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In Klötze ausgegrabenSachsen-Anhalt gibt Raubgut an Guatemala und Mexiko zurück

von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 05. November 2021, 18:04 Uhr

Sachsen-Anhalt hat am Freitag 13 antike Gegenstände aus Mittelamerika an Guatemala und Mexiko zurückgegeben. Die Artefakte waren in einem Keller in Klötze ausgegraben worden, nachdem der ehemalige Besitzer die Polizei darauf aufmerksam gemacht hatte. Die Rückgabe ist vor allem ein politisches Zeichen.

Mexikos Botschafter Francisco Quiroga, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff, die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering, und der Botschafter Guatemalas in Deutschland, Jorge Lemcke. Bildrechte: dpa

In Berlin hat Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Freitag 13 Gegenstände an die Botschafter von Guatemala und Mexiko übergeben. Bei den antiken Gegenständen handelt es sich um elf Artefakte der Maya-Kultur und zwei aus der antiken Stadt Teotihuacan, die auf dem heutigen Gebiet von Mexiko lag und zu Hochzeiten 200.000 Einwohner hatte.

Bei den Gegenständen handelt es sich um kleine Tonfiguren, eine Schale, Vase und Tonscherben. Eine der Figurem kniet, eine andere sitzt im Schneidersitz und hält eine große Schale auf dem Kopf. Beide sind kaum größer als eine Zigarettenschachtel und an beiden sind rote Farbreste zu erkennen.

Diese 13 Stücke hat Sachsen-Anhalts Landesregierung in Berlin an Guatemala und Mexiko zurückgegeben. Bildrechte: MDR/Marcel Roth

Ministerprädient Haseloff erinnerte bei der Übergabe auch an die Fundgeschichte der Himmelsscheibe von Nebra. Auch sie war von Grabräubern entwendet und zum Kauf angeboten worden. Haseloff: "Wir haben am eigenen Leib erfahren, was es heißt, wenn man um Kulturgüter gebracht wird."

Deswegen war es für mich – neben der rechtlichen – vor allem eine moralische Verpflichtung, dass wir den Völkern von Mexiko und Guatemala ihre Kunstwerke zurückgeben.

Ministerpräsident Reiner Haseloff

Kleine Übergabe-Zeremonie mit großen Worten

Die elf Maya-Gegenstände gehen nun nach Guatemala, die beiden anderen nach Mexiko. Dort werden sie mit anderen Fundstücken verglichen. Möglicherweise lässt sich dann eine noch genauere Herkunft feststellen, sagte der guatemaltekische Botschafter Jorge Alfredo Lemcke Arevalo.

Mexikos Botschafter Francisco Quiroga sagte, die religiösen Artefakte seien durch Grabschändung erlangt worden, während die Nachkommen der Bestatteten Gewalt, Krankheit und Sklaverei erfahren mussten. Während der Kolonialzeit sei die Zahl der indigenen Bevölkerung um 85 Prozent gesunken. Für die Rückgabe sei das Land dankbar. Er sagte: "Das ist eine Art der Anerkennung, dass die Stücke moralisch der ursprünglichen Bevölkerung gehören – egal, ob sie hier legal erworben werden konnten oder nicht."

Es ist ein wichtiges Signal, eine wichtige Geste des Respekts. Und so starke Aussagen dazu wie hier heute habe ich noch nicht gehört.

Francisco Quiroga, Mexikos Botschafter in Deutschland

Herkunft der Artefakte unklar

Entdeckt wurden die Stücke im vergangenen Jahr in einem Bauernhaus in Klötze, nachdem sich der ehemalige Hausbesitzer aus Frankreich bei der Polizei gemeldet hatte. Experten schätzen die Artefakte aus Mittelamerika auf bis zu 1.700 Jahre alt.

Wo sie genau gefunden wurden und wie sie nach Europa kamen, ist unklar. Der ehemalige Besitzer hatte angegeben, sie 2003 auf einem Flohmarkt in Leipzig für 100 Euro gekauft zu haben. Ein solcher Handel wäre heute strafbar. Damals war das entsprechende Gesetz aber noch nicht in Kraft.

Vor allem die Figuren sind beeindruckend. Einen besonderen wissenschaftlichen Wert haben sie vermutlich aber nicht. Bildrechte: MDR/Marcel Roth

Wissenschaftler begrüßen die Rückgabe

Wissenschaftler betonen, wie wichtig die Rückgabe sei. Iken Paap vom Ibero-Amerikanischen Institut an der FU Berlin, die derzeit selbst in Mexiko gräbt, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Die Stücke sind in musealer und archäologischer Hinsicht nicht sehr bedeutend."

Aber der Vorgang würde auch in Mexiko, wo sie derzeit auf einer Ausgrabung ist, aufmerksam von der Presse verfolgt. Paap sagt: "Die Rückgabe spricht eigentlich weniger für diese Stücke als für die Wichtigkeit und die Brisanz solcher Rückführungen." Denn in den vergangenen einhundert Jahren hätten Privatsammler viele Kulturgüter aus Mexiko und Guatemala geholt, die heute teilweise in Museen liegen.

Maya-Experte: Rückgabe der Objekte bislang noch die Ausnahme

"Es ist richtig, die Artefakte zurückzugeben, sie haben in Deutschland keine Funktion", sagt auch Nikolai Grube, ausgewiesener Maya-Experte der Uni Bonn und derjenige, der die Echtheit der Stücke bestätigt hatte. Er sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Die Rückgabe dieser Objekte ist bislang noch eher die Ausnahme." Allerdings könne man in den vergangenen Jahren ein verstärktes öffentliches Interesse an solchen Rückgaben sehen, das hänge mit der großen Kolonialismusdebatte zusammen.

Für die Forschung seien die Stücke aber kaum von großer Bedeutung, so Grube. "Es sind eher Fragmente und daher sind sie für die Forschung von marginaler Bedeutung." Die Ausnahme davon könnten zwei Keramikgefäße der klassischen Maya-Kultur sein.

Der Wert dieser Objekte wird aber auf jeden Fall dadurch geschmälert, dass sie eben nicht aus einem archäologischen Kontext kommen.

Maya-Experte Nikolai Grube

Es gibt deshalb keine Informationen über Fundumstände oder über die Funktion der Stücke als Grabbeigaben.

Grube sagt, die Rückgabe sei eine Innovation, ein Experiment und einmalig für eine Landesregierung. Es sei ein positives Beispiel, dass die Politik die Bedeutung der Rückgabe von Artefakten in die Herkunftsländer erkannt hat

Dass die Funde zwischen Mexiko und Guatemala aufgeteilt würden, liege daran, dass sie sicher bestimmten Kulturen zugeschrieben werden könnten. Bei größeren Sammlungen oder Funden könne das in Zukunft aber problematisch werden. Denn die historischen Gebiete stimmen nicht mit den heutigen Ländergrenzen überein.

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MDR/Marcel Roth

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL | 01. November 2021 | 06:05 Uhr

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