritz Arand)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. August 2022 | 15:00 Uhr

32 Kommentare

Rain Man vor 14 Wochen

Die auf das Auto angewiesene Landbevölkerung soll also weiter den linksgrün wählenden Stadtmenschen den öffentlichen Nahverkehr finanzieren, während Autofahren unbezahlbar wird, weil Autofahrer immer schlimmer geschröpft werden?

Shantuma vor 14 Wochen

Ich bin ÖPNV-Abo-Kunde.
Ich wohne in einer Stadt und habe kein PKW.
Theoretisch wäre ich der beste Freund des Tickets, aber ich bin gegen ein solches Ticket.
Ich halte es für wesentlich zu günstig, was ich quasi wertlos macht. Es behandelt Menschen ungleich und löst das eigentliche Problem nicht einmal im Ansatz.

Shantuma vor 14 Wochen

Der Vergleich mit Bildung oder Krankenversorgung ist schlecht, richtig schlecht.

Bildung zahlt sich später aus, da man besser Technologie nutzen kann.
Krankenversorgung ist ähnlich, hier wird investiert, damit man vom erhalt der Arbeitskraft profitiert. Und wenn es nicht die Arbeitskraft, dann wenigstens die Konsumkraft.

Brittas Einwand hat durchaus relevanz.

Warum sollte jemand vom Dorf, welcher nicht den Luxus eines günstiges Tickets genießen kann, hier kräftig mit einzahlen?
Dass der ÖPNV subventioniert werden muss, damit er konkurrenzfähig zum Individualverkehr ist ergibt sich aus dem simplen Fakt der Selbstausbeutung bei Letzterem.
Doch dann sollte wenigstens die Infrastruktur entsprechend ausgebaut sein. So dass ALLE auch davon profitieren könnten.

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