Fortschritte wegen Corona Auch Jesus war ein Influencer: Sachsen-Anhalts Kirchen und die Digitalisierung

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Ostern ist der höchste kirchliche Feiertag. Doch auch in diesem Jahr wird er wegen Corona deutlich stiller ausfallen als sonst. Ein generelles Gottesdienstverbot gibt es zwar nicht, dennoch treffen sich die Gemeinden nur unter strengen Auflagen. Das allerdings hat in den Kirchen einen Trend beflügelt, der längst nicht nur für die Kirchern gilt: die Digitalisierung verändert den Alltag.

Kamera in einer Kirche
Corona hat viele Kirchen zum Umdenken gezwungen. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/ Maurice Demandt

Stefanie Schneider ist im evangelischen Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt eigentlich für die Musik zuständig, als Kreiskantorin. Doch seit einem Jahr spielt die Musik, im übertragenen Sinn, nicht auf der Orgel, sondern im Internet. Stefanie Schneider ist somit nun auch folgerichtig die Digitalisierungsbeauftragte des Kirchenkreises.

Das Netz war natürlich auch schon vor Corona Teil des kirchlichen Alltags, doch mit der Schließung von Kirchen und Gemeinderäumen im Frühjahr vergangenen Jahres änderte sich die Situation dramatisch, erinnert sich Stefanie Schneider: "Wir haben uns als Kolleginnen und Kollegen im ersten Lockdown zusammengesetzt und überlegt, wie es nun weiter geht. Wir haben zunächst klein angefangen, mit Online-Andachten und später dann auch Konzerte oder Gottesdienste gestreamt. Und seitdem denken wir eigentlich ständig über weitere Formate nach."

Online-Küchentreffen zum Weltgebetstag

So etwa lud Stefanie Schneider zum Weltgebetstag der Frauen die Internetgemeinde zum Backen in ihre Küche ein, denn eigentlich wird an diesem Gebetstag auch gemeinsam gegessen, was nun wegen Corona nicht möglich war. Unter dem Titel "was bewegt.de" betreibt der Kirchenkreis Haldensleben-Wolmirstedt inzwischen eine eigenen Kanal bei YouTube. Die Zugriffszahlen sind sehr unterschiedlich: Mal sind es kaum mehr als 100, dann allerdings klicken auch schon fast 2.000 Nutzer auf die Angebote.

Die Gruppe der klassischen Gottesdienstbesucherinnen wird jedoch nur teilweise erreicht, wie Stefanie Schneider einräumt: "Wir haben viele ältere Gemeindemitglieder, die noch keinen Online-Zugang haben. Aber auf der anderen Seite bin ich immer wieder auch überrascht, wer sich inzwischen doch mit Technik ausgerüstet hat, auch weil man ja sonst kaum noch die Enkel sieht. Bei der Auswertung der YouTube-Daten haben wir festgestellt, dass viele aus unserer Zielgruppe sechzig plus tatsächlich unsere online-Angebote auch wahrnehmen."

Im Ü-Wagen zum Gottesdienst

Ein Mann singt in einem Online-Gottesdienst vor einer Kamera.
Hat den Schnittplatz immer dabei: Robert Neumann Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Aber auch der Kirchenkreis hat sich inzwischen technisch aufgerüstet. Robert Neumann ist als Jugenddiakon des Kirchenkreises schon durch den ständigen Umgang mit jungen Leuten fit im Umgang mit digitalen Medien. Seit vielen Jahren organisiert er zum Beispiel Jugendmedienwochen im Kirchenkreis. Und weil Robert Neumann viel unterwegs ist und auch viel zu transportieren hat, ist sein Dienstfahrzeug ein Bus. Und der ist nunmehr so eine Art Übertragungswagen geworden: "Der Bus, der da draußen steht, ist voll mit Kameras und Stativen, da steht auch der Videoschnittplatz für unsere Livestreams, alles mobil angelegt natürlich. Wir fahren in die Gemeinden vor Ort, bauen eine Stunde auf und dann wird das gesendet."

Aber nicht nur technisch, auch inhaltlich haben sich Veranstaltungen durch die digitale Verbreitung geändert. Zwar gibt es im Netz bekanntlich keine Zeit-Beschränkungen, doch während man bei einer langweiligen Predigt nicht so ohne Weiteres die Kirche verlässt, reicht online ein Klick – und man schaut sich eben etwas Anderes an. Und das führt nun zu einer neuen Form, so Stefanie Schneider:  "Wir versuchen uns kurz zu fassen, was erstmal eine Umstellung war. Und auf Lieder zum Mitsingen verzichten wir, denn zu Hause allein wirkt das schnell öde. Aber wir nutzen auch ein Konferenzsystem, an dem man sich mehr beteiligen kann, wie man es von Online-Meetings in der Wirtschaft kennt. Da kann man sogenannte Break out-Sessions einrichten, so eine Art kleine Gesprächsgruppen. Das funktioniert gut."

Blick auf ein Gotteshaus, daneben steht ein Kreuz.
Die Jugendkirche in Haldensleben Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Die ersten Versuche wirkten noch etwas unbeholfen, räumt Stefanie Schneider ein – nicht etwa wegen technischer Mängel, sondern weil bestimmte Gestaltungsregeln, wie etwa der Bildaufbau, vernachlässigt wurden. Doch dann gab es Tipps von der jungen Gemeinde: "Eigentlich haben wir erst mal so draufgehalten mit der Kamera und dann haben uns ein paar von unseren Jugendlichen Tipps gegeben, die haben uns richtig gecoacht mit einem kleinen Workshop. Seitdem achten wir auch die Achsen und kontrollieren, wie die Kameras aufgestellt sind, damit der Zuschauer ein richtiges Bild hat und nicht der Hintergrund hin und her springt."

Bischof Feige: Gemeinschaft fehlt

Aber wie immer sind es die konkreten Menschen vor Ort, an denen sich entscheidet, wie die neuen digitalen Möglichkeiten des Netzes genutzt werden. Das weiß auch der katholische Bischof Gerhard Feige. Natürlich ist auch das Bistum Magdeburg seit vielen Jahren online und auch die Gemeinden sind im Netz aktiv. Allerdings basiert das Gemeindeleben seit jeher auf persönlicher Begegnung, denn das Christentum baut, anders als andere Religionen, weniger auf Selbsterfahrung und betont stattdessen die Gemeinschaft.

Die ist aber unter digitalen Bedingungen eben ganz anders erlebbar und das ist auch eine Generationenfrage, so die Beobachtung von Gerhard Feige: "Momentan sehe ich eher im städtischen Bereich größerer Chancen im digitalen Umgang miteinander als im ländlichen Bereich, wo doch zumeist ältere Menschen zu unseren Gemeinden gehören. Und die haben damit durchaus Schwierigkeiten. Das zeigt sich ja bei der digitalen Vergabe von Impfterminen. Da sind viele hilflos und wenn sie dann keine Kinder oder Enkel haben, die ihnen dabei helfen, dann kommt eben so ein Termin schwer zustande."

Es ist ein digitaler Graben, der nicht nur die Kirchen, sondern auch die Gesellschaft trennt. Corona zeigt also wie unter einem Brennglas, dass es in der Bundesrepublik Lebenswelten gibt, die stark auseinander driften. Zudem trifft die Reduzierung von Kontakten die Kirchen in besonderer Weise, so Bischof Feige: "Einerseits belastet es enorm. Man war es eben gewöhnt, sich zu treffen. Aber nun sind viele eben auch digital unterwegs. Bibelgespräche finden zum Beispiel online statt. Unser Jugendtreffen des Bistums war in diesem Jahr auch online, mit zwei Videoschalten und jeweils rund 70 jungen Leuten. Das war ein guter Ersatz für das sonst lebendige Zusammensein."

Auf dem Weg zur Digitalkirche?

Doch völlig neu sind diese Entwicklungen nicht. Seit vielen Jahrzehnten werden Fernsehgottesdienste übertragen und in den USA gibt es sogar Großkirchen, die sich ausschließlich auf ihre mediale Präsenz konzentrieren. Außerhalb der USA blickte man bislang ziemlich abschätzig auf diese Entwicklung, auch weil sie sich schwer mit europäischen Traditionen vereinbaren lässt. Doch unter der Erfahrung von schwindenden Mitgliederzahlen könnte sich die Situation ändern.

Statt vieler Gottesdienste in fast leeren Dorfkirchen wäre ja auch ein Onlineangebot möglich, ergänzt durch einen realen Gottesdienst an christlichen Feiertagen. Der Haldensleber Jugenddiakon Robert Neumann hält einen solchen Weg für durchaus denkbar: "Also ich kann mir vorstellen, dass wir mal eine Kirche werden, die vorwiegend digital funktioniert und analoge Standorte hat. Im Moment funktionieren wir umgekehrt. Aber es kann schon sein, dass sich das verändert."

MDR/Uli Wittstock, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. April 2021 | 12:00 Uhr

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