Einsatz in Afghanistan Polizei-Ausbilder: "Man kann nicht in ein Land gehen und sagen: Hoppla, hier bin ich. So geht Demokratie."

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Insgesamt 43 Jahre war Gerald Stöter im Polizeidienst. Zuerst arbeitete er in Niedersachsen, dann mehr als 20 Jahre in Sachsen-Anhalt. Als Ausbilder und Berater war Stöter in vielen internationalen Einsätzen unterwegs, zwei Mal auch in Afghanistan. Dort war er zeitweise zuständig für den Aufbau der Polizei. Jetzt spricht er über die Verfehlungen westlicher Staaten während des Afghanistan-Einsatzes.

In seinem Arbeitszimmer hängt noch immer die Landkarte von Afghanistan und im Regal liegt zusammengerollt eine afghanische Fahne. Gerald Stöter gehörte zu jenen deutschen Polizisten, die in dem Land, nach Jahrzehnten des Krieges, einen funktionierenden Sicherheitsapparat aufbauen sollten. Im Jahr 2013 übernahm Stöter die Führung des International Police Coordination Boards (IPCB). 

Zur Person: Das ist Gerald Stöter

Gerald Stöter war 43 Jahre im Polizeidienst. Seine Karriere begann er in Niedersachsen, später arbeitete er mehr als 20 Jahre in Sachsen-Anhalt. Als Berater und Ausbilder führten ihn internationale Einsätze in verschiedene Länder der Welt, darunter Kroatien, Moldawien, Tadschikistan oder Pakistan. Zwei Mal war Stöter in Afghanistan. Inzwischen im Ruhestand, ist Gerald Stöter immer noch aktiv. Als Dozent arbeitet er für die Organisation "Bildung trifft Entwicklung", die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung gefördert wird.

2011 zeichnete das Land Sachsen-Anhalt Stöter mit der "Afghanistan-Spange" für sein "herausragendes Engagement" beim Aufbau der afghanischen Polizei aus.

Ein älterer Mann in einem Hemd sitzt auf einem Stuhl und schaut vor sich in die Leere.
Gerald Stöter Bildrechte: MDR / Uli Wittstock

Obwohl die Bundeswehr Teil der Militärintervention war, wurden die deutschen Polizisten nach Erinnerung von Stöter freundschaftlich empfangen: "Wir trafen auf offene Arme bei der afghanischen Polizei, weil die alten Kader sich noch gut erinnern konnten, an die Zusammenarbeit mit Deutschland und zwar sowohl mit Ost wie mit West. Einige waren in Aschersleben an der damaligen Wilhelm-Pieck Offiziersschule ausgebildet worden, andere im Westen bei der Polizeiführungsakademie. Und so war das ein sehr positiver Start."

Viel Bürokratie

Hinzu kam, dass Deutschland mit dem sogenannten Petersberger Abkommen auch diplomatisch einiges an Zeit und Geld investiert hatte, um in Afghanistan einen Wiederaufbau auf den Weg zu bringen. Danach sollten die USA das Militär ertüchtigen, die Deutschen waren für die Polizei zuständig, die Briten sollten den Drogenhandel bekämpfen, Italien war für den Justizaufbau zuständig und Japan für die Entwaffnung der Bürgerkriegsparteien. Doch man ahnt, dass die Vielzahl der Aufgaben und Zuständigkeiten viel Bürokratie und wenig Ergebnisse zur Folge hatte.

Dennoch gingen die Deutschen forsch ans Werk, so Stöter: "Deutschland hat ganz viel Geld angefasst, zum Beispiel, um eine Hochschule für die Polizei zu errichten oder um eine Verkehrspolizei aufzubauen. Viele Bullis sind angeschafft worden, viele Motorräder und andere Technik." Allerdings fielen solche Entscheidungen an grünen Tischen und zumeist nicht vor Ort, denn sonst wären die Probleme schnell deutlich geworden.

Keine Blitzer in Afghanistan

"Wenn man hochwertige Digitalkameras liefert und Computer, in ein Land, in dem es zu neunzig Prozent Analphabeten gibt, dann ist das mit der Nachhaltigkeit so eine Sache", sagt Stöter. Erst später hat man dann für die Polizeianwärter auch Alphabetisierungskampagnen gestartet. Ein für die Polizeiarbeit in Deutschland wichtiges Hilfsmittel wurde allerdings nicht in Afghanistan eingeführt – das Blitzgerät. Deren Nutzlosigkeit sei frühzeitig erkannt worden, so Stöter.

Die Verkehrsregeln sind in Afghanistan eine reine Empfehlung. Wer zuerst Blickkontakt aufnimmt, hat verloren. Das heißt, wenn man zu keinem hinschaut und losfährt, dann hat man recht. Das Recht des Stärkeren gilt auch im Straßenverkehr.

Gerald Stöter Polizist im Ruhestand

USA haben "uns Deutschen auf die Schulter geklopft und ihr Ding gemacht"

Stöter, der in späteren Jahren als Chef des International Police Coordination Boards alle polizeilichen Unterstützungsmaßnahmen für Afghanistan zu verantworten hatte, sah die Probleme frühzeitig. Denn die Interessen der einzelnen Unterstützerländer waren sehr unterschiedlich. Insbesondere die USA zeigten sich als schwieriger Partner, so Stöter: "Die größten Auseinandersetzungen, die ich führen musste, waren nicht mit den Afghanen und auch nicht mit den Kollegen aus aller Herren Länder, sondern waren mit den USA. Die haben uns Deutschen auf die Schulter geklopft und dann ihr Ding gemacht."

Stöter, an der bundesdeutschen Tradition einer "Bürgerpolizei" orientiert, traf in Afghanistan auf US-Kollegen, die ein völlig anderes Polizeiverständnis hatten: "Da ging es um schnelle Ausbildung und Einsatzbereitschaft und nicht darum, eine gute Polizeiarbeit zu leisten. Sie sollten schießen können, um ihr Land zu verteidigen. Deshalb sind viele dieser Polizisten gefallen oder sie haben die Seiten gewechselt, inklusive Material, weil es dann einträglicher war, woanders seine Waffe einzusetzen."

Stöters Kritik: Die Afghanen wurden zu wenig einbezogen

Zudem habe man Afghanistan versucht zu befrieden, als handele es sich um einen europäischen Zentralstaat. Das allerdings sei nur Fassade gewesen, trotz eines gewählten Präsidenten mit Amtssitz und Leibgarde: "Die Macht liegt in den Provinzen, in den Kreisen, in den Bezirken, da, wo die Stämme herrschen. Die haben das Sagen. Also man hätte von vornherein nicht auf Ausgrenzung setzen müssen, auch gegenüber den Taliban, sondern überlegen müssen, wie kann man sie einbeziehen?" Das freilich hätte auch vorausgesetzt, das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen.

Man kann nicht in ein Land gehen und sagen: Hoppla, hier bin ich. So geht Demokratie, rechtsum mir nach. Das funktioniert überhaupt nicht. Das ist vor 30 Jahren auf deutschem Boden auch schon mal nicht so ganz gut gegangen.

Gerald Stöter Polizist im Ruhestand

Den Begriff "westliche Arroganz" verwendet Stöter zwar nicht, aber er klingt in seinen Überlegungen durchaus an, wenn er sagt: "Man kann nicht in ein Land gehen und sagen: Hoppla, hier bin ich. So geht Demokratie, rechtsum mir nach. Das funktioniert überhaupt nicht. Das ist vor 30 Jahren auf deutschem Boden auch schon mal nicht so ganz gut gegangen. Und da gab es viel weniger kulturelle oder religiöse Unterschiede." Man habe die Afghanen zu wenig an den Entscheidungen in ihrem eigenen Land beteiligt und somit auch kaum Hilfe zur Selbsthilfe gegeben. Zudem fehlte ein klares Ausstiegsszenario, so dass nun der überhastete Abzug offenbar im Chaos endet.

Die aktuellen Bilder aus Kabul scheinen nun in dramatischer Weise zu bestätigen, dass es den westlichen Staaten auch nach mehr als zwanzig Jahren Militär- und Geheimdienstpräsenz nicht gelungen ist, die Situation in Afghanistan auch nur halbwegs angemessen zu erfassen. Die politischen Folgen dieses Scheiterns sind noch völlig unklar.

Quelle: MDR/Uli Wittstock, Kevin Poweska, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 18. August 2021 | 12:00 Uhr

38 Kommentare

Altmagdeburger vor 8 Wochen

Da ich ein ehemaliger DDR-BÜRGER bin, habe ich mal gelernt, das ein Land was Feudal-Islamist ist wachsen muss bis zum Kapitalismus und da reicht nicht Demokratie in den Städten überzuziehen, wenn man die Dorfbewohner vernachlässigt mit ihren Moslemischen Glauben.

Tacitus vor 8 Wochen

@MDR-Team, das gehört sehr wohl zum Thema! Der Afghanistaneinsatz war ein Fehler, der in Mali ebenso. Der eine aus Treue zu den USA, der andere ebenso aus Treue zu Frankreich. In beiden Fällen ohne echte Stützen im Land. Die Parallelen sind offensichtlich. Warum lässt man keine Diskussion von Zusammenhängen und Argumenten zu?

Basisdemokrat vor 8 Wochen

Ja, die Terroristen der Anschläge vom 11-09 hatten eine fundierte Pilotenausbildung, z. T. kamen sie aus D. Ansonsten kann ich das Gelaber der Buchweisen nicht mehr hören und lesen, die jetzt alles schon vorher wußten. Die Taliban waren selbst überrascht davon, wie schnell sie in den Palast in Kabul einziehen konnten!! Und das hätten die westlichen Geheimdienste besser wissen können?! Also nun laßt mal die Kirche im Dorf! Und eine ganze afghanische Generation, die westliche Freiheitswerte kennenlernen konnte (und daran gewöhnt ist), ist auch nicht umsonst. Schon gibt es Demos gegen die neue Herrschaft. Die Geschichte ist noch nicht zuende.

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