Tag der Schiene Wie die Altmark neu in den Fahrplan kommt

MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Auch mehr als 30 Jahre nach dem Ende der deutsch-deutschen Teilung leidet die Altmark im Zug-Verkehr unter den Folgen. Ende 2023 tritt für den Norden ein grundlegend neuer Fahrplan in Kraft. Er verknüpft alte und neue Verbindungen – und kann im Detail doch nicht allen gerecht werden. Wie kompliziert das Fahrplan-Planen ist, zeigt ein Besuch beim Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt. Anlass ist der bundesweite "Tag der Schiene" 2022.

Ein Fahrplan von Salzwedel und Wittenberg über Stendal nach Magdeburg wird vor einen roten Regionalzug gehalten
Die schnellen RE-Züge zwischen Magdeburg und der Altmark fahren bald im Stundentakt. Bildrechte: MDR/André Plaul

"Man kann es nicht immer allen recht machen", sagt Christian Bohrt nüchtern, während er am PC durch eine Fahrplantabelle scrollt. Schwarz gefärbte Uhrzeiten wechseln sich mit blauen Zahlen ab, zwischendrin erscheinen Striche. Sie markieren Bahnhöfe, an denen künftig Regional-Express-Züge (RE) ohne Halt durchrauschen sollen. Bohrt ist sogenannter Angebotsplaner bei der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (NASA), hat aktuelle und künftige Fahrpläne in der Hand.

So auch eine der umfassendsten Änderungen für Sachsen-Anhalts Bahnverkehr, an der seit Jahren gefeilt wird: den neuen Fahrplan ab Dezember 2023 für die Züge zwischen Magdeburg und Stendal – inklusive der Verbindungen in Richtung Salzwedel und Seehausen. Das Konzept heißt so, wie sie auf der Landkarte aussieht, "Altmärker-Y". Für Christian Bohrt ist der neue Fahrplan ein Kompromiss.

Auf einem Bildschirm sind Uhrzeiten einer umfangreichen Fahrplantabelle zu lesen
Lücken im Fahrplan: Nicht alle Züge halten überall. Bildrechte: MDR/André Plaul

Man muss sich einfach entscheiden, das ist Alltag im Fahrplan. Idealerweise haben alle einen positiven Effekt davon. Aber es gelingt halt nicht immer.

Christian Bohrt, Angebotsplaner bei der NASA
Linienübersicht im Altmärker-Y ab Dezember 2023
Bildrechte: NASA GmbH

Das Altmärker-Y im Überblick Im Altmark-Regionalverkehr gibt es künftig nur noch zwei Zug-Typen: keine Regional-Bahn mehr, dafür S-Bahn und Regional-Express. Letzterer wird neu getaktet: Zwischen Uelzen und Magdeburg wird kein Umstieg mehr nötig, hier ist ein täglicher Stundentakt angekündigt. Das entspricht einer Verdopplung des bisherigen Angebotes. Neu ist die Station "Zielitz Ort" als Express-Halt. Von Montag bis Freitag bindet der Regional-Express auch Schönebeck mit an. Durch verschobene Fahrzeiten erreicht der RE einerseits in Stendal die neu geplanten Fernzüge nach Berlin besser, andererseits bildet er in Kombination mit der S-Bahn einen täglichen Halbstundentakt zwischen Stendal und Magdeburg.

Knifflige Verhandlungen beim Fahrplan-Planen

Zwei Männer kehren einem Schreibtisch mit Bildschirmen den Rücken zu
Christian Bohrt (links) und Tobias Jensch sind in Sachsen-Anhalt unter anderem für die Fahrpläne verantwortlich. Bildrechte: MDR/André Plaul

Fünf Varianten gab es ursprünglich vom "Altmärker-Y", jeweils mit anderen Schwerpunkten und Interessen. "Fahrplan ist eine Gemeinschaftsaufgabe", erklärt Bohrt. Viele Faktoren mussten abgewogen und unter einen Hut gebracht werden: Es geht um Finanzierung, lokale Interessen von Bürgermeistern und Fahrgästen, Anschlüsse zu Regional-, IC- und ICE-Zügen, um Verkehrsprognosen – und nicht zuletzt um die Kapazitäten auf den Schienen.

"Besonders knifflig sind bis heute die eingleisigen Abschnitte." Christian Bohrt, dreht sich vom Schreibtisch weg und zeigt auf eine große Sachsen-Anhalt-Karte, die hinter ihm an der Wand hängt. Sein Zeigefinger kreist über der West-Altmark. Dort verläuft die sogenannte "Amerikalinie". Zwischen Uelzen in Niedersachsen und Salzwedel ist die einst durch die deutsche Teilung gekappte Strecke bis heute nur eingleisig – und damit ein Nadelöhr für Personen- und Güterzüge.

Ein Sonderzug fährt 1996 in den Bahnhof von Salzwedel ein.
Die Wiederherstellung der Bahnstrecke Stendal-Salzwedel-Uelzen war das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nummer 3. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Die Amerikalinie Die Bahnstrecke führt von Berlin beziehungsweise Magdeburg über Stendal, Salzwedel und Uelzen nach Bremerhaven und zu anderen Nordseehäfen. Ihren Namen verdankt sie den Zügen voller Auswanderer, die bis zum 2. Weltkrieg aufgebrochen waren, um in Amerika – der "Neuen Welt" – ihr Glück zu finden. War die Trasse zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon zweigleisig ausgebaut, kam Mitte des Jahrhunderts der Niedergang: Erst wurden die Bahnhöfe Uelzen und Salzwedel kurz vor Kriegsende schwer beschädigt. Mit der deutschen Teilung wurde die Trasse zwischen beiden Städten schließlich gekappt, Gleise abgebaut. Erst nach der Wende wurde die Amerikalinie wieder durchgehend befahrbar. Heute ist sie Teil des sogenannten Ostkorridores zwischen der Nordsee und dem Alpenraum – und wird sukzessive ausgebaut.

Wichtige Ausbaustufe im Jahr 2023

Im Laufe des Jahres 2023 deutet sich eine erste Entspannung an: Die Deutsche Bahn will in Schnega, fünf Kilometer vor der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt, das Überholgleis auf 740 Meter verlängern. "Das kommt uns entgegen", freut sich Tobias Jensch, er ist der Abteilungsleiter bei der Angebotsplanung. Damit können Güterzüge künftig schon in Schnega den Personenverkehr kreuzen. Regionalzüge von Uelzen in Richtung Magdeburg müssen dann nicht mehr bis Salzwedel eilen, um Gegenverkehr durchzulassen. Das lässt mehr Umsteigezeit in Uelzen vom Verkehr aus Hamburg – statt heute 6 Minuten, künftig rund 20 Minuten. Jensch: "Jetzt sind alle Rahmenbedingungen da, das Projekt umzusetzen."

Mit dem Angebot können wir tatsächlich die Anbindung der Altmark verbessern. Wir verdoppeln teilweise die Verbindungszahlen.

Peter Panitz, NASA-Geschäftsführer

Die Bedeutung des Altmark-Verkehrs wächst

Aus Sicht der NASA ist das Projekt "Altmärker-Y" vor allem eine Stärkung des ländlichen Raums. "Für die strukturelle Anbindung der Altmark schaffen wir eine Verbesserung", so NASA-Geschäftsführer Peter Panitz. Gleichzeitig würden überregionale Verbindungen geschaffen, "und wir werden auch die Zuverlässigkeit des Systems verbessern".

Wie wichtig funktionierende Anschlüsse aus der Altmark in Richtung Hamburg und umgekehrt sind, konnte im Sommer dieses Jahres beobachtet werden: Etliche Reisende mit einem 9-Euro-Ticket nutzten den Bahnkorridor für Reisen und Ausflüge. Am Pfingstwochenende musste ein Regional-Express nach Uelzen in Stendal wegen Überfüllung geräumt werden.

Da die Bedeutung der Amerikalinie im Personen- und überregionalen Güterverkehr weiter wächst, geht auch ihre Entwicklung weiter. Die Deutsche Bahn plant den zweigleisigen Ausbau der Strecke sowie eine durchgehende Elektrifizierung auf niedersächsischer Seite. Bahnübergänge sollen durch Straßenbrücken ersetzt und insgesamt mehr Züge auf die Trasse geschickt werden. Um die Belastung für Anwohner gering zu halten, wird in Lärmschutz und neuartige Bahnschwellen investiert, die Erschütterungen besser schlucken sollen, so die Pläne.

Es bleiben Wünsche offen

Doch auch mit dem neuen "Altmärker-Y" ab Fahrplanwechsel Ende 2023 ist noch nicht alles erreicht, was wünschenswert wäre. "Uns sind die Mängel im System bewusst, bekennt Abteilungsleiter Jensch. Dabei geht es um den weiteren Anschluss der Altmark in Richtung Halle. Montag bis Freitag werden die RE-Züge wegen ihrer neuen Fahrzeiten in Magdeburg die InterCity-Züge gen Süden verpassen. "Da wird es Betroffene geben", gesteht auch NASA-Geschäftsführer Panitz ein. Fahrgastzählungen und -befragungen hätten aber zu dieser Entscheidung geführt.

Immerhin: Am Wochenende, wenn mehr Reisende als Pendler unterwegs sind, schaffen die Regio-Züge aus der Altmark laut Plan künftig den Fernzug-Anschluss in Magdeburg nach Halle. Das gelingt nur mit einem Kompromiss: Der Ort Tangerhütte wird aller zwei Stunden von den RE-Zügen ausgelassen. Der Fahrplan auf dem Bildschirm von Christian Bohrt zeigt an diesen Stellen blaue Striche. Vorerst, denn auch der untere Strang des "Altmärker-Y" wartet noch auf seinen Ausbau.

Veranstaltungen zum Tag der Schiene

Leere Gleise an einem Bahnhof
Auf und neben den Schienen in Sachsen-Anhalt finden Mitte September zum "Tag der Schiene" verschiedene Veranstaltungen statt. Bildrechte: IMAGO / Kirchner-Media

Freitag, 16. September
- Halle: ab 10 Uhr Zugbildungsanlage und Lok-Besichtigung, Am Güterbahnhof 33-34
- Magdeburg: Hauptbahnhof zum Anfassen
- Naumburg: Jubiläumsfest "130 Jahre Naumburger Straßenbahn"

Sonnabend, 17. September
- landesweit: zwischen 9 und 17 Uhr sind Zauberkünstler in den Zügen von Abellio unterwegs (zum Beispiel: ab 10:49 Uhr von Halle nach Aschersleben)
- Halle: ab 10 Uhr Zugbildungsanlage und Lok-Besichtigung, Am Güterbahnhof 33-34
- Lutherstadt Wittenberg: ab 10 Uhr Bahnaktionstag im Betriebswerk
- Magdeburg: ab 11 Uhr DB Cargo inklusive Lok-Besichtigung, Windmühlenstraße 70
- Magdeburg: ab 11 Uhr DB Netz inklusive Notfalltechnik, Maybachstraße 26
- Naumburg: Nahverkehrstag und Jubiläumsfest "130 Jahre Naumburger Straßenbahn"

Sonntag, 18. September
- Lutherstadt Wittenberg: ab 10 Uhr Bahnaktionstag im Betriebswerk
- Naumburg: Jubiläumsfest "130 Jahre Naumburger Straßenbahn"

MDR (André Plaul)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. September 2022 | 08:10 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team vor 12 Wochen

Wir haben nachgefragt: Mit dem RE nach Schönebeck wird Montag bis Freitag der bisher auch bestehende Halbstundentakt sichergestellt. Was die S1 nach Wittenberge am Wochenende angeht: Ein Stundentakt scheitert an finanziellen Mitteln. Der Anschluss in Wittenberge in Richtung Ostsee wird aber ermöglicht – den gibt es in Wittenberge ohnehin nur aller zwei Stunden.

tmmd vor 12 Wochen

Mich irritiert nur die Verlängerung des RE nach Salzelmen. Verspricht man sich da wirklich so viel Fahrgastzuwachs von? Auf jeden Fall wird es Zeit, daß die Amerikalinie komplett zweigleisig ausgebaut wird. Allerdings schade, daß die S1 am Wochenende nur im 2h-Takt zwischen Stendal und Wittenberge verkehrt. Gerade auch als Verbindung in Richtung Ostsee ist die S1 da doch nicht ganz unwichtig.

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