Debatte neu aufgeflammt Finanzierung von Schulsozialarbeit: Wer zahlt in schwierigen Corona-Zeiten?

Das Problem ist altbekannt – und sorgt in schöner Regelmäßigkeit für Ärger. Jetzt wird in Sachsen-Anhalt erneut über die Finanzierung der Sozialarbeit an Schulen diskutiert. Der Paritätische will, dass das Land mehr Geld in die Hand nimmt. Das wiederum verweist auf den finanziellen Spielraum, den die Kommunen hätten. Leiden am Ende die Schülerinnen und Schüler?

Sozialarbeiterin diskutiert mit Schülerinnen einer achten Klasse
In Sachsen-Anhalt werden aktuell knapp 400 Sozialarbeiter-Stellen an Schulen mit EU-Geld finanziert. Wie viele können es künftig sein? Bildrechte: imago/Busse

In der Diskussion um die Finanzierung von Sozialarbeitern an Schulen hat der Paritätische in Sachsen-Anhalt das Land aufgefordert, Kosten auch weiter zu übernehmen. Der Verantwortliche für Kinder- und Jugendhilfe, Mirko Günther, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, wenn Sozialarbeiter fehlten, gebe es niemanden, der Schüler, Lehrer und Eltern unterstützen könnten. Dann fehle ein wichtiges Bindeglied zwischen Familien und Schule. Die Sozialarbeiter sind bei Trägern wie dem Paritätischen angestellt.

Hintergrund der Debatte ist, dass eine Förderung der Europäischen Union (EU) in diesem Jahr ausläuft. Sie hatte bislang dafür gesorgt, dass die Kosten auch ohne Beteiligung der Kommunen gedeckt waren: 80 Prozent hatte die EU zugeschossen, 20 Prozent das Land Sachsen-Anhalt.

Kommunen sollen ebenfalls zahlen

Wenn künftig nur noch 60 Prozent der Kosten von der EU gedeckt werden, will das Land auch die Kommunen als Schulträger in die Pflicht nehmen. Sie sollen, ebenso wie das Land, 20 Prozent der Kosten tragen. Dass das Land seinen Anteil weiter zahlt, hatte der Finanzausschuss des Landtags im Dezember beschlossen und bis 2027 gut 50 Millionen Euro freigegeben.

Hintergründe zum Thema hören Sie im Podcast "Der Tag in Sachsen-Anhalt" vom 19. Januar 2022.

Problem: Das eingeforderte Geld haben viele Kommunen nicht. Der Landkreis Stendal etwa hat nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT bereits jetzt so viele Schulden, dass er die anfallenden Kosten kaum tragen könnte, ohne an anderer Stelle Abstriche zu machen. Um wie viel Geld es geht, hatte im Dezember die Volksstimme aufgeschlüsselt: Allein auf die Stadt Magdeburg kommen mit dem Modell demnach 1,5 Millionen Euro an Mehrkosten hinzu (€), hatte Sozialbeigeordnete Simone Borris der Zeitung gesagt – für rund 59 Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.

Auf einem Schild steht Schulsozialarbeiterin.
Dass es eine gute Sozialarbeit an Schulen braucht, ist unstrittig in Sachsen-Anhalt. Die Frage ist nur, wer welchen Anteil daran zahlt. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Dass das Geld irgendwo herkommen muss, hatte in diesem Zuge auch der Landkreistag mitgeteilt. Dessen Vize-Chef Michael Struckmeier hatte darauf verwiesen, dass dann im Zweifel höhere Kreisumlagen fällig würden. Die werden von den Gemeinden gezahlt. Allerdings klagen wegen vieler leerer Kassen bereits jetzt Dutzende Gemeinde gegen diese Kreisumlagen.

Land: Pläne sind schon lange bekannt

Das Land selbst verwies darauf, dass die Pläne für eine Neustrukturierung der Kosten lange bekannt seien – und Schulsozialarbeit "ureigene Aufgabe" der Kommunen. Aus dem Bildungsministerium hieß es nun zu MDR SACHSEN-ANHALT, die Kreise hätten finanzielle Spielräume, etwa durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz oder das Finanzausgleichsgesetz.

380 Stellen in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt werden mit Geld der Europäischen Union bislang 380 Stellen von Schulsozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern finanziert. Ihre Aufgabe ist, vereinfacht gesagt, die Bewältigung von Problemen im Schulalltag. Dabei sind die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ansprechbar sowohl für Schülerinnen als auch für Lehrer. Langfristiges Ziel ist, die hohe Schulabbrecherquote in Sachsen-Anhalt zu senken. Die Sozialarbeit an den Schulen soll unter anderem dazu beitragen, soziale Benachteiligung auszugleichen und individuelle Hindernisse zu überwinden.

Ungeachtet der aktuellen Diskussion über die Finanzierung machen Experten auf die Folgen eines möglichen Finanzlochs aufmerksam. Die Schulsozialarbeiterin Anke Neumann – beschäftigt am Hildebrandt-Gymnasium in Stendal – sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Corona habe die Belastungen für viele Kinder und Jugendliche erhöht. "Es kommen Schüler von allein zu mir und sagen: Ich komme nicht mehr klar", sagte Neumann. Einige wiesen Essstörungen auf, andere verletzten sich selbst.

Der Paritätische in Sachsen-Anhalt, der einen Großteil der Sozialarbeiter-Stellen im Land trägt, sieht das ähnlich und geht indes vom Schlimmsten aus: dass Dutzende Stellen wegfallen könnten.

Mehr Meldungen zum Thema Schulsozialarbeit

Schulsozialpädagogin Constanze Berndt 2 min
Bildrechte: Constanze Berndt

MDR (Katharina Häckl, Luca Deutschländer)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 19. Januar 2022 | 17:00 Uhr

3 Kommentare

ralf meier vor 18 Wochen

Eins ist klar. Geld kann nur einmal ausgegeben werden und das soziale Engagement von uns Deutschen ist 'vielfältig' . So ist das nun mal im besten Deutschland das wir je hatten. Wie auch in anderen Bereichen gilt: Es wird geliefert wie bestellt:

jackblack vor 18 Wochen

Ich bin froh, dass ich die Schulzeit in der DDR absolvieren konnte !!!

hilflos vor 18 Wochen

Vielleicht sollte man die Kids nach Halberstadt schicken, in der ZaSt gibt es genug Geld und Personal

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Eine Collage aus einer geplatzten Discokugel, der Händel-Statue und einem Fahrrad, das über eine Tram-Schiene fährt 1 min
Bildrechte: MDR/dpa/imago/Steffen Schellhorn
1 min 27.05.2022 | 18:00 Uhr

Die drei wichtigsten Themen des Tages vom 27. Mai aus Sachsen-Anhalt erfahren Sie hier kurz und knapp in 60 Sekunden. Präsentiert von MDR-Redakteur Daniel Tautz.

MDR S-ANHALT Fr 27.05.2022 18:00Uhr 01:00 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-nachrichten-aktuellsiebenundzwanzigster-mai100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video