ÖPNV Sachsen-Anhalts Verkehrsministerin hält Start von 9-Euro-Ticket für zu spät

Das geplante 9-Euro-Ticket im Nahverkehr kommt nach Ansicht von Sachsen-Anhalts Verkehrsministerin Hüskens zu spät: Nämlich dann, wenn in Sachsen-Anhalt bereits Sommerferien seien. Von Juni bis August kann man für neun Euro im Monat durch die ganze Republik fahren – zur Arbeit, in die Ferien oder sonst wohin – Hauptsache im Regionalverkehr, so die Idee der Bundesregierung. Hüskens wäre ein Start im Mai lieber gewesen. Dennoch hofft sie, dass Menschen das Angebot ausprobieren.

Eine Regionalbahn steht im Erfurter Bahnhof
Wie wird das 9-Euro-Ticket in Sachsen-Anhalt angenommen? Bildrechte: dpa

Vivienne Draschoff wohnt mit Mann und Kindern in Prosigk. Das liegt auf dem halben Weg zwischen Magdeburg und Halle. Draschoff arbeitet bei einem Mobilitätsdienstleister in Leipzig und wäre als Pendlerin eigentlich perfekt für das 9-Euro-Ticket. Theoretisch könnte sie auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit, aber: "Dann müsste ich aber mit dem Auto mindestens vier Kilometer bis zum nächsten Bahnhof fahren, um dann nach Halle zu fahren, um dort umzusteigen, um dann von Halle nach Leipzig zu fahren. Dann muss ich mich aber auch schon beeilen zwischen den Fahrten, zeitlich wird es dann auch schon knapp."

Draschoff engagiert sich auch bei Sachsen-Anhalts Grünen und ist da in der Fachgruppe Mobilität und Verkehr. Anbindungen und Taktzeiten sind also Dinge, mit denen sie sich beruflich und privat befasst. Das 9-Euro-Ticket sei im Prinzip eine gute Idee, aber dass die Pendlerinnen und Pendler hier das Ticket nutzen, das glaubt Draschoff nicht. "Schwierig. Niemand wird sich deswegen zwei Stunden mehr ans Bein binden, um auf Arbeit zu kommen – nur wegen neun Euro."

Verkehrsministerin Hüskens: ÖPNV in vielen Regionen eher zweite Wahl

Ganz so schwarz will Sachsen-Anhalts Verkehrsministerin Lydia Hüskens die Zukunft des 9-Euro-Tickets nicht sehen. Natürlich wird es entlasten, auch in Sachsen-Anhalt, wiederholt Hüskens immer wieder. Trotzdem sagt die Ministerin auch: "Es ist richtig, dass wir in Sachsen-Anhalt Regionen haben, in denen der ÖPNV eher die zweite Wahl ist. Trotzdem hoffen wir, dass Menschen das Angebot mal ausprobieren. Und natürlich hoffen wir auch, dass wir aus der Nutzung heraus die Schwachstellen – zum Teil kennen wir sie – nochmal ordentlich aufgezeigt bekommen."

Größter Kritikpunkt der liberalen Ministerin ist der Zeitpunkt: Das Ticket, das Pendlerinnen und Pendler entlasten soll, kommt genau dann, wenn in Sachsen-Anhalt Sommerferien sind. "Ich glaube, wir hätten uns alle gewünscht, dass das 9-Euro-Ticket bereits im Mai beginnen kann. Ich habe das auch gefordert. Wir haben uns aber eines Besseren belehren lassen müssen. Der Bundesgesetzgeber muss zunächst das Thema Finanzierung klären und auch rechtlich sauber klären. Das führt dazu, dass in der ein oder anderen Region Deutschlands das Ganze dann eben mehr als Ferienticket genutzt wird."

Kommunaler Spitzenverband fordert ÖPNV-Ausbau statt 9-Euro-Ticket

Wer in den Ferien in den Harz oder nach Berlin und Leipzig will, hat also gute Karten. Wie sieht es in der Altmark im dünn besiedelten Norden des Landes aus? Hier in Salzwedel kam der Deutsche Landkreistag in dieser Woche zusammen. Der kommunale Spitzenverband vertritt die Interessen von über 56 Millionen Deutschen, die nicht in den Metropolen der Republik, sondern in durchschnittlichen Landkreisen wohnen.

Präsident Reinhard Sager spricht vom 9-Euro-Ticket als einem Strohfeuer. Wichtiger wäre: "Dass wir zwei, zweieinhalb Milliarden in die Hand nehmen, um bessere Busverbindungen, den Ausbau des Schienenpersonennahverkehrs und die Verknüpfung von Bahnhöfen und Bussen voranbringen. Ich habe ein bisschen die Sorge, dass auch hier wieder die Großstadtbrille im Vordergrund steht. Es scheint so zu sein, dass die großstädtischen Räume hier bei dem 9-Euro-Ticket mehr im Fokus stehen als wir." Und das helfe den ländlichen Räumen so überhaupt nicht, sagt der Chef des deutschen Landkreistages. Vivienne Draschoff aus Prosigk sieht das ähnlich.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Mai 2022 | 06:00 Uhr

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