Zuhause lernen in der Corona-Pandemie Verband wehrt sich gegen Fehltage auf Zeugnissen

Wenn Schüler in Sachsen-Anhalt wegen der Corona-Pandemie Zuhause gelernt haben, wird das auf den Zeugnissen in einigen Fällen als Fehltage vermerkt. Der Grundschulverband findet das ungerecht und demotivierend – und fordert eine Änderung dieser Praxis. Das Bildungsministerium sieht hingegen einen hinreichenden Ermessensspielraum bei den Lehrern.

Zwischen dem Grundschulverband von Sachsen-Anhalt und dem Bildungsministerium des Landes gibt es Streit. Der Verband kritisiert in einem Offenen Brief an Ministerin Eva Feußner (CDU), dass einige Schüler, die während der Corona-Pandemie freiwillig Zuhause gelernt haben, diese Zeit als "Fehltage" auf ihren Halbjahreszeugnissen vermerkt bekommen haben. Dies betrifft laut Verband vor allem die Zeit vor den Weihnachtsferien. Die Alternative, "freiwillig die Präsenzpflicht auszusetzen, um sich und andere Familienmitglieder zu schützen", habe im gesamten Schuljahr bestanden.

Ministerium: Keine Fehltage mit schriftlichem Antrag

Auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT relativiert das Bildungsministerium diese Sicht der Dinge: "Die Möglichkeit, sich mit einer schriftlichen Erklärung jederzeit von der Präsenz abzumelden, wurde nur in Einzelfällen (Zugehörigkeit zu Risikogruppen) und immer in enger Abstimmung mit zuständigen Ärzten und Schulleitungen genehmigt." Ansonsten sei dies nur in der Zeit vor den Weihnachtsferien vom 29. November bis 17. Dezember 2021 für alle Schüler möglich gewesen. "Liegt ein schriftlicher Antrag für den genannten Zeitraum vor, wird dies nicht als unentschuldigter Fehltag gezählt", so das Ministerium.

Grundschulverband widerspricht Ministerium

Dem widerspricht Thekla Mayerhofer, die Vorsitzende des Grundschulverbandes: "Das stimmt so einfach nicht." Es seien ihr sowohl aus ihrer eigenen Einrichtung als auch anderen Schulen genügend Fälle bekannt, in denen Homeschooling in dem genannten Zeitraum trotz schriftlichem Antrag als Fehlzeiten auf dem Zeugnis vermerkt worden sei. Genaue Zahlen könne sie nicht nennen, die Praxis sei aber nicht die Ausnahme.

Präsenzunterricht und Homeschooling in Sachsen-Anhalt

Die Präsenzpflicht in den Schulen des Landes war vor den Weihnachtsferien 2021 gut drei Wochen lang vollständig ausgesetzt. Laut Bildungsministerium mussten Eltern die Befreiung von der Präsenzpflicht schriftlich beantragen. Schon damals kritisierte der Grundschulverband, diese Phase sei zu kurz, andere Bundesländer hätten im aktuellen Schuljahr großzügigere Regeln getroffen. Mit ärztlichen Attesten oder einer schriftlichen Erklärung der Erziehungsberechtigten konnten Schüler aber jederzeit freiwillig ins Homeschooling wechseln – wenn auch unter bestimmten Voraussetzungen.

Grundschulverband will Korrektur der Zeugnisse

Mayerhofer ist im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT entsprechend wütend: "Das ist ungerecht, demotivierend – einfach falsch." Die Leistungen der Schüler, die trotz Homeschooling "unglaubliche Leistungen erbracht haben", würden so "herabgewürdigt". Mayerhofer sagt ganz klar: "Das muss auf den Zeugnissen korrigiert werden."

Verband: Viele Gründe für Abkehr von Präsenz

Zum ersten habe es für Schüler und Eltern vielfältige Gründe gegeben, dem Präsenzunterricht freiwillig fernzubleiben. Mayerhofer nennt ein Beispiel: "Ein Junge blieb Zuhause, weil seine Mutter eine Herztransplantation hatte und seine Familie daraufhin beschloss, in der Pandemie kein Risiko für die Frau eingehen zu wollen." Sie halte diese Entscheidung für völlig richtig, das dürfe nicht sanktioniert werden.

Verband: Lernen an einem anderen Ort ist auch Unterricht

Zum zweiten, so Mayerhofer, seien die Kinder dem Unterricht nicht ferngeblieben – sie hätten nur an einem anderen Ort gelernt. In dem Offenen Brief des Verbandes heißt es: "Die Unterrichtsinhalte wurden, teils auch hybrid unterstützt, quasi simultan und in vollem Umfang durch die nicht in Präsenz in der Schule verweilenden Kinder absolviert." Die Kinder seien der Schulpflicht "vollumfänglich nachgekommen – nur eben, den pandemischen Umständen geschuldet, nicht in Präsenz".

Mayerhofer sagt dazu im Interview: "Eltern und Schüler haben alles getan, damit der Unterricht nicht – wie beispielsweise bei einer Krankheit – einfach ausfällt."

Ganze Familien haben ihr Leben teilweise komplett umgestellt, um zusammen mit den Lehrern erfolgreiches Lernen möglich zu machen.

Thekla Mayerhofer Vorsitzende Grundschulverband Sachsen-Anhalt

Verband: Keine Informationen an Eltern, Schüler und Lehrer

Und zum dritten seien weder Lehrer noch Schüler und Eltern darüber informiert worden, dass freiwilliges Homeschooling quasi automatisch zu den genannten Fehltagen auf den Zeugnissen führen. Dass an einigen Schulen das Homeschooling "in Eigenregie" doch nicht als Fehlzeit angerechnet wurde, nennt sie "absolut nachvollziehbar und gerechtfertigt". Dennoch: Ohne eine klare Ansage aus dem Ministerium bleibe es "bei einem unangenehmen Gemauschel".

"Erbrachte Leistungen werden letztlich aberkannt"

Diese drei Punkte zusammen bringen Mayerhofer zu dem Schluss, dass "hier eine himmelschreiende Ungerechtigkeit passiert und erbrachte Leistungen letztlich aberkannt werden". Die Grundschullehrerin aus Halle fordert zusammen mit ihrem Verband eine rückwirkende Klärung für das aktuelle Schuljahr – und ist verwundert: "Dass genau diese Situation eintritt, hätte man doch vorher wissen können." Warum sich das Bildungsministerium nicht flexibler zeigt und die Kritik angeblich bisher an sich abperlen lässt, kann sie nicht verstehen.

Vater und Sohn berichten von ihren Erfahrungen

Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT erzählen ein betroffener Schüler und sein Vater, wie sie die Umstände einschätzen. Alex Meier (Name geändert, die Red.) sagt über die Motivation, seinen Sohn aus dem Präsenzunterricht zu nehmen: "Es war sinnvoll und notwendig. Meine Frau und mindestens unsere Tochter gehören zu einer Risikogruppe. Das Infektionsgeschehen an der Schule war sehr hoch. Wir wollten uns schützen – und damit auch andere."

Dass jetzt Fehltage auf dem Zeugnis stehen, sei ungerecht: "Man erkennt nicht an, was er da vollbracht hat. Zwischen Homeoffice, zwei kleinen spielenden und tobenden Geschwistern wirklich zu rackern und dann 'formal' so eine Klatsche zu bekommen, ist nicht zu rechtfertigen – obwohl sich die Klassenlehrerin ganz oft entschuldigt hat, dass da jetzt 17, glaube ich, Fehltage stehen und sie es so machen musste." Auch Meier sagt, es habe zu dem Thema keinerlei Informationen gegeben.

Sein Sohn Paul (Name geändert, die Red.) ist einfach traurig: "Ich fühle mich da komisch, weil das ja eigentlich fies ist und ich ja auch Frau S. (Klassenlehrerin, die Red.) immer alles hingebracht und auch das Gedicht gesagt habe."

Ministerium hält konkrete Vorgaben für unangemessen

Das Bildungsministerium schreibt dazu, es gebe für Lehrkräfte einen "hinreichenden pädagogischen Ermessensspielraum, die Leistungsbewertung, die Leistungsentwicklung und auch die Form der Anerkennung sowohl für die Zeit des Präsenzunterrichts als auch des Distanzunterrichts zum Ausdruck zu bringen". Deswegen sei es generell "unangemessen", konkrete Vorgaben zu machen, wie die Zeugnisse an diesem Punkt auszufüllen seien.

Eine rückwirkende Änderung der Zeugnisse sei somit nicht vorgesehen. Außerdem dürfte dies "an praktikable Grenzen mit einem unverhältnismäßigen Aufwand für alle Beteiligten stoßen, insbesondere an den Schulen".

Immerhin sollen für die Abkehr von der Präsenzpflicht vor den Weihnachtsferien, wenn ein schriftlicher Antrag der Eltern vorliege, jetzt doch keine Fehltage eingetragen werden: "Die Schulleitungen werden in Kürze darüber informiert, dass dieser Umstand auch auf den Endjahreszeugnissen vermerkt werden soll."

Will Ministerium einen Präzedenzfall vermeiden?

Mayerhofer und der Grundschulverband geben aber nicht auf, dass auch die anderen Fälle berücksichtigt werden. In aktuellen Schuljahr hoffe man "auf eine bedachte Regelung und den entsprechenden Weitblick, dessen es schon vorher bedurft hätte".

Sich seitens des Ministeriums jetzt mit bürokratischem Aufwand für die Schule rauszureden, ist etwas zu billig, zumal man proaktiv hätte agieren müssen.

Thekla Mayerhofer Vorsitzende Grundschulverband Sachsen-Anhalt

Zum Schluss äußert Mayerhofer noch den Verdacht, das Ministerium wolle "vielleicht einen Präzedenzfall vermeiden". Wenn das Homeschooling als effektive und adäquate Form des Lernens anerkannt werde, könne das viele derzeitige Unterrichtskonzepte infrage stellen. Mayerhofers Frage: "Haben die Verantwortlichen eventuell davor Angst?"

MDR (Gero Hirschelmann)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 08. April 2022 | 21:00 Uhr

4 Kommentare

dieja vor 42 Wochen

Haben wir keine anderen Sorgen beim Grundschullehrerverband. Unterstufenzeugnisse interessieren doch später keinen mehr. Der Verband sollte sich lieber um den Lehrermangel kümmern

maheba vor 42 Wochen

Was soll daran diskriminierend sein, wenn die Tage an der keine Präsenz in der Schule stattfand, auf den Zeugnissen dokumentiert wird.
Klar kann man auch zuhause lernen, das ist ja auch nicht in Frage gestellt. Wenn andere im Homeoffice waren, wurde das ja auch dokumentiert.
Eine Dokumentation des " Zuhauslernens" findet jedoch nicht statt. Bitte mal nachdenken.

ElBuffo vor 42 Wochen

Naja, das wird letztlich am Ende der Schullaufbahn niemanden interessieren, was da in der Grundschule mal in der Pandemie an Fehltagen auf dem Zeugnis stand.

Mehr aus Sachsen-Anhalt