Bundesweiter Vergleich Sind die Spritpreise in Sachsen-Anhalt wirklich am höchsten?

Wo ist es besonders teuer oder billig, sein Auto zu betanken? Spritpreisvergleiche zwischen den Bundesländern sollen Orientierung schaffen. Im Januar lagen Sachsen-Anhalt und Thüringen auf den letzten Plätzen. Doch wie verlässlich sind derartige Statistiken? Eine Spurensuche.

Preistafel vor einer Tankstelle
Die Spritpreise sind derzeit besonders hoch. Aber sind sie in Sachsen-Anhalt tatsächlich am höchsten? Bildrechte: dpa

Am 18. Januar sendete der Verkehrsclub ADAC eine Pressemitteilung in die Welt. Überschrift: "Tanken in Deutschland: Höchstpreise in Sachsen-Anhalt und Thüringen". Die Spritpreise an 14.000 Tankstellen seien dafür ausgewertet worden – und die beiden mitteldeutschen Bundesländer schneiden tatsächlich besonders schlecht ab.

ADAC kann nur Vermutungen anstellen

Die Aussage des ADAC "Für die Autofahrer in Sachsen-Anhalt und Thüringen kommt Tanken derzeit besonders teuer" scheint zu stimmen: Bei Super E10 liegt Sachsen-Anhalt auf dem letzten und Thüringen auf den vorletzten Platz, beim Diesel ist es umgekehrt. Die Unterschiede zum billigen Hamburg sind nicht gravierend, betragen aber dennoch drei bis vier Cent.

Woran liegt das? Der ADAC weiß es jedenfalls nicht. Alexandra Kruse vom Landesverband Niedersachsen/Sachsen-Anhalt sagt MDR SACHSEN-ANHALT, man sei an diesem Punkt auf Vermutungen angewiesen. So könne es sein, dass die hohe Zahl der Pendler in Mitteldeutschland auch zu einer hohen Nachfrage nach Benzin und Diesel führe, was wiederum die Preise nach oben treiben könnte. Das sei aber nur eine These, die sich mit Daten nicht erhärten lasse.

Vielleicht haben die Mineralölkonzerne eine Ahnung. Karoline von der Taube, Pressesprecherin der EG Group als Betreiber der Esso-Tankstellen, lässt kurz und bündig wissen: "Wir geben grundsätzlich keine Stellungnahmen zu unserer Preispolitik oder Einschätzungen zu Kraftstoffpreisen im Allgemeinen ab."

"Leider keine Übersicht über regionale oder Bundesländer-Preise"

Tanja Sorgenfrei von Shell verweist auf den Dachverband en2X (bisher besser als MWV – Mineralölwirtschaftsverband bekannt). Der wiederum hat laut Sprecher Rainer Diederichs "leider keine Übersicht über regionale oder Bundesländer-Preise". Zum deutschen Tankstellenmarkt könne er immerhin sagen, dass "ein harter Preiswettbewerb bei hoher Transparenz" herrsche. Das Zusammenspiel dieser beiden Faktoren sorge "für unterschiedliche Preise an fast jeder Tankstelle und somit auch in einzelnen Regionen. Infolgedessen ist immer eine Region günstiger als eine andere."

Ähnlich argumentiert die Pressesprecherin von BP Deutschland, die die Aral-Tankstellen betreibt. Eva Kelm sagt, in den "regional unterschiedlichen Kraftstoffpreisen" spiegele sich der "harte Wettbewerb im deutschen Kraftstoffmarkt wider".

Nur minimale Unterschiede in Deutschland gefunden

Der Tankstellenmarkt in Deutschland setze sich aus einer Reihe unterschiedlicher lokaler Teilmärkte zusammen. In jedem dieser Teilmärkte finden sich laut Kelm "verschiedene Anbieter mit unterschiedlichen Preisen". Der günstigste Anbieter setze andere Tankstellenbetreiber mit seinen niedrigen Preisen unter Druck: "Wer in seinem lokalen Wettbewerb keine … konkurrenzfähigen Preise einstellt, verliert Kunden."

Rainer Diederichs von en2X sagt außerdem, ein kurzer Check bei einem Spritpreis-Vergleich habe nur minimale Unterschiede in Deutschland ergeben: "Zwischen den Preisen in den verschiedenen Bundesländern liegen meist nur wenige Cent je Liter."

Spritpreisvergleich kann Aussage des ADAC nicht bestätigen

Steffen Bock, Gründer und Geschäftsführer des Spritpreisvergleichs Clever Tanken, meint dann auch: "Beim Blick auf unsere Städtestatistiken können wir nicht erkennen, dass die Kraftstoffpreise in Sachsen-Anhalt und Thüringen am höchsten sind.“

Regionale Differenzen haben nach Angaben von Bock viele unterschiedliche Ursachen: "Zum Beispiel beeinflusst das Verhältnis von Marken- und freien Tankstellen in einer Stadt den statistischen Durchschnittspreis." Je nachdem, wie hoch die "Quote der Markentankstellen" sei, würden sich diese und ihre "preisaggressiven Wettbewerber" gegenseitig bei den Kosten für Benzin und Diesel beeinflussen.

Freie Anbieter und Markentankstellen in Konkurrenz

Bock weiter: "Viele freie Tankstellen haben am späten Abend nicht mehr geöffnet. Damit können die Pächter von Markentankstellen ihre Preiserhöhungen leichter durchsetzen. Denn die Konkurrenz wacht schließlich erst am Morgen wieder auf. Auf der anderen Seite lassen manche freien Tankstellen günstige Preise auch am Abend bis zur Schließung noch stehen und erhöhen dann erst am kommenden Morgen."

Hat der ADAC also Unrecht? Am 18. Januar um 11 Uhr nicht – vorher und danach aber schon. Schon Rainer Diederichs von en2X hatte darauf hingewiesen, dass der ADAC seinen Vergleich zwar in der Überschrift einer beigefügten Grafik "Kraftstoffpreise: Bundesländer im Vergleich/Januar 2022" betitelt, im Kleingedruckten aber schreibt, es handele sich um eine "Momentaufnahme".

Das zeigt sich auch an den Auswertungen des ADAC aus dem Jahr 2021. Im Dezember – genauer: am 14. Dezember um 11 Uhr und damit nur gut einen Monat vor der aktuellen Statistik – waren die Dieselpreise in Sachsen-Anhalt im Bundesvergleich eher niedrig. Im Juli 2021 wiederum lag Thüringen im Mittelfeld beim Benzin und hatte günstigen Diesel zu bieten.

Spritpreisvergleiche als Momentaufnahmen wenig sinnvoll

Kurz: Auswertungen wie die vom ADAC haben eine höchst begrenzte Aussagekraft. Sie präsentieren nur einen kleinen Ausschnitt aus einem hochkomplexen Geschehen. Die Preise für Kraftstoffe sind volatil, also großen Schwankungen unterworfen, die wiederum von vielen Faktoren beeinflusst werden. Hinzu kommt, dass die Unterschiede teilweise so minimal sind, dass ein Ranking wenig Sinn ergibt.

Manchmal sind die Kraftstoffpreise in Sachsen-Anhalt und Thüringen im Bundesvergleich eben besonders hoch – und manchmal nicht. Davon unbenommen ist, dass die Kosten von Benzin und Diesel sich derzeit ingesamt auf einem Höhenflug befinden.

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MDR (Gero Hirschelmann)

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP Feierabendshow | 11. Januar 2022 | 18:10 Uhr

7 Kommentare

ElBuffo vor 15 Wochen

Die Oma hat doch einen kleinen Garten und Hühner. Außerdem spart sie doch ein Haufen Knete, wenn sie nicht jeden Tag sinnlos mit dem Auto rumfährt. Zeit hat sie auch, sich dem ÖPNV anzupassen. Man sollte solche Einzelfälle also nicht dramatisieren.

hilflos vor 15 Wochen

@vielfaltiger, die Vorstellung finde ich tollund kreativ. Aber wie kommt die Oma vom Dorf in die Kreisstadt, um die Tafel zu nutzen, wenn der ÖPNV so unterentwickelt ist

SusiB. vor 15 Wochen

Wenn man nicht Pendeln muss und noch auf dem Dorf wohnt kann man gut reden haben. Aber ist ja logisch das die Preise in Sachsen-Anhalt und Thüringen am teuersten sind , da gibt es ja auch die niedrigsten Löhne.

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