Kinder ahmen Netflix-Serie nach "Squid Game": Brutaler Trend erreicht Schulen in Sachsen-Anhalt

Elisa Sowieja-Stoffregen
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Erste Lehrer in Sachsen-Anhalt suchen Rat bei der Servicestelle Kinder- und Jugendschutz, weil sie einen besorgniserregenden Trend beobachten: Schüler ahmen die Netflix-Serie "Squid Game" nach. Ein Medienpädagoge und ein Kinderpsychiater erklären den Trend und geben Tipps für Eltern und Lehrer zum Umgang.

Menschen posieren in Kostümen aus der Serie Squid Game
Szenen aus der Serie "Squid Game" werden auch auf Schulhöfen in Sachsen-Anhalt nachgespielt. Bildrechte: dpa

Jörg Kratzsch, Medienpädagoge
Medienpädagoge Jörg Kratzsch gibt Tipps zum Umgang mit dem Trend. Bildrechte: Jörg Kratzsch

Gleich am ersten Tag nach den Herbstferien hatte Medienpädagoge Jörg Kratzsch eine besorgte Lehrerin am Telefon. Sie suchte Rat bei der Servicestelle Kinder- und Jugendschutz, weil sie an ihrer Sekundarschule im Harz ein brutales Spiel beobachtet hatte: Kinder ahmten die Erfolgsserie "Squid Game" nach. Dort treten Erwachsene in Kinderspielen gegeneinander an, um viel Geld zu gewinnen – mit dem Haken, dass die Verlierer getötet werden. Auf dem Schulhof hat das Verlieren auch harte Konsequenzen: Unterlegene Kinder werden zum Beispiel geohrfeigt.

Ich gehe davon aus, dass das an vielen Schulen auch in Sachsen-Anhalt passiert.

Jörg Kratzsch, Servicestelle Kinder- und Jugendschutz

Die Harzer Lehrerin war schon die zweite, die sich wegen des Spiels an die Beratungsstelle in Magdeburg gewandt hat. Zuvor hatte sich ein Lehrer aus einer Sekundarschule in Halle gemeldet. Über erste Fälle in Deutschland war vor rund einer Woche unter anderem aus Bayern und Schleswig-Holstein berichtet worden. Inzwischen beschäftigen sich bundesweit die Bildungsministerien mit dem Thema. "Ich gehe davon aus, dass das an vielen Schulen auch in Sachsen-Anhalt passiert", sagt Jörg Kratzsch. Dem Bildungsministerium Sachsen-Anhalt und dem Landeselternrat sind bisher keine entsprechenden Fälle bekannt. Das Ministerium hat nach eigenen Angaben aber bereits die Ansprechpartner für Schulen im Landesschulamt für das Thema sensibilisiert.

#MDRklärt Darum sollten Eltern und Lehrer die Serie "Squid Game" als Chance sehen

Die Netflix-Serie "Squid Game" ist ab 16 Jahren freigegeben und zur Zeit der Renner – auch bei Kindern. #MDRklärt zeigt, warum Eltern und Lehrerinnen und Lehrer die Serie nicht verteufeln sollten.

Darum sollten Eltern und Lehrer die Serie "Squid Game" als Chance sehen
Bildrechte: MDR/dpa
Darum sollten Eltern und Lehrer die Serie "Squid Game" als Chance sehen
Bildrechte: MDR/dpa
"Wenn Kinder Gewalt in einer Serie sehen, sind sie vom Geschehen emotional weit entfernt, weil sie keine Auswirkungen spüren und ihnen das nötige Abstraktionsvermögen fehlt. Diese Distanz nehmen sie mit in die Realität." Professor Hans-Henning Flechtner, Leiter der Magdeburger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Bildrechte: MDR/dpa
Für Eltern und Lehrer*innen heißt das:  Zu allererst: Die Serie sollte, wie andere nicht jugendfreie Medieninhalte, jüngeren Kindern nicht zugänglich sein. Wichtig ist, dass die Kinder verstehen, wieso die Serie erst ab 16 Jahren freigegeben ist und wieso diese Regelung konsequent umgesetzt wird.
Bildrechte: MDR/dpa
Dennoch sollte die Serie Schüler*innen gegenüber nicht verteufelt werden. Erwachsene sollten sich interessiert zeigen und fragen, weshalb die Serie so spannend für Kinder ist.
Bildrechte: MDR/pixabay
Denn Verbote können kontraproduktiv sein. Wenn Kinder die Serie unbedingt sehen möchten, finden sie eine heimliche Lösung. Besser wäre es, dass Eltern gemeinsam mit ihren Kindern schauen (und ggf. vorzeitig abbrechen), um die Handlung anschließend zu besprechen.
Bildrechte: MDR/imago images / Westend61
Bei Jugendlichen, die das Freigabe-Alter von 16 Jahren fast erreicht haben, kann es ebenfalls sinnvoll sein, die Serie gemeinsam zu schauen.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Erwachsene sollten ein Korrektiv sein und dann eingreifen, wenn Grenzen überschritten werden. Sie sollten die Kinder danach fragen, wie sie mit dem Thema in Kontakt gekommen sind.
Bildrechte: MDR/imago/photothek
Falls die Spiele auf dem Schulhof nachgespielt werden, sollten die Kinder ein faires Spiel ohne körperliche Gewalt oder Bestrafung daraus machen. Auch ein themenbezogener Elternabend kann helfen. Dort sollte ein Bewusstsein für das Problem geschaffen werden.
Bildrechte: MDR/imago/bonn-sequenz
Insgesamt bietet die Serie Anlass zum Auseinandersetzen mit gesellschaftlichen Ungleichheiten. Die Fragen nach Moral und Ethik können für spannende Diskussionen über Regeln menschlichen Zusammenlebens sein.
Bildrechte: MDR/imago/Westend61
Medienpädagoge Jörg Kratzsch warnt vor einer allgemeinen Hysterie bei Eltern und Pädagogen: "Nicht jedes Kind, das die Serie sieht, wird automatisch zum Gewalttäter." Psychiater Hans-Henning Flechtner zufolge besteht die Gefahr, dass jemand Aggressionen entwickelt, eher bei denjenigen, die auch im Alltag Frustration und Gewalt erleben.
Bildrechte: MDR/dpa
Texttafel: "Mehr Erklärgrafiken und -videos auf Instagram @mdrklaert"
MDR/Maximilian Fürstenberg

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir am 3. November 2021 | 06:30 Uhr
Bildrechte: MDR/Max Schörm
Alle (11) Bilder anzeigen

Der Trend verbreitet sich auch über Tik Tok

"Squid Game" ist die bisher erfolgreichste Serie der Streamingplattform Netflix. Weshalb die Produktion aus Südkorea besonders für Kinder und Jugendliche so spannend ist, erklärt Jörg Kratzsch so: "Der Reiz liegt in der bunten Darstellung, den Manga-Elementen und im Wettkampf-Charakter, den wir zum Beispiel auch aus den ‚Tributen von Panem' kennen." Zudem verbreite sich der Trend zusätzlich über soziale Medien, etwa durch passende Tanzvideos auf Tik Tok.

Kinder sprangen einem Grundschüler auf den Kopf

Inzwischen gibt es auch schon Berichte über Squid-Game-Spiele an Grundschulen. In Berlin zum Beispiel wurde ein Drittklässler verletzt, als ihm mehrere Kinder auf den Kopf sprangen.

Professor Doktor Hans-Henning Flechtner von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Otto von Guericke in Magdeburg
Kinderpsychiater Prof. Hans-Henning Flechtner sieht eine mögliche Gefahr für Schüler eher bei jenen, die auch im Alltag Aggression erleben. Bildrechte: dpa

Doch wie kommt es eigentlich, dass Kinder beim Nachahmen einer Serie offenbar ohne schlechtes Gewissen anderen Gewalt antun? Professor Hans-Henning Flechtner, Leiter der Magdeburger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erklärt: "Wenn Kinder Gewalt in einer Serie sehen, sind sie vom Geschehen emotional weit entfernt, weil sie keine Auswirkungen spüren und ihnen das nötige Abstraktionsvermögen fehlt. Diese Distanz nehmen sie mit in die Realität." Diesen Zusammenhang verdeutlicht er auch anhand eines Beispiels aus der Vergangenheit, der Kinderserie "Teletubbies". Als die Flauschfiguren damals regelmäßig in kleine Löcher hüpften, berichtet Flechtner, häuften sich Fälle, in denen Kinder in offene Gullys sprangen.

Magdeburger Kinderpsychiater sieht Gefahr für Schüler, die auch im Alltag Aggression erleben

Wie gefährlich solch eine Gewaltserie für ein Kind werden kann, lässt sich nicht pauschal sagen. Medienpädagoge Kratzsch warnt vor einer allgemeinen Hysterie bei Eltern und Pädagogen: "Nicht jedes Kind, das die Serie sieht, wird automatisch zum Gewalttäter." Psychiater Flechtner zufolge besteht die Gefahr, dass jemand Aggressionen entwickelt, eher bei denjenigen, die auch im Alltag Frustration und Gewalt erleben.

Wenn sie ihr Verhalten begreifen, kann es gut sein, dass sie sich plötzlich schämen.

Prof. Hans-Henning Flechtner, Kinderpsychiater

Umso weiter sich der Trend ausbreitet, desto mehr Eltern und Lehrer fragen sich, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie das brutale Spiel beobachten. Professor Flechtner rät, es ohne erhobenen Zeigefinger zu thematisieren. "Man sollte den Kindern helfen, die Reflexion ihres Verhaltens in Gang zu setzen. Wenn sie ihr Handeln begreifen, kann es gut sein, dass sie sich plötzlich schämen." Medienpädagoge Kratzsch findet es wichtig, sich interessiert zu zeigen, sodass sich die Kinder nicht vor einem offenen Gespräch sperren. Wenn möglich, sollten sich Eltern und Lehrer vorab auf speziellen Ratgeberseiten im Internet informieren.

Ratgeberseiten für Eltern und Lehrer

Informationen für Pädagogen zu "Squid Game" gibt es im Medien-Praxis-Blog.
Eltern finden Infos zum Thema auf der Seite der EU-Initiative Klicksafe.

Da Reden bekanntlich nicht immer hilft, verweist Jörg Kratzsch zusätzlich auf eine simple Methode. Den Zugang zu Serien wie "Squid Game" mit einer Altersfreigabe von 16 Jahren können Eltern auf Netflix mit einem Passwort sichern.

Quelle: MDR/Elisa Sowieja-Stoffregen

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 03. November 2021 | 06:30 Uhr

5 Kommentare

Gerd Mueller vor 28 Wochen

die Welt dreht sich weiter - schockte in den 1960 die langhaarigen war es in den 1970 die Mini + Superminimode, in den 1990 die neue Freiheit mit CSD, Loveparade, öffentlichen Orgien und BDSM sind es heute verhüllt squid-game-netflix trotz Corona und Klima

Altmagdeburger vor 28 Wochen

Wenn man nicht alles öffentlich machen würde, was Kinder und Jugendliche schaden könnte, brauchten man darüber nicht diskutieren. Man muss nicht alles in Deutschland nachahmen, was in der Welt gerade In ist.

Hans Sturm vor 28 Wochen

Die Frage ist doch, warum können die Kinder so etwas im TV gucken !?

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Eine Collage aus einem verpixelten Bild von IS-Rückkehrerin Leonora, diversen Geldscheinen und einer Zapfsäule. 1 min
Bildrechte: MDR/dpa
1 min 18.05.2022 | 18:01 Uhr

Die drei wichtigsten Themen vom 18. Mai aus Sachsen-Anhalt erfahren Sie hier kurz und knapp in nur 60 Sekunden. Präsentiert von MDR-Redakteurin Viktoria Schackow.

MDR S-ANHALT Mi 18.05.2022 18:00Uhr 00:53 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-nachrichten-aktuell-achtzehnter-mai-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video