Nach Flutkatastrophe im Westen Deutschlands Sachsen-Anhalt will Hochwasserschutz auf den Prüfstand stellen

Angesichts der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands will Sachsen-Anhalt sein Konzept zum Hochwasserschutz teilweise überprüfen. Sachsen-Anhalt will aber auch in den Katastrophenregionen vor Ort unterstützen. Zahlreiche Hilfsangebote sind angelaufen, Helfer unterwegs nach Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

Straßensperre mit Schild Hochwasser
Sachsen-Anhalt will seinen Schutz vor Hochwasser nach der Flutkatastrophe im Westen des Landes teilweise überdenken. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Oliver Vogler

Sachsen-Anhalt will sein Konzept zum Hochwasserschutz teilweise überprüfen. Das hat Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) nach Beratungen der Landesregierung angekündigt. Haseloff sagte mit Blick auf die Flutkatastrophe in Westdeutschland, man müsse sehen, inwieweit die aktuellen Pläne zum Hochwasserschutz in Sachsen-Anhalt immer noch Grundlage für Bebauungen sein können. Die Pläne müssten gegebenenfalls nachgeschärft werden.

Vor allem in bergigen Regionen wie im Harz oder Harzvorland müsse geprüft werden, welche Maßnahmen gegen Hochwasser auf dem Weg sind und wo Genehmigungsverfahren beschleunigt werden müssen. Es gelte, Prioritäten zu setzen.

Wiederbelebung des Sirenennetzes

Haseloff brachte auch eine Wiederbelebung des Sirenennetzes in Sachsen-Anhalt ins Spiel. Eine vollkommen digitalisierte Welt sei keine funktionierende Welt. Alle Digitalisierung nütze nichts, wenn die Funkmasten keinen Strom hätten. Die Ausstattung mit Sirenen sei in Sachsen-Anhalt mit knapp 2.000 zwar sehr gut – aber:

Michael Richter (CDU), Finanzminister von Sachsen-Anhalt, kommt zu den Haushaltsverhandlungen der Landesregierung vor der Staatskanzlei an.
Michael Richter Bildrechte: dpa

Wir haben in Halle gar keine Sirenen, in Magdeburg nur in den Außengebieten und auch in Dessau haben wir nur sehr wenige Sirenen.

Michael Richter (CDU) Innenminister

Innenminister Michael Richter (CDU) kündigte an, dass etwa 750 Sirenen im Land wieder neu aufgestellt und weitere 500 Sirenen umgerüstet werden sollen. Ziel müsse sein, das Land flächendeckend mit akustischen Warnanlagen auszustatten, die unabhängig etwa von Apps funktionierten.

Landeshilfen für Katastrophenschutz

Hinsichtlich der Unterstützung vor Ort in den Katastrophenregionen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen kündigte Ministerpräsident Haseloff an, dass Sachsen-Anhalt weiter helfen werde. Aktuell könnte aber nur schwer geplant werden, wie lang und welche Hilfsmaßnahmen durch das Land noch ausgelöst werden.

Reiner Haseloff
Bildrechte: imago images/photothek

Ich danke allen für ihre Bereitschaft, hier mitzuwirken, um diese enormen Schäden zu bewältigen.

Reiner Haseloff (CDU) MInisterpräsident Sachsen-Anhalt

Die Bereitschaftspolizei Sachsen-Anhalt ist bereits in den Katastrophengebieten in Rheinland-Pfalz im Einsatz. Wie das Innenministerium in Magdeburg mitteilte, hat Rheinland-Pfalz die Kräfte angefordert. Demnach helfen insgesamt 62 Beamte der Bereitschaftspolizei und drei Diensthundeführer in den überfluteten Orten.

Nach Angaben des Innenministeriums sollen die Beamten die Suche nach Vermissten unterstützen, Zufahrten kontrollieren und die Rettungswege freihalten. Zudem sorgten sie für Präsenz der Polizei, um Diebstähle vor Ort zu verhindern. Außerdem wurde ein Toiletten-Kraftwagen der Technischen Einsatzeinheit zur Verfügung gestellt.

Weitere Einsatzkräfte aus Sachsen-Anhalt stehen bereit

Am Dienstagnachmittag startet zudem ein Zug des Technischen Hilfswerks aus Magdeburg in Richtung Rheinland-Pfalz. Uwe Kretzschmar vom Magdeburger THW-Ortsverband sagte MDR SACHSEN-ANHALT, auf dem Nürburgring würden die Helfer eine mobile Einsatzzentrale errichten. Ziel sei, die Vielzahl an Einsätzen der Helfer vor Ort zu koordinieren.

Zwölf ehrenamtliche Helferinnen und Helfer des THW würden entsandt. Am Mittwoch ab zehn Uhr müssten sie einsatzbereit sein. Kretzschmar rechnet damit, dass der erste Einsatz rund sieben Tage dauert. Anschließend seien aber mit Sicherheit weitere Einsätze nötig.

Bereits am Montagmorgen waren mehr als 20 Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehr Blankenburg und Hüttenrode ins Flutgebiet an den Nürburgring aufgebrochen. Wie die Feuerwehr auf ihrer Facebookseite mitteilte, bringen sie zum Beispiel Geräte zur Stromerzeugung und Pumpen zur Wasserförderung. In Teilen von Rheinland-Pfalz funktioniert derzeit die Trinkwasserversorgung nicht oder nur eingeschränkt. Auch Strommasten wurden zerstört.

Mehrere Mitglieder des Sanitätsvereins aus Köthen hatten zudem angekündigt, am Dienstag Spenden in den besonders schlimm betroffenen Landkreis Ahrweiler zu bringen, darunter Hochdruckreiniger, Verpflegung und auch Tiernahrung. Der Vereinsvorsitzende, Raymund Schulz, setzt zudem auf langfristige Hilfe. Er sagte MDR SACHSEN-ANHALT, perspektivisch wolle man Familien und Vereine aus dem Überflutungsgebiet und der Region Köthen zusammenbringen.

Ebenfalls nach Ahrweiler sollen zeitnah 100 Feuerwehrleute aus dem Landkreis Wittenberg aufbrechen, um dort unter anderem Straßen und Wege zu beräumen. Laut Landkreissprecher Ronald Gauert soll der Konvoi 25 Fahrzeuge umfassen.

Weitere Hilfe in Einsatzbereitschaft

Auch der Katastrophenschutz vom Deutschen Roten Kreuz in Naumburg und den Maltesern in Weißenfels befinden sich in Einsatzbereitschaft. Beide Verbände gehören zur Medical Taskforce, eine vom Bund gegründete Einheit für Katastrophenlagen wie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT werden beide Einheiten vorerst noch nicht benötigt, wären aber bereit, mit ihren Fahrzeugen in die betroffenen Regionen zu fahren.

Haseloff zufolge wird die Bundesregierung bereits am Mittwoch erste Finanzhilfen für die Katastrophenregionen beschließen. Unabhängig davon seien aber noch weitere finanzielle Hilfen nötig, um den Wiederaufbau in den betroffenen Regionen zu ermöglichen.

Spendenkonten eingerichtet

Inzwischen hat auch die Stadt Halberstadt ein Spendenkonto für das stark betroffene Erftstadt in Nordrhein-Westfalen eingerichtet. Der Bürgermeister, alle Fraktionen des Stadtrates und die Stadtverwaltung von Halberstadt haben Einwohner und Unternehmen aufgerufen, sich an der Spendenaktion zu beteiligen.

Kontodaten des Spendenkontos für die Flutopfer
Bildrechte: ARD/Aktion Deutschland Hilft

Aktion "Deutschland Hilft" "Aktion Deutschland Hilft" ist ein Zusammenschluss von 23 deutschen Hilfsorganisationen, darunter action medeor, ADRA, Arbeiter-Samariter-Bund, AWO International, CARE Deutschland, Habitat for Humanity, HELP - Hilfe zur Selbsthilfe, Johanniter-Unfall-Hilfe, Malteser Hilfsdienst, World Vision Deutschland, Der Paritätische (darüber aktiv: arche Nova, Bundesverband Rettungshunde, Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners, Hammer Forum, Handicap International, Help Age Deutschland, Kinderverband Global-Care, LandsAid, SODI und Terra Tech).

Quelle: MDR/Matthias Lindner, Thomas Tasler

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 20. Juli 2021 | 16:00 Uhr

2 Kommentare

Nordharzer vor 9 Wochen

Nach aktuellen Berichten war Deutschland gut informiert über die bestehende Wettersituation, allerdings scheinen die Warnungen vor Ort nicht ausreichend funktioniert zu haben. Auch frage ich mich, wie eine Warnung im Harz und im weiteren Verlauf von Selke und Bode funktionieren würde? Der nationale Warntag im September 2020 ist ja gründlich in die Hose gegangen. Wie sieht es im Land heute mit der Neuausstattung mit Sirenen aus?  In der EU gibt es die Forderung, ab 21.06.2022 ein öffentliches Warnsystem einzurichten. Vorbild ist das Cell Broadcast-System, dass in vielen Ländern der Welt hervorragend funktioniert, in Deutschland setzt man auf die Apps Nina und Katwarn, die aber nur einen Bruchteil der Bevölkerung erreichen. Nach Aussage des BBK-Chefs Schuster wäre die Technik sehr teuer, bereits für den Start wären 30-40 Mio. Euro erforderlich. Was ist das gegen hunderte Tote und Milliardenschäden? Aber das BBK macht erstmal eine Machbarkeitsstudie.

MDR-Team vor 9 Wochen

Vielleicht hilft Ihnen das weiter: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/hunderte-sirenen-muessen-umgeruestet-werden-100.html

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