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Zur bevorstehenden Impfpflicht im Gesundheitswesen ist noch einiges ungeklärt, sagt die Krankenhausgesellschaft. Bildrechte: imago images/Eibner Europa

Ab Mitte MärzPflegebranche in Sachsen-Anhalt fürchtet massive Versorgungsengpässe durch Impfpflicht

von MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 17. Januar 2022, 16:57 Uhr

Ab Mitte März soll die Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheitswesen gelten. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen fordern die Klärung von arbeitsrechtlichen Details. Zudem fürchten sie, dass es an einigen Standorten zu Versorgungsengpässen kommen kann.

Die Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt hat mit Blick auf die bevorstehende Impfpflicht im Gesundheitswesen schnelle Klärung arbeitsrechtlicher Details gefordert. Es sei beispielsweise unklar, was ein Verstoß gegen die Impfpflicht für Arbeitsverhältnisse bedeute, sagte Geschäftsführer Gösta Heelemann MDR SACHSEN-ANHALT. Grundsätzlich befürworte die Krankenhausgesellschaft aber eine einrichtungsbezogene und auch eine allgemeine Impfpflicht: "Jeder Geimpfte ist ein an Corona schwererkrankter Patient weniger."

Der Bundestag hatte Anfang Dezember eine Impfpflicht für Beschäftigte in Pflegeeinrichtungen und in Krankenhäusern beschlossen. Sie müssen ab dem 16. März vollständig gegen das Coronavirus geimpft oder von einer Covid-Erkrankung genesen sein. Arbeitgeber müssen ungeimpfte Beschäftigte den Gesundheitsämtern melden. Diese können dann ein Beschäftigungsverbot erteilen. Die Arbeitgeber können die betroffenen Mitarbeitenden ohne Vergütungsanspruch freistellen oder ihnen kündigen.

Einrichtungsleiter motiviert Beschäftigte zur Impfung

In der Humanas-Pflegeeinrichtung in Tangerhütte (Landkreis Stendal) sind 90 Prozent der 500 Beschäftigten vollständig geimpft, sagt Geschäftsführer Jörg Biastoch, studierter Arzt. Er habe den Impfstatus seiner Mitarbeitenden erhoben, leiste Überzeugungsarbeit bei Zweifelnden und impfe auch selbst. Biastoch befürwortet die Impfpflicht, viele juristische Fragen seien allerdings noch offen. Er wisse zum Beispiel noch nicht, ob er ungeimpften Beschäftigten in Zukunft kündigen muss.

Aktuell geht Biastoch nicht davon aus, dass die berufsbezogene Impfpflicht zu größeren Personalengpässen in seinem Unternehmen führen wird. Für den einen oder anderen Standort mit einer niedrigen Impfquote könne es aber schwierig werden. Für die gesamte Pflegelandschaft wäre es aber ein "herber Verlust", wenn sie noch mehr Beschäftigte verlieren würde. "Wir haben schon seit Jahren einen Pflegenotstand", sagt Biastoch, "der ist durch Pandemie nur mehr in Öffentlichkeit gerückt."

Landesverband Hauskrankenpflege befürchtet große Versorgungsengpässe

Noch dramatischer schätzt der Landesverband Häusliche Krankenpflege die Folgen für die Branche ein. "Das wird zu einem Versorgungsengpass führen. Es wird keine flächendeckende Pflege, insbesondere in der häuslichen Krankenpflege geben", sagte Vorstandsvorsitzender Florian Wend. Bereits jetzt seien 40 Prozent der im Beruf Tätigen zum Wechsel bereit. Er fordert bessere Perspektiven für den Beruf, andernfalls würden noch mehr Pflege-Beschäftigte ihren Job wechseln.

In seiner Unternehmensgruppe seien derzeit 17 Prozent der Beschäftigten ungeimpft, was 40 Mitarbeitenden entspreche. Dürften sie nicht mehr arbeiten, könne die Versorgung der Patientinnen und Patienten nicht mehr gewährleistet werden. Wenn es nach ihm ginge, würde er nach dem 16. März auch Ungeimpfte weiter beschäftigen, so Wend.

Hohe Impfquoten in Kliniken

Deutschlandweit ist die Impfquote in Krankenhäusern im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sehr hoch. Bei einer Befragung durch das RKI im Herbst 2021 haben 92 Prozent des medizinischen Personals angegeben, vollständig geimpft zu sein, vier Prozent waren demnach ungeimpft. Zahlen für Sachsen-Anhalt liegen nicht vor. In der Gesamtbevölkerung waren am Montag laut RKI 72,7 Prozent der Menschen vollständig geimpft.

Die Uniklinik Magdeburg hat nach eigenen Angaben keine Zahlen zur Impfquote der Beschäftigten. Eine Sprecherin sagte MDR SACHSEN-ANHALT, noch laufe eine Frist zur Erfassung der "Immunitätsnachweise" von Beschäftigten. Fest stehe, dass die Impfbereitschaft zum Jahreswechsel gestiegen sei. Das zeigten Zahlen für die Anmeldungen bei Erstimpfungen.

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Knapp die Hälfte für allgemeine Impfpflicht

MDRfragt, das Meinungsbarometer für Mitteldeutschland, hat rund 4.000 Menschen, die nach eigenen Angaben selbst im medizinischen bzw. pflegerischen Bereich tätig sind oder waren, danach gefragt, welche Auswirkungen die Impfpflicht auf ihren Job hat. Rund ein Viertel (24 Prozent) will sich trotz Impfpflicht in ihrem Berufszweig nicht impfen lassen: Sie gaben an, sich einen anderen Job suchen zu wollen (9 Prozent) oder auch ohne Impfung versuchen zu wollen, in ihrem Beruf zu bleiben (15 Prozent). Rund zwei Drittel (64 Prozent) sind nach eigenen Angaben auch ohne Impfpflicht bereits geimpft.

Für eine allgemeine Impfpflicht sprechen sich 48 Prozent aller MDRfragt-Mitglieder aus. Weitere 13 Prozent sind dafür, die Impfpflicht auf zusätzliche Gruppen auszuweiten, beispielsweise ältere Menschen, Risikopatienten oder weitere Gruppen. 38 Prozent sprechen sich gegen eine generelle Impfpflicht aus. Mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) glaubt allerdings, dass wir die Corona-Pandemie nicht ohne eine Impfpflicht bewältigen können.

Eine allgemeine Impfpflicht soll am kommenden Mittwoch Gegenstand einer Orientierungsdebatte im Bundestag sein. Bis Ende März soll eine Entscheidung fallen. Bislang gibt es nur einen Antrag von FDP-Abgeordneten gegen eine allgemeine Impfpflicht.

Talkrunde zur Impfpflicht

Über die Impfpflicht diskutiert am Montagabend auch die Runde bei FAKT IST! aus Magdeburg. Zu Gast sind:

  • Tino Sorge (CDU), Bundestagsabgeordneter aus Magdeburg und gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion,
  • Dr. med. Paula Piechotta (B'90/Grüne), Bundestagsabgeordnete aus Leipzig,
  • Prof. Anika Klafki, Juniorprofessorin für Öffentliches Recht an der Uni Jena,
  • Dr. Lutz Trümper (SPD), Oberbürgermeister von Magdeburg,
  • Dr. med. Wolfgang Schneider-Rathert, Allgemeinmediziner und Sprecher des Arbeitskreises Impfen bei der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) sowie
  • Prof. Christian Bogdan, Immunologe und Mikrobiologe an der Uniklinik Erlangen, Mitglied der Ständigen Impfkommission und der Leopoldina.


Die Sendung ist ab 20:30 Uhr im Livestream auf MDR.de und ab 22:10 im MDR-Fernsehen zu sehen.

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Quelle: MDR (Fabienne von der Eltz)

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | FAKT IST! | 17. Januar 2022 | 20:30 Uhr

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