Podcast "Digital leben" | Das neue Arbeiten Arbeit und der Sinn des Lebens

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Die Corona-Pandemie zeigt es: Die Arbeit verändert sich gerade, auch in kleinen Unternehmen. Was wir derzeit vor allem nur mit dem Begriff Home-Office ausdrücken können, kann die Art unseres ganzen Wirtschaftens und Lebens verändern. Auch in Sachsen-Anhalt wird darüber nachgedacht, was der erfolgversprechendste Weg für Unternehmen ist.

Digital leben

Gäste im Podcast: Harald von Bose und Andre Döring. Hosts: Marcel Roth und Stephan Schulz
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"Digital funktioniert es zwar gut, aber wir sind froh, wenn Corona vorbei ist und wir wieder richtig arbeiten können", das berichteten ihm gerade Unternehmer, sagt Michael Ney. Er ist Sozialökonom und berät beim "Zukunftszentrum Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt "Unternehmen in Sachen Digitalisierung. Sein Beratungsschwerpunkt sind dabei vor allem die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Für ihn steht außer Frage, dass die Digitalisierung für Unternehmen eine existenzielle Angelegenheit ist.

Ähnlich sieht es Sigrid Salzer. Sie ist Wirtschaftsingenieurin und leitet das "Partnernetzwerk Digitale Wirtschaft/Wissenschaft 4.0 Sachsen-Anhalt", das Unternehmen im Land miteinander in Kontakt bringen will und Unternehmen neue Technologien empfiehlt. Unternehmen sollen so ihre Wertschöpfungskette und Geschäftsprozesse digitalisieren.

Salzer, die ihr Büro in der experimentellen Fabrik in Magdeburg hat, sagt, dass Sachsen-Anhalts Firmen bei der Digitalisierung noch aufholen können. "Ein Kollege hat herausgefunden, dass etwa fünf Prozent der Unternehmen im Land als digitale Vorreiter, 65 Prozent als Mittelfeld und 30 Prozent als Nachzügler gelten können." Auf einer Skala von 1 bis 10 läge das digitale Arbeiten in Sachsen-Anhalt bei einer 5.

Sigrid Salzer
Wirtschaftsingenieurin Sigrid Salzer leitet das "Partnernetzwerk Digitale Wirtschaft 4.0 Sachsen-Anhalt" Bildrechte: Sigrid Salzer

Menschen und Ideen zusammenbringen

Um das zu ändern und um Unternehmen die Technologien zu zeigen, die für sie wirklich sinnvoll sind, bietet Salzer und das Partnernetzwerk Digitalisierungssprechstunden und Workshops an. Darin kann es um kleine einfache digitale Tools gehen, aber mitunter werden komplette Produktionsprozesse analysiert. Oft würden positive Beispiele auch anderen Unternehmen helfen, so Salzer. "In Sprechstunde und Workshops können wir Menschen vernetzen." Denn bei aller Technologie: am Ende gehe es immer um Menschen.

In vielen Workshops ist auch Michael Ney dabei. Für ihn gehört der Mensch in den Mittelpunkt der Arbeit. Er sagt: "Man bekommt die Unternehmen eher mit Technik als mit unserem Thema. Wie man Menschen mitnimmt, darüber wird oft erst gesprochen, wenn es zu spät ist". Und im Gegensatz zu klassischen Beratungsunternehmen haben Salzers Partnernetzwerk und Neys Zukunftszentrum einen entscheidenden Vorteil: Sie verkaufen nichts, sie haben vor allem Wissen und Kontakte. Ihre Projekte werden vom Land und von der EU gefördert. "Wir sind keine gewinnorientierten Unternehmen, es geht bei uns nicht um Digitalisierung um jeden Preis", sagt Ney.

Und trotzdem würde es Ney vermutlich eher heute als morgen sehen, dass zum Beispiel Sachsen-Anhalts Handwerker das Internet noch selbstverständlicher nutzen würden, um an neue Kunden zu kommen oder zum Beispiel Termine zu vergeben. "Für Klein- und Mittelständler ist das eine existenzielle Frage und nicht nur nice-to-have."

Michael Ney
Michael Ney vom "Zukunftszentrum Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt" Bildrechte: MDR/ESF Rückenwind

Selbst Fliesenleger könnten von digitalen Werkzeugen profitieren, meint Salzer. Mit einer Software lasse sich beispielsweise so planen, dass es weniger Verschnitt bei  ungewöhnlich geschnittenen Räumen gäbe. Algorithmen könnten die Fliesen auch so sortieren, dass der Fliesenleger vor Ort die richtigen Fliesen schnell griffbereit hat. "Man muss digitale Hilfsmittel heraussuchen und ausprobieren. Und sagen, wo passt es und wo passt es vielleicht auch nicht."

Regionales kann auch im Internet funktionieren

Ney ist davon überzeugt, dass Kunden regionale Handwerker, Geschäfte und Unternehmen bevorzugen. Nur weil große US-Plattformen wie Amazon das Einkaufen so einfach gemacht habe, sei der Zug für regionale Anbieter nie ganz abgefahren. "Menschen wollen einen Klempner aus der Nähe haben, keine ferne Firma mit einer Service-Hotline. Der Mensch will keine Distanz", ist Ney überzeugt.

Salzer und Ney scheint es vor allem darum zu gehen, Dinge in Bewegung zu bringen. Unternehmer und Unternehmerinnen zu unterstützen, die Neues wagen und ausprobieren. Denn Ney sagt ganz klar: "Wir sind keine Opfer der Digitalisierung – wir können und müssen sie gestalten." Das erfordere, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Mittelpunkt gehörten.

Menschlich orientierter digitaler Wandel

Salzer ergänzt: "Wer Technik entwickelt, muss sich Gedanken darüber machen, wer sie nutzen soll – Stichwort Nutzer-Akzeptanz." In der Pflege beispielsweise gebe es Personal, das den Puls am Menschen messen wolle. "Auch wenn sich die Vitalwerte über Einlegesohlen oder ähnliches messen lassen, für viele gehört es zur Beziehungsarbeit, ihre Klienten auch anzufassen", sagt Ney.

Deshalb müssten bei neuen Technologien, beim Umbau der Arbeit, bei der Gestaltung der Produktion alle daran Beteiligten berücksichtigt werden. "Vom Azubi bis zum Geschäftsführer hat jeder etwas zu sagen – so können Prozesse der digitalen Transformation gelingen", sagt Ney. Für ihn ist eine entscheidende Frage bei der Zukunft der Arbeit: Wie kann Arbeit co-kreativ gestaltet werden. "Wenn es um Optimierung der Arbeit geht, muss es nach meiner Meinung eigentlich Verbesserung der Arbeit heißen."

Sinn erfüllte Arbeit

Neys Hoffnung für eine Gesellschaft ist, dass es entlastete Arbeit gebe, mit mehr Gestaltungsspielraum und Flexibilität für den Einzelnen ohne Selbstausbeutung. Und weil Arbeit Teil des Lebens ist, müssen auch große Gedanken gedacht werden: Was ist eigentlich sinnerfüllte Arbeit? Für wen ist die Wirtschaft eigentlich da? Ney sagt: "Niemand kann acht Stunden seines Tages mit etwas verbringen, was ihm nicht passt oder zuwider ist."

Solche Fragen hätte auch der Sozialphilosophen Frithjof Bergmann, der den Begriff "New Work" geprägt hat, bereits gestellt, sagt Ney. Aber das seien Fragen, die weit größer seien als die beiden Projekte aus Sachsen-Anhalt. Gestellt werden sie aber. Auch und gerade in der Pandemie.

Arbeit und Digitalisierung nach der Krise

Die Corona-Pandemie hat viele Unternehmen, Angestellte und Arbeiter dazu gebracht, einen großen digitalen Sprung nach vorne zu machen, sagt Sigrid Salzer. Ist die Krise überstanden, würden Unternehmen genau analysieren, welche digitalen Werkzeuge und Prozesse nur Zeit raubten und welche das Unternehmen besser und effektiver machen würden. Das sieht auch Michael Ney so. Er glaubt, es wird eine Zäsur geben, eine Zeit, um Luft zu holen und sich Fragen zu stellen: Was haben wir gemacht, was brauchen wir, wo brauchen wir mehr Qualifizierung.

Mit Blick auf die Schulen sagt er zum Beispiel, dass Lehrerinnen und Lehrer häufig nicht zugeben könnten, etwas nicht zu wissen. "Weil sie in einer Rolle sind, alles beantworten zu können. Dabei gibt es unter den Eltern aber vielleicht Experten. Lehrer gehen da nicht in Dialog. Das irritiert mich manchmal total."

Also selbst wenn wir für das Arbeiten der Zukunft in Corona-Zeiten viel dazu gelernt haben – eine Selbstläufer wird die Digitalisierung auch nach Corona nicht. Wir müssten Reflexion schaffen, was gut war, was wir gelernt haben, sagt Ney. "Das wird mühsam."

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben".

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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir So 13.12.2020 10:27Uhr 90:46 min

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Quelle: MDR/mr

2 Kommentare

jackblack vor 16 Wochen

An dieser Frage sind schon Philosophen gescheitert, der Mensch ist vielfältig und ein Grundrezept gibt es sicher nicht.

jackblack vor 16 Wochen

An dieser Frage sind schon Philosophen gescheitert, der Mensch ist vielfältig und ein Grundrezept gibt es sicher nicht.

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