Menschen in Lebensgefahr So hilft Sachsen-Anhalt bei der Luftbrücke nach Afghanistan

Mit privaten Flugzeugen wurden Zivilisten aus Afghanistan ausgeflogen, die sich in Lebensgefahr befanden. Unterstützt wurde die Luftbrücke vom Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt. Menschen engagieren sich für die Flüchtlinge. Im Interview schildert Sprecherin Helen Deffner die Hintergründe der Hilfsaktion.

Ein Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe startet am Morgen auf dem Fliegerhorst Wunstorf in der Region Hannover. Angesichts des rasanten Vormarschs der Taliban in Afghanistan will die Bundeswehr am Montag (16.08.2021) mit der Evakuierung deutscher Staatsbürger und afghanischer Ortskräfte aus Kabul beginnen.
Der privaten Luftbrücke standen keine Airbus-Maschinen der Bundeswehr zur Verfügung, sie mussten auf zivile Chartermaschinen zurückgreifen. Bildrechte: dpa

MDR SACHSEN-ANHALT: Die Luftbrücke Kabul, eine Initiative der Organisation Seebrücke und weiterer Gruppen, hat afghanische Zivilisten aus dem von den Taliban eroberten Land ausgeflogen. Unterstützt wurde sie dabei auch vom Flüchtlingsrat aus Sachsen-Anhalt. Wie genau sah die Unterstützung aus?

Helen Deffner, Sprecherin des Flüchtlingsrats: Wir haben die Seebrücke auf zwei Arten unterstützt. Zum einen haben wir wie viele andere Organisationen den Aufruf, Verantwortung zu übernehmen, mitunterzeichnet, um so mehr Druck auf die Politik auszuüben und klar zu machen, dass viele Menschen in Sachsen-Anhalt dahinterstehen, möglichst viele Menschen zu evakuieren.

Andererseits erreichen uns seit Wochen unzählige Anrufe von verzweifelten Angehörigen von afghanischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern, die noch vor Ort sind. Die Angehörigen sorgen sich sehr um ihre Familien und Freunde. Besonders schutzbedürftige Fälle sammeln wir und reichen sie unter anderem über die Seebrücke weiter, damit Listen für eine baldige Ausreise erstellt werden können.

Personen auf eben diesen Listen konnten mit den letzten privaten Chartermaschinen ausgeflogen werden. Zuletzt waren das 186 Menschen. Das hätten viel mehr sein können, doch es gab ein großes bürokratisches Hin- und Her mit dem Auswärtigen Amt. Und der erste Flieger der Seebrücke war gerade auf dem Weg, als es zum Anschlag auf den Flughafen kam. Da war es quasi schon zu spät.

Wie viele Anträge für diese Listen haben Sie bisher bearbeitet?

Die letzten zwei Wochen haben uns zum Teil 40 bis 50 Anrufe am Tag erreicht. Davon leiten wir schätzungsweise 20 am Tag an die Seebrücke weiter. Aber wir sind nur eine Organisation. Aus der ganzen Bundesrepublik arbeiten andere Organisationen genauso wie wir. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie lang die Liste mit Schutzbedürftigen ist.

Unser Problem im Moment ist, dass wir keine konstruktiven Lösungsmöglichkeiten anbieten können. Alle Gespräche in den letzten zwei Wochen waren frustrierend, weil die Leute verzweifelt sind und um Leben und Tod bangen.

Wie können Sachsen-Anhalter den Menschen in Afghanistan helfen?

Was auf jeden Fall Sinn ergibt ist, den politischen Druck zu erhöhen um der Regierung klar zu machen, dass mehr passieren muss. Dafür kann man die eigenen Landtags- und Bundestagsabgeordneten kontaktieren und klarstellen, was man von der Situation hält.

Wir haben außerdem letzte Woche eine Petition für ein Landesaufnahmeprogramm gestartet. Wenn aus allen Bundesländern so ein Impuls kommt, lässt sich hoffentlich etwas auf Bundesebene bewirken.

In zweiter Reihe – aber mindestens genauso wichtig: afghanischen Menschen, die hier leben und Familie und Freunde in Afghanistan haben, Unterstützung anbieten.

Wie geht es jetzt weiter?

Das ist die große Frage. Die US-Amerikaner sind in der Nacht zum Dienstag abgezogen, die Taliban haben die Kontrolle übernommen. Die Grenzen sind zu den meisten Ländern zu oder von den Taliban schwer bewacht. Ausreisemöglichkeiten existieren so gut wie nicht. Deshalb muss der politische Druck erhöht werden, Landesaufnahmeprogramme müssen eingerichtet werden und vor allem müssen Visa-Verfahren vereinfacht werden.

Im Moment ist eine der Bedingungen für ein Visa ein A1 Deutschkurs vom Goethe-Institut. Das ist völliger Wahnsinn. Die deutsche Regierung muss da dringend Hürden senken und aus dem Weg schaffen und mit den Taliban verhandeln, dass noch möglichst viele Menschen gerettet werden können.

Für Menschen aus Afghanistan, die hier leben, die häufig in Asylverfahren wenige Chancen haben, ändert sich die Situation natürlich auch. Eine Rückreise ist eigentlich nicht mehr möglich. Auch im deutschen Asylverfahren muss das also Folgen haben, Menschen aus Afghanistan müssen einen anderen Schutz gewährt bekommen.

Quelle: MDR/Max Schörm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 31. August 2021 | 06:00 Uhr

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