Wegen Unterbrechung durch Corona-Pandemie Stau in der Ausbildung: Hohe Nachfrage nach Schwimmkursen

Nach der monatelangen coronabedingten Unterbrechung stehen Schwimmkurse derzeit in Sachsen-Anhalt hoch im Kurs. Grund ist ein erheblicher Nachholbedarf in der Ausbildung. In den Sommerferien sind zusätzliche Projekte geplant.

Kind im Freibad
Viele Schwimmkurs sind in der Corona-Pause ausgefallen oder unterbrochen worden. Bildrechte: Colourbox.de

Nach der monatelangen coronabedingten Unterbrechung ist die Nachfrage nach Schwimmunterricht in Sachsen-Anhalt groß. Die Pandemie habe zu einem erheblichen Stau in der Ausbildung geführt, teilte Holger Friedrich vom Landesverband der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in Halle mit.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT spricht Friedrich gar von einer "katastrophalen" Lage. Durch die Unterbrechung der Kruse dürften viele Kinder das einst Gelernte längst wieder vergessen haben. Die DLRG geht davon aus, dass zwei Schuljahrgänge komplett ohne Schwimmunterricht aufgewachsen sind. Das aufzuholen, sei eine große Anstrengung, so Holger Friedrich.

Spitzenwert vor Corona Vor Corona konnten in Sachsen-Anhalt etwa 90 Prozent der Neun bis Elfjährigen schwimmen. Das war ein Spitzenwert, denn bundesweit traf das nur auf rund 50 bis 60 Prozent der ebenso alten Kinder zu.

Zusätzliche Schwimmprojekte geplant

Momentan führe die DLRG zuvor gestoppte Kurse weiter, habe neue begonnen und biete teilweise weitere Kurse in Freibädern oder an Wochenenden an. "Bis zu den Schulferien haben wir dafür mit einigen Schulen Kooperationen geschlossen, um ausgefallenen Unterricht nachzuholen", so Friedrich. In den Sommerferien seien zusätzliche Schwimmprojekte geplant, beispielsweise in Halle.

Dort haben sich Schwimmvereine gemeinsam mit den Bädern Halle für außerplanmäßige Kurse zusammengetan, wie die Stadtwerke Halle mitteilten. Unter anderem seien Sommertrainingslager in den Hallenbädern geplant. Zudem sollen noch vor den Ferien Sonderprojekte mit Schulklassen in den Freibädern Nordbad und Saline stattfinden, hieß es.

Das ist die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG)

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e. V. (DLRG) ist eine gemeinnützige und selbstständige Organisation. Sie arbeitet ausschließlich ehrenamtlich mit freiwilligen Helfern. Mit mehr als 560.000 Mitgliedern in rund 2.000 örtlichen Vereinen gilt sie als die größte freiwillige Wasserrettungsorganisation der Welt. Der Landesverband von Sachsen-Anhalt hat seinen Sitz in Halle.

Da die Nachfrage hoch ist, werden mehr Zeitfenster als in den vergangenen Jahren für Schwimmkurse genutzt. Der Nachholbedarf sei groß – nicht nur wegen der Schließung von November 2020 bis Mai 2021, sondern auch wegen der ersten pandemiebedingten Pause im Frühjahr 2020.

Warten auf Kurse für das Abzeichen "Seepferdchen"

Auch die Landeshauptstadt Magdeburg plant mehr Kurse. Wegen der Eindämmungsverordnungen seien sowohl 2020 als auch 2021 weniger Kurse als üblich angeboten worden, teilte eine Sprecherin der Stadt mit. Etwa 500 Kinder warten auf die Kurse für das Abzeichen "Seepferdchen" in der Schwimmhalle Olvenstedt. Die Warteliste sei wegen der pandemischen Einschränkungen stark gewachsen, hieß es.

Der Schulschwimmunterricht wird den Angaben nach im normalen Pensum weitergeführt, weil die Ressourcen für eine Erhöhung nicht reichen. Allerdings sei infolge des Unterrichtsausfalls der Bedarf gestiegen. Er soll im kommenden Schuljahr mit Projekten abgefangen werden, so die Stadt.

Anrufe zu zusätzlichen Kursen häufen sich

Dafür können die Schulen Kooperationen mit Vereinen eingehen. "Die Landeshauptstadt plant, hierfür zusätzliche Zeiten in den Schwimmhallen zur Verfügung zu stellen", erklärte die Sprecherin.

Bei den Bädern in Dessau-Roßlau häufen sich die Anrufe zu zusätzlichen Schwimmkursen. "Leider müssen die Anrufer vertröstet werden, da noch Kurse, die zu Beginn der Pandemie abgebrochen werden mussten, offen sind", teilte ein Sprecher der Stadt mit. Insgesamt soll das Angebot aber erhöht werden. Unter anderem seien im Gesundheitsbad Dessau an mehreren Tagen Kurse geplant.

Auch seitens der Schulen gebe es mehr Bedarf, so der Sprecher. Auf Initiative des Landesschulamtes werde versucht, im Schwimmunterricht und über Arbeitsgemeinschaften Angebote zu organisieren. So sollen die Versäumnisse ausgeglichen werden.

Ministerium stellt zusätzliches Geld für Unterricht zur Verfügung

Das Bildungsministerium in Sachsen-Anhalt hat auf den ausgefallenen Schwimmunterricht bereits im Frühsommer reagiert und stellt für die kommenden Jahre 480.000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Mit dem Geld sollen Schulen Schwimm-AGs anbieten können.

Niedrigste Zahl an Badetoten seit zwei Jahrzehnten

Dass die Pandemie einen großen Einfluss auf Badeunfälle haben wird, glaubt Holger Friedrich vom DLRG trotz des ausgefallenen Unterrichts nicht. "Denn entscheidend ist immer noch das Verhalten der Menschen und vor allem bei Nichtschwimmerkindern das Verhalten der Eltern", so der Geschäftsführer. "Wenn die Regeln beim Baden eingehalten werden und die Menschen vor allem in die bewachten Bäder gehen, dann werden die Gefahren für Badeunfälle minimiert."

2020 waren in Sachsen-Anhalt vier Menschen ertrunken. Das war den Angaben zufolge die niedrigste Zahl seit mindestens zwei Jahrzehnten. Im Jahr 2019 waren noch 13 Badetote im Land registriert worden.

dpa/MDR, Gero Hirschelmann, Stefan Bringezu, Luca Deutschländer, Fabian Frenzel

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 26. Juni 2021 | 10:00 Uhr

5 Kommentare

Anja83 vor 23 Wochen

Ich bin ja durchaus bei Ihnen: Kein Schwimmunterricht ist schlechter als als Elternunterricht und Seepferdchen ist keine richtiges Schwimmen, jedoch finde ich es falsch Eltern die Ihre Kinder in einem Schwimmkurs anmelden, zu verurteilen, dass sie sich nicht um die Kinder kümmern. Ich weiß ja nicht ob und wie sie zu Zeiten, wo Familien mit Kindern sich in Frei- oder Hallenbädern aufhalten, befinden. Ich bin zu diesen Zeiten häufig in der Schwimmhalle und sehe, dass es viele Familien gibt, die auch da sind und sich kümmern. Und trotzdem werden einige dieser Eltern auch ihre Kinder in einen Schwimmkurs anmelden. Ich kann da nichts schlimmes bei finden…

Anni22 vor 23 Wochen

@ Anja Das war kein Vorwurf, sondern ein erstgemeinter Rat. Denn die Badeunfälle häufen sich und manche Eltern sind einfach viel zu sorglos. Und auf jeden Fall sind die Eltern bessere Schwimmlehrer, als gar kein Schwimmunterricht. Übrigens ist ein Seepferdchen zwar schön, aber noch lange kein sicheres Schwimmen.

Anja83 vor 23 Wochen

Unsere Kinder hatte das Glück im Herbst 2020 einen Seepferdchenkurs machen zu können. Ein Kind hat es auf Anhieb geschafft, eines nicht. Also sind wir jedes Wochenende zweimal ins Schwimmbad um auch das zweite Kind das Schwimmen beizubringen. Ich bin Gymnasiallehrerin, aber ich kann Ihnen sagen, dass die eigenen Eltern die schlechtesten Lehrer sind… Trotzdem haben wir es geschafft, dass auch das zweite Kind sein Seepferdchen vor der zweiten Schwimmbadschließung absolviert hat. Jetzt sind wir nach 8 Monaten wieder mit den Kindern schwimmen gewesen. Wir fangen zwar nicht ganz von null an, aber es wird trotzdem dauern, bis sie das wieder abrufen können. Im übrigen waren viele Familien am WE im Schwimmbad, denen es ähnlich ging, bzw. welche den Kindern das Schwimmen selber beibringen. Viele Eltern sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Ich finde es aber auch nicht schlimm sich Hilfe zu holen. Das kann man den Eltern nicht zum Vorwurf machen. Schlimmer sind die, die sich gar nicht kümmern.

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